Deutsch Mittelschule Bayern · Jahrgangsstufe 9 · nur Mittlere-Reife-Klasse · Schreiben (LehrplanPLUS)

Thesen formulieren und Argumente gewichten

Wer zu einem aktuellen Thema Stellung nehmen soll, weiß oft nicht sofort, was er eigentlich denkt. Das ist normal. Dafür gibt es das heuristische Schreiben: Du schreibst, um deine Meinung erst zu finden. Danach fasst du sie in einer These, sammelst Argumente und prüfst, welche davon wirklich tragen. Auf dieser Seite gehst du diesen Weg in vier Schritten. Die Beispiele stammen aus der Berufswelt: Praktikum, Werkstatt, Pflege und Berufsberatung.

1. Den eigenen Standpunkt mit heuristischem Schreiben klären

Heuristisch heißt: etwas herausfinden. Beim heuristischen Schreiben schreibst du nicht für andere, sondern für dich selbst. Der Text muss nicht ordentlich sein, und Rechtschreibung oder Satzbau spielen keine Rolle. Es geht nur darum, Gedanken sichtbar zu machen. Drei Verfahren helfen dir dabei:

Verfahren So geht es Das bringt es
Freewriting Du schreibst eine feste Zeit lang ohne Pause alles auf, was dir zum Thema einfällt, und setzt den Stift nicht ab. Du findest Gedanken, die du noch nicht ausgesprochen hast.
Cluster Du schreibst das Thema in die Mitte und hängst deine Einfälle wie Äste daran. Du siehst, welche Gedanken zusammengehören.
Pro-und-Kontra-Liste Du legst zwei Spalten an: Was spricht dafür, was dagegen? Du erkennst, auf welcher Seite die stärkeren Gründe stehen.

Das Freewriting eignet sich als Einstieg, wenn du noch keine Meinung hast. Danach liest du den Text und unterstreichst Sätze, die sich wiederholen oder die dich selbst überraschen. Aus diesen Sätzen entsteht dein Standpunkt, den du in einem einzigen Satz festhältst.

Ein Beispiel: Zur Frage, ob jede Schülerin und jeder Schüler ein Praktikum in der Pflege machen sollte, schreibst du fünf Minuten lang. Beim Durchlesen fällt dir auf, dass du dreimal geschrieben hast, wie wichtig es ist, einen Beruf selbst zu erleben. Dein Standpunkt lautet also: Ein Pflegepraktikum ist sinnvoll, weil man einen Beruf nur durch Erleben beurteilen kann.

Auch das Cluster und die Pro-und-Kontra-Liste führen zu einem Standpunkt. Beim Cluster achtest du darauf, welcher Ast am größten geworden ist. Bei der Liste zählst du nicht nur die Punkte, sondern prüfst, welche Seite die gewichtigeren Gründe hat. Wähle das Verfahren, das zu dir passt: Wer gern in Sätzen denkt, nimmt das Freewriting, wer lieber ordnet, das Cluster oder die Liste.

Probiere es aus: Wähle eine Streitfrage, etwa ob Auszubildende in der Werkstatt Musik hören dürfen sollten, und schreibe fünf Minuten lang, ohne den Stift abzusetzen. Unterstreiche danach den Satz, der dir am wichtigsten ist.

Merke: Heuristisches Schreiben ist Denken auf Papier. Der Text dient dir allein, und sein Ergebnis ist ein Standpunkt in einem Satz.

2. Eine These formulieren

Eine These ist eine Behauptung, die du aufstellst und danach begründest. Sie muss drei Dinge leisten. Sie ist eine Aussage und keine Frage. Sie ist strittig, das heißt, man kann auch das Gegenteil vertreten. Und sie ist begründbar, denn du kannst Argumente dafür nennen. Die Tabelle zeigt vier Sätze und was sie sind.

Satz Was ist es? Warum?
„Wie lange dauert ein Betriebspraktikum?“ Frage Eine Frage behauptet nichts.
„Ein Betriebspraktikum findet in einem Betrieb statt.“ Tatsache Sie ist nicht strittig, man kann sie nur bestätigen.
„Ich arbeite lieber in der Werkstatt als im Lager.“ persönliche Vorliebe Sie sagt nur, was du magst. Eine These fordert oder bewertet etwas.
„Jede Schule sollte einen Tag der Berufsberatung einrichten.“ These Sie fordert etwas, man kann widersprechen, und es gibt Gründe dafür.

Eine gute These ist genau. Sie sagt, wer oder was gemeint ist, und sie enthält eine Forderung oder eine Wertung, zum Beispiel mit den Wörtern sollte, ist sinnvoll oder ist besser als. Zu allgemein ist „Praktika sind gut“. Besser ist: „Jedes Betriebspraktikum sollte mit einem Gespräch zur Berufsberatung enden.“

Mache die Gegenprobe: Drehe die These um und frage dich, ob jemand ernsthaft das Gegenteil vertreten könnte. Wenn ja, ist sie strittig. Wenn nein, hast du vermutlich eine Tatsache formuliert, mit der sich kein Text füllen lässt.

3. Argumente aufbauen

Eine These braucht Argumente. Ein Argument besteht aus drei Teilen. Die Behauptung nennt den Grund. Die Begründung erklärt, warum der Grund stimmt. Das Beispiel oder der Beleg zeigt, woran man es sehen kann. Behauptung und Begründung kennst du aus früheren Jahrgangsstufen. Neu ist hier, dass du Argumente anschließend gegeneinander abwägst.

These: In der Werkstatt sollte das Handy nur in der Pause benutzt werden.
Behauptung: Das Handy lenkt von der Arbeit an der Maschine ab.
Begründung: Wer nicht auf die Maschine achtet, kann sich und andere verletzen.
Beispiel: Schaut jemand beim Bohren auf eine Nachricht, kann das Werkstück verrutschen.

Ein Beispiel muss konkret sein. Es nennt eine Person, einen Ort oder einen Vorgang, den man sich vorstellen kann. Allgemeine Sätze wie „Das kommt oft vor“ sind kein Beispiel, weil niemand sie nachprüfen kann.

Dazu kommt das Gegenargument, ein Grund, der gegen deine These spricht. Du nennst es selbst und sagst, warum es weniger wiegt. Wer das tut, wirkt glaubwürdig und zeigt, dass er beide Seiten bedacht hat. Zur obigen These lautet ein Gegenargument: Manche Auszubildende schlagen mit dem Handy Anleitungen nach.

4. Argumente gewichten

Nicht jedes Argument wiegt gleich viel. Gewichten heißt: Du prüfst, wie stark ein Argument deine These trägt, und ordnest die Argumente danach. Zuerst fragst du, ob das Argument überhaupt zur These passt. Passt es nicht, scheidet es aus. Danach prüfst du mit drei Fragen:

Kriterium Frage Stark gewichtet, wenn …
Tragweite Wen betrifft das Argument, und wie stark? viele Personen betroffen sind oder die Folgen schwer sind
Belegbarkeit Lässt es sich nachprüfen oder an einem Beispiel zeigen? ein überprüfbares Beispiel dafür vorliegt
Dauer Wirkt es nur kurz oder lange? die Wirkung lange anhält

Ein Beispiel: Die These lautet, dass jede Schülerin und jeder Schüler ein Praktikum in der Pflege machen sollte. Dafür liegen drei Argumente vor. Die Tabelle zeigt, wie sie geprüft werden.

Argument Prüfung Gewicht
„Man erlebt den Beruf selbst und kann besser entscheiden, ob er zu einem passt.“ passt zur These; betrifft jede Berufswahl; durch eigene Erfahrung belegbar; wirkt lange stark
„Man lernt neue Leute kennen.“ passt zur These; betrifft wenig; kaum nachprüfbar; wirkt nur kurz gering
„Die Aufenthaltsräume im Pflegeheim sind hell.“ passt nicht zur These scheidet aus

Auch das Gegenargument wird gewichtet. Es ist nicht schwächer, nur weil es von der anderen Seite kommt. Du prüfst es mit denselben drei Fragen. Wiegt es schwer, schränkst du deine These ein, etwa so: „Das Handy sollte in der Werkstatt nur an den Maschinen verboten sein, an denen gerade gearbeitet wird.“

Beim Ausformulieren zeigst du die Gewichtung mit festen Bausteinen. Sie machen für die Lesenden sichtbar, was für dich schwer und was leicht wiegt.

Baustein Beispiel
Am schwersten wiegt …, weil … „Am schwersten wiegt, dass man den Beruf selbst erlebt, weil jede Berufswahl davon abhängt.“
Weniger ins Gewicht fällt …, denn … „Weniger ins Gewicht fällt, dass man neue Leute kennenlernt, denn das geschieht auch im Alltag.“
Insgesamt überwiegt …, deshalb … „Insgesamt überwiegt der Nutzen für die Berufswahl, deshalb halte ich an meiner These fest.“

Am Ende steht dein Standpunkt: Du sagst, welches Argument überwiegt, und bleibst bei deiner These oder schränkst sie ein. Die Reihenfolge der Argumente darfst du selbst wählen. Viele stellen das gewichtigste Argument an den Schluss, damit sich der Text steigert. Wichtig ist, dass du deine Reihenfolge begründen kannst.

Merke: Gewichten heißt prüfen, nicht zählen. Ein einziges Argument mit großer Tragweite und gutem Beleg wiegt mehr als drei schwache.

So schreibst du es im Quali

Wer im Quali-Teil „Schreiben“ zu einer Streitfrage Stellung nimmt, braucht geordnete Argumente. In der Mittlere-Reife-Klasse schreibst du die Quali nur mit, wenn deine Erziehungsberechtigten das beantragen. Der folgende Musterabsatz zeigt ein Gerüst, mit dem du zu einer Streitfrage Stellung nehmen kannst.

Thema: Soll das Handy in der Werkstatt nur in der Pause erlaubt sein?

Meiner Meinung nach sollte das Handy in der Werkstatt nur in der Pause erlaubt sein. Am schwersten wiegt die Sicherheit: Wer während der Arbeit auf das Display schaut, achtet nicht auf die Maschine. Schaut jemand beim Bohren auf eine Nachricht, kann das Werkstück verrutschen, und das gefährdet alle im Raum an jedem Tag. Weniger ins Gewicht fällt, dass es in der Werkstatt ruhiger wird, denn das lässt sich auch durch andere Regeln erreichen. Man könnte einwenden, dass Auszubildende das Handy zum Nachschlagen von Anleitungen brauchen. Dieses Argument wiegt gering, weil der Betrieb Anleitungen auch als Ausdruck oder auf einem Tablet bereitstellen kann. Insgesamt überwiegt für mich die Sicherheit, deshalb halte ich an meiner These fest.

Bauteil Wo im Mustertext Woran man es erkennt
These Satz 1 eine Aussage mit sollte; man kann widersprechen
Stärkstes Argument mit Begründung Satz 2 Am schwersten wiegt …; nach dem Doppelpunkt steht die Begründung
Beispiel und Gewichtung Satz 3 ein Vorfall beim Bohren; betrifft alle im Raum und gilt an jedem Tag
Schwächeres Argument Satz 4 Weniger ins Gewicht fällt …, denn …
Gegenargument Satz 5 Man könnte einwenden, dass …
Antwort auf das Gegenargument Satz 6 wiegt gering, weil …
Standpunkt Satz 7 Insgesamt überwiegt …, deshalb …

In Teil D der Quali geht es um das Schreiben. Das Gerüst aus klarer These, gewichteten Argumenten und einem Standpunkt am Schluss hilft dir überall dort, wo du eine Meinung begründen sollst.

Typische Fehler – und wie du sie vermeidest

Bevor du einen Text abgibst, gehst du ihn mit dieser Tabelle durch. Sie zeigt, was bei Thesen und Argumenten am häufigsten schiefgeht: Die These ist keine, oder die Argumente wurden nie geprüft.

Falsch Richtig Warum
„Ist das Handy in der Werkstatt gefährlich?“ „Das Handy sollte in der Werkstatt nur in der Pause erlaubt sein.“ Eine Frage behauptet nichts. Eine These muss eine Aussage sein.
„In der Werkstatt gibt es Maschinen.“ „Jede Werkstatt sollte einen festen Platz für die Pausen einrichten.“ Eine Tatsache ist nicht strittig und lässt sich nicht begründen.
„Das Handy ist in der Werkstatt einfach schlecht.“ „Das Handy lenkt von der Maschine ab, und das gefährdet alle im Raum.“ Eine Behauptung ohne Begründung überzeugt niemanden.
These zum Handy, Argument: „Die Werkstatt ist gut beleuchtet.“ Ein Argument, das die These stützt, zum Beispiel die Ablenkung an der Maschine. Ein Argument muss zur These passen, sonst scheidet es aus.
„Außerdem lenkt es ab. Außerdem ist es laut. Außerdem stört es.“ „Am schwersten wiegt die Sicherheit. Weniger ins Gewicht fällt der Lärm.“ Ohne Gewichtung bleibt offen, was den Ausschlag gibt.
„Man kann damit Anleitungen nachschlagen. Das stimmt.“ „Man kann damit Anleitungen nachschlagen, doch das wiegt gering, weil der Betrieb Ausdrucke bereitstellen kann.“ Ein Gegenargument braucht eine Antwort mit Gewicht.

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