Deutsch Mittelschule Bayern · Jahrgangsstufe 10 · Mittlere-Reife-Klasse · Schreiben (LehrplanPLUS)
Leitartikel und Glosse: journalistisch schreiben
In einer Zeitung stehen neben sachlichen Nachrichten auch Texte, in denen jemand ausdrücklich Stellung bezieht, etwa der Leitartikel und die Glosse. Wie man Behauptung, Begründung und Beispiel verbindet, kennst du aus den Jahrgangsstufen 6 bis 9; das wird hier vorausgesetzt und nicht neu erklärt. Neu ist, wie diese beiden Formen gebaut sind und wie du sprachliche Mittel so einsetzt, dass deine Gedankenführung stärker wirkt. „Quali“ meint in der Überschrift des Prüfungsabschnitts hier die Abschlussprüfung der Mittleren-Reife-Klasse.
1. Meinung im Journalismus: abwägen oder Stellung beziehen
Nachricht und Bericht informieren sachlich. Sie sagen, was geschehen ist, und halten die Meinung der Schreibenden heraus. Leitartikel und Glosse sind dagegen meinungsbetonte Formen: Lesende sollen erkennen, was die Schreibenden denken und worauf sich ihre Haltung stützt.
Der Lehrplan nennt abwägende und meinungsbildende Texte nebeneinander. Ein abwägender Text stellt Gründe für und gegen eine Haltung gegenüber und kommt am Ende zu einem Urteil. Ein meinungsbildender Text will die Lesenden für eine Haltung gewinnen und führt sie Schritt für Schritt darauf zu. Der Leitartikel kann beides sein, die Glosse ist in aller Regel meinungsbildend. Alle Mustertexte auf dieser Seite haben wir selbst geschrieben; sie stammen aus keiner Zeitung.
Wer meinungsbetont schreibt, muss die Lesenden im Blick behalten. Die Leserschaft einer Zeitung ist gemischt: Manche kennen das Thema gut, andere hören zum ersten Mal davon. Ein Text, der nur Eingeweihte versteht, überzeugt niemanden. Frage dich deshalb vor dem Schreiben, wen du erreichen willst und was diese Menschen schon wissen.
2. Der Leitartikel: eine begründete Haltung zu einem wichtigen Thema
Ein Leitartikel nimmt zu einem aktuellen, wichtigen Thema Stellung. Er hat einen Anlass, etwa eine Entscheidung, ein Problem oder eine Entwicklung, über die gerade gesprochen wird. Er ist mittellang, im Ton ernsthaft und in gepflegter, sachlicher Sprache geschrieben. Eine Überschrift nennt das Thema oder deutet die Haltung an. Der Aufbau hat drei Teile:
- Anlass und Haltung: Der Einstieg nennt, worum es geht, und lässt die Haltung der Schreibenden erkennen.
- Begründung: Die Gründe werden entfaltet. Die Gegenseite wird erwähnt und eingeordnet, damit der Text glaubwürdig bleibt.
- Schluss: Eine Forderung, ein Appell oder ein Ausblick sagt, was geschehen sollte.
Der Leitartikel will nicht nur informieren, sondern Orientierung geben. Deshalb endet er nicht offen, sondern mit einer klaren Aussage. Persönliche Erlebnisse dienen höchstens als Einstieg. Im Satzbau überwiegen vollständige, klar gegliederte Sätze, und jeder Absatz folgt dem Gedankengang. Getragen wird der Text von Gründen, die auch Menschen nachvollziehen können, die ihn zum ersten Mal lesen.
3. Die Glosse: kurz, spitz und mit Pointe
Eine Glosse ist kurz. Sie greift einen kleinen, oft alltäglichen Anlass auf und deutet ihn mit einem Augenzwinkern. Der Ton darf spöttisch sein, die Sprache spielerisch, die Haltung bleibt deutlich. Der Spott richtet sich gegen eine Sache oder ein Verhalten, nicht gegen eine Person.
Der Aufbau ist schlanker als beim Leitartikel: ein Einstieg über eine Beobachtung, eine Zuspitzung durch Übertreibung, Vergleich oder Gegenüberstellung und am Ende eine Pointe. Das ist ein überraschender Schlusssatz, auf den der Text hinläuft und der die Haltung auf den Punkt bringt. Beim Überarbeiten streichst du alles, was die Pointe nicht vorbereitet. Eine Glosse verträgt wenig Umweg: Ihre Wirkung entsteht aus der Kürze, aus dem passenden Ton und aus dem Moment, in dem die Lesenden merken, worauf der Text hinauswollte.
| Merkmal | Leitartikel | Glosse |
|---|---|---|
| Anlass | Wichtiges, aktuelles Thema | Kleiner, oft alltäglicher Anlass |
| Länge | Mittellang | Kurz |
| Ton | Ernsthaft und sachlich | Spöttisch und spielerisch |
| Sprache | Gepflegte, sachliche Sprache | Spielerische Sprache mit lockeren Wendungen |
| Schluss | Forderung, Appell oder Ausblick | Pointe |
| Wirkung | Orientierung geben | Zum Nachdenken und Schmunzeln bringen |
4. Sprachliche Mittel gezielt einsetzen
Rhetorische Figuren sind sprachliche Mittel, die einer Aussage Gewicht geben. Sie sind kein Schmuck: Jedes Mittel muss etwas bewirken. Frage dich vor dem Einsetzen, was die Stelle erreichen soll, und wähle erst dann das Mittel.
| Mittel | Wirkung | Beispiel (selbst geschrieben) |
|---|---|---|
| Rhetorische Frage | Eine Frage, auf die keine Antwort erwartet wird. Sie lenkt die Lesenden zu der Antwort, die der Text meint. | „Wie lange wollen wir noch auf ein Werkzeug warten, das längst einen Platz haben könnte?“ |
| Wiederholung am Satzanfang (Anapher) | Hebt einen Gedanken heraus und gibt dem Text einen Rhythmus. | „Wer früh berät, hilft. Wer früh berät, spart Umwege. Wer früh berät, gewinnt Betriebe.“ |
| Gegenüberstellung | Zeigt einen Gegensatz und macht Unterschiede deutlich. | „Die einen schrauben, die anderen schauen zu.“ |
| Steigerung | Der Gedanke wird von Glied zu Glied stärker. | „Erst fehlte ein Schlüssel, dann der Überblick, schließlich die Geduld.“ |
| Vergleich | Macht etwas Abstraktes anschaulich. | „Das Lager wirkt wie ein Haus ohne Hausnummern.“ |
| Übertreibung | Spitzt zu. Besonders typisch für die Glosse. | „Tausendmal habe ich diesen Schlüssel schon gesucht.“ |
Auch die Argumentationskette lässt sich mit solchen Mitteln verstärken. Das stärkste Argument steht am Ende des Absatzes, die Steigerung führt darauf zu. Die Wiederholung am Satzanfang markiert die zentrale Behauptung. Die rhetorische Frage führt zur Schlussfolgerung, ohne sie auszusprechen, und die Gegenüberstellung zeigt, warum die Gegenseite schwächer ist.
Auch die direkte Ansprache der Lesenden ist ein Mittel. In der Glosse darf sie vertraut klingen, etwa mit „Sie kennen das“. Im Leitartikel wirkt sie sparsam eingesetzt am stärksten, zum Beispiel am Schluss, wenn die Forderung an alle gerichtet ist. Wichtig ist, dass Ton und Mittel zusammenpassen: Eine Übertreibung passt in eine Glosse über einen verlegten Schraubenzieher, aber nicht in einen Leitartikel über die Berufswahl.
Prüfe zum Schluss jede Stelle, an der du ein Mittel eingebaut hast: Welche Wirkung soll sie haben, und hat sie die? Den ganzen Text gehst du anschließend mit den Prüffragen der Schreibkonferenz durch. Eine Übungsanregung: Wähle einen Ärger aus Betrieb oder Praktikum und überlege, wie ein Leitartikel und wie eine Glosse darüber beginnen würden.
So schreibst du es im Quali
Zwei Mustertexte zeigen die Formen: einen kurzen Leitartikel und eine Glosse. Beide sind frei erfunden.
Jugendliche, die in der Jahrgangsstufe 10 noch nicht wissen, was sie werden wollen, haben ein Problem, und die Schule hat es mit. Beginnt die Berufsberatung erst, wenn die Bewerbungsfristen schon laufen, ist es zu spät. Dabei spricht vieles für einen früheren Start: Wer Betriebe früh kennenlernt, wählt gezielter und bewirbt sich mit mehr Sicherheit. Zwar kostet zusätzliche Beratung Unterrichtszeit. Doch was ist teurer: ein paar Stunden im Stundenplan oder eine Ausbildung, die nicht zum Jugendlichen passt? Die Schulen sollten die Beratung deshalb nach vorn ziehen, und zwar jetzt, nicht erst im nächsten Anlauf.
Der Gabelstapler im Lager hat einen festen Parkplatz, der Chef hat einen festen Parkplatz, nur der Schraubenzieher hat keinen. Seit Wochen wandert er durch die Werkstatt wie ein Wanderpokal, und wer ihn zuletzt gesehen hat, behauptet natürlich, er sei es nicht gewesen. Man könnte ihm einen Platz zuweisen. Man könnte aber auch weitersuchen, das hält schließlich fit. Wir schlagen vor: ein Haken, ein Umriss, ein Schild. Der Schraubenzieher hätte dann endlich ein Zuhause, und die Werkstatt ein Gesprächsthema weniger.
| Textteil | Stelle im Muster | Erkennbar daran |
|---|---|---|
| Leitartikel: Anlass und Haltung | Satz 1 und 2 | Das Problem wird benannt, die Haltung ist erkennbar |
| Leitartikel: Begründung und Gegenseite | Satz 3 und 4 | „Dabei spricht vieles für einen früheren Start“ begründet, „Zwar kostet zusätzliche Beratung Unterrichtszeit“ und „Doch was ist teurer“ ordnen die Gegenseite ein |
| Leitartikel: rhetorische Frage | Satz 5 | Frage ohne erwartete Antwort, sie führt zur Forderung |
| Leitartikel: Forderung | Satz 6 | „sollten die Beratung nach vorn ziehen“ sagt, was geschehen soll |
| Glosse: Einstieg und Gegenüberstellung | Satz 1 | Alltägliche Beobachtung, der Schraubenzieher steht im Gegensatz zu den anderen |
| Glosse: Vergleich und Zuspitzung | Satz 2 | „wie ein Wanderpokal“ macht die Lage anschaulich |
| Glosse: Vorschlag | Satz 5 | Der Spott mündet in einen praktischen Vorschlag |
| Glosse: Pointe | Satz 6 | Überraschender Schluss, der die Haltung auf den Punkt bringt |
Beide Texte setzen ihre Mittel gezielt ein: Im Leitartikel führt die rhetorische Frage von der Gegenseite zur Forderung, in der Glosse trägt der Vergleich die Zuspitzung. Keines der Mittel steht nur zum Schmuck da.
Mit Leitartikel und Glosse übst du journalistische Formen, die im Lehrplan der Jahrgangsstufe 10 stehen. Je sicherer du Bauteile und Wirkung unterscheidest, desto solider ist dein Fundament für die Abschlussprüfung der Mittleren-Reife-Klasse zum Ende des Schuljahres.
Typische Fehler – und wie du sie vermeidest
| Falsch | Richtig | Warum |
|---|---|---|
| Eine Glosse, die wie eine Meldung klingt: „Am Montag wurde ein neuer Plan ausgehängt.“ | Den Anlass kurz nennen, dann zuspitzen und mit einer Pointe enden | Eine Glosse informiert nicht nur, sie deutet und spitzt zu. |
| „Wer das anders sieht, hat keine Ahnung.“ | „Wer das anders sieht, sollte bedenken, dass Unterrichtszeit knapp ist.“ | Ein Angriff auf Menschen ersetzt keinen Grund und schwächt die Glaubwürdigkeit. |
| Fünf rhetorische Fragen hintereinander | Eine Frage an der Stelle, an der sie zur Folgerung führt | Ein Mittel wirkt nur, wenn es ein Argument trägt. |
| Im Leitartikel: „Das ist echt mega daneben.“ | „Das ist nicht hinnehmbar.“ | Der Leitartikel verlangt gepflegte Sprache und einen ernsthaften Ton. |
| Ein Leitartikel, der mit einer Beschreibung endet | Der Schluss nennt eine Forderung, einen Appell oder einen Ausblick | Der Leitartikel soll Orientierung geben und nicht offen enden. |
| Rhetorische Figuren eingebaut, weil man sie kennt | Erst die gewünschte Wirkung bestimmen, dann das passende Mittel wählen | Ohne Zweck wirkt ein Mittel aufgesetzt. |
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