Deutsch Mittelschule Bayern · Jahrgangsstufe 9 · nur Mittlere-Reife-Klasse · Sprachgebrauch und Sprache untersuchen und reflektieren (LehrplanPLUS)
Sprachwandel in der Gegenwart
Wer eine Kurznachricht liest, merkt schnell, dass sie anders aussieht als ein Brief aus der Berufswelt. Es fehlen Artikel, Wörter sind gekürzt, und es tauchen Wörter auf, die es vor einiger Zeit nicht gab. Das ist Sprachwandel: Sprache verändert sich, und zwar jetzt, vor deinen Augen. Auf dieser Seite untersuchst du solche Erscheinungen der Gegenwart und lernst, sie zu beschreiben und zu bewerten.
1. Was Sprachwandel bedeutet
Sprachwandel bedeutet, dass sich Wortschatz, Satzbau, Aussprache und Schreibweise einer Sprache mit der Zeit verändern. Er hört nie auf: Solange Menschen sprechen, ändert sich ihre Sprache. Du kannst ihn an Texten aus der Gegenwart beobachten und musst dafür nicht in die Vergangenheit blicken. Ein einfacher Versuch: Vergleiche eine Nachricht aus deinem Chat mit einem Brief aus der Berufswelt und notiere, welche Wörter in der Nachricht fehlen, gekürzt oder neu sind.
Es gibt mehrere Gründe. Neue Dinge und Tätigkeiten brauchen Namen. Wer schnell schreiben will, kürzt. Menschen übernehmen Wörter aus anderen Sprachen, die sie im Beruf und in den Medien hören. Und die Gesellschaft denkt anders über Berufe und Rollen, sodass neue Bezeichnungen entstehen.
Wichtig ist: Sprachwandel ist kein Verfall. Eine Sprache wird dadurch nicht schlechter. Sie passt sich den Bedürfnissen der Menschen an, die sie benutzen. Ob eine Neuerung allgemein gilt, zeigt sich erst, wenn viele Menschen sie über längere Zeit verwenden. Die Standardsprache verändert sich deshalb langsamer als der Ton im Alltag.
2. Artikel weglassen und Kurzformen
Eine häufige Erscheinung ist das Weglassen von Artikeln. In Kurznachrichten, auf Zetteln und in Notizen stehen Sätze wie Schlüssel bitte an Haken zurück oder Lieferung steht vor Tor. Es fehlen die Wörter der, die, das, den und dem. Verstanden wird der Satz trotzdem, weil die Lage klar ist. Der Gewinn: Es geht schneller, und man spart Platz.
Die zweite Erscheinung sind Kurzformen. Wörter und Wortgruppen werden verschmolzen oder gekürzt. Aus gibt es wird gibt’s, aus ich habe wird ich hab, aus Auszubildender wird Azubi, aus Lastkraftwagen wird Lkw. Abkürzungen wie lg für liebe Grüße gehören ebenfalls dazu.
Beide Erscheinungen sind kein Rechtschreibfehler im engen Sinn. Sie sind eine Entscheidung für die knappe Sprache. In einem vollständigen Text, etwa einer Bewerbung in Standardsprache, fehlt dann aber etwas, das die Leserin oder der Leser erwartet.
| Erscheinung | Beispiel | Vollständige Form |
|---|---|---|
| Artikel weggelassen | Lieferung steht vor Tor. | Die Lieferung steht vor dem Tor. |
| Kurzform durch Verschmelzung | gibt’s | gibt es |
| Kurzform durch Kürzung | Azubi | Auszubildender |
| Abkürzung | lg | liebe Grüße |
3. Neue Wörter
Die dritte Erscheinung sind neue Wörter. Sie entstehen auf verschiedenen Wegen. Manche werden neu zusammengesetzt, zum Beispiel Pflegefachkraft und Praxistag. Andere sind Kurzwörter wie Azubi. Wieder andere kommen aus einer anderen Sprache und werden dem Deutschen angepasst: Aus dem Englischen stammen posten und streamen. Sie bekommen deutsche Endungen und werden gebeugt wie andere Verben: ich poste, er hat gestreamt.
Dazu kommen alte Wörter mit neuer Bedeutung. Das Verb teilen meint heute auch, dass man einen Beitrag im Netz weitergibt. Das Wort selbst ist gleich geblieben, aber seine Verwendung hat sich erweitert.
Nicht jedes neue Wort bleibt. Manche verschwinden nach kurzer Zeit wieder, weil die Sache, die sie benennen, verschwindet oder weil sie aus der Mode kommen. Andere werden so üblich, dass sie niemand mehr als neu empfindet. Ob ein Wort bleibt, entscheiden am Ende die Sprechenden.
4. Sprachwandel beschreiben und bewerten
In Aufgaben sollst du Erscheinungen des Sprachwandels nicht nur finden, sondern beschreiben und beurteilen. Stelle dir vier Fragen. Was hat sich verändert: Fehlt ein Wort, ist es gekürzt, ist es neu? Wo kommt es vor: in einer Kurznachricht, auf einem Zettel, in einem Brief? Warum wurde es so geschrieben: um Zeit zu sparen, um dazuzugehören, um etwas Neues zu benennen? Und passt es zur Situation?
Die letzte Frage ist die wichtigste. Dieselbe Kurzform ist in einer Nachricht an einen Kollegen völlig in Ordnung und in einem Bewerbungsanschreiben unpassend. Entscheidend ist, wer liest und was die Person erwartet. Im Zweifel gilt: Je förmlicher die Situation, desto näher bleibst du an der Standardsprache.
Ein Beispiel für eine Beschreibung: Auf einem Zettel steht Schlüssel bitte an Haken zurück. Die Erscheinung ist das Weglassen von Artikeln. Der Zettel will schnell gelesen werden, und jeder im Team weiß, welcher Schlüssel und welcher Haken gemeint ist. Für diesen Zweck passt die knappe Form, für einen Brief an eine Behörde nicht.
Merke: Sprachwandel ist die Veränderung einer Sprache im Lauf der Zeit und findet auch in der Gegenwart statt. Typische Erscheinungen sind das Weglassen von Artikeln, Kurzformen und neue Wörter. Ob sie passen, hängt von der Situation ab.
5. Sprachwandel im Berufsalltag
In Betrieben und Behörden zeigt sich Sprachwandel besonders bei den Bezeichnungen für Menschen und Tätigkeiten. Stellenanzeigen sprechen heute von Fachkraft oder Mitarbeitenden, weil diese Wörter für alle Geschlechter gelten. Neue Geräte und Abläufe bringen neue Wörter mit, die vor einiger Zeit noch niemand kannte.
Aushänge im Betrieb sind oft knapp geschrieben, etwa Lager ab Mittag geschlossen oder Werkzeug nach Gebrauch zurückhängen. Die Artikel fehlen, der Sinn ist trotzdem klar. So sparen solche Texte Platz und sind schnell lesbar. Im Anschreiben einer Bewerbung wirkt dieselbe Knappheit dagegen unvollständig.
Auch das Gesprochene wandelt sich. Kurzformen wie gibt’s oder hab hört man im Betrieb täglich. Wer sie schreibt, schreibt so, wie gesprochen wird. Für Chat und Notizzettel ist das üblich, für Formulare, Berichte und Bewerbungen nicht.
So prüfst du es im Quali
Beobachtungen zum Sprachwandel gehören zur Sprachbetrachtung, und die wird in der Quali im Teil „Sprachgebrauch – Sprachbetrachtung und Rechtschreiben“ geprüft. In der Mittlere-Reife-Klasse ist die Teilnahme nicht vorgeschrieben: Du kannst auf Antrag deiner Erziehungsberechtigten mitschreiben.
Die Praktikantin schreibt ihrem Meister morgens eine Kurznachricht: „Bin gleich da, Bus verpasst“, mehr nicht. Am Werkzeugschrank hängt ein Zettel mit dem Hinweis „Schlüssel bitte an Haken zurück“. Die Azubis sagen nur noch „Lkw“ statt „Lastkraftwagen“, weil das kürzer ist. In der Pause erzählt einer von ihnen, er habe am Abend eine Serie gestreamt und gleich einen Beitrag dazu gepostet. Der Meister liest die Nachrichten und meint, in einer Bewerbung gehörten solche Kurzformen nicht hin.
| Stelle im Text | Erscheinung | Woran du es erkennst |
|---|---|---|
| „Bin gleich da, Bus verpasst“ | Weglassen von Artikeln und Hilfswörtern | Es fehlen „den“ vor „Bus“ und das Hilfsverb „habe“. |
| „an Haken“ | Weglassen von Artikeln | Es fehlt „den“ vor „Haken“. |
| „Azubis“, „Lkw“ | Kurzformen | Die Wörter „Auszubildende“ und „Lastkraftwagen“ sind gekürzt. |
| „gestreamt“, „gepostet“ | neue Wörter | Verben aus dem Englischen mit deutscher Beugung. |
Teil B der Quali nennt die Sprachbetrachtung im Titel. Erscheinungen des Sprachwandels zu benennen und zu begründen, wann sie passen, wie es die Tabelle zeigt, übt diese Sprachbetrachtung.
Typische Fehler – und wie du sie vermeidest
| Falsch | Richtig | Warum |
|---|---|---|
| „Sprachwandel bedeutet, dass die Sprache schlechter wird.“ | Sprache passt sich neuen Bedürfnissen an. | Veränderung ist nicht dasselbe wie Verfall. |
| „Sprachwandel gab es nur früher.“ | Er findet auch heute statt, zum Beispiel in Kurznachrichten. | Solange Menschen sprechen, verändert sich ihre Sprache. |
| „Eine Kurzform darf überall stehen, wenn sie üblich ist.“ | In förmlichen Texten wie einer Bewerbung steht Standardsprache. | Entscheidend ist, wer liest und was die Person erwartet. |
| „Das Weglassen von Artikeln ist ein Rechtschreibfehler.“ | Es ist eine Veränderung im Satzbau, kein Fehler der Schreibung. | In der Standardsprache gehört der Artikel aber dazu. |
| „Neue Wörter sind Fehler.“ | Neue Wörter entstehen, wenn etwas Neues benannt werden muss. | Ob ein Wort bleibt, entscheiden die Sprechenden. |
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