Deutsch Mittelschule Bayern · Jahrgangsstufe 6 · Sprachgebrauch und Sprache untersuchen und reflektieren (LehrplanPLUS)

Die Zeitenfolge: Vorzeitigkeit und Nachzeitigkeit

Wer von zwei Handlungen erzählt, muss sagen, welche zuerst geschah. Das zeigt die Zeitform des Verbs. Die Zeitform, auch Tempus genannt, verrät, wann etwas geschieht. Wie die Zeitformen zweier Handlungen zusammenpassen, nennt man Zeitenfolge. Hier lernst du, welche Zeit zu welcher gehört.

1. Vorher, gleichzeitig, nachher: die drei Zeitverhältnisse

Bei zwei Handlungen wählst du eine als Bezug. Von ihr aus schaust du auf die andere Handlung. Läuft die andere früher ab, ist sie vorzeitig. Läuft sie später ab, ist sie nachzeitig. Laufen beide zur gleichen Zeit ab, sind sie gleichzeitig.

Bezug: Der Gärtner goss die Beete.

vorzeitig: Er hatte vorher Wasser geholt.

nachzeitig: Danach harkte er den Weg.

gleichzeitig: Dabei pfiff er leise.

Die Zeitform des Bezugs ist der Maßstab. Die Zeitform der anderen Handlung richtet sich nach ihr. Im Beispiel steht der Bezug im Präteritum, der Zeitform des schriftlichen Erzählens von Vergangenem.

Bei Gleichzeitigkeit stehen beide Handlungen in der gleichen Zeitform. Im Präteritum heißt es Während der Gärtner goss, schnurrte die Katze. Im Präsens, der Gegenwartsform, heißt es Während der Gärtner gießt, schnurrt die Katze. Mehr musst du dabei nicht beachten.

Merke: Vorzeitig heißt früher, nachzeitig heißt später, gleichzeitig heißt zur gleichen Zeit. Alles hängt davon ab, welche Handlung du als Bezug wählst.

2. Vorzeitigkeit: Die frühere Handlung braucht die frühere Zeitform

Zeichne dir einen Zeitstrahl. Links liegt das Früheste, rechts das Späteste. Die frühere Handlung liegt links vom Bezug, die spätere rechts davon. Je weiter links, desto früher geschah die Handlung.

Steht der Bezug im Präteritum, steht die frühere Handlung im Plusquamperfekt. Das Plusquamperfekt ist die Vorvergangenheit. Es besteht aus hatte oder war und einem zweiten Verbteil wie geholt oder gegangen. Wie du es bildest, erklärt die Seite zu Plusquamperfekt und Futur I. Hier geht es nur darum, wann es passt.

Steht der Bezug im Präsens, steht die frühere Handlung im Perfekt. Das Perfekt ist eine Zeitform der Vergangenheit. Es besteht aus hat oder ist und dem zweiten Verbteil.

Nachdem der Meister das Tor aufgeschlossen hatte, betrat der Lehrling die Halle.

Nachdem der Meister das Tor aufgeschlossen hat, betritt der Lehrling die Halle.

Nachdem die Nachbarin vom Markt zurückgekehrt war, fütterte sie die Hühner.

Bewegungsverben wie zurückkehren oder gehen bilden die Formen mit war und ist. Die Zeitenfolge ändert sich dadurch nicht.

Die Konjunktion nachdem leitet die frühere Handlung ein. Solche Wörter weisen auf das Zeitverhältnis hin und heißen Signalwörter. Eine Konjunktion ist ein Bindewort zwischen zwei Sätzen. Der Satz mit nachdem ist ein Nebensatz. Ein Nebensatz kann allein nicht stehen und braucht einen Hauptsatz. Ein Hauptsatz kann allein stehen. Zwischen Nebensatz und Hauptsatz steht ein Komma.

Auch Wörter im Hauptsatz zeigen die frühere Handlung, zum Beispiel vorher, zuvor, schon und bereits. Ein Beispiel: Der Lehrling hatte die Kette schon geölt, als der Meister kam.

Merke: Früher als der Bezug heißt: Plusquamperfekt zum Präteritum, Perfekt zum Präsens. Das Signalwort nachdem steht vor der früheren Handlung.

3. Nachzeitigkeit: Die spätere Handlung

Nachzeitig ist eine Handlung, wenn sie nach dem Bezug folgt. Welche Zeitform sie bekommt, hängt von der Zeit des Bezugs ab.

Steht der Bezug im Präsens, kannst du für das Spätere das Futur I nehmen. Das Futur I steht für Bevorstehendes. Es besteht aus wird und der Grundform des Verbs. Oft genügt auch das Präsens mit einem Signalwort wie danach.

Der Gärtner gießt die Beete, danach wird er den Weg harken.

Der Gärtner gießt die Beete, danach harkt er den Weg.

Steht der Bezug im Präteritum, gibt es für das Spätere keine eigene Zeitform. Es steht ebenfalls im Präteritum. Wörter wie danach, später oder anschließend zeigen die Reihenfolge.

Der Gärtner goss die Beete, danach harkte er den Weg.

Die Konjunktionen bevor und ehe nennen die spätere Handlung. Beide Sätze stehen in der gleichen Zeitform.

Bevor der Gärtner den Weg harkte, goss er die Beete.

Zuerst geschah das Gießen, dann das Harken. Der Nebensatz mit bevor bekommt kein Plusquamperfekt, denn er nennt nichts Früheres.

Merke: Nachzeitig zum Präsens: Futur I oder Präsens mit Signalwort. Nachzeitig zum Präteritum: ebenfalls Präteritum. Nach bevor und ehe steht die gleiche Zeitform wie im Hauptsatz.

4. Signalwörter und Konjunktionen erkennen

Bestimmte Wörter verraten dir das Zeitverhältnis. Achte im Satz auf sie, dann findest du die richtige Zeitform schneller.

Wort Das zeigt es Zeitform
nachdem Der Nebensatz nennt die frühere Handlung Plusquamperfekt zum Präteritum, Perfekt zum Präsens
vorher, zuvor, schon, bereits Der Satz nennt eine frühere Handlung Plusquamperfekt zum Präteritum, Perfekt zum Präsens
bevor, ehe Der Nebensatz nennt die spätere Handlung Gleiche Zeitform wie der Hauptsatz
danach, anschließend, später, dann Der Satz nennt eine spätere Handlung Präteritum zum Präteritum, Futur I oder Präsens zum Präsens
während, dabei Beide Handlungen laufen gleichzeitig Gleiche Zeitform

Die Reihenfolge der Sätze muss nicht der Reihenfolge der Ereignisse folgen. Der Nebensatz mit nachdem kann auch hinter dem Hauptsatz stehen. Die Zeitformen bleiben dabei gleich.

Der Gärtner goss die Beete, nachdem er Wasser geholt hatte.

Prüfe also die Zeitformen und nicht die Stellung im Satz. Ein Signalwort allein genügt nicht. Entscheidend ist, welche Handlung wirklich zuerst geschah. Frage zuerst nach der Reihenfolge der Ereignisse und erst danach nach dem Wort.

5. So gehst du vor: drei Fragen und eine Übersicht

Mit drei Fragen findest du bei jedem Satzpaar die richtige Zeitform.

  1. Welche Handlung geschah zuerst, welche danach?
  2. In welcher Zeitform steht der Bezug, im Präsens oder im Präteritum?
  3. Welche Zeitform gehört zur früheren und welche zur späteren Handlung?
Bezug Frühere Handlung Gleichzeitige Handlung Spätere Handlung
Präteritum Plusquamperfekt Präteritum Präteritum, dazu ein Signalwort
Präsens Perfekt Präsens Futur I oder Präsens, dazu ein Signalwort

Wende die drei Fragen auf ein Satzpaar aus dem Verein an: Der Verein baute den Marktstand auf. Der Wagen war schon angekommen. Zuerst kam der Wagen an. Der Bezug baute auf steht im Präteritum. Die frühere Handlung steht daher im Plusquamperfekt, und war angekommen zeigt genau das. Das Wort schon bestätigt es.

Probiere es an einem Satzpaar aus der Schulküche: Die Köchin schneidet die Zwiebeln. Vorher hat sie die Hände gewaschen. Das Händewaschen geschah zuerst. Der Bezug schneidet steht im Präsens. Die frühere Handlung steht also im Perfekt, und genau das zeigt hat gewaschen. Mit nachdem entsteht daraus ein Satz: Nachdem die Köchin die Hände gewaschen hat, schneidet sie die Zwiebeln.

Merke: Kläre zuerst die Reihenfolge der Ereignisse. Wähle erst danach die Zeitformen. Wer umgekehrt vorgeht, verwechselt Vorzeitigkeit und Nachzeitigkeit leicht.

So prüfst du es im Quali

Der folgende Text spielt auf dem Bauernhof. Er zeigt die Zeitenfolge in Aktion.

(1) Der Landwirt melkte die Kühe. (2) Vorher hatte er das Futter verteilt. (3) Nachdem er die Milchkannen gespült hatte, öffnete er das Stalltor. (4) Danach trieb er die Kühe auf die Weide. (5) Am Abend holte er sie zurück.

Lies die Tabelle Zeile für Zeile. Zuerst steht das Verb mit seiner Zeitform, dann das Zeitverhältnis zu einer anderen Handlung des Textes. Jedes Signalwort hilft dir beim Einordnen.

Satz Verb und Zeitform Zeitverhältnis
(1) melkte: Präteritum Bezug
(2) hatte verteilt: Plusquamperfekt vorzeitig zu Satz (1); Signalwort vorher
(3) hatte gespült: Plusquamperfekt; öffnete: Präteritum Der nachdem-Satz ist vorzeitig zum Öffnen
(4) trieb: Präteritum nachzeitig zu Satz (3); Signalwort danach
(5) holte: Präteritum nachzeitig zu Satz (4); Signalwort am Abend

Quali steht für den Qualifizierenden Abschluss der Mittelschule am Ende von Jahrgangsstufe 9. Der Prüfungsteil B heißt Sprachgebrauch – Sprachbetrachtung und Rechtschreiben. Zeitformen einzuordnen und die Reihenfolge von Handlungen zu erkennen ist ein Stück Sprachbetrachtung. Wer die Zeitenfolge beherrscht, ist früh für den Prüfungsteil B gerüstet.

Typische Fehler – und wie du sie vermeidest

Falsche Zeitformen entstehen meist, weil die Reihenfolge der Handlungen unklar bleibt. Fünf Beispiele stehen in der Tabelle.

Falsch Richtig Warum
Nachdem der Meister das Tor aufschloss, betrat der Lehrling die Halle. Nachdem der Meister das Tor aufgeschlossen hatte, betrat der Lehrling die Halle. Die frühere Handlung braucht die frühere Zeitform. Im Unterricht gilt hier die klare Regel der Zeitenfolge.
Der Landwirt hatte die Kühe gemolken. Vorher verteilte er das Futter. Der Landwirt melkte die Kühe. Vorher hatte er das Futter verteilt. Das Plusquamperfekt gehört zur früheren Handlung, hier zum Verteilen. Vorher zeigt das an.
Nachdem er den Motor geprüft hat, schraubte er den Deckel auf. Nachdem er den Motor geprüft hatte, schraubte er den Deckel auf. Steht der Hauptsatz im Präteritum, steht die frühere Handlung im Plusquamperfekt und nicht im Perfekt.
Bevor der Gärtner den Weg geharkt hatte, goss er die Beete. Bevor der Gärtner den Weg harkte, goss er die Beete. Der bevor-Satz nennt die spätere Handlung. Er steht in der gleichen Zeitform wie der Hauptsatz.
Er goss die Beete, danach wird er den Weg harken. Er goss die Beete, danach harkte er den Weg. Das Futur I steht für Bevorstehendes. In einer Erzählung im Präteritum folgt das Spätere ebenfalls im Präteritum.

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