Deutsch Gymnasium · Jahrgangsstufe 10 · Lernbereich 3 (gültigen Lehrplan)
Die Analyse pragmatischer Texte: Schritt für Schritt zur ersten eigenen Analyse
Der Bürgermeister hält eine Rede zur Wiedereröffnung der sanierten Stadtbibliothek. Er beginnt mit einer Erinnerung an seine eigene Schulzeit, nennt dann Zahlen zu den Kosten, lobt das Engagement der Bürger und endet mit dem Satz, Bildung sei die beste Investition einer Stadt. In der Zeitung erscheint am nächsten Tag ein kritischer Kommentar zu derselben Rede. In der Jahrgangsstufe 10 lernst du, solche Sachtexte nicht nur zu verstehen, sondern eine vollständige schriftliche Analyse zu verfassen. Diese Seite führt dich Schritt für Schritt durch die Arbeit: von der Vorbereitung über den Einleitungssatz bis zur Untersuchung von Argumentation und Sprache.
1. Was eine Analyse leisten soll
Aus der Jahrgangsstufe 9 kennst du die Untersuchung von Sachtexten: Du hast Kernaussagen, Struktur, Argumentationsweise und Intention herausgearbeitet. Jetzt bündelst du diese Fähigkeiten zu einer eigenen Schreibform. Eine Analyse informiert über Inhalt, Struktur, argumentative und sprachliche Gestaltung eines anspruchsvollen pragmatischen Textes und erläutert, wie der Text seine Adressaten erreichen will und welche Absicht er verfolgt.
Eine Analyse ist keine Inhaltsangabe und keine Stellungnahme. Sie fragt nicht nur, was ein Text sagt, und auch nicht, ob du ihm zustimmst, sondern vor allem, wie und wozu er etwas sagt. Deine eigene Meinung kann am Ende in einer Bewertung folgen, wenn die Aufgabe das verlangt.
Merke: Die Analyse untersucht, wie ein Sachtext gestaltet ist und welche Wirkung und Absicht damit verbunden sind. Die eigene Meinung steht, wenn überhaupt, erst am Schluss.
2. Die Vorarbeit
Lies den Text zunächst vollständig und kläre die Textsorte: Handelt es sich um eine Rede, einen Kommentar, eine Glosse, einen Essay oder einen Leserbrief? Die Textsorte bestimmt, was du erwarten kannst. Eine Rede richtet sich an ein anwesendes Publikum, ein Kommentar vertritt eine klare Meinung, eine Glosse spitzt ironisch zu.
Suche dann die Hauptthese oder Kernaussage und markiere sie. Teile den Text in Sinnabschnitte und notiere am Rand für jeden Abschnitt in wenigen Worten seinen Inhalt und seine Funktion, etwa Einstieg mit Anekdote, These, Beleg durch Zahlen, Einwand, Appell. Unterstreiche auffällige sprachliche Mittel in einer anderen Farbe. Am Ende dieser Vorarbeit erstellst du eine kurze Gliederung deiner Analyse.
3. Einleitung und Hauptteil schreiben
Die Analyse beginnt mit einem Einleitungssatz, der die Grunddaten nennt. Eine bewährte Merkhilfe lautet TATTE: Textsorte, Autor, Titel, Thema und Erscheinungsort mit Erscheinungsdatum. Danach formulierst du die Hauptthese des Textes in eigenen Worten. Beispiel: „In seiner Rede zur Wiedereröffnung der Stadtbibliothek vertritt der Bürgermeister die Auffassung, dass sich Ausgaben für Bildung für eine Stadt langfristig auszahlen.“
Im Hauptteil stellst du zuerst den Argumentationsgang dar. Dabei folgst du den Sinnabschnitten, beschreibst aber nicht nur ihren Inhalt, sondern ihre Funktion. Verben wie leitet ein, behauptet, belegt, veranschaulicht, schränkt ein, widerlegt und fordert helfen dir dabei. Danach untersuchst du die sprachliche Gestaltung: Welche Mittel fallen auf, und wie stützen sie die Absicht des Textes? Fremde Aussagen gibst du im Konjunktiv I oder mit distanzierenden Formulierungen wieder.
| Sprachliches Mittel | Beispiel aus der Rede | Funktion |
|---|---|---|
| persönliche Anekdote | Erinnerung an die eigene Schulzeit | Nähe zum Publikum, Glaubwürdigkeit |
| Zahlen und Fakten | Angabe der Sanierungskosten | Sachlichkeit, Transparenz |
| Wir-Formulierungen | wir als Stadt haben gemeinsam | Gemeinschaftsgefühl |
| rhetorische Frage | Was wäre eine Stadt ohne Bibliothek? | Zustimmung wird unterstellt |
| Sentenz am Schluss | Bildung als beste Investition | einprägsames Fazit |
Ein eigener Gesichtspunkt deiner Analyse ist der Adressatenbezug. Frage, an wen sich der Text richtet und woran man das erkennt: an der Anrede, an den gewählten Beispielen, am vorausgesetzten Wissen, an der Stilebene. Der Bürgermeister spricht vor Bürgern, die die Sanierung mitfinanziert haben; deshalb dankt er ihnen ausdrücklich und erklärt die Kosten. Aus dem Adressatenbezug und der Gestaltung erschließt du die Intention: Will der Text informieren, überzeugen, rechtfertigen, unterhalten oder zum Handeln auffordern? Oft verfolgt ein Text mehrere Absichten zugleich, von denen eine im Vordergrund steht.
Besondere Aufmerksamkeit verdienen Texte, die mit Ironie arbeiten, etwa Glossen. Ironie sagt das Gegenteil des Gemeinten oder übertreibt so stark, dass die eigentliche Aussage durchscheint. In der Analyse musst du deshalb erklären, woran du die Ironie erkennst, zum Beispiel an einem Widerspruch zwischen Wortwahl und Sachverhalt, und was der Verfasser damit kritisiert. Häufig endet eine Glosse mit einer Pointe, einer überraschenden Zuspitzung, die die Kritik auf den Punkt bringt.
4. Den Schluss gestalten
Im Schluss fasst du zusammen, welche Absicht der Text verfolgt und mit welchen Mitteln er sie umsetzt. Du kannst einschätzen, ob die Argumentation schlüssig und die Gestaltung wirkungsvoll ist. Wenn die Aufgabe eine eigene Stellungnahme verlangt, trennst du sie deutlich von der Analyse, etwa mit einem eigenen Absatz und einer Überleitung wie: „Abschließend möchte ich die Position des Redners bewerten.“
Achte im ganzen Text auf das Präsens, auf eigene Formulierungen statt langer Zitate und auf Belege mit Zeilenangaben. Eine Analyse überzeugt, wenn jede Beobachtung belegt und jede Funktion erklärt ist. In der Jahrgangsstufe 11 und in der Oberstufe wirst du diese Schreibform weiterentwickeln, etwa durch den Vergleich zweier Texte zum selben Thema.
Zitiere sparsam und gezielt. Ein kurzes Zitat lohnt sich dort, wo es auf den genauen Wortlaut ankommt, etwa bei einem Schlüsselbegriff oder einer zugespitzten Formulierung. Setze es in Anführungszeichen, gib die Zeile an und baue es grammatisch korrekt in deinen Satz ein. Längere Passagen gibst du dagegen mit eigenen Worten wieder. So bleibt deine Analyse flüssig lesbar, und du zeigst, dass du den Text wirklich verstanden hast. Die Regeln des Zitierens kennst du bereits aus den Jahrgangsstufen 8 und 9.
Form und Wirkung: So setzt du es in deinem Text ein
Zwei Analyseabschnitte zum selben Absatz der Rede: Der erste lautet, der Bürgermeister erzähle von seiner Schulzeit und dann gehe es um Geld. Der zweite lautet, der Redner leite mit einer persönlichen Anekdote ein, um Nähe zum Publikum herzustellen, und belege anschließend seine These mit konkreten Zahlen zu den Kosten.
| Merkmal des zweiten Abschnitts | Analysetechnik | Wirkung |
|---|---|---|
| leite ein, belege | Funktionsverben | Argumentationsgang wird sichtbar |
| um Nähe herzustellen | Funktion benannt | Mittel wird gedeutet |
| Konjunktiv I | distanzierte Wiedergabe | Autor und Analysierender bleiben getrennt |
| Verweis auf Zahlen | Bezug auf den Text | Aussage wird nachprüfbar |
| sachlicher Ton | Analysesprache | Text wirkt fachlich |
Der zweite Abschnitt zeigt, worauf es ankommt: Er beschreibt nicht nur, sondern erklärt, wozu der Redner etwas tut. Prüfe deine eigenen Abschnitte auf dieselbe Weise: Steht in jedem Absatz neben der Beobachtung auch eine Erklärung der Wirkung? Wenn nicht, ergänze einen Satz, der mit Formulierungen wie dadurch, auf diese Weise oder damit die Funktion benennt.
Typische Fehler – und wie du sie vermeidest
| Falsch | Richtig | Warum |
|---|---|---|
| Die Analyse erzählt den Inhalt nach. | Sie erklärt die Funktion der Abschnitte. | Analyse heißt Gestaltung untersuchen. |
| Im Einleitungssatz fehlen Textsorte und Quelle. | TATTE: Textsorte, Autor, Titel, Thema, Erscheinungsort und -datum. | Der Leser braucht die Grunddaten. |
| Die eigene Meinung steht schon in der Einleitung. | Eine Bewertung folgt erst am Schluss. | Die Analyse bleibt zunächst sachlich. |
| Stilmittel werden nur aufgezählt. | Jedes Mittel wird in seiner Funktion erklärt. | Erst die Funktion ist aussagekräftig. |
| Der Redner sagt, Bildung ist wichtig. | Der Redner betont, Bildung sei wichtig. | Konjunktiv I für fremde Aussagen. |
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