Deutsch Wirtschaftsschule Bayern · Jahrgangsstufe 6 (Vorklasse der vierstufigen Wirtschaftsschule) · Lesen – mit Texten und weiteren Medien umgehen (LehrplanPLUS)

Fabel, Märchen, Sage, Legende und Gedicht unterscheiden

Geschichten gibt es in vielen Formen. Manche erzählen von sprechenden Tieren, andere von Zauberern oder von Helden aus alter Zeit. Jede dieser Formen hat eigene Merkmale. Wer sie kennt, versteht schneller, was ein Text erzählen will. Auf dieser Seite lernst du fünf alte Textformen kennen. Zu jeder Form gibt es einen kurzen Mustertext. Alle Mustertexte wurden eigens für diese Seite geschrieben.

1. Literarische und pragmatische Texte

Zuerst ein wichtiger Unterschied. Literarische Texte sind ausgedacht. Sie erzählen Geschichten oder spielen mit Sprache. Dazu gehören Märchen, Fabeln und Gedichte. Pragmatische Texte informieren über die Wirklichkeit. Dazu gehören zum Beispiel ein Lexikonartikel oder eine Gebrauchsanweisung.

Auf dieser Seite geht es um literarische Texte. Sie wollen unterhalten, zum Nachdenken bringen oder eine Lehre vermitteln. Eine Lehre ist ein Rat für das eigene Leben.

Textform Wer kommt vor? Typisches Merkmal
Fabel Tiere, die wie Menschen handeln Am Ende steht eine Lehre.
Märchen Prinzessinnen, Hexen, Zauberwesen Zauber und ein gutes Ende
Sage Menschen an einem echten Ort wahrer Kern, viel dazuerfunden
Legende heilige oder fromme Menschen Wunder und Vorbild
Gedicht ein Sprecher oder eine Sprecherin kurze Zeilen und besonderer Klang

2. Die Fabel: Tiere mit einer Lehre

In einer Fabel handeln Tiere wie Menschen. Sie sprechen, streiten und tricksen. Jedes Tier steht für eine Eigenschaft. Der Fuchs ist oft schlau, der Esel oft dumm. Die Handlung ist kurz. Am Ende steht eine Lehre.

Mustertext, für diese Seite geschrieben:
Eine Elster saß auf einem Zaun und prahlte: „Mein Gefieder glänzt schöner als alles im Wald.“ Ein Sperling hörte zu und schwieg. Am Abend zog ein Sturm auf. Die Elster putzte noch immer ihre Federn. Der Sperling flog schnell in seine Hecke. Am Morgen saß die Elster nass und zerzaust auf dem Zaun. Der Sperling sagte: „Schöne Federn schützen nicht vor dem Regen.“
Lehre: Wer nur an sein Aussehen denkt, vergisst das Wichtige.

Die Elster steht für Eitelkeit. Eitelkeit bedeutet, sehr stolz auf das eigene Aussehen zu sein. Der Sperling steht für Klugheit. Die Lehre gilt auch für Menschen.

3. Das Märchen: Zauber und ein gutes Ende

Ein Märchen spielt in einer erfundenen Welt. Es gibt Zauberwesen, sprechende Gegenstände und magische Zahlen wie drei oder sieben. Ort und Zeit bleiben unklar. Viele Märchen beginnen mit „Es war einmal“. Die Guten werden belohnt, die Bösen bestraft. Am Ende ist meistens alles gut.

Mustertext, für diese Seite geschrieben:
Es war einmal ein armer Müllerssohn, der besaß nur einen alten Löffel. Eines Tages fand er am Bach eine kleine Kröte. Sie bat ihn um Hilfe, denn sie hatte sich im Schilf verfangen. Der Junge befreite sie. Da sprach die Kröte: „Drei Wünsche sollst du haben.“ Der Junge wünschte sich Brot für seine Mutter, Holz für den Winter und einen Freund. Seit diesem Tag war die Kröte sein Freund, und beide lebten glücklich.

Hier findest du typische Merkmale. Der Anfang lautet „Es war einmal“. Ein Tier spricht. Die Zahl drei kommt vor. Der gute Junge wird belohnt.

4. Sage und Legende: ein wahrer Kern

Eine Sage erzählt von einem echten Ort, zum Beispiel einem Berg, einer Burg oder einem See. Sie hat oft einen wahren Kern. Viel ist aber dazuerfunden. Sagen erklären manchmal, wie etwas entstanden sein soll. Ort und Zeit sind genauer als im Märchen.

Eine Legende erzählt vom Leben eines heiligen oder frommen Menschen. Oft geschieht ein Wunder. Die Hauptfigur soll ein Vorbild sein. Legenden wurden lange mündlich weitererzählt.

Mustertext, für diese Seite geschrieben:
Am Rand eines kleinen Dorfes liegt ein großer, runder Stein. Die Leute erzählen, ein Riese habe ihn einst ins Tal geworfen. Er wollte damit eine Mühle zerstören. Doch der Stein blieb vor der Mühle liegen. Noch heute sagt man, man könne die Abdrücke seiner Finger im Stein sehen.

Dieser Text ist eine Sage. Es gibt einen bestimmten Ort mit einem echten Stein. Die Geschichte vom Riesen erklärt, wie der Stein dorthin gekommen sein soll. Das ist erfunden, der Stein selbst ist aber da.

5. Das Gedicht: Zeilen mit Klang

Ein Gedicht sieht anders aus als eine Geschichte. Es besteht aus kurzen Zeilen. Oft sind die Zeilen zu Gruppen geordnet. Gedichte spielen mit dem Klang der Wörter. Manche Wörter klingen am Zeilenende ähnlich. Gedichte drücken oft Gefühle oder Stimmungen aus.

Mustertext, für diese Seite geschrieben:
Der Herbst bläst kalt durch jedes Tor,
die Blätter tanzen gelb davor.
Ich zieh die Mütze tief ins Haar
und freu mich, dass der Sommer war.

Dieses Gedicht beschreibt den Herbst. Es zeigt aber auch ein Gefühl: Der Sprecher freut sich über den vergangenen Sommer. Lies ein Gedicht deshalb laut. So hörst du den Klang besser.

6. So bestimmst du die Textform

Du hast einen unbekannten Text vor dir? Dann helfen dir vier Fragen. Stelle sie der Reihe nach.

Erste Frage: Wie sieht der Text aus? Besteht er aus kurzen Zeilen mit Klang, ist es wahrscheinlich ein Gedicht. Ist er fortlaufend geschrieben, erzählt er eine Geschichte.

Zweite Frage: Wer kommt vor? Handeln Tiere wie Menschen, denkst du an eine Fabel. Gibt es Zauberwesen, spricht viel für ein Märchen. Steht ein heiliger Mensch im Mittelpunkt, ist es vielleicht eine Legende.

Dritte Frage: Gibt es einen echten Ort? Dann prüfe, ob es sich um eine Sage handelt.

Vierte Frage: Wie endet der Text? Eine Lehre am Schluss passt zur Fabel. Ein glückliches Ende passt zum Märchen.

Oft passen mehrere Merkmale zusammen. Dann bist du dir bei deiner Antwort sicherer. Begründe deine Entscheidung immer mit einer Stelle aus dem Text. Zum Beispiel so: „Der Text ist eine Fabel, weil ein Fuchs und ein Rabe sprechen und am Ende eine Lehre steht.“

So brauchst du es im Beruf

Auch im Berufsleben begegnen dir erzählte Geschichten. Viele Firmen erzählen in Werbung oder auf ihrer Internetseite eine kleine Geschichte. Die Schülerfirma einer Klasse hat diesen Text für einen Flyer geschrieben:

Mustertext, für diese Seite geschrieben:
Es war einmal eine Klasse mit einer Idee. Sie wollte Brotdosen bemalen und verkaufen. Am Anfang klappte nichts. Dann half eine Großmutter mit Pinseln und Farben. Heute verkauft die Schülerfirma ihre Dosen auf jedem Schulfest.
Merkmal Stelle im Text Woran du es erkennst
Märchenanfang Es war einmal bekannte Formel
Schwierigkeit Am Anfang klappte nichts. wie im Märchen
Helferin eine Großmutter hilfreiche Figur
gutes Ende Heute verkauft die Schülerfirma ihre Dosen. Erfolg

Der Flyer nutzt Merkmale des Märchens. So bleibt er gut im Gedächtnis. Du weißt aber: Der Flyer will dich auch zum Kaufen bringen.

Typische Fehler – und wie du sie vermeidest

Falsch Richtig Warum
Eine Fabel ist ein Märchen mit Tieren. Eine Fabel hat am Ende eine Lehre. Die Lehre ist das wichtigste Merkmal.
Eine Sage ist komplett wahr. Eine Sage hat nur einen wahren Kern. Vieles ist dazuerfunden.
Jedes Märchen beginnt mit „Es war einmal“. Viele Märchen beginnen so. Es gibt auch andere Anfänge.
Ein Gedicht ist eine kurze Geschichte. Ein Gedicht besteht aus Zeilen mit Klang. Die Form ist anders.
Eine Legende ist ein Märchen. Eine Legende erzählt von einem heiligen Menschen. Sie will ein Vorbild zeigen.

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