Deutsch Wirtschaftsschule Bayern · Jahrgangsstufe 7 (vierstufige Wirtschaftsschule) · Lesen – mit Texten und weiteren Medien umgehen (LehrplanPLUS)

Kurzgeschichte, Kalendergeschichte und Liedtext: Figuren und Handlung verstehen

Kurze literarische Texte sind schnell gelesen, aber nicht immer schnell verstanden. Eine Kurzgeschichte bricht oft genau dort ab, wo man gern weiterlesen würde. Eine Kalendergeschichte erzählt eine kleine Begebenheit und will dabei etwas lehren. Ein Liedtext wird gesungen und lebt von Wiederholungen. Auf dieser Seite lernst du die Merkmale dieser drei Textformen kennen und übst, Figuren, ihre Beziehungen und den Verlauf einer Handlung zu erfassen. Jeder Mustertext auf dieser Seite ist eigens für sie geschrieben.

1. Drei Textformen im Überblick

Alle drei Formen gehören zu den literarischen Texten. Sie sind erfunden oder frei gestaltet und wollen unterhalten, nachdenklich machen oder eine Stimmung erzeugen. Sie unterscheiden sich aber im Aufbau, in der Länge und in dem, was sie bei dir erreichen wollen. Bevor du einen Text genauer untersuchst, bestimmst du deshalb zuerst seine Form.

Textform Woran du sie erkennst Was sie erreichen will
Kurzgeschichte Einstieg ohne Einleitung, Alltagssituation, offenes Ende zum Weiterdenken anregen
Kalendergeschichte kurze, oft heitere Begebenheit, Lehre am Schluss unterhalten und belehren
Liedtext kurze Zeilen, Abschnitte, Refrain, zum Singen gedacht Gefühle und Stimmungen vermitteln
zur Erinnerung: Fabel, Märchen, Sage Tiere mit Lehre, Zauberwelt, wahrer Kern unterhalten und belehren

Die letzte Zeile nennt Textformen, die dir vielleicht schon begegnet sind. Mit der Fabel hat die Kalendergeschichte etwas gemeinsam: Am Ende steht eine Lehre. In der Kalendergeschichte handeln aber Menschen statt Tiere, und die Begebenheit könnte sich so oder ähnlich tatsächlich ereignet haben.

2. Die Kurzgeschichte: mitten hinein und offen hinaus

Eine Kurzgeschichte zeigt einen kleinen Ausschnitt aus dem Leben eines Menschen. Sie stellt weder die Figuren noch den Ort vor, sondern setzt mitten im Geschehen ein. Diesen Anfang nennt man unvermittelten Einstieg. Die Handlung umfasst meist nur eine kurze Zeitspanne, oft wenige Stunden. Es treten nur wenige Figuren auf, und die Sprache ist schlicht. Ein kleines Ereignis verändert die Lage oder die Sicht der Hauptfigur. Diese Stelle heißt Wendepunkt. Am Schluss bleibt vieles ungeklärt. Dieses offene Ende überlässt es dir, wie die Geschichte weitergehen könnte.

Mustertext, für diese Seite geschrieben:
Der Kaffee in Elifs Becher war längst kalt. Seit acht Uhr stand sie am Messestand der Übungsfirma ihrer Klasse, zwischen Kartons voller Brotdosen und einem Stapel Preislisten. Hunderte Menschen liefen vorbei. Niemand blieb stehen. Jonas tippte auf seinem Handy, ihre Lehrerin Frau Kern telefonierte in der Ecke. Elif ordnete die Preislisten zum dritten Mal. Kurz vor Messeschluss blieb ein älterer Herr stehen. Er betrachtete lange das große Schild über dem Stand, dann Elif. „Schöne Dosen“, sagte er. „Aber Ihr Schild hängt verkehrt herum.“ Dann ging er weiter. Elif sah nach oben. Jonas lachte. Elif lachte nicht. Sie holte die Leiter.

Der Text zeigt die typischen Merkmale. Er beginnt mit dem kalten Kaffee, ohne zu erklären, wer Elif ist. Die Handlung dauert einen einzigen Messetag. Der Wendepunkt ist die Bemerkung des älteren Herrn: Mit einem Mal wird klar, warum niemand stehen geblieben ist. Das Ende ist offen. Wir erfahren nicht, ob danach noch Kundschaft kommt.

Achte außerdem darauf, aus welcher Sicht erzählt wird. Diese Sicht nennt man Erzählperspektive. Der Mustertext steht in der Er-/Sie-Form: Es heißt „Elif sah nach oben“ und nicht „Ich sah nach oben“. Viele Kurzgeschichten wählen diese Form, andere die Ich-Form. In der Ich-Form erlebst du das Geschehen ganz aus dem Blickwinkel einer einzigen Figur und erfährst nur, was sie selbst wahrnimmt.

3. Die Kalendergeschichte: eine Begebenheit mit Lehre

Kalendergeschichten tragen ihren Namen, weil sie früher in Kalendern abgedruckt wurden. Solche Kalender lagen in vielen Haushalten. Sie enthielten neben den Tagen des Jahres auch Ratschläge und kurze Geschichten, die man abends vorlas. Eine Kalendergeschichte erzählt eine überschaubare, oft heitere Begebenheit aus dem Alltag einfacher Leute. Sie ist klar gegliedert, führt kurz in Ort und Figuren ein und schließt mit einer Lehre oder einem klugen Schlusssatz.

Mustertext, für diese Seite geschrieben:
In einer kleinen Stadt lebte ein Krämer, der jeden Morgen seine Münzen zweimal zählte, weil er niemandem traute. Eines Tages bat ihn ein Bauer, einen Sack Mehl bis zum nächsten Markttag anzuschreiben. Der Krämer schrieb die Schuld mit Kreide an seine Ladentür, damit er sie nicht vergesse. In der Nacht regnete es heftig. Am Morgen war die Tür blank, und der Krämer wusste nicht mehr, wer ihm etwas schuldete. Am Markttag kam der Bauer, legte das Geld auf den Tisch und sagte: „Ich habe es mir aufgeschrieben, auf Papier.“ Seitdem führte auch der Krämer ein Buch. Wer niemandem traut, sollte wenigstens seinen eigenen Notizen einen sicheren Platz geben.

Anders als die Kurzgeschichte stellt die Kalendergeschichte ihre Hauptfigur gleich im ersten Satz vor: einen misstrauischen Krämer in einer kleinen Stadt. Ort und Zeit bleiben allgemein. Die Handlung läuft Schritt für Schritt ab und ist am Ende abgeschlossen. Der letzte Satz fasst zusammen, was man aus der Begebenheit mitnehmen soll. Gerade dieser belehrende Schluss trennt die Kalendergeschichte von der Kurzgeschichte, die dich mit offenen Fragen zurücklässt. Heiter wirkt die Geschichte, weil ausgerechnet der Mann, der allen misstraut, am Ende auf die Ehrlichkeit eines Kunden angewiesen ist.

4. Der Liedtext: Abschnitte und Refrain

Ein Liedtext ist zum Singen gedacht. Deshalb besteht er aus kurzen Zeilen, die zu Abschnitten zusammengefasst sind. Ein Teil kehrt immer wieder: der Refrain. Er enthält oft die wichtigste Aussage und bleibt besonders leicht im Gedächtnis. Die übrigen Abschnitte führen eine kleine Geschichte weiter oder malen eine Stimmung aus.

Mustertext, für diese Seite geschrieben:
(erster Abschnitt)
Der Regen klopft, der Montag ist noch grau,
im vollen Bus wird mir die Laune flau.
Im Büro liegt Post auf meinem Tisch,
die Kollegin bringt zwei Becher, heiß und frisch.
(Refrain)
Wir packen es an, Stück für Stück,
und schauen am Abend froh zurück.
(zweiter Abschnitt)
Zur Mittagszeit fällt Sonne durch das Glas,
der Stapel schrumpft, die Arbeit macht fast Spaß.
(Refrain)
Wir packen es an, Stück für Stück,
und schauen am Abend froh zurück.

Der Liedtext erzählt in zwei Abschnitten von einem Arbeitstag, der trüb beginnt und freundlicher wird. Nach jedem Abschnitt steht derselbe Refrain. So entsteht ein fester Rahmen, an dem man sich beim Mitsingen orientiert. Die Stimmung wandelt sich vom grauen Morgen zum hellen Mittag. Untersuche bei Liedtexten deshalb nicht nur den Inhalt, sondern auch, wie sich die Stimmung von Abschnitt zu Abschnitt verschiebt.

5. Figuren, Beziehungen und Handlungsverlauf erschließen

Die Personen in literarischen Texten heißen Figuren. Die Hauptfigur steht im Mittelpunkt, Nebenfiguren unterstützen, stören oder beobachten sie. Um eine Figur zu verstehen, sammelst du ihre Merkmale: wie sie aussieht, was sie sagt, wie sie handelt und was sie empfindet. Viele Merkmale stehen nicht wörtlich im Text, du erschließt sie aus dem Verhalten. Dass Elif die Preislisten zum dritten Mal ordnet, verrät ihre Unruhe, obwohl das Wort an keiner Stelle fällt.

Wie die Figuren zueinander stehen, nennt man Personenkonstellation. Du kannst sie als Schaubild zeichnen: die Hauptfigur in der Mitte, die übrigen Figuren rundherum, verbunden durch Linien mit kurzen Stichwörtern. Für die Kurzgeschichte aus Abschnitt 2 sieht das als Tabelle so aus:

Figur Rolle Verhältnis zu Elif
Elif Hauptfigur steht im Mittelpunkt, übernimmt Verantwortung
Jonas Nebenfigur Mitschüler, nimmt die Lage nicht ernst
Frau Kern Nebenfigur Lehrerin, ist mit anderem beschäftigt
älterer Herr Nebenfigur Fremder, löst die Wende aus

Den Handlungsverlauf erfasst du, indem du die wichtigsten Schritte der Reihe nach festhältst: Ausgangslage, Problem, Wendepunkt, Ende. Bei Elifs Geschichte sind das ein Messetag ohne Kundschaft, ihre wachsende Unruhe, die Bemerkung über das Schild und schließlich der Griff zur Leiter. Notierst du diese vier Schritte untereinander, erkennst du sofort, an welcher Stelle sich die Lage dreht. Jede Aussage über eine Figur oder die Handlung braucht einen Beleg im Text, sonst bleibt sie eine bloße Vermutung.

Merke: Kurzgeschichte: mitten hinein, Wendepunkt, offenes Ende. Kalendergeschichte: abgeschlossene Begebenheit mit Lehre. Liedtext: Abschnitte und wiederkehrender Refrain. Bei allen drei fragst du: Wer handelt, wie hängen die Figuren zusammen, und was verändert sich?

So brauchst du es im Beruf

Im Onlineshop der Übungsfirma treffen täglich Kundenbewertungen ein. Manche bestehen aus einem Satz, andere erzählen eine kleine Geschichte. Wer im Kundendienst arbeitet, muss aus einer solchen Geschichte herauslesen, worum es eigentlich geht. Dabei helfen genau die Fragen nach Figuren und Handlungsverlauf, die du auf dieser Seite geübt hast.

Mustertext, für diese Seite geschrieben:
Am Samstag wollte ich meiner Tochter die Brotdose zum Schulstart schenken. Das Paket kam pünktlich, und die Freude war groß. Beim ersten Öffnen brach dann der Verschluss ab. Meine Tochter war enttäuscht, ich auch. Ich habe die Dose mit Klebeband geflickt, aber so kann sie nicht bleiben.
Teil der Handlung Stelle in der Bewertung Was der Kundendienst daraus erfährt
Ausgangslage Geschenk zum Schulstart wofür die Dose gedacht war
Figuren die bewertende Person und ihre Tochter wer betroffen ist
Wendepunkt Beim ersten Öffnen brach dann der Verschluss ab. Es liegt ein Mangel vor.
offenes Ende aber so kann sie nicht bleiben Ersatz wird erwartet, aber nicht ausdrücklich verlangt.

Wer den Wendepunkt einer solchen Bewertung findet, antwortet passend: nicht mit einem Dank für das Lob zur pünktlichen Lieferung, sondern mit einem Angebot für den defekten Verschluss.

Typische Fehler – und wie du sie vermeidest

Falsch Richtig Warum
Eine Kurzgeschichte ist einfach eine kurze Geschichte. Sie beginnt unvermittelt, hat einen Wendepunkt und endet offen. Die Länge allein ist kein Merkmal.
Die Kalendergeschichte erzählt von Tieren. Sie erzählt von Menschen und endet mit einer Lehre. Tiere mit Lehre gehören zur Fabel.
Der Refrain ist der erste Abschnitt. Der Refrain kehrt nach jedem Abschnitt wieder. Er ist der wiederholte Teil.
Elif ist nervös, das steht so im Text. Elif ordnet die Listen dreimal, daraus erschließt du ihre Unruhe. Viele Merkmale zeigen sich nur im Verhalten.
Das offene Ende ist ein Fehler des Textes. Das offene Ende ist gewollt. Es soll zum Weiterdenken anregen.

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