Deutsch Wirtschaftsschule Bayern · Jahrgangsstufe 8 (vier- und dreistufige Wirtschaftsschule) · Schreiben (LehrplanPLUS)
Schreibportfolio: den Weg vom Entwurf zum fertigen Text dokumentieren
Kaum ein guter Text gelingt beim ersten Versuch. Zwischen dem ersten Entwurf und der fertigen Fassung liegen meist mehrere Überarbeitungen: Sätze werden umgestellt, Wörter ersetzt, Lücken gefüllt, Überflüssiges gestrichen. Ein Schreibportfolio macht diesen Weg sichtbar. Es sammelt Entwürfe, Rückmeldungen, überarbeitete Fassungen und deine eigenen Überlegungen dazu. Auf dieser Seite lernst du, welche Bestandteile ein Schreibportfolio hat, mit welchen Verfahren du einen Text überarbeitest, wie du Änderungen nachvollziehbar festhältst und wie du über deinen Schreibprozess nachdenkst. Alle Beispieltexte sind eigens für diese Seite geschrieben.
1. Was ein Schreibportfolio ist und wozu es dient
Ein Schreibportfolio ist eine geordnete Sammlung von Texten, die zu einer Schreibaufgabe gehören. Anders als ein Heft, in dem nur die fertigen Texte stehen, zeigt es den ganzen Arbeitsprozess: Wie sah der erste Entwurf aus? Welche Hinweise kamen von Mitschülerinnen, Mitschülern oder der Lehrkraft? Was wurde daraufhin geändert? Was hast du dabei gelernt?
Das Portfolio hat zwei Aufgaben. Für dich macht es deinen Lernfortschritt sichtbar: Du erkennst, welche Fehler du früher häufig gemacht hast und welche du inzwischen vermeidest. Für andere macht es deine Arbeit nachvollziehbar: Eine Lehrkraft kann sehen, wie du vorgegangen bist, und nicht nur das Ergebnis bewerten. Ob du dein Portfolio in einer Mappe oder digital in einem Ordner führst, entscheidet meist die Schule. Die Bestandteile sind in beiden Fällen dieselben.
2. Die Bestandteile eines Schreibportfolios
Ein vollständiges Schreibportfolio folgt einer festen Ordnung. So findest du dich und andere sich schnell zurecht.
| Bestandteil | Inhalt |
|---|---|
| Deckblatt | Name, Klasse, Thema, Zeitraum |
| Inhaltsverzeichnis | alle Teile mit Seitenzahl oder Dateiname |
| Schreibauftrag | die Aufgabenstellung, auf die sich alle Texte beziehen |
| Erstfassung | der erste Entwurf, unverändert aufbewahrt |
| Rückmeldungen | Checklisten, Kommentare, Hinweise anderer |
| überarbeitete Fassung | der Text nach der Überarbeitung, oft in mehreren Stufen |
| Reflexion | deine Überlegungen zum Schreibprozess |
Besonders wichtig ist, dass die Erstfassung unverändert bleibt. Wer seinen ersten Entwurf einfach überschreibt, kann später nicht mehr zeigen, was sich verbessert hat. Jede neue Fassung wird deshalb zusätzlich abgelegt und mit Datum oder einer Nummer gekennzeichnet, etwa „Fassung 1“, „Fassung 2“.
3. Überarbeiten mit vier Verfahren
Beim Überarbeiten helfen vier einfache Verfahren, mit denen du Sätze und Abschnitte gezielt verbesserst. Jedes Verfahren beantwortet eine andere Frage.
| Verfahren | Leitfrage | Beispiel |
|---|---|---|
| streichen | Was ist überflüssig oder doppelt? | „sehr wirklich wichtig“ → „wichtig“ |
| ersetzen | Gibt es ein genaueres Wort? | „machte einen Termin“ → „vereinbarte einen Termin“ |
| umstellen | Steht das Wichtige an der richtigen Stelle? | Satzglied an den Satzanfang setzen, um es zu betonen |
| ergänzen | Fehlt eine Information oder Begründung? | „… weil die Lieferung erst am Freitag kommt“ |
Diese Verfahren wendest du am besten in zwei Durchgängen an. Im ersten Durchgang achtest du auf den Inhalt: Ist alles Wichtige enthalten, stimmt die Reihenfolge, passt der Text zur Aufgabe? Im zweiten Durchgang achtest du auf Sprache und Richtigkeit: Wortwahl, Satzbau, Rechtschreibung und Zeichensetzung. Wer beides gleichzeitig versucht, übersieht leicht etwas.
Wir waren bei einer Firma. Die Firma macht Verpackungen. Da war es sehr sehr laut und es war interessant. Wir haben viel gesehen.
Am Dienstag besuchte unsere Klasse einen Hersteller von Verpackungen. In der Produktionshalle war es so laut, dass wir Gehörschutz tragen mussten. Besonders beeindruckt hat uns, wie schnell die Maschinen Kartons falten und kleben.
In der Überarbeitung wurde ergänzt (Tag, Grund für den Gehörschutz, konkrete Beobachtung), ersetzt („bei einer Firma“ durch „einen Hersteller von Verpackungen“, das ungenaue „Da“ durch „In der Produktionshalle“) und gestrichen (das doppelte „sehr“, die leere Aussage „Wir haben viel gesehen“). Außerdem wurden die beiden kurzen Sätze über die Firma zu einem verbunden. Aus einem Text, der kaum etwas mitteilt, ist ein anschaulicher Bericht geworden.
4. Änderungen nachvollziehbar festhalten
Damit andere sehen können, was du geändert hast, dokumentierst du deine Überarbeitungen. Auf Papier geschieht das mit Korrekturzeichen am Rand oder mit einer zweiten Farbe. In einem Textverarbeitungsprogramm gibt es dafür den Überarbeitungsmodus, oft auch „Änderungen nachverfolgen“ genannt. Ist er eingeschaltet, werden gelöschte Wörter durchgestrichen und neue Wörter farbig angezeigt. Mit der Kommentarfunktion kannst du außerdem am Rand festhalten, warum du etwas geändert hast.
Für die Ablage im Ordner hilft eine klare Benennung der Dateien. Ein Dateiname wie „Bericht_Betriebsbesichtigung_Fassung2_5-Okt“ zeigt sofort, um welchen Text und welche Stufe es sich handelt. Unklare Namen wie „Bericht_neu_final_wirklich“ führen dagegen schnell zu Verwechslungen.
Die automatische Rechtschreibprüfung eines Programms ist beim zweiten Durchgang eine Hilfe, ersetzt aber nicht dein eigenes Nachprüfen. Sie erkennt zum Beispiel nicht immer, ob „das“ oder „dass“ richtig ist. Welche Chancen und Grenzen solche Programme haben, erklärt die Seite zur Korrektursoftware. Bei Zweifeln schlägst du im Wörterbuch nach.
5. Über den eigenen Schreibprozess nachdenken: die Reflexion
Der letzte Bestandteil des Portfolios ist die Reflexion. Darin schreibst du, wie du vorgegangen bist, was dir gelungen ist, was schwierig war und was du beim nächsten Mal anders machen willst. Die Reflexion ist kein Lob und keine Selbstkritik um ihrer selbst willen, sondern eine ehrliche Auswertung mit konkreten Beispielen.
Hilfreiche Leitfragen sind: Was habe ich zwischen Erst- und Endfassung am stärksten verändert? Welche Rückmeldung hat mir am meisten geholfen und warum? Welcher Fehler ist mir mehrmals unterlaufen? Was nehme ich mir für den nächsten Text vor?
In meiner Erstfassung habe ich vor allem allgemein geschrieben, zum Beispiel „Wir haben viel gesehen“. Die Rückmeldung meiner Partnerin, ich solle eine konkrete Beobachtung nennen, hat mir am meisten geholfen. Deshalb habe ich die Maschinen beschrieben, die Kartons falten. Schwierig war für mich, kurze Sätze sinnvoll zu verbinden. Beim nächsten Bericht will ich schon im ersten Entwurf Tag, Ort und eine genaue Beobachtung nennen.
Die Reflexion steht in der Ich-Form. Für das, was du getan hast, verwendest du das Perfekt oder Präteritum, für Vorsätze das Präsens oder Futur. Jede Aussage wird mit einem Beispiel aus deinen Texten belegt.
So brauchst du es im Beruf
Auch in Unternehmen werden wichtige Texte in mehreren Fassungen erarbeitet, etwa Angebote, Verträge oder Präsentationen. Damit alle Beteiligten wissen, welche Fassung gilt und was sich geändert hat, wird ein kurzes Änderungsprotokoll geführt. In der Übungsfirma überarbeitet eine Auszubildende ein Angebot nach den Hinweisen ihrer Ausbilderin, Frau Kaya, und hält die Änderungen fest:
Angebot Schreibtischlampen, Fassung 2 vom 5. Oktober. Geändert gegenüber Fassung 1: Stückpreis von 24,00 Euro auf 22,50 Euro gesenkt, wie mit Frau Kaya besprochen. Lieferzeit von „bald“ auf „innerhalb von zehn Werktagen“ präzisiert. Doppelter Absatz zu den Zahlungsbedingungen gestrichen. Fassung 1 liegt unverändert im Ordner „Angebote/alt“.
| Bauteil | Stelle im Mustertext | woran du es erkennst |
|---|---|---|
| Kennzeichnung der Fassung | Fassung 2 vom 5. Oktober | Nummer und Datum zeigen den Stand |
| ersetzen | „bald“ → „innerhalb von zehn Werktagen“ | ungenaues Wort durch genaue Angabe ersetzt |
| streichen | doppelter Absatz gestrichen | Überflüssiges entfernt |
| Begründung | wie mit Frau Kaya besprochen | Grund der Änderung wird genannt |
| Aufbewahrung | Fassung 1 liegt unverändert im Ordner | ältere Fassung bleibt nachprüfbar |
Mit einem solchen Protokoll lässt sich jederzeit nachvollziehen, wer was wann und warum geändert hat. Das verhindert, dass versehentlich eine veraltete Fassung an eine Kundin verschickt wird.
Typische Fehler – und wie du sie vermeidest
| Falsch | Richtig | Warum |
|---|---|---|
| Die Erstfassung überschreiben. | Jede Fassung zusätzlich ablegen. | Nur so bleibt der Fortschritt sichtbar. |
| Inhalt und Rechtschreibung gleichzeitig prüfen. | In zwei Durchgängen überarbeiten. | So wird weniger übersehen. |
| Dateien „neu“ oder „final“ nennen. | Mit Fassungsnummer und Datum benennen. | Klare Namen verhindern Verwechslungen. |
| Nur der Rechtschreibprüfung vertrauen. | Selbst prüfen und im Wörterbuch nachschlagen. | Programme erkennen nicht jeden Fehler. |
| In der Reflexion nur „Es lief gut“ schreiben. | Konkret mit Beispielen aus den Texten reflektieren. | Erst Beispiele machen die Reflexion aussagekräftig. |
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