Deutsch Gymnasium · Jahrgangsstufe 6 · Lernbereich 4 (gültigen Lehrplan)
Aktiv und Passiv bilden und gezielt einsetzen
In der Restaurierungswerkstatt eines Museums hängen zwei Schilder. Auf dem ersten steht: „Die Restauratorin reinigt das Gemälde mit einem weichen Pinsel.“ Auf dem zweiten: „Das Gemälde wird mit einem weichen Pinsel gereinigt.“ Beide Sätze beschreiben denselben Vorgang, doch sie lenken den Blick auf Verschiedenes. Im ersten Satz steht die Person im Mittelpunkt, die handelt, im zweiten das, was mit dem Gemälde geschieht. Diese beiden Möglichkeiten, einen Vorgang darzustellen, heißen in der Grammatik Aktiv und Passiv. Auf dieser Seite lernst du, wie du das Passiv in verschiedenen Zeitformen bildest, wann es sinnvoll ist und wie es in Texten wirkt.
1. Wer handelt, und was geschieht?
Die Restauratorin reinigt das Gemälde. Das Gemälde wird gereinigt. Im ersten Satz ist die Restauratorin das Subjekt, sie tut etwas. Im zweiten Satz ist das Gemälde zum Subjekt geworden, mit ihm geschieht etwas, und die Restauratorin wird gar nicht mehr genannt.
Im Aktiv steht der Handelnde im Vordergrund; er ist das Subjekt des Satzes. Im Passiv steht der Vorgang oder das Betroffene im Vordergrund. Das Akkusativobjekt des Aktivsatzes wird zum Subjekt des Passivsatzes. Der Handelnde kann im Passivsatz mit von oder durch genannt werden, er kann aber auch ganz wegfallen: Das Gemälde wird von der Restauratorin gereinigt. Das Gemälde wird gereinigt. Aktiv und Passiv nennt man zusammen die beiden Handlungsrichtungen des Verbs.
Der lateinische Fachbegriff: activus heißt tätig, handelnd; passivus kommt von pati, erleiden, erdulden. Im Aktiv handelt das Subjekt, im Passiv erfährt es eine Handlung.
2. Das Passiv bilden
Das Gemälde wird gereinigt. Das Gemälde wurde gereinigt. Das Gemälde ist gereinigt worden. In allen drei Sätzen erscheinen eine Form von werden und das Partizip II gereinigt. Nur die Form von werden ändert sich jeweils mit der Zeitform des Satzes.
Das Passiv, genauer das Vorgangspassiv, bildest du mit einer Form von werden und dem Partizip II des Verbs. Im Präsens lautet es: wird gereinigt, im Präteritum: wurde gereinigt, im Perfekt: ist gereinigt worden, im Plusquamperfekt: war gereinigt worden, im Futur I: wird gereinigt werden. Achte im Perfekt und Plusquamperfekt besonders auf die Form worden ohne ge-: Das Gemälde ist gereinigt worden, nicht geworden.
| Tempus | Aktiv | Passiv |
|---|---|---|
| Präsens | Sie reinigt das Bild. | Das Bild wird gereinigt. |
| Präteritum | Sie reinigte das Bild. | Das Bild wurde gereinigt. |
| Perfekt | Sie hat das Bild gereinigt. | Das Bild ist gereinigt worden. |
| Plusquamperfekt | Sie hatte das Bild gereinigt. | Das Bild war gereinigt worden. |
| Futur I | Sie wird das Bild reinigen. | Das Bild wird gereinigt werden. |
Nicht jedes Verb lässt sich ins Passiv setzen. Verben ohne Akkusativobjekt bilden oft kein persönliches Passiv: Das Bild gefällt mir lässt sich nicht umformen. Bei manchen Verben ohne Objekt gibt es ein Passiv ohne Subjekt, etwa in Hier wird nicht gesprochen.
Besonders häufig ist das Passiv in Verbindung mit einem Modalverb. In Anleitungen und Regeln liest du Sätze wie: Das Gemälde muss vor Licht geschützt werden. Die Leinwand darf nicht berührt werden. Hier steht das Modalverb in der Personalform, am Ende folgen Partizip II und werden. Solche Sätze sagen, was zu tun ist, ohne eine bestimmte Person anzusprechen.
3. Wann das Passiv sinnvoll ist
Auf einer Tafel im Dom steht: Mit dem Bau des Kölner Doms wurde 1248 begonnen; vollendet wurde er erst 1880. Wer genau die vielen Steine setzte, wird dort nicht gesagt. Für den Leser zählt vor allem, was geschah und wann es geschah.
Das Passiv ist sinnvoll, wenn der Handelnde unbekannt ist, wenn er unwichtig ist oder wenn er selbstverständlich ist. Darum kommt es häufig in Sachtexten vor: in Versuchsbeschreibungen (Das Wasser wird erhitzt), in Gebrauchsanleitungen, in Museumstexten und in Berichten über Ereignisse. Das Aktiv wirkt dagegen meist lebendiger und persönlicher, denn es zeigt Menschen, die handeln. In Erzählungen ist es deshalb meist die bessere Wahl. Frage dich beim Schreiben immer: Ist für meinen Leser wichtiger, wer etwas tut, oder was geschieht? Die Antwort zeigt dir, ob Aktiv oder Passiv besser passt.
Es gibt auch eine Alternative zum Passiv, die den Handelnden ebenfalls offenlässt: das Pronomen man. Man reinigt das Bild sagt fast dasselbe wie Das Bild wird gereinigt. Der Satz mit man klingt allerdings etwas umgangssprachlicher und rückt trotzdem eine handelnde Person ins Blickfeld, wenn auch eine unbestimmte. In Sachtexten wird deshalb meist das Passiv bevorzugt, in Gesprächen eher man.
4. Passiv im eigenen Text
Zu viele Passivsätze hintereinander machen einen Text schwerfällig: Das Bild wurde abgenommen, es wurde untersucht, es wurde gereinigt, es wurde neu gerahmt. Eine abwechslungsreiche Mischung liest sich deutlich besser: Das Bild wurde abgenommen. Die Restauratorin untersuchte es genau und reinigte es Schicht für Schicht. Anschließend wurde es neu gerahmt.
Achte außerdem darauf, wann das Weglassen des Handelnden problematisch ist. Der Satz Fehler wurden gemacht verschweigt, wer die Fehler gemacht hat. In manchen Texten wird das Passiv gezielt eingesetzt, um Verantwortung zu verschleiern. Wenn du Texte untersuchst, frage deshalb immer auch: Wer wird hier nicht genannt, und warum? In der Jahrgangsstufe 8 lernst du, das Passiv mit dem Fachbegriff Genus Verbi zu beschreiben und seine Funktion in Texten genauer zu untersuchen.
Neben dem Vorgangspassiv gibt es das Zustandspassiv mit sein und Partizip II: Das Gemälde ist gereinigt. Es beschreibt also nicht den Vorgang, sondern das Ergebnis, den Zustand danach. Vergleiche: Das Bild wird gereinigt, man arbeitet gerade daran; das Bild ist gereinigt, die Arbeit ist fertig.
Form und Wirkung: So deutest du es im Text
Ein Ausstellungstext beginnt: Das Gemälde wurde vor zwei Jahren auf einem Dachboden entdeckt. Es war stark verschmutzt. In monatelanger Arbeit wurde es von unserer Restauratorin gereinigt. Heute strahlen die Farben wieder wie am ersten Tag.
| Beobachtung | Form | Wirkung |
|---|---|---|
| wurde entdeckt | Passiv ohne Handelnden | der Fund steht im Mittelpunkt |
| war stark verschmutzt | Zustand | Ausgangslage wird beschrieben |
| wurde von unserer Restauratorin gereinigt | Passiv mit von | Leistung wird gewürdigt, Bild bleibt Subjekt |
| strahlen die Farben | Aktiv | lebendiges Ergebnis |
| Wechsel von Passiv zu Aktiv | Mischung | Text wirkt nicht schwerfällig |
Der Text nutzt das Passiv dort, wo das Gemälde im Mittelpunkt stehen soll, und wechselt am Ende ins Aktiv, um das Ergebnis lebendig zu zeigen. So wird die Handlungsrichtung zum Gestaltungsmittel. Bemerkenswert ist auch der dritte Satz: Er nennt die Restauratorin mit von, obwohl er im Passiv steht. Der Text hätte auch schreiben können: Unsere Restauratorin reinigte es. Durch das Passiv bleibt das Gemälde im Zentrum, und die Restauratorin wird trotzdem gewürdigt. Solche bewussten Entscheidungen kannst du in deinen eigenen Sachtexten ebenfalls treffen.
Typische Fehler – und wie du sie vermeidest
| Falsch | Richtig | Warum |
|---|---|---|
| Das Bild ist gereinigt geworden. | Das Bild ist gereinigt worden. | Im Passiv-Perfekt steht worden. |
| Das Bild wird von der Restauratorin reinigt. | Das Bild wird von der Restauratorin gereinigt. | Das Passiv braucht das Partizip II. |
| Ich werde von dem Bild gefallen. | Das Bild gefällt mir. | Gefallen bildet kein persönliches Passiv. |
| Nur Passivsätze hintereinander. | Aktiv und Passiv mischen. | Sonst wirkt der Text schwerfällig. |
| Passiv immer, damit es sachlich klingt. | Passiv, wenn der Handelnde unwichtig ist. | Das Aktiv ist oft klarer. |
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