Bernoulli-Ketten

Mathematik FOS/BOS 12 · Bayern · Stochastik (Nichttechnik)

Viele Zufallsversuche kennen nur zwei Ausgänge: Treffer oder Niete, funktioniert oder defekt, vegetarisch oder nicht. Wiederholt man einen solchen Versuch mehrfach unter gleichen Bedingungen, entsteht eine Bernoulli-Kette. Wir entwickeln daraus Schritt für Schritt die Binomialverteilung – das zentrale Werkzeug der Stochastik dieser Jahrgangsstufe.

Durchgehendes Beispiel. In einem Restaurant bestellen erfahrungsgemäß \(20\,\%\) der Gäste vegetarisch. „Vegetarisch“ ist der Treffer (\(p=0{,}2\)), alles andere die Niete (\(q=0{,}8\)).

Hilfsmittel-Hinweis (Bayern FOS/BOS): Das Erkennen der Bernoulli-Kette, die Pfadregel und die Formel gehören in den hilfsmittelfreien Teil. Zahlenwerte berechnen Sie im Teil mit Hilfsmittel – entweder mit dem Taschenrechner (Binomialkoeffizient über nCr) oder durch Nachschlagen in den Tabellen des Tafelwerks (Einzel- und kumulierte Binomialverteilung).

1  Bernoulli-Experiment und Bernoulli-Kette

Bernoulli-Experiment. Ein Zufallsversuch mit genau zwei Ausgängen: Treffer (Wahrscheinlichkeit \(p\)) und Niete (Wahrscheinlichkeit \(q=1-p\)).

Bernoulli-Kette der Länge \(n\). \(n\)-fache Wiederholung, wobei \(p\) konstant bleibt und die Versuche unabhängig sind. Die Zufallsgröße \(X\) zählt die Treffer.

Faustregel: „Ziehen mit Zurücklegen“ ist eine Bernoulli-Kette, „ohne Zurücklegen“ nicht (dort ändert sich \(p\)).

2  Eine feste Reihenfolge: die Pfadregel

Stufe 1-2 · hilfsmittelfreiEin bestimmter Ablauf am Zeitstrahl

Stellen Sie sich die nächsten fünf Gäste als Zeitstrahl vor. Gefragt ist zunächst ein ganz bestimmter Ablauf: Die ersten zwei bestellen vegetarisch, die restlichen drei nicht. Nach der 1. Pfadregel multipliziert man entlang des Pfades:

Treffer (V)Gast 10,2Treffer (V)Gast 20,2Niete (N)Gast 30,8Niete (N)Gast 40,8Niete (N)Gast 50,8Feste Reihenfolge: die ersten zwei bestellen vegetarischPfadregel: P = 0,2 · 0,2 · 0,8 · 0,8 · 0,8 = 0,2² · 0,8³ = 0,02048
Ein einzelner Pfad der Bernoulli-Kette (\(n=5\)): feste Reihenfolge V, V, N, N, N.

Wichtig: Jeder Ablauf mit \(2\) Treffern und \(3\) Nieten hat denselben Wert \(0{,}2^{2}\cdot 0{,}8^{3}=0{,}02048\) – egal, an welchen Positionen die Treffer stehen. Nur die Anzahl der Treffer geht in den Wert ein, nicht ihre Lage.

3  Genau \(k\) Treffer in beliebiger Reihenfolge

Stufe 1 · GrundideeWarum ein Binomialkoeffizient?

Fragt man nach „genau zwei vegetarisch“ ohne feste Reihenfolge, gibt es mehrere passende Abläufe. Das Baumdiagramm zeigt es für die kürzere Kette \(n=3\): jeder Pfad mit \(k\) Treffern hat \(p^{k}q^{\,n-k}\), und es gibt genau \(\binom{n}{k}\) solche Pfade.

TTTTTNTNTTNNNTTNTNNNTNNNpqBernoulli-Kette n = 3   (T = Treffer, N = Niete)3 Pfade mit genau 2 Treffern → Faktor  (3 über 2)  = 3
\(n=3\): genau \(2\) Treffer liefern die drei Pfade TTN, TNT, NTT – jeder mit \(p^{2}q\); Anzahl \(=\binom{3}{2}=3\).

Zurück zum Restaurant mit \(n=5\): „genau zwei von fünf vegetarisch“ hat also die Wahrscheinlichkeit \(\binom{5}{2}\cdot 0{,}2^{2}\cdot 0{,}8^{3}=10\cdot 0{,}02048=0{,}2048\).

Formel von Bernoulli / Binomialverteilung. Bei einer Bernoulli-Kette der Länge \(n\) mit Trefferwahrscheinlichkeit \(p\):

\(\displaystyle P(X=k)=B(n;p;k)=\binom{n}{k}\,p^{k}\,(1-p)^{\,n-k}\)

\(\binom{n}{k}\) („\(n\) über \(k\)“, Taste nCr) zählt die Anordnungen; \(p^{k}q^{\,n-k}\) ist der Wert eines Pfades.

Stufe 2 · hilfsmittelfreiKontrolle mit der fairen Münze

Beispiel A. Faire Münze, \(4\) Würfe, Treffer = „Zahl“ (\(p=0{,}5\)). Genau \(2\)-mal Zahl:

\(P(X=2)=\binom{4}{2}0{,}5^{2}0{,}5^{2}=6\cdot0{,}5^{4}=\tfrac{6}{16}=0{,}375\)
0,10,20,30,400,06210,25020,37530,25040,062k (Anzahl Treffer)P(X=k)
Verteilung \(B(4;0{,}5;k)\): symmetrisch, weil \(p=0{,}5\); \(P(X=2)=0{,}375\) ist am größten.

4  Die vier Aufgabentypen – Formulierung richtig übersetzen

In der Prüfung entscheidet die genaue Formulierung, welche Trefferzahlen gemeint sind. Wir bleiben beim Restaurant, jetzt mit \(n=20\) Gästen und \(p=0{,}2\); \(X\) zählt die vegetarischen Bestellungen. Zentral ist die kumulierte (summierte) Binomialverteilung:

\(\displaystyle F_{p}^{\,n}(k)=P(X\le k)=\sum_{i=0}^{k}B(n;p;i)\)

Sie steht als eigene Tabelle im Tafelwerk. Die folgende Übersetzung ist der Schlüssel – achten Sie auf die Grenzen:

Formulierung Ereignis Berechnung
genau \(k\) \(X=k\) \(P(X=k)=B(n;p;k)\)
höchstens \(k\) \(X\le k\) \(F_{p}^{\,n}(k)\)
weniger als \(k\) \(X \(F_{p}^{\,n}(k-1)\)
mindestens \(k\) \(X\ge k\) \(1-F_{p}^{\,n}(k-1)\)
mehr als \(k\) \(X>k\), also \(X\ge k+1\) \(1-F_{p}^{\,n}(k)\)
von \(m\) bis \(g\) (mind. \(m\), höchst. \(g\)) \(m\le X\le g\) \(F_{p}^{\,n}(g)-F_{p}^{\,n}(m-1)\)
Merksatz zu den Grenzen: „höchstens \(k\)“ schließt \(k\) ein (\(X\le k\)), „weniger als \(k\)“ nicht (\(X\le k-1\)). Ebenso: „mindestens \(k\)“ ist \(X\ge k\), „mehr als \(k\)“ ist \(X\ge k+1\).

Am TaschenrechnerCasio fx-87DE X ClassWiz

Einzelwahrscheinlichkeit \(P(X=k)=B(n;p;k)\) (im Gerät „Binomial-Dichte“):

MENU442  →  dann nacheinander \(k\) = \(n\) = \(p\) =

Beispiel \(P(X=3)\) bei \(n=20,\ p=0{,}2\): MENU442 3=20=0,2=  →  \(0{,}20536\)

Kumulierte Wahrscheinlichkeit \(F_{p}^{\,n}(k)=P(X\le k)\) („Kumul. Binom.-V.“):

MENU412  →  dann \(k\) = \(n\) = \(p\) =

Beispiel \(F_{0{,}2}^{\,20}(5)=P(X\le 5)\): MENU412 5=20=0,2=  →  \(0{,}80421\)

Wichtig: Eingabereihenfolge ist \(k\), dann \(n\), dann \(p\). Für mehrere \(k\)-Werte gibt es den Listen-Modus (1 statt 2 am Ende).

Stufe 3-4 · mit HilfsmittelAlle vier Typen am selben Beispiel

Typ 1 – genau \(k\): „Genau \(3\) der \(20\) Gäste bestellen vegetarisch.“

\(P(X=3)=B(20;0{,}2;3)=\binom{20}{3}0{,}2^{3}0{,}8^{17}\approx 0{,}205\) Einzelwahrscheinlichkeit

Am Taschenrechner: Binomial-Dichte  MENU442  3=20=0,2=  →  0,20536

Typ 2 – höchstens \(k\): „Höchstens \(5\).“

\(P(X\le 5)=F_{0{,}2}^{\,20}(5)\approx 0{,}804\) kumuliert, direkt aus der Tabelle

Am Taschenrechner: Kumul. Binom.-V.  MENU412  5=20=0,2=  →  0,80421

Typ 3 – mindestens \(k\): „Mindestens \(4\).“ Über das Gegenereignis auf Typ 2 zurückführen:

\(P(X\ge 4)=1-P(X\le 3)=1-F_{0{,}2}^{\,20}(3)=1-0{,}411=0{,}589\)

Am Taschenrechner: erst \(F(3)\): Kumul. Binom.-V.  MENU412  3=20=0,2=  →  0,41145,  dann 1 0,41145 =  →  0,58855

Typ 4 – von \(m\) bis \(g\): „Mindestens \(4\), höchstens \(7\).“

\(P(4\le X\le 7)=F_{0{,}2}^{\,20}(7)-F_{0{,}2}^{\,20}(3)=0{,}968-0{,}411=0{,}556\)

Am Taschenrechner: \(F(7)\): MENU412  7=20=0,2=  →  0,96786;  \(F(3)=0{,}41145\) (wie oben);  dann 0,96786 0,41145 =  →  0,55641

0,050,100,150,200123456789101112P(X≤5) = F(5) = 0,804k (Anzahl vegetarischer Bestellungen), n=20, p=0,2P(X=k)
Verteilung \(B(20;0{,}2;k)\) (rechtsschief). Die dunklen Balken sind \(P(X\le5)=F(5)=0{,}804\); ein Bereich \(m\le X\le g\) ist die Summe der entsprechenden Balken.

Alles auf zwei Grundtypen zurückführen. Jede Binomial-Aufgabe lässt sich schreiben mit

\(P(X=k)=B(n;p;k)\quad\text{(Typ 1)}\qquad\text{und}\qquad P(X\le k)=F_{p}^{\,n}(k)\quad\text{(Typ 2)}.\)

Damit gilt: \(P(X\ge k)=1-F_{p}^{\,n}(k-1)\) und \(P(m\le X\le g)=F_{p}^{\,n}(g)-F_{p}^{\,n}(m-1)\).

Stufe 4 · PrüfungAnwendung: Qualitätskontrolle

Beispiel B. Ein Bauteil ist mit \(5\,\%\) Wahrscheinlichkeit defekt; \(20\) Bauteile werden geprüft (\(n=20,\ p=0{,}05\)).

\(P(\text{mind. 1 defekt})=1-P(X=0)=1-0{,}95^{20}\approx 0{,}642\) „mindestens 1“ via Gegenereignis
\(P(\text{höchstens 2})=F_{0{,}05}^{\,20}(2)\approx 0{,}925\) kumuliert

Typische Fehler in der Prüfung

✗ Falsch

„Genau \(k\)“ wie eine feste Reihenfolge nur mit \(p^{k}q^{\,n-k}\) rechnen.

✓ Richtig

Feste Reihenfolge = ein Pfad; „genau \(k\)“ = alle Anordnungen → mit \(\binom{n}{k}\) multiplizieren.

✗ Falsch

„Weniger als \(k\)“ als \(X\le k\) oder „mehr als \(k\)“ als \(X\ge k\) übersetzen.

✓ Richtig

„Weniger als \(k\)“ \(=X\le k-1\); „mehr als \(k\)“ \(=X\ge k+1\). Die Grenze gehört nicht dazu.

✗ Falsch

„Mindestens \(4\)“ als \(1-F(4)\) rechnen.

✓ Richtig

„Mindestens \(k\)“ \(=1-F_{p}^{\,n}(k-1)\), hier \(1-F(3)\) – auf \(k-1\) achten.

✗ Falsch

„Ziehen ohne Zurücklegen“ als Bernoulli-Kette behandeln.

✓ Richtig

Nur bei konstantem \(p\) (mit Zurücklegen) ist es eine Bernoulli-Kette.

Auf einen Blick

  • Feste Reihenfolge: ein Pfad, Wert \(p^{k}q^{\,n-k}\) (Pfadregel).
  • Genau \(k\): \(P(X=k)=\binom{n}{k}p^{k}(1-p)^{\,n-k}\) – \(\binom{n}{k}\) zählt die Anordnungen.
  • Kumuliert: \(F_{p}^{\,n}(k)=P(X\le k)\) (Tafelwerk).
  • Übersetzung: höchstens \(=\le k\), weniger als \(=\le k-1\), mindestens \(=\ge k\), mehr als \(=\ge k+1\).
  • Zwei Grundtypen: \(P(X=k)\) und \(F_{p}^{\,n}(k)\) – alles andere darauf zurückführen.

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Trainieren Sie feste Reihenfolge, genau \(k\) und alle vier Aufgabentypen (genau / höchstens / mindestens / von–bis) – für die FOS/BOS 12 Bayern.

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