Deutsch Gymnasium · Jahrgangsstufe 7 · Lernbereich 4 (gültigen Lehrplan)

Bedeutungswandel und die Entwicklung des Wortschatzes

In einer Ausstellung zur Geschichte der deutschen Sprache steht an einer Station: „Im Mittelalter war eine frouwe eine adlige Herrin. Ein marschalc versorgte die Pferde. Und hôchzît bedeutete jedes hohe Fest.“ Heute ist jede Frau eine Frau, ein Marschall ist ein hoher militärischer Rang, und Hochzeit nennt man nur noch die Feier einer Eheschließung. Wörter bleiben oft über Jahrhunderte erhalten, aber ihre Bedeutung verändert sich dabei manchmal erheblich. Auf dieser Seite lernst du die wichtigsten Arten des Bedeutungswandels kennen und erfährst, wie neue Wörter entstehen und alte verschwinden.

1. Bedeutungen werden weiter oder enger

Frouwe bezeichnete im Mittelalter nur die adlige Herrin; heute heißt jede erwachsene weibliche Person Frau. Hôchzît bezeichnete jedes hohe Fest; heute nur noch die Feier einer Eheschließung. Einmal ist die Bedeutung im Lauf der Zeit größer geworden, einmal deutlich kleiner.

Wenn ein Wort heute mehr bezeichnet als früher, spricht man von Bedeutungserweiterung. Ein weiteres Beispiel ist Sache, das ursprünglich einen Rechtsstreit meinte und heute für fast alles stehen kann. Wenn ein Wort heute weniger bezeichnet als früher, spricht man von Bedeutungsverengung. Neben Hochzeit gehört dazu zum Beispiel das Wort Gift, das früher allgemein eine Gabe bezeichnete; in dieser Bedeutung lebt es noch in Mitgift weiter.

Der griechische Fachbegriff: Die Lehre von den Wortbedeutungen heißt Semantik, von sema, das Zeichen. Ein neu gebildetes Wort heißt Neologismus, von neos, neu, und logos, das Wort.

2. Bedeutungen werden besser oder schlechter

Ein marschalc war im Mittelalter ein Knecht, der sich um die Pferde kümmerte; heute ist ein Marschall ein hoher militärischer Rang. Das Wort wîp, aus dem Weib wurde, war im Mittelalter eine neutrale Bezeichnung für eine Frau; heute klingt Weib abwertend. Hier hat sich also nicht der Umfang, sondern die Bewertung des Wortes im Lauf der Jahrhunderte verändert.

Gewinnt ein Wort an Ansehen, spricht man von Bedeutungsverbesserung. Verliert es an Ansehen, spricht man von Bedeutungsverschlechterung. Ein weiteres Beispiel für eine Verschlechterung ist billig: In der Wendung recht und billig bedeutet es noch angemessen und gerecht; heute verbindet man damit oft etwas Minderwertiges. Solche Veränderungen zeigen, wie sich die Einstellungen einer Gesellschaft im Lauf der Zeit wandeln, und sie erklären, warum manche Wörter heute verletzend wirken, obwohl sie früher harmlos waren.

Warum verändern Wörter überhaupt ihre Bedeutung? Ein Grund ist der Wandel der Lebenswelt: Wenn neue Dinge entstehen oder alte verschwinden, passen Menschen ihre Wörter an. Ein anderer Grund sind veränderte Wertvorstellungen: Was eine Gesellschaft schätzt oder ablehnt, färbt auf ihre Wörter ab. Schließlich nutzen sich Wörter auch ab: Was einmal besonders klang, wird durch häufigen Gebrauch alltäglich, und man sucht nach neuen, stärkeren Ausdrücken.

3. Bedeutungen werden übertragen

Eine Maus ist ein kleines Nagetier, aber auch ein Gerät, mit dem man einen Computer bedient. Ein Netz fängt Fische, aber man surft auch im Netz. Ein Virus macht Menschen krank und kann zugleich Computer befallen.

Bei der Bedeutungsübertragung erhält ein Wort eine neue Bedeutung, weil die neue Sache der alten in einem Merkmal ähnelt. Die Computermaus hat eine ähnliche Form und ein Kabel, das an einen Schwanz erinnert. Solche Übertragungen beruhen oft auf einem Bild, also einer Metapher, die mit der Zeit so gewöhnlich wird, dass man sie nicht mehr als Bild wahrnimmt. Viele Wörter der Technik sind auf diese Weise entstanden. Oft erhält ein Wort dabei eine zusätzliche Bedeutung, ohne die alte zu verlieren: Die Maus im Garten und die Maus am Computer bestehen nebeneinander. Erst der Zusammenhang zeigt, welche gemeint ist.

Art des Wandels früher heute
Bedeutungserweiterung frouwe: adlige Herrin Frau: jede erwachsene weibliche Person
Bedeutungsverengung hôchzît: hohes Fest Hochzeit: Feier der Eheschließung
Bedeutungsverbesserung marschalc: Pferdeknecht Marschall: hoher militärischer Rang
Bedeutungsverschlechterung wîp: neutrale Bezeichnung Weib: abwertend
Bedeutungsübertragung Maus: Nagetier Maus: auch Eingabegerät

4. Neue Wörter, verschwundene Wörter

Smartphone, googeln, Videokonferenz. Vor wenigen Jahrzehnten kannte diese Wörter niemand. Muhme und Oheim dagegen, früher übliche Wörter für Tante und Onkel, hört man heute kaum noch.

Der Wortschatz einer Sprache verändert sich ständig und ohne Pause. Für neue Dinge und Erfahrungen entstehen Neologismen, also neue Wörter. Sie werden aus vorhandenen Bausteinen gebildet, etwa durch Zusammensetzung wie Videokonferenz, aus anderen Sprachen übernommen wie Smartphone oder aus Namen abgeleitet wie googeln. Umgekehrt veralten Wörter, wenn die Sache verschwindet oder ein anderes Wort sich durchsetzt. Manche leben nur noch in festen Wendungen oder in der Literatur weiter. Wenn du ältere Texte liest, etwa Märchen oder Balladen, begegnen dir solche Wörter häufig. Ein Wörterbuch mit Angaben zur Herkunft der Wörter hilft dir dann weiter.

In der Jahrgangsstufe 10 lernst du Sprachwandel und Sprachkontakt genauer kennen, etwa den Einfluss anderer Sprachen auf das Deutsche, und in der Jahrgangsstufe 11 die Entwicklungen der Gegenwartssprache.

Wie schnell sich Bedeutungen wandeln können, zeigt das Wort geil. Im Mittelhochdeutschen bedeutete es üppig, kraftvoll oder übermütig. Später wurde es lange als anstößig empfunden, und in der Jugendsprache der letzten Jahrzehnte entwickelte es sich zu einem Ausdruck für toll oder großartig. An einem einzigen Wort lassen sich so mehrere Stufen des Bedeutungswandels beobachten.

Wer der Geschichte eines Wortes nachgehen will, greift zu einem Herkunftswörterbuch, auch etymologisches Wörterbuch genannt. Der Begriff Etymologie kommt vom griechischen etymon, die wahre Bedeutung eines Wortes. Solche Wörterbücher zeigen, aus welcher Zeit ein Wort stammt, welche Bedeutungen es früher hatte und mit welchen Wörtern anderer Sprachen es verwandt ist.

Form und Wirkung: So deutest du es im Text

In einer älteren Ballade heißt es von einer Figur, sie sei ein edles, frommes Weib gewesen. Ein Leser von heute stutzt zunächst, denn Weib klingt für ihn abwertend, und fromm denkt er nur im religiösen Sinn.

Beobachtung Bedeutungswandel Folge für das Verstehen
Weib Verschlechterung damals neutral, nicht abwertend gemeint
fromm Verengung früher auch tüchtig und rechtschaffen
edel Erweiterung früher vor allem adlig, heute auch gut und wertvoll
Leser stutzt Abstand zur alten Sprache Wörterbuch hilft
richtige Deutung historische Bedeutung beachten Figur wird gelobt, nicht abgewertet

Wer den Bedeutungswandel kennt, deutet ältere Texte richtig. Ohne dieses Wissen könnte man eine anerkennende Beschreibung für eine abwertende halten und die Figur ganz falsch verstehen. Achte deshalb beim Lesen älterer Gedichte, Balladen oder Märchen auf Wörter, die dir merkwürdig vorkommen oder deren Wirkung nicht zum Zusammenhang passt. Oft steckt dahinter ein Bedeutungswandel, den du mit einem Herkunftswörterbuch oder einer Fußnote in deiner Textausgabe klären kannst. Viele Schulausgaben erklären solche Wörter am Seitenrand.

Typische Fehler – und wie du sie vermeidest

Falsch Richtig Warum
Wörter bedeuten immer dasselbe. Bedeutungen wandeln sich im Lauf der Zeit. Frouwe, hôchzît, marschalc.
Weib war schon immer abwertend. Wîp war im Mittelalter neutral. Bedeutungsverschlechterung.
Hochzeit ist eine Bedeutungserweiterung. Hochzeit ist eine Bedeutungsverengung. Vom hohen Fest zur Eheschließung.
Die Computermaus ist eine Bedeutungsverbesserung. Die Computermaus ist eine Bedeutungsübertragung. Ähnlichkeit in Form und Kabel.
Alte Texte mit heutiger Wortbedeutung lesen. Die historische Bedeutung prüfen. Sonst entstehen Fehldeutungen.

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