Englisch Gymnasium · Oberstufe (Jahrgangsstufe 12/13) · Text- und Medienkompetenzen (gültigen Lehrplan)
Shakespeare und das elisabethanische Theater
William Shakespeare ist der meistgespielte Dramatiker der Welt, und viele seiner Wendungen gehören bis heute zum Alltagsenglisch. Um seine Stücke zu verstehen, hilft ein Blick auf die Bühne, für die er schrieb: ein offenes Holztheater am Südufer der Themse, ohne Kulissen, mit Jungen in Frauenrollen und einem Publikum, das im Hof stand und lautstark mitging. Der Lehrplan der Oberstufe nennt Theater und Gesellschaft im elisabethanischen Zeitalter als Thema. Diese Seite ordnet Autor, Bühne, Sprache und Gattungen ein.
Das kannst du schon: Grundbegriffe der Dramen- und Erzählanalyse kennst du seit Jahrgangsstufe 10 und 11, Sprachwandel und Lehnwörter seit Jahrgangsstufe 7. Dort hast du gesehen, wie sehr sich das Englische über die Jahrhunderte verändert hat.
Das kommt noch: Im grundlegenden Niveau liest du einen kurzen Shakespeare-Auszug, etwa ein Sonett oder einen Monolog. Im erhöhten Niveau erschließt du ein ganzes Drama mit Aufführung oder Verfilmung und beschäftigst dich mit Shakespeare heute.
1. Der Autor und seine Zeit
Shakespeare stammte aus Stratford-upon-Avon und arbeitete in London als Schauspieler, Autor und Teilhaber einer Schauspieltruppe. Er schrieb unter Elisabeth I. und ihrem Nachfolger Jakob I., in einer Zeit großer Umbrüche: Seefahrt, Handel und Hauptstadt wuchsen, religiöse und politische Spannungen blieben spürbar.
| Bereich | Hintergrund |
|---|---|
| Truppe | Lord Chamberlain’s Men, unter Jakob I. die King’s Men |
| Werk | Dramen, zwei Versepen und 154 Sonette |
| Weltbild | Great Chain of Being: eine von Gott gewollte Ordnung von Gott über König bis Tier |
| Gefahren | Pest: Theater wurden bei Seuchen immer wieder geschlossen |
| Kritik | Puritaner lehnten das Theater als unmoralisch ab |
Merke: Viele Konflikte in Shakespeares Dramen entstehen, wenn jemand diese Ordnung stört – etwa durch Königsmord. Das Publikum verstand das als Bedrohung der ganzen Welt.
2. Das Globe Theatre
Shakespeares Truppe spielte ab der Jahrhundertwende vor allem im Globe Theatre auf der Bankside, dem Südufer der Themse. Die Theater lagen bewusst außerhalb der Zuständigkeit der Stadt London, deren Behörden das Theater misstrauisch beäugten.
| Merkmal | Folge für die Aufführung |
|---|---|
| rundes, offenes Holzgebäude | Spiel bei Tageslicht, Wetter spielt mit |
| Stehplätze im Hof (groundlings) | billiges, lautes, nahes Publikum |
| Bühne ragt in den Hof | enger Kontakt, direkte Ansprache |
| kaum Kulissen | Ort und Zeit entstehen durch Sprache |
| nur männliche Schauspieler | Frauenrollen spielen Jungen |
Im Prolog zu Henry V spricht der Chor das Publikum direkt an und nennt das Theater selbst „this wooden O“. Die Zuschauer sollen die Lücken der Bühne mit ihrer Vorstellungskraft füllen.
Merke: Das heutige Shakespeare’s Globe in London ist ein Nachbau nahe der ursprünglichen Stelle. Das Original brannte ab, als bei einer Aufführung eine Bühnenkanone das Strohdach entzündete.
3. Gattungen
Die erste Gesamtausgabe von Shakespeares Dramen, das First Folio, ordnete die Stücke in drei Gruppen. Später kam eine vierte Bezeichnung für die späten Stücke hinzu.
| Gattung | Merkmale | Beispiele |
|---|---|---|
| comedy | Verwechslungen, Liebe, glückliches Ende, oft Hochzeit | A Midsummer Night’s Dream, Twelfth Night |
| tragedy | Fall einer bedeutenden Figur, tragischer Fehler, Tod | Hamlet, Macbeth, Romeo and Juliet |
| history | englische Könige, Macht und Legitimität | Richard III, Henry V |
| romance (später Begriff) | Verlust, Versöhnung, Wunderbares | The Tempest, The Winter’s Tale |
Merke: Die Grenzen sind fließend. Auch Tragödien enthalten komische Szenen, und manche Komödien haben dunkle Seiten.
4. Die Sprache: Vers und Prosa
Shakespeare schrieb Early Modern English, nicht Altenglisch. Der Wortschatz ist uns näher, als er zunächst wirkt. Typisch sind der Wechsel zwischen Vers und Prosa und die Anredeformen.
| Merkmal | Erklärung | Beispiel |
|---|---|---|
| blank verse | ungereimter fünfhebiger Jambus | To be, or not to be, that is the question |
| Reimpaar | oft am Ende einer Szene | markiert Abschluss |
| prose | eher für Komik und einfache Figuren | Diener, Narren, Briefe |
| thou / you | thou vertraut oder herablassend, you höflich oder Plural | Wechsel zeigt Beziehung |
| wherefore | warum | Wherefore art thou Romeo? = Warum bist du Romeo? |
Der Wechsel zwischen Vers und Prosa ist ein Analysesignal: Wenn eine Figur plötzlich in Prosa spricht, kann das Wahnsinn, Verstellung oder einen sozialen Unterschied anzeigen.
5. Sprachreflexion: Englisch und Deutsch im Vergleich
Kaum ein fremdsprachiger Autor ist im Deutschen so heimisch geworden wie Shakespeare. Im Sturm und Drang feierten junge Autoren ihn als Genie, das sich nicht an die strengen Regeln des französischen Theaters hielt. Die Übersetzung von August Wilhelm Schlegel und Ludwig Tieck, an der weitere Übersetzer mitarbeiteten, prägt bis heute viele deutsche Zitate.
| Englisch | deutsche Schlegel-Tieck-Tradition |
|---|---|
| To be, or not to be, that is the question | Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage |
| Something is rotten in the state of Denmark | Etwas ist faul im Staate Dänemark |
| The rest is silence | Der Rest ist Schweigen |
| blank verse | Blankvers |
Auch formal wirkte Shakespeare nach: Der Blankvers wurde zum Vers des deutschen Dramas, etwa in Lessings Nathan der Weise und in vielen Dramen Schillers. Wer Shakespeare auf Englisch liest, begegnet also einer Form, die er aus dem Deutschunterricht kennt.
6. Anwendung: The Prologue to Henry V
Can this cockpit hold / The vasty fields of France? Or may we cram / Within this wooden O the very casques / That did affright the air at Agincourt?
Analysis: The Chorus asks the audience whether a small theatre can show a great battle. It calls the stage a “cockpit” and a “wooden O” – an ironic understatement that points to the round Globe. Later in the Prologue it asks the spectators to “piece out our imperfections with your thoughts”. The bare stage becomes an invitation to imagine.
Vokabelhilfe
| Englisch | Deutsch |
|---|---|
| cockpit | Hahnenkampfgrube (abwertend für kleine Bühne) |
| vasty | weit, riesig (altertümlich) |
| cram | hineinzwängen |
| casque | Helm (altertümlich) |
| affright | erschrecken (altertümlich) |
| piece out | ergänzen |
| imperfection | Unvollkommenheit |
| spectator | Zuschauer |
Gut zu wissen: Die Verse stammen aus Shakespeares Henry V und sind gemeinfrei; die Analyse ist für diese Seite geschrieben. Für das erhöhte Niveau: Shakespeare heute zeigt sich in Neuinszenierungen der Royal Shakespeare Company in Stratford, im Globe und in Adaptionen wie West Side Story, die auf Romeo and Juliet beruht.
7. Typische Fehler – und wie du sie vermeidest
| Falsch | Richtig | Warum? |
|---|---|---|
| Shakespeare wrote in Old English. | Shakespeare wrote in Early Modern English. | Altenglisch ist viel älter. |
| „Wherefore art thou Romeo?“ means „Where are you?“ | It means „Why are you Romeo?“ | wherefore = warum. |
| Women played Juliet and Lady Macbeth. | Boys played the female roles. | Nur männliche Schauspieler. |
| All of Shakespeare’s plays are written in rhyme. | Most of the verse is unrhymed blank verse. | Reim eher an Szenenenden. |
| The Globe had elaborate scenery. | The Globe used very little scenery. | Ort entsteht durch Sprache. |
| The groundlings were the richest spectators. | The groundlings paid least and stood in the yard. | Billige Stehplätze. |
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