Deutsch Gymnasium · Jahrgangsstufe 5 · Lernbereich 4 (gültigen Lehrplan)

Die Tempora unterscheiden und richtig bilden

Eine Forscherin schreibt in ihr Expeditionstagebuch: „Heute erreichen wir das Basislager. Gestern überquerten wir einen Gletscher. Wir haben dabei seltene Moose gefunden. Bevor wir aufbrachen, hatten wir die Ausrüstung dreimal geprüft. Morgen werden wir den Gipfel besteigen.“ In fünf Sätzen verwendet sie fünf verschiedene Zeitformen. Jede einzelne von ihnen zeigt genau, wann etwas geschieht und wie die Ereignisse zeitlich zusammenhängen. Diese Zeitformen heißen Tempora, in der Einzahl Tempus. Auf dieser Seite lernst du, die Tempora mit ihren lateinischen Namen zu unterscheiden, sie richtig zu bilden und gezielt einzusetzen.

1. Gegenwart und Zukunft

Heute erreichen wir das Basislager. Wasser gefriert bei null Grad. Morgen beginnt der Aufstieg. Alle drei Sätze stehen im Präsens, doch sie meinen Verschiedenes: das Geschehen im Moment, eine allgemeingültige Tatsache und, mit einer Zeitangabe, sogar etwas Zukünftiges.

Das Präsens ist also vielseitig. Für Zukünftiges gibt es aber auch eine eigene Form, das Futur I. Es wird mit dem Hilfsverb werden und dem Infinitiv gebildet: Wir werden den Gipfel besteigen. Das Futur I betont, dass etwas erst kommt, und kann auch eine Vermutung ausdrücken: Das Wetter wird morgen wohl besser sein. In der gesprochenen Sprache wird für Zukünftiges oft das Präsens mit einer Zeitangabe verwendet, in geschriebenen Texten wirkt das Futur I dagegen oft genauer und eindeutiger.

Der lateinische Fachbegriff: tempus heißt Zeit. praesens bedeutet gegenwärtig, praeteritum vorübergegangen, perfectum vollendet, plusquamperfectum mehr als vollendet, futurum zukünftig.

2. Drei Formen für die Vergangenheit

Gestern überquerten wir einen Gletscher. Wir haben seltene Moose gefunden. Vergleiche die beiden Sätze: Beide erzählen von Vergangenem, aber auf verschiedene Weise. Der erste steht im Präteritum, der zweite im Perfekt.

Das Präteritum ist eine einfache Form: überquerten, sahen, gingen. Es ist das typische Tempus des schriftlichen Erzählens, etwa in Geschichten, Berichten und Romanen. Das Perfekt ist eine zusammengesetzte Form aus haben oder sein und dem Partizip II: wir haben gefunden, wir sind gewandert. Es wird vor allem im mündlichen Gespräch verwendet und zeigt oft, dass ein vergangenes Ereignis bis in die Gegenwart wirkt.

Das Plusquamperfekt verwendest du, wenn etwas noch vor einem anderen vergangenen Ereignis geschah: Bevor wir aufbrachen, hatten wir die Ausrüstung geprüft. Es wird mit hatte oder war und dem Partizip II gebildet. Man nennt diesen Zusammenhang Vorzeitigkeit: Das Prüfen liegt zeitlich vor dem Aufbrechen.

Tempus Bildung Beispiel
Präsens Verbstamm + Endung wir erreichen
Präteritum Präteritumform wir überquerten
Perfekt haben/sein + Partizip II wir haben gefunden
Plusquamperfekt hatte/war + Partizip II wir hatten geprüft
Futur I werden + Infinitiv wir werden besteigen

Hilfreich ist es, die Ereignisse auf einem Zeitstrahl einzuzeichnen. Ganz links steht das Prüfen der Ausrüstung, dann der Aufbruch, dann die Überquerung des Gletschers, in der Mitte das Heute im Basislager und rechts der Aufstieg zum Gipfel. Jedem Abschnitt kannst du nun ein Tempus zuordnen: Plusquamperfekt für das Allerfrüheste, Präteritum oder Perfekt für das Vergangene, Präsens für das Jetzt und Futur I für das Kommende. So siehst du auf einen Blick, warum die Forscherin in ihrem Tagebuch so viele verschiedene Zeitformen braucht.

3. Haben oder sein?

Wir haben gefunden, aber wir sind gewandert. Wir haben geschlafen, aber wir sind eingeschlafen. Bei Perfekt und Plusquamperfekt musst du entscheiden, ob du haben oder sein verwendest.

Die meisten Verben bilden diese Zeitformen mit haben. Mit sein stehen vor allem Verben der Bewegung von einem Ort zu einem anderen wie gehen, fahren, wandern und steigen sowie Verben, die eine Veränderung des Zustands ausdrücken, wie einschlafen, aufwachen oder wachsen. Auch sein und bleiben selbst bilden das Perfekt mit sein: Wir sind lange im Lager geblieben. Beim Partizip II achte auf die Bildung: Regelmäßige Verben erhalten ge- und -t (geprüft), unregelmäßige ge- und -en, oft mit verändertem Stammvokal (gefunden, gestiegen).

4. Tempora im Text wechseln

Im Tagebuch der Forscherin wechseln die Tempora von Satz zu Satz, und doch versteht der Leser sofort, was wann geschah. Das gelingt, weil jedes Tempus eine klare Aufgabe hat und weil Zeitangaben wie heute, gestern und morgen dem Leser zusätzlich Orientierung geben.

Beim Erzählen solltest du ein Leittempus wählen und dabei bleiben, meist das Präteritum. Ein Wechsel ist nur sinnvoll, wenn sich die Zeit wirklich ändert, etwa für eine Vorgeschichte im Plusquamperfekt. Ein unbeabsichtigter Wechsel zwischen Präteritum und Präsens verwirrt den Leser dagegen schnell und stört den Lesefluss. Manchmal setzen Autoren das Präsens aber bewusst mitten in einer Erzählung ein, um einen spannenden Moment hervorzuheben. Dann spricht man vom historischen Präsens; das ist ein Stilmittel, das du später genauer untersuchst.

In Berichten über Versuche, Inhaltsangaben und Beschreibungen verwendest du dagegen meist das Präsens. Prüfe beim Überarbeiten deshalb immer: Welches Leittempus verlangt die Textsorte, und bleibe ich dabei? Ein Versuchsprotokoll im Naturwissenschaftsunterricht beschreibt zum Beispiel im Präsens, was man tut und beobachtet, während eine Erlebniserzählung über den Wandertag im Präteritum steht. Wer diese Unterschiede kennt, wählt die passende Zeitform ganz selbstverständlich.

Auch Signalwörter helfen dir bei der Wahl des Tempus. Wörter wie gestern, damals, letzte Woche oder vor hundert Jahren weisen auf die Vergangenheit, jetzt, heute oder gerade auf die Gegenwart, morgen, bald oder nächstes Jahr auf die Zukunft. Wörter wie bevor, nachdem oder zuvor zeigen dir, dass zwei Ereignisse zeitlich aufeinander bezogen sind. Achte dann besonders darauf, das frühere Ereignis im Plusquamperfekt auszudrücken.

Form und Wirkung: So deutest du es im Text

Ein Abschnitt aus einem Expeditionsbericht: Wir stiegen langsam bergauf. Der Wind hatte in der Nacht gedreht. Plötzlich bricht vor uns ein Stück Eis ab. Wir halten den Atem an. Dann gingen wir vorsichtig weiter.

Beobachtung Tempus Wirkung
Wir stiegen langsam bergauf. Präteritum ruhiges Erzählen
Der Wind hatte gedreht. Plusquamperfekt Vorgeschichte, Vorzeitigkeit
Plötzlich bricht … ab. historisches Präsens Spannung, Unmittelbarkeit
Wir halten den Atem an. Präsens der Leser ist mittendrin
Dann gingen wir weiter. Präteritum Rückkehr zum ruhigen Erzählen

Der Wechsel ins Präsens ist hier gewollt: Er hebt den gefährlichsten Augenblick hervor. Danach kehrt der Text zum Präteritum zurück, und der Leser spürt, dass die Gefahr vorüber ist. Wenn du dieses Mittel selbst einsetzt, verwende es sparsam: Ein einziger Wechsel an der spannendsten Stelle wirkt stark, ständige Wechsel dagegen verwirren. Achte außerdem darauf, dass die Rückkehr zum Präteritum deutlich markiert ist, zum Beispiel durch ein Wort wie dann oder schließlich, damit der Leser merkt, dass der besondere Moment vorbei ist.

Typische Fehler – und wie du sie vermeidest

Falsch Richtig Warum
Wir haben auf den Gipfel gestiegen. Wir sind auf den Gipfel gestiegen. Bewegungsverben bilden das Perfekt mit sein.
Bevor wir aufbrachen, prüften wir schon vorher alles. (Vorzeitigkeit unklar) Bevor wir aufbrachen, hatten wir alles geprüft. Plusquamperfekt zeigt Vorzeitigkeit.
Er gehte los. Er ging los. Gehen ist unregelmäßig.
Wir haben gefindet. Wir haben gefunden. Unregelmäßiges Partizip II.
Wechsel zwischen Präsens und Präteritum ohne Grund. Ein Leittempus wählen und beibehalten. Sonst wird der Leser verwirrt.

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