BwR · FOS/BOS Bayern · Klasse 13 · Jahresabschlussanalyse

Jahresabschlussanalyse: Strukturbilanz, Kennzahlen, EBIT und Ergebnisverwendung

In Klasse 13 wird der Jahresabschluss analysiert: Die HGB-Bilanz wird zur Strukturbilanz aufbereitet, daraus werden Kennzahlen zu Vermögens-/Kapitalstruktur, Anlagendeckung, Liquidität und Rentabilität berechnet, das EBIT zeigt die operative Ertragskraft. Die Ergebnisverwendung (Bilanzgewinn → Gewinnvortrag und Dividende) fließt in die Strukturbilanz ein.

Inhaltsverzeichnis

  1. Von der Bilanz zur Strukturbilanz
  2. Ergebnisverwendung – Bilanzgewinn
  3. Vermögens- und Kapitalstruktur
  4. Anlagendeckung – goldene Bilanzregel
  5. Liquiditätsanalyse
  6. Rentabilitätsanalyse
  7. Leverage-Effekt
  8. EBIT – operative Ertragskraft
  9. Verweis: Bewertungen aus Klasse 12
  10. Typische Prüfungsfehler
  11. Auf einen Blick

1. Von der Bilanz zur Strukturbilanz

Für die Analyse wird die HGB-Bilanz zur Strukturbilanz verdichtet: die Aktiva nach der Liquidität (Anlagevermögen, dann Umlaufvermögen in liquiden Mitteln 1./2./3. Grades), die Passiva nach der Fristigkeit (Eigenkapital, langfristiges und kurzfristiges Fremdkapital).

Ergebnisverwendung einarbeiten: Der Bilanzgewinn wird aufgeteilt – der Gewinnvortrag gehört zum Eigenkapital, die Dividende (bis zur Auszahlung) zum kurzfristigen Fremdkapital.

Modellunternehmen UNTERNEHMER AG (Werte in Tsd. €): Anlagevermögen 6.000, Umlaufvermögen 4.000 — Eigenkapital 4.000, langfristiges Fremdkapital 3.000, kurzfristiges Fremdkapital 3.000. Bilanzsumme 10.000.

Strukturbilanz UNTERNEHMER AG (Tsd. €)AKTIVAPASSIVAAV 6.000UV 4.000EK 4.000langfr. FK 3.000kurzfr. FK 3.000Summe 10.000Summe 10.000

Schritt 1 – die vollständige HGB-Bilanz:

HGB-Bilanz UNTERNEHMER AG (nach vollständiger Ergebnisverwendung)  
AKTIVA Tsd. € PASSIVA Tsd. €
Grundstücke und Gebäude 3.500 Gezeichnetes Kapital 2.500
Technische Anlagen/Maschinen 2.000 Kapitalrücklage 500
Finanzanlagen 500 Gesetzliche Rücklage 350
Vorräte 1.400 Andere Gewinnrücklagen 350
Forderungen aLL 2.000 Gewinnvortrag 300
Kasse/Bank 600 Pensionsrückst./Darlehen (langfr.) 3.000
Summe Aktiva 10.000 Verbindlichkeiten aLL (kurzfr.) 2.820
  Dividende (sonst. Verb., kurzfr.) 180
  Summe Passiva 10.000

Schritt 2 – drei Zeitpunkte der Ergebnisverwendung (nur der Eigenkapital-Bereich ändert sich):

Eigenkapital-Bereich ① vor EV ② nach teilw. EV ③ nach vollst. EV
Gezeichnetes Kapital 2.500 2.500 2.500
Kapitalrücklage 500 500 500
Gesetzliche Rücklage 300 350 350
Andere Gewinnrücklagen 300 350 350
Jahresüberschuss 480 – –
Gewinnvortrag (aus Vorjahr) 100 – –
Bilanzgewinn – 480 –
Gewinnvortrag (neu) – – 300
= Eigenkapital gesamt 4.180 4.180 4.000
Dividende → kurzfr. Fremdkapital – – 180
① vor Ergebnisverwendung: Jahresüberschuss und Gewinn-/Verlustvortrag stehen getrennt in der Bilanz.
② nach teilweiser EV: gesetzliche und andere Rücklagen sind erhöht, es steht nur noch der Bilanzgewinn.
③ nach vollständiger EV: es bleibt ein Gewinnvortrag (bzw. Verlustvortrag). Für die Strukturbilanz gilt: Gewinn-/Verlustvortrag = Eigenkapital, Dividende = kurzfristiges Fremdkapital.

Schritt 3 – daraus entsteht die Strukturbilanz (verdichtet, als T-Konto):

Strukturbilanz (verdichtet)  
AKTIVA Tsd. € PASSIVA Tsd. €
Anlagevermögen 6.000 Eigenkapital 4.000
Umlaufvermögen 4.000 langfristiges Fremdkapital 3.000
Summe 10.000 kurzfristiges Fremdkapital 3.000
  Summe 10.000

2. Ergebnisverwendung – vom Jahresüberschuss zum Bilanzgewinn

Vor der Strukturbilanz wird der Jahresüberschuss verwendet. Bei teilweiser Ergebnisverwendung entsteht der Bilanzgewinn, der in Gewinnvortrag (Eigenkapital) und Dividende (kurzfristiges Fremdkapital) aufgeteilt wird.

Ergebnisverwendung (teilweise) Tsd. €
Jahresüberschuss 480
+ Gewinnvortrag aus Vorjahr 20
− Einstellung in gesetzliche Rücklage −24
− Einstellung in andere Gewinnrücklagen −176
= Bilanzgewinn 300
− Dividende (an Aktionäre) −250
= Gewinnvortrag (neu, ins EK) 50
Einordnung in die Strukturbilanz: der Gewinnvortrag (50) erhöht das Eigenkapital, die Dividende (250) zählt bis zur Auszahlung zum kurzfristigen Fremdkapital.

3. Vermögens- und Kapitalstruktur

Die Vermögensstruktur (Aktivseite) zeigt, wie das Kapital investiert ist, die Kapitalstruktur (Passivseite), woher es stammt.

\( \text{Anlagequote} = \dfrac{\text{AV} \cdot 100\,\%}{\text{Gesamtvermögen}} = \dfrac{6.000 \cdot 100\,\%}{10.000} = 60\,\% \qquad \text{Eigenkapitalquote} = \dfrac{4.000 \cdot 100\,\%}{10.000} = 40\,\% \)
\( \text{Verschuldungsgrad} = \dfrac{\text{Fremdkapital} \cdot 100\,\%}{\text{Eigenkapital}} = \dfrac{6.000 \cdot 100\,\%}{4.000} = 150\,\% \)

4. Anlagendeckung – goldene Bilanzregel

Langfristig gebundenes Vermögen soll auch langfristig finanziert sein:

\( \text{Anlagendeckung I} = \dfrac{\text{EK} \cdot 100\,\%}{\text{AV}} = \dfrac{4.000 \cdot 100\,\%}{6.000} = 66{,}7\,\% \qquad \text{Anlagendeckung II} = \dfrac{(\text{EK}+\text{langfr. FK}) \cdot 100\,\%}{\text{AV}} = \dfrac{7.000 \cdot 100\,\%}{6.000} = 116{,}7\,\% \)
💡 Goldene Bilanzregel erfüllt, wenn Anlagendeckung II ≥ 100 % – dann ist das Anlagevermögen vollständig langfristig finanziert (hier 116,7 % → erfüllt).

5. Liquiditätsanalyse

Die Liquidität zeigt, ob die kurzfristigen Schulden bezahlt werden können (UV gestaffelt nach Verfügbarkeit). Angaben (Tsd. €): flüssige Mittel 600, + Forderungen 2.000, + Vorräte → UV gesamt 4.000; kurzfristiges Fremdkapital 3.000.

\( \text{Liquidität 1. Grades} = \dfrac{600 \cdot 100\,\%}{3.000} = 20\,\% \quad \text{2. Grades} = \dfrac{2.600 \cdot 100\,\%}{3.000} = 86{,}7\,\% \quad \text{3. Grades} = \dfrac{4.000 \cdot 100\,\%}{3.000} = 133{,}3\,\% \)

6. Rentabilitätsanalyse

Rentabilität misst den Erfolg im Verhältnis zum eingesetzten Kapital bzw. Umsatz. Angaben: Jahresüberschuss 480 Tsd. €, Umsatz 12.000 Tsd. €, Fremdkapitalzinsen 120 Tsd. €.

\( \text{EK-Rentabilität} = \dfrac{480 \cdot 100\,\%}{4.000} = 12\,\% \quad \text{Umsatzrentabilität} = \dfrac{480 \cdot 100\,\%}{12.000} = 4\,\% \quad \text{GK-Rentabilität} = \dfrac{(480+120) \cdot 100\,\%}{10.000} = 6\,\% \)

7. Der Leverage-Effekt (Hebeleffekt)

Der Leverage-Effekt beantwortet, ob mit Eigen- oder Fremdkapital finanziert werden sollte. Solange die Gesamtkapitalrentabilität (GKR) größer ist als der Fremdkapitalzinssatz, hebt zusätzliches Fremdkapital die Eigenkapitalrentabilität (EKR):

\( \text{EKR} = \text{GKR} + \dfrac{\text{FK}}{\text{EK}} \cdot (\text{GKR} – \text{FK-Zinssatz}) \)

UNTERNEHMER AG: GKR 6 %, FK/EK = 6.000/4.000 = 1,5, FK-Zinssatz 2 %:

\( \text{EKR} = 6\,\% + 1{,}5 \cdot (6\,\% – 2\,\%) = 12\,\% \)
💡 GKR > FK-Zinssatz → positiver Hebel: mehr Fremdkapital steigert die EKR (hier von 6 % auf 12 %). Kippt, wenn FK-Zinsen über die GKR steigen → dann senkt zusätzliches FK die EKR.

8. EBIT – operative Ertragskraft

Das EBIT (Earnings before Interests and Taxes) ist das Ergebnis vor Zinsen und Steuern. Es zeigt die operative Ertragskraft unabhängig von Finanzierung (EK/FK), Rechtsform und Steuerhöhe – dadurch sind Unternehmen besser vergleichbar.

Das EBIT lässt sich auf zwei Wegen ermitteln:

Direkte Methode Tsd. €
Betriebliche Erträge 5.600
− Betriebliche Aufwendungen −4.800
= EBIT (ordentliches Betriebsergebnis) 800
Indirekte Methode (aus der GuV) Tsd. €
Jahresüberschuss 480
+ Finanzaufwendungen (Zinsaufwand) 120
− Finanzerträge (Zinserträge) −40
+ Steueraufwendungen 240
= EBIT 800
Das EBIT blendet Sondereinflüsse (Kapitalstruktur, Steuern) aus und macht das operative Geschäft sichtbar – ideal für den Vergleich verschiedener Unternehmen.

9. Verweis: Bewertungen aus Klasse 12

Für den Jahresabschluss gelten die Bewertungsregeln aus Klasse 12 unverändert weiter. Die ausführlichen Seiten dazu: Vorräte, Anlagevermögen/Maschinen, Fuhrpark, Grundstück/Gebäude, Forderungen (EWB/PWB) und Wertpapiere.

10. Typische Prüfungsfehler

✗ Falsch

Bilanzgewinn komplett ins Eigenkapital stellen.

✓ Richtig

Nur der Gewinnvortrag gehört ins EK; die Dividende ist kurzfristiges Fremdkapital.

✗ Falsch

Anlagendeckung II unter 100 % als „gut“ werten.

✓ Richtig

Die goldene Bilanzregel ist erst ab 100 % erfüllt.

✗ Falsch

EBIT mit dem Jahresüberschuss gleichsetzen.

✓ Richtig

EBIT = Ergebnis vor Zinsen und Steuern – diese werden zum JÜ wieder hinzugerechnet.

11. Auf einen Blick

  • Strukturbilanz: Aktiva nach Liquidität, Passiva nach Fristigkeit; Bilanzgewinn → Gewinnvortrag (EK) + Dividende (kurzfr. FK).
  • Struktur: Anlagequote, EK-Quote, Verschuldungsgrad.
  • Anlagendeckung II ≥ 100 % = goldene Bilanzregel erfüllt.
  • Liquidität 1./2./3. Grades; Rentabilität EK/GK/Umsatz.
  • EBIT = Ergebnis vor Zinsen und Steuern (operative Ertragskraft).

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