BwR Realschule Bayern · Klasse 10 · Lernbereich 3 (LehrplanPLUS)
Vollkostenrechnung: Kostenarten, Kostenstellen, Kostenträger
Die Vollkostenrechnung ist der größte Lernbereich deiner gesamten BwR-Zeit: 30 Unterrichtsstunden, und in den Abschlussprüfungen der letzten Jahrgänge war die Kosten- und Leistungsrechnung durchgehend der punktstärkste Themenblock. Hier lernst du, was ein Produkt wirklich kostet – vom Buchenholz bis zum fertigen Tisch. Auf dieser Seite baust du die komplette Rechnung Schritt für Schritt auf, genau in der Form, in der sie der Korrektor in der Prüfung sehen will.
Unser Betrieb auf dieser Seite: das Holzwerk Brandl e. K., eine Möbelmanufaktur in Rosenheim. Inhaberin ist Katharina Brandl, eingetragene Kauffrau. Der Betrieb stellt zwei Produkte her: den Massivholztisch „Chiemsee“ und das Regalsystem „Wendelstein“. Alle Zahlen dieser Seite gehören zu diesem Betrieb und passen zusammen – du kannst jede Rechnung nachvollziehen und gegenrechnen.
- Von der Buchführung zur Kostenrechnung
- Die Ergebnistabelle: von der GuV zum Betriebsergebnis
- Kostenarten: Einzel- und Gemeinkosten
- Kostenstellen: der Betriebsabrechnungsbogen (BAB)
- Kostenträgerzeitrechnung: was hat die Periode gekostet?
- Kostenträgerstückrechnung: was kostet ein Tisch?
- Vom Selbstkostenpreis zum Listenverkaufspreis
- So fragt die Abschlussprüfung
- Typische Fehler – und wie du die Punkte rettest
1. Von der Buchführung zur Kostenrechnung
Bisher hast du in der Buchführung Aufwendungen erfasst – alles, was den Erfolg des Unternehmens mindert. Die Kosten- und Leistungsrechnung (KLR) stellt eine andere Frage: Was verbraucht der Betrieb für die Herstellung seiner Produkte? Diese Werte heißen Kosten. Vieles ist beides zugleich: Buchenholz, Löhne und Miete sind Aufwand und Kosten. Zwei Posten fallen aber aus der Reihe – die kalkulatorischen Kosten:
| Kalkulatorische Kostenart | Gruppe | Warum? |
|---|---|---|
| Kalkulatorische Abschreibung | Anderskosten | Es gibt sie auch in der Buchführung (als Abschreibung), aber in der KLR wird sie anders berechnet – z. B. vom Wiederbeschaffungswert der Maschinen statt vom Anschaffungswert. |
| Kalkulatorischer Unternehmerlohn | Zusatzkosten | Katharina Brandl ist als e. K. Inhaberin und zahlt sich kein Gehalt – in der Buchführung taucht ihre Arbeit nirgends auf. Damit die Kalkulation ehrlich bleibt, setzt die KLR ihre Arbeitsleistung zusätzlich als Kosten an. |
Merke: Anderskosten = gibt es in der Buchführung, aber in anderer Höhe (kalkulatorische Abschreibung). Zusatzkosten = gibt es in der Buchführung gar nicht (kalkulatorischer Unternehmerlohn). Die Prüfung fragt diese Zuordnung regelmäßig ab – zuletzt als Suchauftrag im BAB: „Wähle eine Gemeinkostenart aus, die zu den Zusatzkosten zählt.“
2. Die Ergebnistabelle: von der GuV zum Betriebsergebnis
Bevor die eigentliche Kostenrechnung startet, brauchst du die Brücke zwischen den beiden Rechnungskreisen: Rechnungskreis I ist die Geschäftsbuchführung – sie sammelt in der GuV alle Aufwendungen und Erträge und liefert das Gesamtergebnis (Unternehmensergebnis) für Finanzamt und Bank. Rechnungskreis II ist die Betriebsbuchführung – sie will nur wissen, was der Betrieb leistet, und liefert das Betriebsergebnis. Den Übergang schafft die Abgrenzungsrechnung in der Ergebnistabelle: Du gehst die GuV-Konten Zeile für Zeile durch und sortierst jeden Betrag.
Dabei begegnen dir die Begriffstreppen aus dem Lehrplan: Aus einer Ausgabe wird ein Aufwand, wenn sie den Erfolg der Periode mindert – und aus dem Aufwand werden Kosten, wenn er den Betriebszweck betrifft (Möbel bauen und verkaufen). Genauso auf der anderen Seite: Einnahme → Ertrag → Leistung. Was nicht zum Betriebszweck gehört, ist neutral:
- Betriebsfremd: die vermietete Werkswohnung bringt Mieterträge – mit Möbelbau hat das nichts zu tun. Genauso die Spende an den Sportverein.
- Periodenfremd: die Gewerbesteuernachzahlung für das Vorjahr gehört nicht in dieses Quartal.
- Kalkulatorisch korrigiert: die bilanzielle Abschreibung fliegt raus, dafür kommen die kalkulatorische Abschreibung und der kalkulatorische Unternehmerlohn aus Abschnitt 1 als Kosten rein – der „Seitenwechsel“ der Anders- und Zusatzkosten.
So sieht die Ergebnistabelle des Holzwerks Brandl für das 2. Quartal aus (wische auf dem Handy nach rechts):
| Konten | Rechnungskreis I GuV |
Rechnungskreis II Abgrenzungsrechnung |
Rechnungskreis II Betriebsergebnisrechnung |
|||
|---|---|---|---|---|---|---|
| Aufwendungen | Erträge | neutrale Aufwendungen |
neutrale Erträge / verrechnete Kosten |
Kosten | Leistungen | |
| Umsatzerlöse für Fertigerzeugnisse | – | 500.000,00 € | – | – | – | 500.000,00 € |
| Mieterträge (Werkswohnung) | – | 6.000,00 € | – | 6.000,00 € | – | – |
| Aufwendungen für Rohstoffe | 180.000,00 € | – | – | – | 180.000,00 € | – |
| Löhne und Gehälter | 160.000,00 € | – | – | – | 160.000,00 € | – |
| Mietaufwendungen | 24.000,00 € | – | – | – | 24.000,00 € | – |
| Abschreibungen auf Sachanlagen | 40.000,00 € | – | 40.000,00 € | – | – | – |
| Spende an den Sportverein | 4.000,00 € | – | 4.000,00 € | – | – | – |
| Gewerbesteuernachzahlung Vorjahr | 6.000,00 € | – | 6.000,00 € | – | – | – |
| Kalkulatorische Abschreibung | – | – | – | 45.000,00 € | 45.000,00 € | – |
| Kalkulatorischer Unternehmerlohn | – | – | – | 35.000,00 € | 35.000,00 € | – |
| Summen | 414.000,00 € | 506.000,00 € | 50.000,00 € | 86.000,00 € | 444.000,00 € | 500.000,00 € |
Jetzt rechnest du die drei Ergebnisse aus – jeweils rechte Seite minus linke Seite des Bereichs:
Ergebnisse aus der Ergebnistabelle
| Gesamtergebnis (506.000,00 − 414.000,00) | 92.000,00 € |
| Neutrales Ergebnis (86.000,00 − 50.000,00) | 36.000,00 € |
| Betriebsergebnis (500.000,00 − 444.000,00) | 56.000,00 € |
| Probe: Neutrales Ergebnis + Betriebsergebnis | 92.000,00 € |
Das Betriebsergebnis von 56.000,00 € zeigt Katharina Brandl, was ihr Kerngeschäft wirklich verdient – bereinigt um Werkswohnung, Spende, Nachzahlung und die kalkulatorischen Korrekturen. Das Gesamtergebnis von 92.000,00 € ist davon der offizielle Wert der Geschäftsbuchführung. In der Betriebsbuchführung laufen die beiden Bereiche über eigene Konten: die Abgrenzung über das Konto 9000 NAWE (Neutrale Aufwendungen und Erträge), Kosten und Leistungen über das Konto 9200 KL.
Merke: Die Abgrenzungsrechnung ist das Bindeglied zwischen Geschäftsbuchführung und Kosten- und Leistungsrechnung. Es gilt immer: Neutrales Ergebnis + Betriebsergebnis = Gesamtergebnis (Unternehmensergebnis) – mit dieser Probe kontrollierst du deine Tabelle in Sekunden. In den letzten vier Abschlussprüfungen kam die Ergebnistabelle nicht als eigene Aufgabe vor; sie ist aber Lehrplaninhalt dieses Lernbereichs und das Fundament, auf dem der BAB in den nächsten Abschnitten aufbaut.
3. Kostenarten: Einzel- und Gemeinkosten
Die erste Stufe der KLR sind die Kostenarten: Welche Kosten fallen an? Entscheidend ist, ob du einen Kostenbetrag einem einzelnen Produkt zuordnen kannst.
Einzelkosten kannst du einem Kostenträger (also einem Produkt) direkt zuordnen. Beim Holzwerk Brandl sind das:
- Fertigungsmaterial: das Buchenholz (Rohstoff) und die zugekauften Metallbeschläge (Fremdbauteile) – jedes Brett steckt in genau einem Tisch.
- Fertigungslöhne: der Schreiner arbeitet nachweisbar am Tisch „Chiemsee“ – seine Lohnkosten gehören zu diesem Tisch.
Gemeinkosten betreffen mehrere oder alle Kostenträger gleichzeitig – sie lassen sich nur indirekt zuordnen:
- Leim und Schrauben (Hilfsstoffe) und das Maschinenöl (Betriebsstoffe): Sie gehen zwar in die Produktion, aber niemand zählt Schrauben pro Tisch.
- Miete der Werkhalle, Gehälter der Verwaltung, kalkulatorische Abschreibung und Unternehmerlohn.
Merke: Einzelkosten können einem Kostenträger direkt zugeordnet werden. Gemeinkosten betreffen mehrere oder alle Kostenträger gleichzeitig – sie laufen deshalb über den Betriebsabrechnungsbogen. Diese Unterscheidung wurde in den Prüfungen 2023 und 2026 wortwörtlich als Erklärungsaufgabe verlangt.
4. Kostenstellen: der Betriebsabrechnungsbogen (BAB)
Die zweite Stufe fragt: Wo im Betrieb entstehen die Gemeinkosten? Eine Kostenstelle ist ein Ort der Kostenverursachung im Betrieb – beim Holzwerk Brandl sind das die vier klassischen Stellen Material (Lager), Fertigung (Werkhalle), Verwaltung (Büro) und Vertrieb (Verkauf). Der Betriebsabrechnungsbogen (BAB) verteilt jede Gemeinkostenart verursachungsgerecht auf diese Stellen – mehr dazu in der Kostenstellenrechnung.
Für die Verteilung braucht jede Zeile eine Verteilungsgrundlage: Belege (was wurde wo entnommen?), Fläche in Quadratmetern (Miete), der Wert der Sachanlagen (Abschreibung) oder festgelegte Prozentsätze. Manche Gemeinkosten lassen sich sogar direkt zuordnen, z. B. mithilfe von Belegen – sie bleiben trotzdem Gemeinkosten, weil sie sich nur auf Kostenstellen, nicht auf einzelne Produkte beziehen.
So sieht der BAB des Holzwerks Brandl für das 1. Quartal aus (wische auf dem Handy nach rechts, um alle Spalten zu sehen):
| Gemeinkostenarten | Zahlen der KLR | Verteilungsgrundlage | I Material |
II Fertigung |
III Verwaltung |
IV Vertrieb |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Hilfs- und Betriebsstoffe | 36.000,00 € | Belege | 4.000,00 € | 32.000,00 € | – | – |
| Mietaufwendungen | 24.000,00 € | Fläche | 2.000,00 € | 16.000,00 € | 4.000,00 € | 2.000,00 € |
| Gehälter | 105.000,00 € | Prozentsätze | 5.000,00 € | 60.000,00 € | 24.000,00 € | 16.000,00 € |
| Kalkulatorische Abschreibung | 60.000,00 € | Wert Sachanlagen | 6.000,00 € | 48.000,00 € | 3.000,00 € | 3.000,00 € |
| Kalkulatorischer Unternehmerlohn | 35.000,00 € | Prozentsätze | 3.000,00 € | 24.000,00 € | 5.000,00 € | 3.000,00 € |
| Summe der Gemeinkosten | 260.000,00 € | 20.000,00 € | 180.000,00 € | 36.000,00 € | 24.000,00 € | |
| Zuschlagsgrundlage | 250.000,00 € Fertigungsmaterial |
120.000,00 € Fertigungslöhne |
600.000,00 € HK des Umsatzes |
600.000,00 € HK des Umsatzes |
||
| Zuschlagssatz | 8 % | 150 % | 6 % | 4 % |
Aus den Spaltensummen entstehen die Zuschlagssätze – die Prozentsätze, mit denen die Gemeinkosten später auf die Produkte verrechnet werden. Der Rechenweg ist immer derselbe Bruch:
| Materialgemeinkostenzuschlagssatz in Prozent: | 20.000,00 · 100250.000,00 | = 8 |
| Fertigungsgemeinkostenzuschlagssatz in Prozent: | 180.000,00 · 100120.000,00 | = 150 |
| Verwaltungsgemeinkostenzuschlagssatz in Prozent: | 36.000,00 · 100600.000,00 | = 6 |
| Vertriebsgemeinkostenzuschlagssatz in Prozent: | 24.000,00 · 100600.000,00 | = 4 |
Merke: Zuschlagssatz = Gemeinkosten der Stelle mal 100, geteilt durch die Zuschlagsgrundlage. Zuschlagsgrundlage sind bei Material die Fertigungsmaterialkosten, bei Fertigung die Fertigungslöhne, bei Verwaltung und Vertrieb die Herstellkosten des Umsatzes. In der Prüfung musst du die Zuschlagsgrundlage oft selbst im BAB erkennen – die Fertigungslöhne stehen dort unscheinbar in der Zeile „Zuschlagsgrundlage“.
5. Kostenträgerzeitrechnung: was hat die Periode gekostet?
Die dritte Stufe rechnet die Kosten den Kostenträgern zu – zunächst für eine ganze Periode (Quartal). Das Schema heißt Kalkulation der Selbstkosten des Umsatzes und wird streng von oben nach unten gerechnet. Beim Holzwerk Brandl gab es im 1. Quartal bei den unfertigen Erzeugnissen (Halbfabrikaten) eine Bestandsmehrung von 6.000,00 € und bei den fertigen Erzeugnissen eine Bestandsminderung von 36.000,00 €.
Kostenträgerzeitrechnung Holzwerk Brandl, 1. Quartal
| Fertigungsmaterial | 250.000,00 € |
| + Materialgemeinkosten | 20.000,00 € |
| Materialkosten | 270.000,00 € |
| Fertigungslöhne | 120.000,00 € |
| + Fertigungsgemeinkosten | 180.000,00 € |
| Fertigungskosten | 300.000,00 € |
| Herstellkosten der Erzeugung | 570.000,00 € |
| − Bestandsmehrung unfertige Erzeugnisse | 6.000,00 € |
| + Bestandsminderung fertige Erzeugnisse | 36.000,00 € |
| Herstellkosten des Umsatzes | 600.000,00 € |
| + Verwaltungsgemeinkosten | 36.000,00 € |
| + Vertriebsgemeinkosten | 24.000,00 € |
| Selbstkosten des Umsatzes (Gesamtkosten) | 660.000,00 € |
Warum Mehrbestand minus und Minderbestand plus? Die Herstellkosten des Umsatzes sollen nur das erfassen, was in dieser Periode verkauft wurde. Was zusätzlich aufs Lager gewandert ist (Mehrbestand), wurde produziert, aber nicht verkauft – es fliegt raus. Was vom Lager verkauft wurde (Minderbestand), wurde früher produziert, aber jetzt verkauft – es kommt dazu.
Zwei Prüfungsvarianten, gleiche Logik: Manchmal gibt die Angabe Verwaltungs- und Vertriebsgemeinkosten als Beträge aus dem BAB vor (dann addierst du sie, wie oben – aber immer getrennt ausweisen). Manchmal steht nur ein Zuschlagssatz da, zuletzt sogar ein gemeinsamer Verwaltungs- und Vertriebsgemeinkostenzuschlagssatz: Dann rechnest du ihn von den Herstellkosten des Umsatzes und brauchst die Prozentspalte (hier: 600.000,00 € ≙ 100 %, plus 10 % = 60.000,00 €, Selbstkosten 660.000,00 €). Fallen Lizenzgebühren für ein einzelnes Produkt an, gehören sie als Sondereinzelkosten der Fertigung mit in den Block Fertigungskosten.
6. Kostenträgerstückrechnung: was kostet ein Tisch?
Dieselbe Rechnung funktioniert für ein einzelnes Stück – die Zuschlagskalkulation (auch Musterkalkulation genannt). Jetzt kommen die Zuschlagssätze aus dem BAB zum Einsatz: Die Gemeinkosten werden dem Tisch prozentual „zugeschlagen“. Für einen Massivholztisch „Chiemsee“ fallen 250,00 € Fertigungsmaterial und 120,00 € Fertigungslöhne an.
Kostenträgerstückrechnung Massivholztisch „Chiemsee“
| Fertigungsmaterial | 250,00 € | 100 % |
| + Materialgemeinkosten | 20,00 € | 8 % |
| Materialkosten | 270,00 € | |
| Fertigungslöhne | 120,00 € | 100 % |
| + Fertigungsgemeinkosten | 180,00 € | 150 % |
| Fertigungskosten | 300,00 € | |
| Herstellkosten | 570,00 € | 100 % |
| + Verwaltungsgemeinkosten | 34,20 € | 6 % |
| + Vertriebsgemeinkosten | 22,80 € | 4 % |
| Selbstkosten | 627,00 € |
Beachte die Prozentspalte: Materialgemeinkosten rechnen vom Fertigungsmaterial (100 %), Fertigungsgemeinkosten von den Fertigungslöhnen (100 %), Verwaltungs- und Vertriebsgemeinkosten von den Herstellkosten (100 %). Im Stückschema heißt es nur „Herstellkosten“ und „Selbstkosten“ – ohne den Zusatz „der Erzeugung“ oder „des Umsatzes“, denn Bestandsveränderungen gibt es beim einzelnen Stück nicht.
Rückwärts gefragt: die Prüfungsvariante
Die Prüfung dreht das Schema gern um – zuletzt so: Die Herstellkosten dürfen höchstens 570,00 € betragen, die Fertigungslöhne liegen bei 120,00 €, der Fertigungsgemeinkostenzuschlagssatz bei 150 %, der Materialgemeinkostenzuschlagssatz bei 8 %. Wie teuer darf das Fertigungsmaterial sein? Jetzt brauchst du den vermehrten Grundwert: Die Materialkosten entsprechen 108 %, gesucht sind die 100 %.
Die Lösung schreibst du trotzdem im gewohnten Schema von oben nach unten auf – gerechnet wird nur in anderer Reihenfolge: erst die Fertigungskosten aus den Fertigungslöhnen (250 %), dann die Materialkosten als Rest (570,00 − 300,00 = 270,00), zuletzt das Fertigungsmaterial aus dem vermehrten Grundwert (270,00 : 108 · 100):
Rückwärtsrechnung zum Fertigungsmaterial (Schema wie in der Lösung 2026)
| Fertigungsmaterial | 250,00 € | 100 % |
| + Materialgemeinkosten | 20,00 € | 8 % |
| Materialkosten | 270,00 € | 108 % |
| Fertigungslöhne | 120,00 € | 100 % |
| + Fertigungsgemeinkosten | 180,00 € | 150 % |
| Fertigungskosten | 300,00 € | 250 % |
| Herstellkosten | 570,00 € |
Merke: Sobald du aus einem vermehrten oder verminderten Grundwert rechnest, ist die Prozentspalte Pflicht – sie zeigt dem Korrektor deinen Lösungsweg und bringt einen eigenen Punkt.
7. Vom Selbstkostenpreis zum Listenverkaufspreis
Die Selbstkosten sind erst die Untergrenze – jetzt will Katharina Brandl auch etwas verdienen. Die Verkaufskalkulation kennst du aus Klasse 8 (Lernbereich „Verkauf von Fertigerzeugnissen“) – hier die Auffrischung als Preiskalkulation, denn in der Abschlussprüfung hängt sie fast immer direkt an der Stückrechnung. Für ein Regalsystem „Wendelstein“ (Selbstkostenpreis 560,00 €) kalkuliert sie 40 % Gewinn, 2 % Kundenskonto und 20 % Kundenrabatt:
Vorwärtskalkulation Regalsystem „Wendelstein“
| Selbstkostenpreis | 560,00 € | 100 % | |
| + Gewinn | 224,00 € | 40 % | |
| Barverkaufspreis | 784,00 € | 98 % | |
| + Kundenskonto | 16,00 € | 2 % | |
| Zielverkaufspreis | 800,00 € | 100 % | 80 % |
| + Kundenrabatt | 200,00 € | 20 % | |
| Listenverkaufspreis | 1.000,00 € | 100 % |
Die Stolperstelle: Skonto und Rabatt werden vom verminderten Grundwert gerechnet. Der Barverkaufspreis ist nicht 100 %, sondern 98 % des Zielverkaufspreises – also 784,00 : 98 · 100 = 800,00. Genauso ist der Zielverkaufspreis 80 % des Listenverkaufspreises. Fragt die Prüfung nach dem Gewinn in Prozent, rechnest du ihn immer auf den Selbstkostenpreis:
| Gewinn in Prozent: | 224,00 · 100560,00 | = 40 |
Differenzkalkulation: Steht der Listenverkaufspreis schon fest (z. B. als Schwellenpreis wie 999,00 €) und ist der Gewinn gesucht, rechnest du von beiden Enden zur Mitte: von oben Selbstkostenpreis, von unten Listenverkaufspreis → Zielverkaufspreis → Barverkaufspreis; der Gewinn ist die Differenz. Das Schema bleibt dasselbe – mehr dazu unter Differenzkalkulation.
8. So fragt die Abschlussprüfung
Die Vollkostenrechnung war in jeder der letzten vier Abschlussprüfungen vertreten – mal als Pflichtaufgabe (Teil A), mal als Auswahlaufgabe (Teil B). Das sind die wiederkehrenden Aufgabentypen:
| Aufgabentyp | Was du können musst | Zuletzt gefragt |
|---|---|---|
| Begriffe | Einzel- und Gemeinkosten unterscheiden; Zusatzkosten im BAB erkennen (die Definition der Kostenstelle üben zusätzlich die ISB-Beispielprüfungen) | 2023, 2024, 2026 |
| BAB lesen | Verteilungsgrundlagen nennen; Zuschlagssatz als Bruch berechnen; Zuschlagsgrundlage im BAB erkennen | 2023, 2024 |
| Kostenträgerzeitrechnung | Selbstkosten des Umsatzes mit Bestandsveränderung – als 5- bis 6-Punkte-Schema | 2023, 2024, 2026 |
| Stückrechnung rückwärts | Aus Herstellkosten und Zuschlagssätzen das Fertigungsmaterial rückrechnen (vermehrter Grundwert) | 2025, 2026 |
| Verkaufskalkulation | Vorwärts zum Listenverkaufspreis; Gewinn in Euro und Prozent; Preisstrategien wie Skimming beurteilen | 2024, 2025 |
Die Punktevergabe folgt festen Regeln: Jeder Block des Schemas (Materialkosten, Fertigungskosten, Herstellkosten der Erzeugung, Herstellkosten des Umsatzes, Selbstkosten des Umsatzes) bringt einen Punkt, ein weiterer Punkt gilt den Fachbegriffen und der korrekten Darstellung des Schemas. Rechnest du in einem Block zweimal falsch, verlierst du trotzdem nur diesen einen Blockpunkt – und Folgefehler werden nicht doppelt bestraft. Deshalb lohnt es sich immer, das Schema vollständig hinzuschreiben, auch wenn du bei einer Zahl unsicher bist.
9. Typische Fehler – und wie du die Punkte rettest
- Herstellkosten der Erzeugung und des Umsatzes vertauscht. Erst kommt die Erzeugung, dann die Bestandsveränderung, dann der Umsatz. Merkhilfe: erst erzeugt, dann verkauft.
- Vorzeichen der Bestandsveränderung. Mehrbestand minus, Minderbestand plus. Wer mehr aufs Lager legt, hat weniger verkauft.
- Skonto und Rabatt vom falschen Grundwert. In der Vorwärtskalkulation sind Barverkaufspreis (98 %) und Zielverkaufspreis (80 % bei 20 % Rabatt) verminderte Grundwerte – nie einfach 2 % oder 20 % „oben drauf“ rechnen.
- Prozentspalte weggelassen. Bei vermehrtem oder vermindertem Grundwert ist sie Teil des Lösungswegs und bringt einen eigenen Punkt.
- Verwaltungs- und Vertriebsgemeinkosten zusammengefasst, obwohl die Angabe beide getrennt liefert – getrennt ausweisen.
- Nur das Endergebnis hingeschrieben. Eine nackte Zahl ohne Schema kostet den Schemapunkt, selbst wenn sie stimmt – die Lösungsschritte müssen nachvollziehbar sein.
Merke: Reihenfolge, Fachbegriffe, Prozentspalte: Das Schema ist nicht Deko, sondern bares Geld. Sechs Punkte für eine Kostenträgerzeitrechnung sind so viel wie zwei komplette Buchungssatz-Aufgaben.
Grundlagen nicht mehr sicher? Dann frische zuerst auf: Aufwand und Ertrag (Klasse 7), Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffe (Klasse 7), Skonto und Rabatt (Klasse 8) sowie die Abschreibung (Klasse 9). Und wenn du die Vollkostenrechnung sitzen hast, geht es weiter zur Teilkostenrechnung mit dem Deckungsbeitrag – dem zweiten großen KLR-Thema deiner Prüfung.
Weiterlernen: Das gehört zur Kostenrechnung:
- Teilkostenrechnung – Klasse 10
- Verkaufskalkulation – Klasse 8
- Abschreibung berechnen – Klasse 9
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