Deutsch Wirtschaftsschule Bayern · Jahrgangsstufe 8 (vier- und dreistufige Wirtschaftsschule) · Schreiben (LehrplanPLUS)
Inhaltsangabe zu Kurz- und Kalendergeschichten
Eine Inhaltsangabe gibt den Inhalt einer Geschichte so wieder, dass jemand, der sie nicht kennt, das Wichtigste erfährt. Sie ist knapp, sachlich und folgt festen Regeln. Auf dieser Seite lernst du, wie du eine Inhaltsangabe zu einer Kurzgeschichte oder Kalendergeschichte aufbaust: mit einer Einleitung, die alle wichtigen Angaben enthält, einem Hauptteil, der die Handlung in der richtigen Reihenfolge wiedergibt, und einem kurzen Schluss. Als Beispiel dient die Kalendergeschichte „Kannitverstan“ von Johann Peter Hebel. Ihr Text ist gemeinfrei und in vielen Lesebüchern abgedruckt.
1. Kurzgeschichte und Kalendergeschichte
Beide Textsorten sind kurze Erzählungen mit wenigen Figuren und einer überschaubaren Handlung. Sie unterscheiden sich aber in Herkunft, Aufbau und Absicht.
| Merkmal | Kalendergeschichte | Kurzgeschichte |
|---|---|---|
| Herkunft | ursprünglich in Volkskalendern abgedruckt | Erzählform vor allem des 20. Jahrhunderts |
| Anfang | führt meist kurz in Ort und Figuren ein | beginnt oft unvermittelt |
| Ende | oft mit einer Lehre für die Leser | häufig offen |
| Absicht | unterhalten und belehren | zum Nachdenken anregen |
Kalendergeschichten wurden in Kalendern veröffentlicht, die in vielen Haushalten zu den wenigen Lesestoffen gehörten. Sie erzählen unterhaltsam und enthalten oft eine Lebensweisheit. Johann Peter Hebel ist einer der bekanntesten Verfasser solcher Geschichten.
Für die Inhaltsangabe ist die Textsorte wichtig. Du nennst sie in der Einleitung, und sie hilft dir, das Wesentliche zu erkennen. Bei einer Kalendergeschichte gehört die Lehre am Ende oft zum Kern.
2. Die Geschichte erschließen
Bevor du schreibst, liest du die Geschichte mindestens zweimal. Beim ersten Lesen verschaffst du dir einen Überblick. Beim zweiten Lesen achtest du auf Einzelheiten und markierst wichtige Stellen.
In „Kannitverstan“ kommt ein junger Handwerksbursche aus Tuttlingen nach Amsterdam. Er versteht leider kein Wort Niederländisch. Er bewundert ein prächtiges Haus und fragt, wem es gehöre. Die Antwort lautet „Kannitverstan“, was so viel heißt wie „Ich kann Euch nicht verstehen“. Der Bursche hält das für den Namen des Besitzers.
Das Missverständnis wiederholt sich. Im Hafen sieht er ein Schiff, aus dem kostbare Waren ausgeladen werden, und erhält auf seine Frage wieder dieselbe Antwort. Er hält Kannitverstan nun für einen außerordentlich reichen Mann und fühlt sich selbst arm. Später begegnet ihm ein langer Leichenzug. Auf seine Frage, wer gestorben sei, hört er erneut „Kannitverstan“. Der Bursche ist erschüttert: Der reiche Mann musste sterben wie jeder andere. Getröstet und mit seinem eigenen bescheidenen Leben versöhnt, geht er seiner Wege.
| Schritt | Ergebnis bei „Kannitverstan“ |
|---|---|
| Figuren | Handwerksbursche aus Tuttlingen, Einwohner Amsterdams |
| Ort und Zeit | Amsterdam, Zeit Hebels |
| Ausgangslage | Der Bursche staunt über den Reichtum der Stadt. |
| Wendepunkt | Er sieht einen Leichenzug und hält den Toten für Kannitverstan. |
| Ende | Er ist mit seinem bescheidenen Leben zufrieden. |
Gliedere die Geschichte anschließend in Handlungsschritte. Jeder Schritt fasst einen Abschnitt der Handlung zusammen. Bei „Kannitverstan“ sind es vier: das Haus, das Schiff mit den Waren, der Leichenzug und die Rückkehr des Burschen zu seinem Alltag.
3. Die Einleitung der Inhaltsangabe
Die Einleitung besteht aus einem oder zwei Sätzen. Sie nennt Textsorte, Titel, Autor und das Thema der Geschichte. Wenn bekannt, gehört auch die Zeit der Veröffentlichung dazu. Fehlt eine Angabe in deiner Textvorlage, lässt du sie weg, statt sie zu schätzen.
In der Kalendergeschichte „Kannitverstan“ von Johann Peter Hebel, die Anfang des 19. Jahrhunderts erschien, geht es um einen jungen Handwerksburschen, der in Amsterdam einem Missverständnis erliegt und dadurch lernt, mit seinem eigenen Leben zufrieden zu sein.
Das Thema formulierst du so, dass es die ganze Geschichte abdeckt. Es nennt nicht nur, was geschieht, sondern auch, worum es im Kern geht. Hier ist das der Gedanke, dass Reichtum vor dem Tod nicht schützt.
4. Der Hauptteil: Handlung knapp wiedergeben
Im Hauptteil gibst du die Handlung in der zeitlichen Reihenfolge wieder. Dabei gelten feste Regeln.
| Regel | Erklärung |
|---|---|
| Präsens | Die Inhaltsangabe steht im Präsens, Vorzeitiges im Perfekt. |
| eigene Worte | Du formulierst neu und schreibst nicht ab. |
| keine wörtliche Rede | Äußerungen gibst du in indirekter Rede wieder. |
| sachlicher Stil | Du verzichtest auf Spannung und Ausschmückung. |
| nur das Wesentliche | Nebensächliche Einzelheiten fallen weg. |
Ein junger Handwerksbursche aus Tuttlingen kommt nach Amsterdam. Er sieht ein prächtiges Haus und fragt einen Passanten, wem es gehöre. Dieser antwortet auf Niederländisch, er könne ihn nicht verstehen. Der Bursche hält das Wort „Kannitverstan“ für den Namen des Besitzers. Als er im Hafen ein Schiff voller wertvoller Waren sieht und erneut nachfragt, erhält er dieselbe Antwort. Er hält Kannitverstan nun für einen sehr reichen Mann und fühlt sich im Vergleich arm. Als er später einem Leichenzug begegnet und fragt, wer gestorben sei, hört er wieder „Kannitverstan“. Er glaubt, der reiche Mann sei gestorben, und ist erschüttert. Am Ende ist er mit seinem eigenen bescheidenen Leben zufrieden.
Erzählt die Geschichte nicht in der zeitlichen Reihenfolge, etwa durch einen Rückblick, ordnest du die Handlung in der Inhaltsangabe chronologisch. So kann der Leser den Ablauf leicht nachvollziehen.
5. Der Schluss und die Überarbeitung
Ein Schluss ist nicht immer verlangt. Wenn die Aufgabe es vorsieht, kannst du darin knapp die Lehre der Geschichte oder ihre Wirkung nennen. Bei „Kannitverstan“ liegt die Lehre darin, dass auch der reichste Mensch sterben muss und Zufriedenheit nicht vom Besitz abhängt.
Halte im Schluss Inhaltsangabe und Deutung deutlich auseinander, damit der Leser erkennt, wo deine eigene Auslegung beginnt. „Die Geschichte zeigt, dass …“ leitet eine Deutung ein. Sie gehört nicht in den Hauptteil.
Überarbeite deinen Text am Ende sorgfältig. Prüfe die Zeitform, ersetze wörtliche Rede durch indirekte Rede und streiche alles, was nicht zum Verständnis nötig ist. Vergleiche deine Inhaltsangabe noch einmal mit der Geschichte: Stimmt die Reihenfolge? Fehlt ein wichtiger Handlungsschritt?
Achte auch auf die Länge. Eine Inhaltsangabe ist deutlich kürzer als die Geschichte. Zu jedem Handlungsschritt genügen meist ein bis drei Sätze.
So brauchst du es im Beruf
Wer den Inhalt eines Textes knapp und sachlich wiedergeben kann, braucht diese Fähigkeit im Beruf ständig. Kollegen wollen wissen, was in einem langen Schreiben steht, ohne es selbst zu lesen. Selin fasst für ihre Ausbilderin den Ablauf einer Kundenbeschwerde zusammen.
Ein Kunde bestellt drei Kartons Druckerpapier. Bei der Lieferung fehlt ein Karton. Der Kunde ruft an und teilt mit, er habe nur zwei Kartons erhalten. Selin prüft den Lieferschein und stellt fest, dass beim Verpacken ein Fehler passiert ist. Sie veranlasst eine Nachlieferung.
| Regel | Stelle im Text |
|---|---|
| Präsens | „bestellt“, „fehlt“, „prüft“ |
| indirekte Rede | „er habe nur zwei Kartons erhalten“ |
| chronologisch | Bestellung, Lieferung, Anruf, Prüfung, Nachlieferung |
| sachlich | keine Bewertung des Fehlers |
Die Ausbilderin erfährt in fünf Sätzen den ganzen Ablauf und kann sofort entscheiden, ob weitere Schritte nötig sind. Genau das leistet eine gute Inhaltsangabe.
Typische Fehler – und wie du sie vermeidest
| Falsch | Richtig | Warum |
|---|---|---|
| Inhaltsangabe im Präteritum | durchgehend Präsens | Die Inhaltsangabe steht im Präsens. |
| wörtliche Rede übernommen | indirekte Rede verwenden | Wörtliche Rede gehört nicht in die Inhaltsangabe. |
| „Plötzlich geschieht etwas Schreckliches!“ | sachlich wiedergeben | Die Inhaltsangabe erzeugt keine Spannung. |
| Deutung im Hauptteil | Deutung, wenn verlangt, in den Schluss | Inhalt und Deutung trennen. |
| Rückblick in der Reihenfolge der Geschichte | Handlung chronologisch ordnen | Der Leser soll den Ablauf leicht verstehen. |
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