FOS Bayern · Betriebswirtschaftliches Rechnungswesen (BwR) · 11. Jahrgangsstufe · ALT – auslaufender Lehrplan · Lernbereich 2: Material beschaffen sowie Fertigungsverfahren festlegen · ca. 18 Unterrichtsstunden

Material beschaffen und Fertigungsverfahren festlegen

Modellunternehmen: Die UNTERNEHMER AG muss ihre Werkstoffe (Roh-, Hilfs-, Betriebsstoffe, Fremdbauteile) rechtzeitig, in ausreichender Menge und zu minimalen Kosten bereitstellen – und entscheiden, wie und in welcher Tiefe sie fertigt.

Hinweis zum Lehrplan: Diese Seite folgt dem auslaufenden Lehrplan (BwR) und bleibt für die nach altem Lehrplan geprüften Jahrgänge relevant. Grundlage ist der LehrplanPLUS FOS 11 BwR (gültig ab 2017/18).

Inhaltsverzeichnis

  1. Ziele und Aufgaben der Materialwirtschaft
  2. ABC-Analyse
  3. Bereitstellungsprinzipien und Just-in-Time
  4. Bestellpunktverfahren und Meldebestand
  5. Optimale Bestellmenge
  6. Lagerkennzahlen
  7. Fertigungstiefe, Normung und Typung
  8. Fertigungs- und Organisationstypen
  9. Typische Fehler und Prüfungshinweise
  10. Auf einen Blick

1. Ziele und Aufgaben der Materialwirtschaft

Die Materialwirtschaft umfasst Disposition, Einkauf und Lagerhaltung. Ihre Ziele bilden ein „magisches“ Zieldreieck bzw. -fünfeck – sie lassen sich nicht alle gleichzeitig optimal erreichen.

Niedrige Kosten
Beschaffungs- und Lagerkosten gering halten
Versorgungssicherheit
Lieferbereitschaft jederzeit gewährleisten
Hohe Qualität
einwandfreie Werkstoffe
Geringe Kapitalbindung
wenig Kapital im Lager binden
Umweltschutz
ressourcenschonende Beschaffung
Zielkonflikt: Hohe Versorgungssicherheit (großes Lager) erhöht die Kapitalbindung und die Lagerkosten – niedrige Kapitalbindung gefährdet die Lieferbereitschaft.

2. ABC-Analyse

Die ABC-Analyse ordnet die Werkstoffe nach ihrem Anteil am Gesamtverbrauchswert. So wird der Beschaffungsaufwand dorthin gelenkt, wo der größte Wert liegt.

Gruppe Anteil an der Menge Anteil am Wert Steuerung
A-Güter ca. 15 % ca. 80 % genaue Disposition, ggf. Just-in-Time
B-Güter ca. 30 % ca. 15 % optimale Bestellmenge, Bestellpunktverfahren
C-Güter ca. 55 % ca. 5 % einfache Steuerung, höhere Sicherheitsbestände
Auswertung (Lehrplanfokus): Wenige A-Güter binden den größten Wert – sie werden eng gesteuert und eignen sich für fertigungssynchrone Beschaffung. Viele C-Güter binden wenig Wert – hier genügt eine einfache Steuerung mit Sicherheitsbeständen.

3. Bereitstellungsprinzipien und Just-in-Time

Vorratsbeschaffung
Material wird auf Lager bezogen. Hohe Versorgungssicherheit, aber hohe Kapitalbindung und Lagerkosten.
Fertigungssynchrone Beschaffung (Just-in-Time)
Material wird passend zum Fertigungstakt geliefert. Geringe Kapitalbindung, aber hohe Abhängigkeit vom Lieferanten.
Just-in-Time – Grenzen: setzt zuverlässige Lieferanten, kurze Wege und gute Planung voraus; bei Störungen (Streik, Stau, Lieferengpass) droht Produktionsstillstand. Der Beschaffungsmarkt wird u. a. mit einer Lieferanten-Matrix analysiert – auch nach ethisch-sozialen Aspekten.

4. Bestellpunktverfahren und Meldebestand

Beim Bestellpunktverfahren wird bei Erreichen des Meldebestands neu bestellt, sodass das Lager während der Beschaffungszeit nicht unter den Sicherheitsbestand fällt.

\( \text{Meldebestand}=\text{Tagesverbrauch}\cdot\text{Beschaffungszeit}+\text{Sicherheitsbestand} \)

Beispiel – UNTERNEHMER AG: Tagesverbrauch 80 Stück, Beschaffungszeit 6 Tage, Sicherheitsbestand für 10 Tage \(= 800 Stück\):

\( \text{Meldebestand}=80\cdot 6+80\cdot 10=480+800=1{.}280 \quad\text{Stück} \)

5. Optimale Bestellmenge

Die optimale Bestellmenge minimiert die Summe aus Bestell- und Lagerhaltungskosten: Viele kleine Bestellungen verursachen hohe Bestellkosten, wenige große Bestellungen hohe Lagerkosten.

\( x_{\text{opt}}=\sqrt{\dfrac{2\cdot\text{Jahresbedarf}\cdot\text{fixe Bestellkosten}}{\text{Einstandspreis}\cdot\text{Lagerhaltungskostensatz}}} \)

Beispiel – UNTERNEHMER AG: Jahresbedarf 24.000 Stück, fixe Bestellkosten 120,00 â‚¬ je Bestellung, Einstandspreis 25,00 â‚¬, Lagerhaltungskostensatz 16 %:

\( x_{\text{opt}}=\sqrt{\dfrac{2\cdot 24{.}000\cdot 120}{25\cdot 0{,}16}}=\sqrt{\dfrac{5{.}760{.}000}{4}}=\sqrt{1{.}440{.}000}=1{.}200 \quad\text{Stück} \)
Der Lagerhaltungskostensatz = Zinssatz + Lagerkostensatz. Die optimale Bestellmenge kann tabellarisch, rechnerisch und grafisch bestimmt werden (Schnittpunkt von Bestell- und Lagerkostenkurve).

6. Lagerkennzahlen

\( \varnothing\text{-Lagerbestand}=\dfrac{\text{Anfangsbestand}+\text{12 Monatsendbestände}}{13} \qquad \text{Umschlagshäufigkeit}=\dfrac{\text{Jahresverbrauch}}{\varnothing\text{-Lagerbestand}} \qquad \varnothing\text{-Lagerdauer}=\dfrac{360}{\text{Umschlagshäufigkeit}} \)

Beispiel: Jahresverbrauch 28.800 Stück, durchschnittliche Lagerdauer 24 Tage → Umschlagshäufigkeit 360 / 24 = 15; durchschnittlicher Lagerbestand 28.800 / 15 = 1.920 Stück. Eine höhere Umschlagshäufigkeit senkt die Kapitalbindung.

7. Fertigungstiefe, Normung und Typung

Programmbreite (Anzahl der Produktgruppen) und Fertigungstiefe (Anzahl der selbst durchgeführten Fertigungsstufen) bestimmen den Grad der Eigenfertigung. Eine geringe Fertigungstiefe (mehr Fremdbezug) senkt Kosten, erhöht aber die Abhängigkeit von Zulieferern.

Normung (einheitliche Maße/Qualitäten) und Typung (Beschränkung auf wenige Typen) senken die Kosten und sichern gleichbleibende Qualität. Mass Customization verbindet Massenfertigung mit individueller Anpassung.

8. Fertigungs- und Organisationstypen

Fertigungstypen
Einzel-, Serien-, Sorten- und Massenfertigung – nach Stückzahl und Wiederholgrad.
Organisationstypen
Werkstatt-, Reihen-, Fließ- und Gruppenfertigung – nach der räumlich-zeitlichen Anordnung.
Abstimmung von Produktion und Absatz: Werden Produktions- und Absatzmengen synchronisiert, sinken Lagerbestände und Kapitalbindung; zu geringe Bestände gefährden jedoch die Lieferfähigkeit.

9. Typische Fehler und Prüfungshinweise

✗ Häufiger Fehler
A-Güter sind die mit der größten Stückzahl.
✓ So ist es richtig
A-Güter haben den größten Wertanteil (ca. 80 %) bei geringer Stückzahl.
✗ Häufiger Fehler
Im Meldebestand wird der Sicherheitsbestand vergessen.
✓ So ist es richtig
Meldebestand = Tagesverbrauch · Beschaffungszeit + Sicherheitsbestand.
✗ Häufiger Fehler
Bei der optimalen Bestellmenge wird der Lagerhaltungskostensatz als Prozentzahl statt als Dezimalwert eingesetzt.
✓ So ist es richtig
16 % als 0,16 einsetzen; die Formel steht unter der Wurzel.
✗ Häufiger Fehler
Just-in-Time gilt als risikolos.
✓ So ist es richtig
Es setzt zuverlässige Lieferanten voraus; bei Störungen droht Produktionsstillstand.

10. Auf einen Blick

Sie können nun die Ziele der Materialwirtschaft abwägen, eine ABC-Analyse auswerten, Bereitstellungsprinzipien und Just-in-Time beurteilen, Meldebestand und optimale Bestellmenge berechnen, Lagerkennzahlen ermitteln sowie Fertigungstiefe, Normung/Typung und die Fertigungs- und Organisationstypen unterscheiden.

Alle Inhalte dieser Seite orientieren sich am offiziellen LehrplanPLUS Bayern (ISB) – auslaufender Lehrplan BwR (FOS/BOS).

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