Deutsch Gymnasium · Jahrgangsstufe 10 · Lernbereich 4 (gültigen Lehrplan)

Sprachwandel, Sprachkontakt und Mehrsprachigkeit

Beim Schüleraustausch mit einer Partnerschule in England entdecken die Jugendlichen Überraschendes. Die englischen Gäste kennen Wörter wie Kindergarten, Rucksack und Angst, und zwar als englische Wörter. Umgekehrt benutzen die Schüler ständig englische Wörter wie Laptop oder Team. Und als eine Lehrerin einen Satz aus einer mittelalterlichen Handschrift vorliest, versteht kaum jemand etwas: „mîn liebez hûs“, das heißt: mein liebes Haus. Sprachen verändern sich ständig, und sie beeinflussen sich dabei gegenseitig in vielfältiger Weise. In der Jahrgangsstufe 7 hast du den Bedeutungswandel einzelner Wörter kennengelernt. In der Jahrgangsstufe 10 betrachtest du den Sprachwandel auf allen Ebenen, untersuchst den Sprachkontakt zwischen Sprachen und denkst über Mehrsprachigkeit nach.

1. Sprachwandel auf allen Ebenen

Mîn wurde zu mein, hûs zu Haus. Er buk einen Kuchen wurde zu er backte einen Kuchen. Und im Gespräch sagen heute viele: Ich bin gestern gekommen, statt: Ich kam gestern. Die Veränderungen betreffen also Laute, Formen und sogar den Gebrauch der Zeitformen.

Sprachwandel geschieht auf mehreren Ebenen. Beim Lautwandel verändert sich die Aussprache und mit ihr oft die Schreibung: Die langen Vokale î und û des Mittelhochdeutschen wurden zu den Doppellauten ei und au, aus mîn wurde mein, aus hûs wurde Haus. Beim grammatischen Wandel verändern sich Formen und Strukturen: Manche starken Verben werden schwach, etwa buk zu backte, und in der gesprochenen Sprache verdrängt das Perfekt das Präteritum. Beim Wortschatzwandel entstehen neue Wörter, alte veralten, und Bedeutungen verschieben sich, wie du es aus der Jahrgangsstufe 7 kennst. Sprachwandel geschieht meist langsam und unbemerkt, über Generationen hinweg. Erst im Rückblick, etwa beim Lesen alter Texte, wird sichtbar, wie stark sich eine Sprache verändert hat.

Merke: Sprachwandel betrifft Laute, Grammatik und Wortschatz. Sprachkontakt führt zu Entlehnungen: Lehnwörter sind angepasst, Fremdwörter erkennbar fremd, Lehnübersetzungen übertragen ein fremdes Wort Teil für Teil.

Warum wandeln sich Sprachen überhaupt? Ein Grund ist die Sprachökonomie: Sprecher neigen dazu, Formen zu vereinfachen und Aufwand zu sparen, etwa wenn unregelmäßige Formen durch regelmäßige ersetzt werden. Ein zweiter Grund ist der Wandel der Lebenswelt, der neue Wörter verlangt. Ein dritter ist der Kontakt mit anderen Sprachen. Diese Ursachen wirken meist zusammen und lassen sich im Einzelfall nicht immer sicher trennen.

2. Sprachkontakt: Wörter wandern

Fenster, Mauer, Straße. Diese Wörter wirken urdeutsch, stammen aber aus dem Lateinischen: fenestra, murus, via strata. Etage und Möbel kamen später aus dem Französischen, Team und Laptop aus dem Englischen.

Wenn Menschen verschiedener Sprachen miteinander in Kontakt treten, durch Handel, Herrschaft, Wissenschaft oder Medien, übernehmen die Sprachen Wörter voneinander. Man spricht von Sprachkontakt. Das Deutsche hat in seiner Geschichte vor allem Wörter aus dem Lateinischen aufgenommen, besonders aus Bauwesen, Kirche und Wissenschaft, aus dem Französischen, das lange die Sprache des Adels und der Mode war, und in jüngerer Zeit vor allem aus dem Englischen. Der Austausch verläuft aber durchaus in beide Richtungen: Wörter wie Kindergarten, Angst oder Rucksack sind ins Englische gewandert.

Entlehnte Wörter lassen sich nach dem Grad ihrer Anpassung genauer unterscheiden. Ein Lehnwort ist so stark an das Deutsche angepasst, dass man seine Herkunft nicht mehr bemerkt: Fenster, Mauer. Ein Fremdwort ist dagegen an Schreibung oder Aussprache noch als fremd erkennbar: Computer, Restaurant. Eine Lehnübersetzung überträgt ein fremdes Wort Bestandteil für Bestandteil ins Deutsche: Wolkenkratzer nach dem englischen skyscraper.

An den Lehnwörtern lässt sich Geschichte ablesen. Viele lateinische Wörter aus dem Bauwesen wie Mauer, Fenster und Straße kamen mit den Römern, die in Süddeutschland Steinbauten und Straßen errichteten. Die Germanen bauten vorher vor allem mit Holz und Lehm und hatten für die neuen Dinge keine eigenen Wörter. So erzählt der Wortschatz, welche Kulturen einander begegnet sind und was sie voneinander gelernt haben.

Begriff Kennzeichen Beispiel
Lautwandel Aussprache verändert sich mîn → mein, hûs → Haus
grammatischer Wandel Formen verändern sich buk → backte
Lehnwort angepasst, Herkunft nicht mehr spürbar Fenster, Mauer
Fremdwort als fremd erkennbar Computer, Restaurant
Lehnübersetzung Teil für Teil übertragen Wolkenkratzer (skyscraper)

3. Mehrsprachigkeit

In der Austauschklasse sprechen manche Jugendliche zu Hause Türkisch, Polnisch, Arabisch oder Russisch, in der Schule Deutsch und im Unterricht Englisch und Französisch. Für sie ist es ganz selbstverständlich, täglich zwischen mehreren Sprachen zu wechseln.

Mehrsprachigkeit bedeutet, im Alltag mehr als eine Sprache zu verwenden. Weltweit ist sie eher die Regel als die Ausnahme, und auch in Deutschland wachsen viele Kinder mit mehr als einer Sprache auf. Mehrsprachige Menschen können zwischen Sprachen wechseln, je nach Gesprächspartner und Situation, ganz ähnlich wie beim Wechsel zwischen Dialekt und Standardsprache, den du aus der Jahrgangsstufe 8 kennst. Mehrsprachigkeit erleichtert oft das Erlernen weiterer Sprachen und schärft den Blick für sprachliche Unterschiede. Auch innerhalb einer Klasse ist sie ein Schatz: Wer vergleicht, wie verschiedene Sprachen Zeit, Höflichkeit oder Satzbau ausdrücken, versteht auch das Deutsche besser.

4. Sprachwandel beurteilen

Ein Leserbrief beklagt: Die vielen englischen Wörter verderben unsere Sprache. Ein Sprachwissenschaftler antwortet: Das Deutsche hat schon immer Wörter aufgenommen und ist dadurch reicher geworden.

Über Sprachwandel wird in der Öffentlichkeit oft leidenschaftlich gestritten. Sprachkritiker befürchten, dass Entlehnungen und Vereinfachungen die Sprache verarmen lassen oder Menschen ausschließen, die bestimmte Wörter nicht verstehen. Sprachwissenschaftler betonen dagegen meist, dass Wandel ein natürlicher Vorgang ist, den es in allen lebenden Sprachen gibt, und dass er die Sprache an neue Bedürfnisse anpasst. Beide Sichtweisen haben durchaus berechtigte Anliegen. Für eine eigene Beurteilung hilft es, zwischen Beschreibung und Bewertung zu unterscheiden: Was verändert sich tatsächlich, und wie bewertet man es? In der Jahrgangsstufe 11 untersuchst du die Entwicklungstendenzen der Gegenwartssprache genauer.

Form und Wirkung: So deutest du es im Text

Ein Zeitungskommentar beginnt: Wir chillen nach dem Meeting, checken unsere Mails und gehen zum Workshop. Spricht hier noch jemand Deutsch? Der Verfasser häuft bewusst Anglizismen an und schließt mit einer rhetorischen Frage.

Stelle Mittel Wirkung
chillen, Meeting, checken, Mails, Workshop gehäufte Anglizismen Eindruck der Überflutung
Wir Einbeziehung des Lesers Leser fühlt sich ertappt
Spricht hier noch jemand Deutsch? rhetorische Frage Kritik wird zugespitzt
Übertreibung durch Häufung Hyperbel Zustimmung soll erzeugt werden
fehlende Gegenargumente einseitige Darstellung Meinungstext, kein Sachtext

Wer den Kommentar analysiert, erkennt, dass er nicht neutral über Sprachwandel informiert, sondern mit sprachlichen Mitteln eine Bewertung durchsetzen will. Eine ausgewogene Erörterung würde auch die Gegenposition darstellen und Belege prüfen, etwa ob es für Meeting oder Workshop gleichwertige deutsche Wörter gibt und ob die englischen Ausdrücke in bestimmten Berufen eine eigene, genauere Bedeutung haben. Erst dann lässt sich begründet urteilen.

Typische Fehler – und wie du sie vermeidest

Falsch Richtig Warum
Fenster ist ein echt deutsches Wort. Fenster ist ein Lehnwort aus dem Lateinischen. Herkunft nicht mehr spürbar.
Sprachwandel betrifft nur Wörter. Sprachwandel betrifft Laute, Grammatik und Wortschatz. Mehrere Ebenen.
Wolkenkratzer ist ein Fremdwort. Wolkenkratzer ist eine Lehnübersetzung. Teil für Teil übertragen.
Entlehnung geht nur ins Deutsche. Auch das Englische hat deutsche Wörter übernommen. Kindergarten, Angst.
Sprachwandel ist immer Verfall. Sprachwandel ist ein natürlicher Vorgang, über den man streiten kann. Beschreibung und Bewertung trennen.

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