Zufallsgrößen und Wahrscheinlichkeitsverteilungen

Mathematik FOS/BOS 12 · Bayern · Stochastik (Nichttechnik)

Oft interessiert nicht das einzelne Ergebnis, sondern eine Zahl, die man ihm zuordnet: ein Gewinn, eine Anzahl, eine Punktzahl. Diese Zuordnung ist eine Zufallsgröße. Ihre Wahrscheinlichkeitsverteilung fassen wir mit zwei Kennzahlen zusammen: dem Erwartungswert (dem „mittleren Wert auf lange Sicht“) und der Standardabweichung (der Streuung darum).

Hilfsmittel-Hinweis (Bayern FOS/BOS): Aufstellen der Verteilung und die Formeln für \(E(X)\), \(Var(X)\), \(\sigma\) gehören in den hilfsmittelfreien Teil. Zahlenwerte (Wurzeln) berechnen Sie im Teil mit Hilfsmittel.

1  Zufallsgröße und Wahrscheinlichkeitsverteilung

Zufallsgröße. Eine Funktion \(X:\Omega\to\mathbb{R}\), die jedem Ergebnis eines Zufallsversuchs eine Zahl \(x\) (den Zufallswert) zuordnet.

Wahrscheinlichkeitsverteilung. Die Zuordnung jedem Zufallswert \(x\) seine Wahrscheinlichkeit \(P(X=x)\). Die Summe aller Wahrscheinlichkeiten ist stets \(1\).

Durchgehendes Beispiel. Ein Glücksrad-Spiel; die Zufallsgröße \(X\) ist der Reingewinn in Euro. Die Verteilung:

Zufallswert \(x\) \(-2\) \(0\) \(5\)
\(P(X=x)\) \(0{,}5\) \(0{,}3\) \(0{,}2\)

Kontrolle: \(0{,}5+0{,}3+0{,}2=1\). Grafisch als Stabdiagramm:

0,10,20,30,40,5xP(X=x)0,5-20,300,25E(X) = 0 (Schwerpunkt)
Wahrscheinlichkeitsverteilung des Spiels. Der rote Pfeil markiert den Erwartungswert als „Schwerpunkt“ der Verteilung.

2  Der Erwartungswert

Stufe 1-2 · hilfsmittelfreiDer mittlere Wert auf lange Sicht

Erwartungswert. \(\displaystyle E(X)=\mu=\sum_{i} x_i\cdot P(X=x_i)\).

Deutung: Wiederholt man das Spiel sehr oft, ist \(E(X)\) der durchschnittliche Gewinn pro Spiel. Ein Spiel heißt fair, wenn \(E(X)=0\).

Beispiel A. Erwartungswert des Spiels:

\(E(X)=(-2)\cdot 0{,}5+0\cdot 0{,}3+5\cdot 0{,}2\)
\(=-1+0+1=0\) also ein faires Spiel

Im Bild ist \(E(X)=0\) der Punkt, in dem die Verteilung „im Gleichgewicht“ ist (Schwerpunkt).

3  Varianz und Standardabweichung

Stufe 3 · AusbauWie stark streuen die Werte um \(E(X)\)?

Varianz und Standardabweichung.

\(\displaystyle Var(X)=\sum_i (x_i-\mu)^2\cdot P(X=x_i)\qquad \sigma=\sqrt{Var(X)}\)

Die Standardabweichung \(\sigma\) misst die Streuung um den Erwartungswert und hat dieselbe Einheit wie \(X\).

Beispiel B. Varianz und Standardabweichung des Spiels (\(\mu=0\)):

\(Var(X)=(-2-0)^2\cdot0{,}5+(0-0)^2\cdot0{,}3+(5-0)^2\cdot0{,}2\)
\(=4\cdot0{,}5+0+25\cdot0{,}2=2+5=7\)
\(\sigma=\sqrt{7}\approx 2{,}65\) mit Hilfsmittel

Am Taschenrechner: 7 =  →  2,6457…

4  Binomialverteilte Zufallsgrößen

Stufe 3-4 · PrüfungKurzformeln für \(E\) und \(\sigma\)

Zählt \(X\) die Treffer einer Bernoulli-Kette (also \(X\) ist binomialverteilt mit \(n\) und \(p\)), muss man nicht die ganze Verteilung aufsummieren – es gelten Kurzformeln:

\(E(X)=n\cdot p\qquad Var(X)=n\cdot p\cdot(1-p)\qquad \sigma=\sqrt{n\cdot p\cdot(1-p)}\)

Beispiel C. Restaurant: \(n=20\) Gäste, \(p=0{,}2\) bestellen vegetarisch. \(X\) = Anzahl vegetarischer Bestellungen.

\(E(X)=20\cdot 0{,}2=4\) im Schnitt 4 vegetarisch
\(Var(X)=20\cdot 0{,}2\cdot 0{,}8=3{,}2\)
\(\sigma=\sqrt{3{,}2}\approx 1{,}79\)

Am Taschenrechner: 3 , 2 =  →  1,7888…

0,050,100,150,200123456789101112E(X)=n·p=4E ± σ  (σ=√3,2≈1,79)k (Anzahl vegetarischer Bestellungen), n=20, p=0,2
Binomialverteilung \(B(20;0{,}2;k)\): Erwartungswert \(E(X)=4\) (rot) und Streubereich \(E\pm\sigma\) (gelb hinterlegt).

Deutung: Man erwartet rund \(4\) vegetarische Bestellungen; typische Schwankung etwa \(\pm 1{,}8\).

Typische Fehler in der Prüfung

✗ Falsch

Vergessen zu prüfen, ob die Wahrscheinlichkeiten sich zu \(1\) summieren.

✓ Richtig

Immer kontrollieren: \(\sum P(X=x_i)=1\) – sonst ist die Verteilung falsch.

✗ Falsch

\(E(X)\) als „wahrscheinlichsten Wert“ deuten.

✓ Richtig

\(E(X)\) ist der Mittelwert auf lange Sicht, nicht der häufigste Wert (und muss kein möglicher Wert sein).

✗ Falsch

\(\sigma\) und \(Var(X)\) verwechseln oder die Wurzel vergessen.

✓ Richtig

\(Var(X)\) ist der Mittelwert der quadratischen Abweichungen; \(\sigma=\sqrt{Var(X)}\) hat die Einheit von \(X\).

✗ Falsch

\(E=n\cdot p\) auf jede beliebige Zufallsgröße anwenden.

✓ Richtig

Die Kurzformeln \(E=np\), \(\sigma=\sqrt{np(1-p)}\) gelten nur für binomialverteilte Zufallsgrößen.

Auf einen Blick

  • Zufallsgröße \(X\): ordnet jedem Ergebnis eine Zahl zu; \(\sum P(X=x_i)=1\).
  • Erwartungswert: \(E(X)=\sum x_i P(X=x_i)\) – Mittelwert auf lange Sicht; fair \(\Leftrightarrow E=0\).
  • Streuung: \(Var(X)=\sum (x_i-\mu)^2 P(X=x_i)\), \(\sigma=\sqrt{Var(X)}\).
  • Binomial: \(E=np\), \(Var=np(1-p)\), \(\sigma=\sqrt{np(1-p)}\).

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Trainieren Sie Wahrscheinlichkeitsverteilungen, Erwartungswert, Varianz und Standardabweichung – auch für binomialverteilte Zufallsgrößen – für die FOS/BOS 12 Bayern.

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