Deutsch Wirtschaftsschule Bayern · Jahrgangsstufe 8 (vier- und dreistufige Wirtschaftsschule) · Schreiben (LehrplanPLUS)

Kreativ schreiben: Texte verfremden, weiterschreiben und in eine andere Zeit übertragen

Kreatives Schreiben bedeutet nicht, ohne Regeln drauflos zu schreiben. Wer einen vorhandenen Text weiterführt, verändert oder in eine andere Zeit versetzt, muss ihn zuerst genau verstehen. Denn eine gelungene Umgestaltung passt zu den Figuren, zur Handlung und zur Sprache der Vorlage, oder sie verändert diese bewusst und erkennbar. Auf dieser Seite lernst du vier Verfahren kennen: weiterschreiben, verfremden, in Gegenwart oder Zukunft übertragen und eine Ballade umgestalten. An selbst geschriebenen Mustertexten siehst du, worauf es jeweils ankommt.

1. Vier Verfahren im Überblick

Alle vier Verfahren gehen von einer Textvorlage aus, also einem vorhandenen Text, den du als Ausgangspunkt nutzt. Sie unterscheiden sich darin, was du übernimmst und was du veränderst.

Verfahren was du tust was gleich bleibt
weiterschreiben eine Geschichte fortsetzen, etwa nach einem offenen Ende Figuren, Erzählperspektive, Zeitform, Stil
verfremden Ort, Figuren oder Textsorte bewusst verändern der Kern der Handlung
in Gegenwart oder Zukunft übertragen die Handlung in eine andere Zeit versetzen der Konflikt und die Figurenbeziehungen
Ballade umgestalten eine erzählende Ballade in eine andere Form bringen Handlungsverlauf und Figuren

Bevor du beginnst, liest du die Vorlage gründlich und hältst in Stichpunkten fest, wer handelt, was geschieht, aus welcher Sicht erzählt wird und in welcher Zeitform. Diese Notizen sind dein Maßstab: Alles, was du später schreibst, prüfst du daran, ob es zur Vorlage passt oder ob du bewusst davon abweichst.

2. Weiterschreiben: die Geschichte stimmig fortsetzen

Viele Kurzgeschichten enden offen und laden dazu ein, sie weiterzudenken. Beim Weiterschreiben gilt eine einfache Regel: Die Fortsetzung muss so klingen, als stamme sie aus derselben Feder. Das heißt, die Figuren behalten ihre Eigenschaften, die Erzählperspektive und die Zeitform bleiben gleich, und die Handlung knüpft an das an, was zuletzt geschehen ist.

Mustertext, für diese Seite geschrieben (Vorlage):
Noah zählte die Kasse zum zweiten Mal. Es fehlten zwanzig Euro. Die anderen aus der Schülerfirma packten schon ihre Taschen. Lea warf ihm einen kurzen Blick zu und sah dann schnell weg. Noah klappte die Kasse zu.
Mustertext, für diese Seite geschrieben (stimmige Fortsetzung):
Er wartete, bis die anderen gegangen waren. Dann ging er zu Lea, die noch am Fenster stand. „Hast du vorhin Wechselgeld geholt?“, fragte er leise. Lea zögerte. Dann zog sie einen gefalteten Schein aus ihrer Jackentasche und legte ihn auf den Tisch.

Die Fortsetzung bleibt in der Er-/Sie-Form und im Präteritum wie die Vorlage. Sie knüpft an Leas auffälligen Blick an und erklärt ihn, ohne alles aufzulösen. Auch der knappe Stil mit kurzen Sätzen wird beibehalten. Ein Bruch entstünde etwa, wenn Noah plötzlich in der Ich-Form erzählte oder wenn eine völlig neue Figur das Rätsel löste, die vorher nie erwähnt wurde.

3. Verfremden: bewusst etwas verändern

Beim Verfremden veränderst du einen Teil der Vorlage absichtlich, um eine neue Wirkung zu erzielen oder den Text aus einem anderen Blickwinkel zu zeigen. Du kannst den Ort verlegen, eine Figur austauschen oder die Textsorte wechseln. Wichtig ist, dass die Veränderung erkennbar ist und einen Zweck erfüllt.

Ein Beispiel: Die Geschichte von Noah und der fehlenden Kasse lässt sich als kurze Zeitungsmeldung neu schreiben. Dann ändern sich Sprache und Blickwinkel vollständig. Statt Gefühle und Blicke stehen sachliche Angaben im Vordergrund: wer, was, wann, wo. Die Spannung der Kurzgeschichte verschwindet, dafür wird sichtbar, wie unterschiedlich dasselbe Ereignis erzählt werden kann.

Mustertext, für diese Seite geschrieben (verfremdet als Meldung):
Beim Abrechnen der Schülerfirma fehlten am Freitagnachmittag zwanzig Euro in der Kasse. Der Betrag tauchte noch am selben Tag wieder auf. Eine Mitschülerin hatte ihn als Wechselgeld entnommen und vergessen, dies zu notieren.

Andere Formen des Verfremdens sind ein Wechsel der Erzählperspektive, etwa wenn Lea selbst in der Ich-Form erzählt, oder ein Ortswechsel, etwa vom Klassenzimmer auf einen Marktstand. Jedes Mal lohnt es sich zu fragen: Was zeigt die neue Fassung, was die alte nicht zeigt?

4. In Gegenwart oder Zukunft übertragen

Manche Texte spielen in einer früheren Zeit. Wer sie in die Gegenwart oder in eine vorstellbare Zukunft überträgt, prüft zuerst, was zeitgebunden ist und was zeitlos. Zeitgebunden sind Gegenstände, Berufe, Verkehrsmittel und oft auch die Sprache. Zeitlos sind meist der Konflikt und die Beziehungen zwischen den Figuren.

Mustertext, für diese Seite geschrieben (Vorlage aus früherer Zeit):
Der Kaufmannslehrling trug den Brief zu Fuß in die Nachbarstadt. Sein Meister hatte ihm eingeschärft, ihn nur dem Händler selbst zu übergeben. Am Stadttor machte ihm ein Fremder das Angebot, den Brief für eine Münze weiterzutragen.

Überträgst du diese Szene in die Gegenwart, wird aus dem Fußweg eine Zugfahrt, aus dem Brief vielleicht ein wichtiges Paket mit Vertragsunterlagen und aus dem Fremden am Stadttor ein freundlicher Mann am Bahnsteig. Der Konflikt bleibt derselbe: Soll der junge Mensch seinen Auftrag zuverlässig erfüllen oder den bequemeren Weg wählen? Bei einer Übertragung in die Zukunft kannst du noch weiter gehen, solange die Welt, die du erfindest, in sich stimmig bleibt und der Kern der Handlung erkennbar ist.

5. Eine Ballade umgestalten

Eine Ballade ist ein Gedicht, das eine spannende Geschichte erzählt. Sie besteht aus Strophen, enthält oft wörtliche Rede und steuert auf einen dramatischen Höhepunkt zu. Sie verbindet damit Merkmale der Lyrik, der Epik und der Dramatik. Gerade deshalb eignet sie sich gut zum Umgestalten: Ihre Handlung lässt sich als Erzählung, als Zeitungsbericht oder als Spielszene neu fassen.

Mustertext, für diese Seite geschrieben (kurze Ballade):
Der Bote reitet durch den Schnee,
die Tasche schwer, die Hände weh.
„Der Auftrag muss bis Mitternacht
dem Händler in die Stadt gebracht!“
Das Eis am Fluss, es knackt und bricht,
der Bote wankt, doch fällt er nicht.
Um Mitternacht, da klopft es laut:
Der Händler hat ihm fest vertraut.

Wer diese Ballade als Spielszene umgestaltet, verwandelt die erzählten Teile in Regieanweisungen und die wörtliche Rede in Dialoge. Wer sie als Zeitungsbericht umgestaltet, schreibt im Präteritum, beantwortet die W-Fragen und verzichtet auf Reim und Strophen. In jedem Fall bleiben die Figuren, der Weg durch den Schnee, die Gefahr am Fluss und das pünktliche Ankommen erhalten.

Merke: Erst die Vorlage verstehen, dann gestalten. Beim Weiterschreiben bleiben Figuren, Perspektive, Zeitform und Stil gleich. Beim Verfremden und Übertragen veränderst du bewusst einzelne Teile, aber der Kern der Handlung bleibt erkennbar.

So brauchst du es im Beruf

Kreatives Schreiben mit Vorlagen kommt auch in Unternehmen vor, zum Beispiel bei Schulungen. Für eine Schulung im Kundendienst der Übungsfirma soll ein begonnenes Gesprächsbeispiel so weitergeschrieben werden, dass es zeigt, wie man eine Reklamation freundlich und lösungsorientiert behandelt.

Mustertext, für diese Seite geschrieben:
KUNDE: Guten Tag, die Brotdose, die ich bestellt habe, ist beim Öffnen gebrochen.
MITARBEITERIN: Das tut mir leid. Darf ich Ihre Bestellnummer aufnehmen?
KUNDE: Die Nummer ist 30825.
MITARBEITERIN: Danke. Ich schicke Ihnen heute noch eine neue Dose und lege einen Rücksendeschein für die beschädigte bei.
KUNDE: Das ging ja schnell. Vielen Dank.
Bauteil Stelle im Mustertext woran du es erkennst
Vorlage die ersten beiden Redebeiträge Problem und erste Reaktion sind vorgegeben
stimmige Fortsetzung Bestellnummer, Lösung, Dank Die Figuren bleiben höflich und sachlich
beibehaltene Form Figurennamen in Großbuchstaben, Dialog Die Textsorte der Vorlage wird fortgeführt
Ziel der Schulung schnelle, konkrete Lösung Die Fortsetzung zeigt das gewünschte Verhalten

Eine Fortsetzung, die zur Vorlage passt, macht das Schulungsbeispiel glaubwürdig. Würde die Mitarbeiterin im zweiten Teil plötzlich unfreundlich oder der Kunde ohne Grund begeistert, wäre das Beispiel für die Schulung wertlos.

Typische Fehler – und wie du sie vermeidest

Falsch Richtig Warum
Beim Weiterschreiben in die Ich-Form wechseln. Die Erzählperspektive der Vorlage beibehalten. Sonst passt die Fortsetzung nicht zur Vorlage.
Eine neue Figur löst plötzlich alles. An vorhandene Figuren und Hinweise anknüpfen. Die Handlung bleibt stimmig.
Beim Verfremden alles verändern. Einen Teil bewusst ändern, den Kern erhalten. Die Vorlage muss erkennbar bleiben.
Beim Übertragen in die Gegenwart den Konflikt austauschen. Zeitgebundenes ändern, den Konflikt erhalten. Der Konflikt trägt die Geschichte.
Ohne Notizen zur Vorlage losschreiben. Erst Figuren, Handlung, Perspektive und Zeitform notieren. Die Notizen sind der Maßstab für die Überprüfung.

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