Deutsch Gymnasium · Jahrgangsstufe 5 · Lernbereich 3 (gültigen Lehrplan)
Erzählen: Erzählsituation, Ereignis und Ausgang spannend gestalten
Die Klasse 5c verbringt eine Nacht im Naturkundemuseum. Am nächsten Tag schreibt Jonas darüber: „Wir waren im Museum. Es war dunkel. Ich habe mich verlaufen. Dann habe ich die anderen wiedergefunden.“ Lea schreibt über dasselbe Erlebnis eine ganze Seite, und alle in der Klasse hören gespannt zu, als sie vorliest. Was macht Leas Geschichte eigentlich so viel besser? Sie hat ihre Erzählung bewusst aufgebaut: Erst führt sie in die Situation ein, dann steigert sie die Spannung bis zu einem besonderen Ereignis, und schließlich löst sie alles auf. Auf dieser Seite lernst du diesen Aufbau aus Erzählsituation, Ereignis und Ausgang kennen und erfährst, wie du mit Erzählperspektive und Erzählziel eine Geschichte gestaltest, die deine Leser fesselt.
1. Die Erzählsituation: Wer, wo, wann?
Lea beginnt so: Es war kurz nach elf Uhr, als im Naturkundemuseum die letzten Lampen erloschen. Ich lag in meinem Schlafsack zwischen den Vitrinen der Vogelabteilung, und neben mir schnarchte meine Freundin Mia. Schon nach zwei Sätzen weiß der Leser genau, wann und wo die Geschichte spielt und wer dabei ist.
Der erste Teil einer Erzählung heißt Erzählsituation oder Einleitung. Sie beantwortet die wichtigsten Fragen: Wer ist beteiligt? Wo und wann spielt die Geschichte? Eine gute Erzählsituation ist kurz und weckt beim Leser bereits erste Neugier auf das, was gleich passieren wird. Lea verrät zum Beispiel noch nicht, was passiert, deutet aber mit den erloschenen Lampen schon an, dass es gleich unheimlich werden könnte. Vermeide lange Vorgeschichten, etwa vom Frühstück am Morgen, wenn sie für das Ereignis keine Rolle spielen.
Merke: Eine Erzählung besteht aus Erzählsituation, Ereignis und Ausgang. Die Spannung steigt bis zum Höhepunkt und fällt danach ab. Erzähltempus ist meist das Präteritum, wörtliche Rede und Gedanken machen die Geschichte lebendig.
2. Das Ereignis: Spannung bis zum Höhepunkt
Plötzlich hörte ich ein Kratzen. Ich hielt den Atem an. Es kam aus der Richtung des großen Bären am Ende des Saals. Langsam, ganz langsam richtete ich meine Taschenlampe auf ihn. Seine Glasaugen funkelten. Und dann bewegte sich etwas zu seinen Füßen.
Im Mittelpunkt jeder Erzählung steht ein besonderes Ereignis, etwas Unerwartetes, Lustiges, Gefährliches oder Rätselhaftes. Die Spannung steigt dabei Schritt für Schritt bis zu einem deutlichen Höhepunkt. Lea nutzt dafür mehrere Mittel. Sie beschreibt zum Beispiel Geräusche und Gefühle sehr genau: ein Kratzen, ich hielt den Atem an. Sie verzögert die Auflösung: langsam, ganz langsam. Sie verwendet kurze Sätze an der spannendsten Stelle. Und sie deutet nur an, statt alles sofort zu verraten: etwas bewegte sich. Auch wörtliche Rede und Gedanken der Figuren machen das Ereignis lebendig: Wer ist da?, flüsterte ich.
Achte beim Erzählen auch auf abwechslungsreiche Satzanfänge. Viele Geschichten von Anfängern bestehen aus einer Kette von Sätzen mit und dann: Und dann hörte ich etwas, und dann ging ich hin, und dann sah ich … Ersetze solche Verbindungen durch genauere Wörter wie plötzlich, kurz darauf, im selben Augenblick oder zögernd. Oft kannst du auch einfach mit einer Ortsangabe oder einem Gefühl beginnen: Am Ende des Saals … Mit klopfendem Herzen … So wird deine Geschichte flüssiger und spannender.
| Teil | Aufgabe | Beispiel aus Leas Geschichte |
|---|---|---|
| Erzählsituation | Wer, wo, wann? Neugier wecken | Nachts im Museum, im Schlafsack |
| Steigerung | Spannung aufbauen | Ein Kratzen, ich hielt den Atem an. |
| Höhepunkt | spannendster Moment | Etwas bewegte sich zu seinen Füßen. |
| Auflösung | Spannung lösen | Es war nur die Museumskatze. |
| Ausgang | Abschluss, oft mit Gedanke oder Pointe | Seitdem mag ich Katzen noch lieber. |
3. Der Ausgang: die Geschichte abrunden
Lea löst auf: Aus dem Schatten trat eine graue Katze, gähnte und strich mir um die Beine. Es war Minka, die Museumskatze. Ich musste so laut lachen, dass Mia aufwachte. Seitdem mag ich Katzen noch lieber, aber Bären traue ich nicht mehr ganz.
Nach dem Höhepunkt folgt der Ausgang, auch Schluss genannt. Er löst die Spannung auf und rundet die Geschichte ab. Ein guter Ausgang ist deshalb kurz, denn nach dem Höhepunkt will der Leser nicht mehr lange warten. Er kann mit einem Gedanken der Hauptfigur enden, mit einer Pointe, also einer witzigen oder überraschenden Wendung, oder mit einem Rückbezug auf den Anfang. Lea verbindet beides: Ihr letzter Satz ist ein Augenzwinkern, denn er spielt noch einmal mit der Angst vor dem ausgestopften Bären. Vergiss zum Schluss nicht die Überschrift: Sie soll neugierig machen, aber den Höhepunkt nicht verraten. Die Nacht der funkelnden Augen ist besser als Die Museumskatze.
4. Erzählperspektive und Erzählziel
Lea erzählt aus ihrer eigenen Sicht: ich hörte, ich hielt den Atem an. Sie hätte auch über ein Mädchen namens Lea schreiben können: Lea hörte ein Kratzen. Sie hielt den Atem an. Beide Möglichkeiten sind erlaubt, sie wirken auf den Leser aber ganz unterschiedlich.
Beim Schreiben entscheidest du dich für eine Erzählperspektive. Beim Ich-Erzähler erlebt der Leser alles aus der Sicht einer Figur und erfährt ihre Gefühle unmittelbar; das macht die Geschichte sehr nah. Beim Er- oder Sie-Erzähler wird von außen über eine Figur erzählt; das schafft etwas Abstand und erlaubt, auch über andere Figuren zu berichten. Bleibe innerhalb einer Geschichte unbedingt bei einer Perspektive. Überlege außerdem vor dem Schreiben, welches Erzählziel du verfolgst: Soll deine Geschichte vor allem spannend, lustig oder nachdenklich wirken? Das Ziel bestimmt nämlich, welche Mittel du einsetzt. Als Erzähltempus wählst du in der Regel das Präteritum.
Bevor du losschreibst, lohnt sich ein kurzer Schreibplan. Notiere in Stichworten, was in der Erzählsituation, im Ereignis und im Ausgang passieren soll, und markiere die Stelle, an der der Höhepunkt liegt. So verlierst du beim Schreiben nicht den roten Faden. Wie du Schreibpläne anlegst und Texte anschließend mit der Textlupe überarbeitest, lernst du auf einer eigenen Seite.
Form und Wirkung: So deutest du es im Text
Vergleiche den Anfang von Jonas mit dem von Lea. Jonas: Wir waren im Museum. Es war dunkel. Lea: Es war kurz nach elf Uhr, als im Naturkundemuseum die letzten Lampen erloschen.
| Beobachtung | Jonas | Lea |
|---|---|---|
| Zeit und Ort | ungenau | genau: kurz nach elf, Naturkundemuseum |
| Andeutung | keine | die letzten Lampen erloschen |
| Gefühle | fehlen | ich hielt den Atem an |
| Höhepunkt | fehlt: Ich habe mich verlaufen. | verzögert und gesteigert |
| Ausgang | knapp, ohne Pointe | mit Augenzwinkern über den Bären |
Jonas berichtet nur knapp, was geschah. Lea erzählt dagegen so, dass der Leser mitfiebert. Der Unterschied liegt nicht im Erlebnis, sondern in der Gestaltung: im bewussten Aufbau, in genauen Angaben, in Gefühlen und in der Steigerung bis zum Höhepunkt.
Typische Fehler – und wie du sie vermeidest
| Falsch | Richtig | Warum |
|---|---|---|
| Lange Einleitung über den ganzen Tag | kurze Erzählsituation: wer, wo, wann | Der Leser will zum Ereignis. |
| Höhepunkt in einem Satz: Dann war da eine Katze. | Höhepunkt verzögern und steigern | Sonst entsteht keine Spannung. |
| Wechsel zwischen ich und sie in derselben Geschichte | bei einer Perspektive bleiben | Sonst wird der Leser verwirrt. |
| Langer Schluss nach dem Höhepunkt | kurzer Ausgang mit Gedanke oder Pointe | Die Spannung ist gelöst. |
| Überschrift verrät alles: Die Museumskatze | neugierig machende Überschrift | Den Höhepunkt nicht vorwegnehmen. |
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