BwR Realschule Bayern · Klasse 9 · Lernbereich 5 (LehrplanPLUS)

Zweifelhafte Forderungen buchen: Zahlungsverzug, Ausfall und Bewertung

Aus einer normalen Rechnung werden zweifelhafte Forderungen, wenn der Kunde nicht zahlt. Holzwerk Brandl hat geliefert, die Rechnung ist geschrieben – und das Geld kommt nicht. Das Möbelhaus Seebruck GmbH schuldet 11.900,00 € und meldet Insolvenz an. In diesem Lernbereich lernst du, was du bei Zahlungsverzug berechnen darfst, wie du einen Ausfall mit Umsatzsteuerkorrektur buchst und wie du am 31.12. Forderungen bewertest, die noch nicht ausgefallen sind, aber wackeln.

1. Einwandfrei, zweifelhaft, uneinbringlich

Jede Forderung befindet sich in einem von drei Zuständen. Der Zustand entscheidet, auf welchem Konto sie steht und was du buchst.

Drei Zustände einer Forderung einwandfrei Der Kunde zahlt 2400 FO zweifelhaft Es wird eng 2470 ZWFO uneinbringlich Das Geld ist weg 6950 ABFO Rechnung offen, keine Anzeichen Mahnungen erfolglos, Insolvenz eröffnet Ausfall steht fest (Schlussverzeichnis) Umsatzsteuer nur beim tatsächlichen Ausfall korrigieren Solange nur ein Verdacht besteht, bleibt die Umsatzsteuer unangetastet. Erst wenn das Geld endgültig ausfällt, holst du die Umsatzsteuer über 4800 UST zurück.

Der Weg führt immer nur in eine Richtung – und die Umsatzsteuer wird erst am Ende angefasst.

Merke: Der wichtigste Satz dieses Lernbereichs: Die Umsatzsteuer korrigierst du nur beim tatsächlichen Ausfall. Beim Umbuchen auf zweifelhafte Forderungen und bei der Wertberichtigung am 31.12. bleibt sie unberührt. Wer hier die Umsatzsteuer anfasst, verliert in der Prüfung sicher Punkte.

2. Zahlungsverzug: Mahngebühren und Verzugszinsen

Zahlt ein Kunde nicht rechtzeitig, gerät er in Zahlungsverzug. Ab dann darf Holzwerk Brandl Verzugszinsen und eine Mahngebühr berechnen. Der Verzugszinssatz richtet sich nach dem Basiszinssatz, den die Deutsche Bundesbank im Bundesanzeiger veröffentlicht. Bei Geschäften zwischen Unternehmen kommen 9 Prozentpunkte dazu.

Nebenrechnung Verzugszinssatz

Basiszinssatz laut Angabe -1,00 % + 9 Prozentpunkte 8,00 %

Nebenrechnung Verzugszinsen

11.900,00 € · 8 · 45 : (100 · 360) 119,00 €
Der Kunde zahlt nicht – was du berechnen darfst Zahlungsziel 45 Tage Verzug Fälligkeit Rechnung 11.900,00 € Zahlungseingang bleibt aus Verzugszinsen (8 %) 119,00 € Mahngebühr 10,00 € Beides zusammen 129,00 € – ohne Umsatzsteuer, es ist Schadenersatz.

45 Tage Verzug auf 11.900,00 € ergeben 119,00 € Zinsen.

Buchungssatz Belastung des Kunden

2400 FO 129,00 € an 5710 ZE 119,00 €
5430 ASBE 10,00 €

Auf Verzugszinsen und Mahngebühren fällt keine Umsatzsteuer an – sie sind Schadenersatz und keine Leistung. Die Forderung gegen den Kunden wird dagegen größer, deshalb steht 2400 FO im Soll.

3. Es wird eng: Umbuchung auf zweifelhafte Forderungen

Über das Möbelhaus wird das Insolvenzverfahren eröffnet. Damit ist die Forderung nicht mehr einwandfrei – sie wird zweifelhaft. Du buchst sie auf ein eigenes Konto um, damit in der Bilanz sichtbar ist, welche Forderungen wackeln. Der Betrag bleibt gleich, die Umsatzsteuer bleibt unberührt.

Buchungssatz Umbuchung

2470 ZWFO 11.900,00 € an 2400 FO 11.900,00 €

Zum Insolvenzverfahren solltest du die Grundzüge kennen: Ein Schuldner, der zahlungsunfähig ist, stellt einen Antrag beim Insolvenzgericht. Ein Insolvenzverwalter verwertet das noch vorhandene Vermögen und verteilt es nach einer Quote auf alle Gläubiger. Für Holzwerk Brandl heißt das: Ein Teil kommt zurück, der Rest ist verloren. Für die Mitarbeiter des Schuldners bedeutet es häufig den Verlust des Arbeitsplatzes.

4. Der Ausfall: direkte Abschreibung mit Umsatzsteuerkorrektur

Das Schlussverzeichnis kommt: Die Quote beträgt 25 %. Holzwerk Brandl bekommt also nur 2.975,00 € überwiesen, der Rest fällt endgültig aus. Jetzt – und erst jetzt – wird die Umsatzsteuer korrigiert.

Nebenrechnung Ausfall

zweifelhafte Forderung · 100 % 11.900,00 €
– Zahlungseingang · 25 % 2.975,00 €
= Ausfall brutto · 75 % 8.925,00 €
Nettoausfall: 8.925,00 € : 1,19 7.500,00 €
Wohin die 11.900,00 € verschwinden zweifelhafte Forderung 2470 ZWFO · 100 % Eingang 2.975,00 € Nettoausfall 6950 ABFO 7.500,00 € 4800 UST 1.425,00 € 25 % Quote zurück Der Ausfall wird brutto ermittelt und dann geteilt: 8.925,00 € : 1,19 Aufwand ist nur der Nettobetrag – die Umsatzsteuer bekommst du vom Finanzamt zurück. Gegenprobe: 2.975,00 € + 7.500,00 € + 1.425,00 € = 11.900,00 €

Die Bruttoforderung zerfällt in drei Teile – und die Summe muss wieder stimmen.

Buchungssatz Teilausfall

2800 BK 2.975,00 €
6950 ABFO 7.500,00 €
4800 UST 1.425,00 € an 2470 ZWFO 11.900,00 €

Merke: Aufwand ist nur der Nettobetrag. Die Umsatzsteuer hattest du beim Verkauf ans Finanzamt abgeführt – jetzt holst du sie über 4800 UST zurück. Das Konto steht im Soll, weil eine Verbindlichkeit gegenüber dem Finanzamt kleiner wird.

Und wenn doch noch Geld kommt?

Manchmal zahlt der Insolvenzverwalter später einen Restbetrag nach – hier 1.190,00 €. Die Forderung ist längst ausgebucht, du kannst sie also nicht mehr verringern. Der Eingang ist ein Ertrag, und die Umsatzsteuer wird wieder aufgebaut.

Nebenrechnung Nachzahlung

Eingang brutto 1.190,00 €
Netto: 1.190,00 € : 1,19 1.000,00 €
Umsatzsteuer 190,00 €

Buchungssatz Zahlungseingang auf abgeschriebene Forderung

2800 BK 1.190,00 € an 5495 EFO 1.000,00 €
4800 UST 190,00 €

5. Bewertung am 31.12.: EWB und PWB

Am Bilanzstichtag gibt es Forderungen, bei denen noch nichts endgültig feststeht. Trotzdem darfst du sie nicht in voller Höhe in die Bilanz schreiben, wenn ein Verlust droht. Deshalb wird indirekt abgeschrieben: Die Forderung bleibt stehen, daneben entsteht ein Korrekturposten.

Zwei Wege, einen Verlust zu erfassen direkte Abschreibung indirekte Abschreibung wann: während des Geschäftsjahres warum: der Ausfall steht fest die Forderung verschwindet Umsatzsteuer wird korrigiert 6950 ABFO und 4800 UST wann: zum Bilanzstichtag 31.12. warum: der Verlust droht nur die Forderung bleibt stehen Umsatzsteuer bleibt unberührt 3670 EWB und 3680 PWB Merksatz: Was sicher verloren ist, wird direkt abgeschrieben. Was nur wahrscheinlich verloren ist, wird berichtigt.

Direkt oder indirekt – die Frage ist immer, ob der Verlust feststeht oder nur droht.

Einzelwertberichtigung (EWB) auf zweifelhafte Forderungen

Die Tischlerei Wagner schuldet 23.800,00 € brutto. Holzwerk Brandl schätzt den Ausfall auf 80 %. Gerechnet wird vom Nettobetrag, weil die Umsatzsteuer nicht verloren geht.

Nebenrechnung EWB

Forderung brutto · 119 % 23.800,00 €
Netto: 23.800,00 € : 1,19 20.000,00 €
davon 80 % geschätzter Ausfall 16.000,00 €

Buchungssatz Einzelwertberichtigung

6950 ABFO 16.000,00 € an 3670 EWB 16.000,00 €

Pauschalwertberichtigung (PWB) auf einwandfreie Forderungen

Auch bei den einwandfreien Forderungen fällt erfahrungsgemäß ein kleiner Teil aus – man weiß nur nicht, welcher. Deshalb wird pauschal berichtigt: 1 % vom Nettobestand.

Vom Bruttobestand zur Pauschalwertberichtigung einwandfreie Forderungen brutto 357.000,00 € 119 % Umsatzsteuer 57.000,00 € 19 % Bestand netto 300.000,00 € 100 % davon 1 %: 3.000,00 € Buchung: 6950 ABFO an 3680 PWB Der Prozentsatz gilt immer vom Nettobestand – nie vom Bruttobetrag. Genau diese Treppe steht so in den amtlichen Lösungen von 2023 und 2024.

Erst die Umsatzsteuer heraus, dann der Prozentsatz – in dieser Reihenfolge.

Buchungssatz Pauschalwertberichtigung

6950 ABFO 3.000,00 € an 3680 PWB 3.000,00 €

Die zwei häufigsten Fehler: den Prozentsatz auf den Bruttobestand anwenden (dann ist alles zu hoch), und die zweifelhaften Forderungen im einwandfreien Bestand mitzählen. Zweifelhafte Forderungen werden einzeln bewertet, nie pauschal.

6. Factoring: das Risiko abgeben

Wer solche Ausfälle nicht selbst tragen will, kann seine Forderungen verkaufen. Beim Factoring übernimmt ein Institut die Forderung, zahlt sofort und trägt das Ausfallrisiko – gegen Gebühr.

Factoring: Forderung verkaufen statt warten Holzwerk Brandl hat die Forderung Factoring-Institut kauft sie Kunde zahlt später dorthin Forderung Geld sofort Vorteile sofort liquide, kein Warten Ausfallrisiko ist übertragen kein eigenes Mahnwesen nötig Nachteile Gebühren mindern den Erlös Kundenbeziehung kann leiden nicht jede Forderung wird gekauft

In der Prüfung wird meist eine begründete Bewertung verlangt, nicht nur eine Aufzählung.

Antwortmuster für die Prüfung: Nenne einen Vorteil, nenne einen Nachteil, und schließe mit einer Gesamtbewertung, die zu deiner Begründung passt. Beide Richtungen sind richtig, solange die Begründung trägt.

7. Was das Jahr gekostet hat

Nebenrechnung Gesamtwirkung

Nettoausfall Möbelhaus (direkt) 7.500,00 €
+ Einzelwertberichtigung Tischlerei 16.000,00 €
+ Pauschalwertberichtigung 3.000,00 €
= Aufwand auf 6950 ABFO 26.500,00 €

Dagegen stehen 1.129,00 € an Erträgen aus Verzugszinsen, Mahngebühr und Nachzahlung. Unter dem Strich kosten die Zahlungsausfälle Holzwerk Brandl 25.371,00 € Gewinn – bei einer einzigen Insolvenz eines Kunden. Genau deshalb prüfen Unternehmen die Bonität, bevor sie auf Rechnung liefern.

8. So prüft der Lehrplan das

Wozu brauchst du das? Weil unbezahlte Rechnungen jedes Unternehmen treffen – und du später vielleicht selbst mahnen musst oder gemahnt wirst. Hier lernst du, was ein Gläubiger verlangen darf und was ein Zahlungsausfall wirklich kostet. In der Abschlussprüfung ist dieser Lernbereich ein Dauergast in Teil B.

Der Lernbereich ist ein Dauergast in den Auswahlaufgaben von Teil B. Die Rechenwege oben sind exakt in der amtlichen Form aufgeschrieben:

Prüfung Aufgabe Was verlangt wurde
2023 Haupttermin Aufgabe 7 Verzugszinssatz aus dem Basiszinssatz ermitteln, Quelle des Basiszinssatzes nennen, Belastung des Kunden buchen, Teilausfall mit Quote 25 % und Umsatzsteuerkorrektur, Factoring nennen, Pauschalwertberichtigung 1 % vom Nettobestand
2024 Haupttermin Aufgabe 5.2.2 Pauschalwertberichtigung: Bestand brutto 119 % über die Umsatzsteuer auf netto 100 % herunterrechnen, davon 1,5 %, Buchung 6950 ABFO an 3680 PWB
2025 Haupttermin Aufgabe 6 Umbuchung auf zweifelhafte Forderungen, Factoring begründet bewerten, Ausfall mit Umsatzsteuerkorrektur, geschätzte Ausfallquote in Prozent berechnen, Buchung der Einzelwertberichtigung

Merke: Vier Dinge musst du sicher können: (1) Umsatzsteuer nur beim echten Ausfall anfassen, (2) Bruttoausfall durch 1,19 teilen, (3) EWB und PWB immer vom Nettobetrag, (4) die Zuordnung 6950 ABFO als Aufwand gegen 3670 EWB beziehungsweise 3680 PWB als Korrekturposten.

Damit ist Klasse 9 vollständig. Wenn du unsicher bist, wo die Umsatzsteuer herkommt, wiederhole Klasse 8. Und im Anschluss geht es in Klasse 10 weiter mit dem Jahresabschluss, in dem EWB und PWB in der Bilanz wieder auftauchen.

Weiterlernen: Vorher und nachher:

Alle Inhalte dieser Seite folgen dem offiziellen LehrplanPLUS Bayern.

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