Deutsch Gymnasium · Jahrgangsstufe 9 · Lernbereich 3 (gültigen Lehrplan)

Rhetorische Mittel gezielt einsetzen: Tempuswechsel, Übertreibung, rhetorische Frage

In der Schülerzeitung erscheint eine Glosse über den Schulbus: „Wer hat nicht schon tausend Stunden an dieser Haltestelle verbracht? Gestern war es wieder so weit. Wir warteten im Regen. Dann, endlich, biegt ein Bus um die Ecke. Er hält. Die Türen öffnen sich. Und der Fahrer ruft: Leider voll!“ Der Text arbeitet mit einer Frage, auf die niemand eine Antwort erwartet, mit einer offensichtlichen Übertreibung und mit einem plötzlichen Wechsel vom Präteritum ins Präsens. Diese Mittel sind kein Zufall, sondern vom Verfasser gezielt gewählte rhetorische Mittel. In der Jahrgangsstufe 9 lernst du, drei von ihnen bewusst in deinen eigenen Texten einzusetzen und ihre Wirkung in fremden Texten zu beschreiben.

1. Der Tempuswechsel

Wir warteten im Regen. Dann, endlich, biegt ein Bus um die Ecke. Er hält. Bis hierher wurde im Präteritum erzählt, nun springt der Text ins Präsens. Der Leser hat plötzlich das Gefühl, selbst mitten im Regen an der Haltestelle zu stehen.

Ein Tempuswechsel ist der bewusste Wechsel der Zeitform innerhalb eines Textes. Am häufigsten ist der Wechsel vom Präteritum ins Präsens an einer spannenden Stelle; man spricht dann vom szenischen oder historischen Präsens. Es rückt das Geschehen nah an den Leser heran und erzeugt Spannung und Unmittelbarkeit. Ein Wechsel ins Plusquamperfekt kann dagegen eine Rückblende einleiten, also etwas, das vor der eigentlichen Handlung geschah. Wichtig ist dabei vor allem, dass der Wechsel erkennbar gewollt ist und an einer passenden Stelle steht. Ein ungewollter Tempuswechsel, wie er beim schnellen Schreiben passiert, wirkt dagegen wie ein Fehler. Das Leittempus, das du aus der Jahrgangsstufe 5 kennst, bleibt deshalb die Grundlage; der Wechsel ist die gezielte Ausnahme.

Der griechische Fachbegriff: rhetorike heißt Redekunst; rhetorische Mittel sind Mittel der wirkungsvollen Rede. hyperbole heißt Übermaß; die Hyperbel ist die Übertreibung. litotes heißt Schlichtheit; die Litotes ist eine Untertreibung, oft durch Verneinung des Gegenteils.

Besonders stark wirkt der Tempuswechsel, wenn er mit dem Satzbau zusammenspielt. Im Beispiel folgen auf den Wechsel ins Präsens drei sehr kurze Hauptsätze: Er hält. Die Türen öffnen sich. Diese Parataxe, die du aus der Jahrgangsstufe 7 kennst, verstärkt das Gefühl, das Geschehen Schritt für Schritt mitzuerleben. Tempus und Satzbau arbeiten hier also eng zusammen.

2. Übertreibung und Untertreibung

Tausend Stunden an der Haltestelle. Ich habe dir das schon hundertmal gesagt. Der Bus kommt nie pünktlich. Niemand nimmt diese Aussagen wörtlich, und doch wirken sie stärker als jede genaue Angabe.

Die Übertreibung, in der Fachsprache Hyperbel, stellt etwas viel größer, stärker oder häufiger dar, als es tatsächlich ist. Sie verstärkt Gefühle wie Ärger, Begeisterung oder Ungeduld deutlich und wirkt oft komisch, besonders in Glossen und humorvollen Texten. Das Gegenstück ist die Untertreibung. Eine besondere Form davon ist die Litotes, die etwas durch die Verneinung des Gegenteils ausdrückt: Das war nicht schlecht, statt: Das war gut. Sie wirkt zurückhaltend, kann aber gerade dadurch Anerkennung oder Ironie ausdrücken. Beide Mittel brauchen jedoch Maß: Wer ständig übertreibt, wird nicht mehr ernst genommen, und in sachlichen Texten wie Berichten oder Protokollen haben Übertreibungen keinen Platz.

3. Die rhetorische Frage

Wer hat nicht schon tausend Stunden an dieser Haltestelle verbracht? Niemand erwartet hier eine Antwort. Der Satz sieht zwar aus wie eine Frage, ist aber eigentlich eine versteckte Feststellung: Jeder hat schon lange gewartet.

Eine rhetorische Frage ist eine Frage, auf die keine Antwort erwartet wird, weil die Antwort selbstverständlich erscheint. Sie bezieht den Leser oder Zuhörer ein, regt zum Nachdenken an und lässt eine Aussage nachdrücklicher wirken als eine einfache Behauptung. In Reden, Kommentaren und Glossen begegnet sie dir deshalb besonders häufig. Auf der Seite über Manipulation durch Sprache hast du die Suggestivfrage kennengelernt, die eine bestimmte Antwort nahelegt. Die rhetorische Frage ist ihr verwandt; in fairer Argumentation ersetzt sie aber kein Argument, sondern unterstreicht eines, das du begründet hast.

Mittel Beispiel Wirkung
Tempuswechsel ins Präsens Dann biegt ein Bus um die Ecke. Spannung, Unmittelbarkeit
Tempuswechsel ins Plusquamperfekt Am Morgen hatte es noch geschneit. Rückblende
Hyperbel tausend Stunden gewartet Verstärkung, Komik
Litotes Das war nicht schlecht. Zurückhaltung, Ironie
rhetorische Frage Wer kennt das nicht? Einbeziehung, Nachdruck

4. Rhetorische Mittel im eigenen Text

Die Klassensprecherin bereitet eine kurze Rede zum Abschied einer Lehrerin vor. Ihr erster Entwurf lautet: Sie waren eine gute Lehrerin. Wir danken Ihnen. Im zweiten Entwurf heißt es: Wer hätte gedacht, dass Mathematik so spannend sein kann? Sie haben es tausendmal erklärt, und keinmal haben Sie die Geduld verloren. Nicht schlecht, oder?

Rhetorische Mittel machen Texte lebendig und wirkungsvoll, wenn sie zur Textsorte und zur Absicht passen. In Reden, Kommentaren, Glossen und Erzählungen sind sie willkommen; in Berichten, Protokollen und Inhaltsangaben stören sie. Setze sie sparsam und an wichtigen Stellen ein: am Anfang, um Aufmerksamkeit zu wecken, und am Höhepunkt oder Schluss, um eine Aussage zu verstärken. Wenn du einen fremden Text untersuchst, genügt es nicht, ein Mittel zu benennen. Erkläre immer auch seine genaue Wirkung im Zusammenhang. In der Oberstufe lernst du dann weitere rhetorische Mittel kennen und analysierst ganze Reden.

Für die Analyse eines Textes bewährt sich ein Dreischritt: Benenne das Mittel mit dem Fachbegriff, belege es mit der Textstelle und erkläre seine Wirkung im Zusammenhang. Zum Beispiel: Die Glosse beginnt mit einer rhetorischen Frage, die den Leser sofort einbezieht und das Warten an der Haltestelle als allgemeine Erfahrung darstellt. Dieser Dreischritt hilft dir auch später bei Analysen und Interpretationen in der Oberstufe.

Form und Wirkung: So deutest du es im Text

Der Schluss der Glosse über den Schulbus lautet: Und so stehen wir morgen wieder da, an der Haltestelle unseres Vertrauens. Wird der Bus kommen? Natürlich. Irgendwann. Vielleicht noch in diesem Schuljahr.

Stelle Mittel Wirkung
stehen wir morgen wieder da Präsens für die Zukunft Wiederholung als Dauerzustand
an der Haltestelle unseres Vertrauens ironische Wendung spöttischer Ton
Wird der Bus kommen? rhetorische Frage Leser wird einbezogen
Natürlich. Irgendwann. kurze Sätze Spannung, trockene Komik
Vielleicht noch in diesem Schuljahr. Hyperbel Ärger wird komisch zugespitzt

Die Glosse nutzt hier gleich mehrere Mittel zugleich, um aus einem alltäglichen Ärgernis einen unterhaltsamen Text zu machen. Gerade die Pointe ganz am Ende lebt von der Übertreibung. Ein Bericht über dieselben Busverspätungen würde dagegen sachlich Zahlen und Uhrzeiten nennen. Der Vergleich zeigt, dass rhetorische Mittel nicht an sich gut oder schlecht sind: Sie sind Werkzeuge, deren Wert davon abhängt, ob sie zum Anlass, zur Textsorte und zu den Lesern passen.

Typische Fehler – und wie du sie vermeidest

Falsch Richtig Warum
Ungewollter Wechsel zwischen Präteritum und Präsens. Leittempus halten, Wechsel nur gezielt. Sonst wirkt er wie ein Fehler.
Übertreibungen im Unfallbericht sachliche Angaben Rhetorische Mittel passen nicht zu jeder Textsorte.
Eine rhetorische Frage statt eines Arguments Argument begründen, Frage unterstreicht es Die Frage ersetzt keine Begründung.
In jedem Satz ein rhetorisches Mittel sparsam an wichtigen Stellen einsetzen Sonst nutzt sich die Wirkung ab.
Mittel nur benennen Mittel benennen und Wirkung erklären Erst die Wirkung zählt in der Analyse.

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