Deutsch Gymnasium · Jahrgangsstufe 10 · Lernbereich 2 (gültigen Lehrplan)

Die Aufklärung: Vernunft, Toleranz und das Theater des Bürgertums

Im 18. Jahrhundert stellen immer mehr Menschen eine einfache, aber folgenreiche Frage: Warum soll ich etwas glauben, nur weil es immer so war oder weil eine Obrigkeit es befiehlt? Sie vertrauen auf die eigene Vernunft, prüfen Überliefertes, fordern Toleranz und lehnen Willkür ab. Diese Bewegung nennt man Aufklärung. Sie verändert Philosophie, Wissenschaft und Politik, und sie bringt eine Literatur hervor, die erziehen, zum Nachdenken anregen und das Bürgertum auf die Bühne bringen will. Auf dieser Seite lernst du die Grundgedanken der Epoche, ihre wichtigsten Autoren und Gattungen und ihre Bedeutung für die folgenden Epochen kennen.

1. Licht der Vernunft

Die Aufklärung wird in der deutschen Literaturgeschichte meist auf etwa 1720 bis 1785 angesetzt; in ganz Europa reicht sie vom späten 17. bis ins späte 18. Jahrhundert. Ihre Leitbegriffe sind Vernunft, Freiheit, Toleranz und Bildung. Die Aufklärer waren überzeugt, dass der Mensch fähig ist, die Welt mit seinem Verstand zu begreifen und sein Leben vernünftig zu gestalten. Aberglaube, blinde Autoritätsgläubigkeit und religiöse Unduldsamkeit sollten überwunden werden.

Das Bild des Lichts steht im Zentrum: Im Englischen heißt die Epoche enlightenment, im Französischen siècle des lumières, Jahrhundert der Lichter. Die Vernunft soll die Dunkelheit der Unwissenheit erhellen. In Frankreich sammelten Denis Diderot und Jean-Baptiste le Rond d’Alembert in der großen Encyclopédie das Wissen ihrer Zeit. In Deutschland beantwortete der Philosoph Immanuel Kant 1784 die Frage, was Aufklärung sei, mit einer berühmten Bestimmung: Aufklärung sei der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Als Wahlspruch nannte er einen lateinischen Satz, den er dem römischen Dichter Horaz entlehnte: Sapere aude, Wage es, weise zu sein, oder, wie Kant übersetzte, Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.

Merke: Die Aufklärung setzt auf Vernunft, Toleranz und Bildung. Ihr Leitbild ist der mündige Mensch, der selbst denkt, statt sich der Bevormundung zu überlassen.

2. Literatur soll belehren und erfreuen

Für die Aufklärer hatte Literatur eine Aufgabe: Sie sollte die Menschen belehren und zugleich erfreuen, also auf unterhaltsame Weise zu vernünftigem und tugendhaftem Handeln anleiten. Deshalb waren Gattungen beliebt, die eine klare Lehre vermitteln, allen voran die Fabel. Christian Fürchtegott Gellert und Gotthold Ephraim Lessing schrieben Fabeln, die in kurzer Form menschliche Schwächen vorführen. Auch Lehrgedichte und Epigramme, kurze, pointierte Sinngedichte, gehören zur Literatur der Aufklärung.

Am Beginn der Epoche stellte Johann Christoph Gottsched in seiner Critischen Dichtkunst feste Regeln für die Dichtung auf. Er orientierte sich am französischen Theater und forderte vernünftige, klar gebaute Stücke. Lessing kritisierte diese strenge Regelpoetik später und verwies stattdessen auf Shakespeare und auf die Wirkung, die ein Stück auf die Zuschauer ausübt. Damit bereitete er den Boden für die jüngere Generation, die das Gefühl stärker betonen sollte. Auch als Kritiker und Theaterschriftsteller prägte Lessing das Nachdenken über Literatur in Deutschland nachhaltig.

3. Lessing und das bürgerliche Trauerspiel

Der wichtigste Dichter der deutschen Aufklärung ist Gotthold Ephraim Lessing. Er brachte eine neue Gattung auf die Bühne: das bürgerliche Trauerspiel. Bis dahin galt die Regel, dass nur Könige und Adlige tragische Helden sein könnten, während Bürger in Komödien vorkamen. Lessing brach mit dieser sogenannten Ständeklausel und zeigte, dass auch das Leid bürgerlicher Menschen tragisch ist. Schon 1755 erschien sein Trauerspiel Miss Sara Sampson. In Emilia Galotti gerät die Tochter einer Familie, die streng nach bürgerlichen Tugendvorstellungen lebt, in die Gewalt eines willkürlichen Prinzen; das Stück ist zugleich eine Kritik an fürstlicher Willkür.

In seinem Drama Nathan der Weise stellt Lessing die Toleranz zwischen Judentum, Christentum und Islam in den Mittelpunkt. Den Kern bildet die Ringparabel: Ein Vater vererbt drei gleich aussehende Ringe an seine drei Söhne, und niemand kann sagen, welcher der echte ist. Die Lehre lautet, dass sich der Wert einer Religion nicht durch Rechthaberei, sondern durch menschliches Handeln erweist. Mit Minna von Barnhelm schrieb Lessing zudem eine der bekanntesten Komödien der deutschen Literatur.

Autor Werk Gattung Aufklärerischer Gedanke
Gotthold Ephraim Lessing Nathan der Weise Drama Toleranz zwischen den Religionen
Gotthold Ephraim Lessing Emilia Galotti bürgerliches Trauerspiel Kritik an fürstlicher Willkür
Gotthold Ephraim Lessing Fabeln Fabel Belehrung in knapper Form
Christian Fürchtegott Gellert Fabeln und Erzählungen Fabel Tugend und Vernunft
Johann Christoph Gottsched Critische Dichtkunst Regelpoetik Dichtung nach vernünftigen Regeln

4. Aufklärung, Empfindsamkeit und was folgt

Die Aufklärung ist keine reine Epoche des kühlen Verstandes. Innerhalb der Bewegung entstand die Empfindsamkeit, die das Mitgefühl, die Freundschaft und die Rührung des Herzens betonte. Vernunft und Gefühl wurden dabei nicht als Gegensätze verstanden: Wer mitfühlt, handelt auch moralisch. Aus dieser Strömung und aus der Kritik an zu starren Regeln entwickelte sich um 1770 der Sturm und Drang, den du in der Jahrgangsstufe 11 genauer kennenlernst.

Viele Ideen der Aufklärung prägen unser Leben bis heute: die Menschenrechte, die Gewaltenteilung, die Freiheit der Meinung und des Glaubens, die Schulpflicht und die Wissenschaft als Weg zur Erkenntnis. Wenn du einen Text der Aufklärung liest, frage deshalb nicht nur, was er seinen Zeitgenossen sagen wollte, sondern auch, was er uns heute noch zu sagen hat. Gerade die Frage nach Toleranz zwischen Menschen verschiedener Herkunft und Religion hat nichts von ihrer Bedeutung verloren. Auch die Aufforderung, selbst zu denken, statt Meinungen ungeprüft zu übernehmen, lässt sich unmittelbar auf den Umgang mit Nachrichten und sozialen Netzwerken übertragen. Die Aufklärung lädt dich also nicht nur zum Lernen über die Vergangenheit ein, sondern auch zum Nachdenken über deine eigene Zeit.

Form und Wirkung: So deutest du es im Text

In einer Szene eines aufklärerischen Dramas fordert ein mächtiger Herrscher einen Kaufmann auf, ihm zu sagen, welche Religion die wahre sei. Der Kaufmann antwortet nicht direkt, sondern erzählt eine Geschichte. Der Herrscher wird nachdenklich und bietet ihm am Ende seine Freundschaft an.

Beobachtung Merkmal der Aufklärung Deutung
Frage nach der wahren Religion Thema Toleranz zentrale Frage der Epoche
Antwort durch eine Geschichte Parabel, Belehrung Einsicht statt Befehl
Herrscher wird nachdenklich Wirkung der Vernunft auch die Mächtigen können lernen
Freundschaft am Ende Humanität Menschlichkeit verbindet über Grenzen
Dialog statt Gewalt vernünftiges Gespräch Konflikte werden friedlich gelöst

Du erkennst, wie die Form der Parabel den aufklärerischen Gedanken trägt: Der Zuschauer soll nicht belehrt werden, indem man ihm die Antwort vorschreibt, sondern indem er sie selbst erkennt. Genau das entspricht dem Leitbild des mündigen Menschen: Er soll nicht gehorchen, sondern verstehen. Wenn du eine Szene der Aufklärung untersuchst, achte deshalb darauf, wie Figuren miteinander sprechen, wer überzeugt und wer belehrt wird und ob am Ende Einsicht oder Gewalt steht.

Typische Fehler – und wie du sie vermeidest

Falsch Richtig Warum
Die Aufklärung lehnt jedes Gefühl ab. Die Empfindsamkeit ist Teil der Aufklärung. Vernunft und Mitgefühl gehören zusammen.
Im bürgerlichen Trauerspiel sind Könige die Helden. Bürgerliche Figuren werden tragische Helden. Lessing brach mit der Ständeklausel.
Nathan der Weise wirbt für eine einzige wahre Religion. Das Stück wirbt für Toleranz zwischen den Religionen. Die Ringparabel lässt die Frage offen.
Gottsched und Lessing vertreten dieselbe Dichtungslehre. Lessing kritisiert Gottscheds strenge Regeln. Er betont die Wirkung auf die Zuschauer.
Aufklärung ist nur ein Thema der Vergangenheit. Viele Ideen der Aufklärung prägen uns heute. Menschenrechte, Meinungsfreiheit, Bildung.

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