Vollkostenrechnung

Betriebswirtschaftslehre mit Rechnungswesen (BWL) · FOS/BOS Bayern · Klasse 11 · Lernbereich 5 · alter Lehrplan

Übergangshinweis: Diese Seite bildet den auslaufenden BWL-Lehrplan ab (aktuelle Prüfungsjahrgänge). Sie enthält bewusst auch BAB, Über-/Unterdeckung und Maschinenstundensatz, die im neuen BWL-Lehrplan (Klasse 11.4) nicht mehr verlangt werden. Modellunternehmen ist durchgängig die UNTERNEHMER AG.

Die Vollkostenrechnung ist das Herzstück der Kosten- und Leistungsrechnung: Sie verteilt alle im Betrieb angefallenen Kosten so auf die einzelnen Produkte, dass am Ende ein Angebots- bzw. Verkaufspreis steht. Dafür sind drei Bausteine nötig, die in diesem Lernbereich zusammenspielen: die Kalkulation (vom Fertigungsmaterial bis zum Listenverkaufspreis), der Betriebsabrechnungsbogen (verursachungsgerechte Verteilung der Gemeinkosten) und die Maschinenkostenrechnung (was kostet eine Maschinenstunde?). Wer diese drei Bausteine beherrscht, löst jede Prüfungsaufgabe zur Vollkostenrechnung.

Inhaltsverzeichnis

  1. Einzel- und Gemeinkosten
  2. Das Kalkulationsschema (FM → AP)
  3. Vorwärtskalkulation
  4. Rückwärtskalkulation
  5. Differenzkalkulation
  6. Betriebsabrechnungsbogen (BAB)
  7. Mehrstufiger BAB
  8. Normalzuschläge & Über-/Unterdeckung
  9. Maschinenstundensatz
  10. Gesamtfall UNTERNEHMER AG
  11. Kostenbegriffe und Betriebs-/Gesamtergebnis
  12. Typische Fehler in der Prüfung
  13. Auf einen Blick

1. Einzel- und Gemeinkosten

Am Anfang jeder Kostenrechnung steht die Frage: Lässt sich eine Kostenart einem einzelnen Produkt direkt zurechnen – oder nicht? Genau daran entscheidet sich, ob Einzel- oder Gemeinkosten vorliegen.

Einzelkosten kann man einem Produkt unmittelbar zuordnen. Typische Beispiele sind das Fertigungsmaterial (FM) – der Rohstoff, der in genau dieses Produkt eingeht – und die Fertigungslöhne (FL) der Arbeiter, die an diesem Produkt arbeiten. Einzelkosten sind variabel: Produziert der Betrieb mehr Stück, steigen sie; produziert er weniger, sinken sie. Sie hängen also vom Beschäftigungsgrad ab.

Gemeinkosten fallen dagegen für mehrere Produkte gemeinsam an und lassen sich nicht direkt einem einzelnen Produkt zuordnen – etwa Miete, Strom, Verwaltungsgehälter, Abschreibungen auf Maschinen. Dazu zählen Materialgemeinkosten (MGK), Fertigungsgemeinkosten (FGK), Verwaltungsgemeinkosten (VwGK) und Vertriebsgemeinkosten (VtGK). Gemeinkosten sind größtenteils fix. Da man sie nicht direkt zurechnen kann, verteilt man sie über prozentuale Zuschlagssätze auf die Produkte.

Merke: Einzelkosten = direkt zurechenbar (FM, FL), meist variabel. Gemeinkosten = gemeinsam verursacht (MGK, FGK, VwGK, VtGK), meist fix, werden über Zuschlagssätze verrechnet. Dazu kommen Sondereinzelkosten der Fertigung (z. B. Spezialwerkzeug) und des Vertriebs (z. B. Verpackung, Fracht).

EinzelkostenFM · FL GemeinkostenMGK·FGK·VwGK·VtGK HerstellkostenHK SelbstkostenSK Vom Kostenanfall zu den Selbstkosten

2. Das Kalkulationsschema (FM → AP)

Die Zuschlagskalkulation folgt einem festen Schema, das man auswendig beherrschen muss. Ganz wichtig: Das Schema steht immer gleich herum – Fertigungsmaterial oben, Listenverkaufspreis unten. Es wird niemals „auf den Kopf gestellt“. Ob man vorwärts oder rückwärts rechnet, ändert nur die Rechenrichtung, nicht den Aufbau.

Das vollständige Schema:

Position in € in % in % Nebenrechnung
Fertigungsmaterial (FM)
+ Materialgemeinkosten (MGK) % von FM MGK = FM · Satz/100
= Materialkosten
+ Fertigungslöhne (FL)
+ Fertigungsgemeinkosten (FGK) % von FL FGK = FL · Satz/100
+ Sondereinzelkosten der Fertigung
= Herstellkosten (HK) 100 % linke Basis
+ Verwaltungsgemeinkosten (VwGK) % von HK
+ Vertriebsgemeinkosten (VtGK) % von HK
= Selbstkosten (SK) 100 % linke Basis
+ Gewinnzuschlag % von SK
= Barverkaufspreis-Basis (vVP)
+ Vertreterprovision % von ZVP
+ Kundenskonto % von ZVP
= Zielverkaufspreis (ZVP) 100 % rechte Basis
+ Kundenrabatt % von AP
= Listenverkaufspreis (AP) 100 % rechte Basis

Zwei Prozentspalten: bis SK gilt die linke Spalte (HK/SK = 100 %), ab dem Verkaufspreis die rechte (ZVP/AP = 100 %).

Zwei Prozentspalten – die zentrale Eselsbrücke: „Wo 100 % steht, ist die Bezugsbasis.“ Bis zu den Selbstkosten gilt die linke Spalte (HK bzw. SK = 100 %). Ab dem Verkaufspreis wechselt die Basis nach rechts: der Zielverkaufspreis (ZVP) = 100 %. Vertreterprovision und Skonto beziehen sich deshalb auf den ZVP, der Rabatt dagegen auf den Listenverkaufspreis (AP).

3. Vorwärtskalkulation

Bei der Vorwärtskalkulation sind die Einzelkosten gegeben, und man rechnet Schritt für Schritt von oben (FM) nach unten. Das ist die häufigste Grundform. Jeder Gemeinkostenzuschlag wird auf seine Bezugsgröße bezogen: MGK auf FM, FGK auf FL, VwGK und VtGK auf die Herstellkosten.

Beispiel UNTERNEHMER AG. Gegeben: FM = 25.000 €, FL = 30.000 €. Zuschlagssätze: MGK 60 % (von FM), FGK 80 % (von FL), VwGK 10 % und VtGK 5 % (von HK), Gewinn 10 % (von SK).

Position in € in % in % Nebenrechnung
Fertigungsmaterial (FM) 25.000,00 €
+ Materialgemeinkosten (MGK) 15.000,00 € 60 % \( \dfrac{25.000 \cdot 60}{100}=15.000 \)
+ Fertigungslöhne (FL) 30.000,00 €
+ Fertigungsgemeinkosten (FGK) 24.000,00 € 80 % \( \dfrac{30.000 \cdot 80}{100}=24.000 \)
= Herstellkosten (HK) 94.000,00 € 100 %
+ Verwaltungsgemeinkosten (VwGK) 9.400,00 € 10 % \( \dfrac{94.000 \cdot 10}{100}=9.400 \)
+ Vertriebsgemeinkosten (VtGK) 4.700,00 € 5 % \( \dfrac{94.000 \cdot 5}{100}=4.700 \)
= Selbstkosten (SK) 108.100,00 € 100 %
+ Gewinn 10.810,00 € 10 % \( \dfrac{108.100 \cdot 10}{100}=10.810 \)
= Barverkaufspreis (BVP) 118.910,00 € 110 % SK + 10 %

Vorwärts: Einzelkosten gegeben, von oben nach unten. Linke %-Spalte: Zuschlagssätze; HK und SK sind 100 % (Basis).

Die Nebenrechnungen sind einfache Prozentrechnungen, z. B. \( \text{MGK}=0{,}60\cdot 25\,000\,\text{Euro}=15\,000\,\text{Euro} \) und \( \text{VwGK}=0{,}10\cdot 94\,000\,\text{Euro}=9\,400\,\text{Euro} \).

Selbstkosten = 108.100,00 € · Barverkaufspreis-Basis = 118.910,00 €

4. Rückwärtskalkulation

Manchmal gibt der Markt den Preis vor: Der Listenverkaufspreis (AP) ist bekannt, und man möchte wissen, welche Selbstkosten dahinterstehen dürfen. Dann rechnet man rückwärts – von unten nach oben. Wichtig: Der Schema-Aufbau bleibt gleich (AP unten, SK oben), nur die Rechenrichtung dreht sich. Die Rückwärtskalkulation endet bei den Selbstkosten.

Beispiel. AP = 150.000 €; Rabatt 20 %, Skonto 2 %, Vertreterprovision 5 %, Gewinn 10 %.

Position in € in % in % Nebenrechnung
= Selbstkosten (SK) ≈ 101.454,55 € 100 %
+ Gewinn (im Hundert) ≈ 10.145,45 € 10 % \( \text{SK}=\dfrac{111.600}{1{,}10}=101.454{,}55 \)
= Barverkaufspreis (BVP) 111.600,00 € 110 % 93 % links: SK+10 % · rechts: 100−5−2
+ Vertreterprovision 6.000,00 € 5 % \( \dfrac{120.000 \cdot 5}{100}=6.000 \)
+ Kundenskonto 2.400,00 € 2 % \( \dfrac{120.000 \cdot 2}{100}=2.400 \)
= Zielverkaufspreis (ZVP) 120.000,00 € 80 % 100 % links: 100−20 · rechts: neue Basis
+ Kundenrabatt 30.000,00 € 20 % \( \dfrac{150.000 \cdot 20}{100}=30.000 \)
= Listenverkaufspreis (LVP) 150.000,00 € 100 % vom Markt vorgegeben

Rückwärts: LVP gegeben, im selben Schema von unten nach oben. Die %-Spalten sind identisch zum Vorwärtsfall: LVP 100 % (links), ZVP 80 % links / 100 % rechts, BVP 110 % links / 93 % rechts, SK 100 % (links).

Weil der Rabatt auf den AP bezogen ist (AP = 100 %), sind 30.000 € genau 20 % von 150.000 €. Der Gewinn wird bei der Rückwärtsrechnung „im Hundert“ herausgerechnet: \( \text{SK}=\dfrac{\text{vVP}}{1{,}10}=\dfrac{111\,600}{1{,}10}\approx 101\,454{,}55 \).

Zielverkaufspreis = 120.000,00 € · Selbstkosten ≈ 101.454,55 €

5. Differenzkalkulation

Die Differenzkalkulation beantwortet die Frage: Lohnt sich der Auftrag zum vom Markt vorgegebenen Preis? Man kennt die Einzelkosten und einen erzielbaren Preis. Nun rechnet man die Selbstkosten vorwärts bis SK und ermittelt aus dem Marktpreis rückwärts die zulässige Selbstkosten-Obergrenze. Liegt der marktbedingte Wert über den kalkulierten Selbstkosten, bleibt ein Gewinn; liegt er darunter, entsteht ein Verlust. So beurteilt man etwa, ob ein Zusatzauftrag angenommen werden soll.

Vorgehen: Produkt A vorwärts bis SK rechnen → Produkt B (Marktpreis) rückwärts bis SK rechnen → Differenz bilden und wirtschaftlich beurteilen (Gewinn/Verlust je Stück, Annahmeempfehlung).
Position in € in % in % Nebenrechnung
Fertigungsmaterial (FM) 20.000,00 €
+ Materialgemeinkosten (MGK) 12.000,00 € 60 % \( \dfrac{20.000 \cdot 60}{100}=12.000 \)
+ Fertigungslöhne (FL) 25.000,00 €
+ Fertigungsgemeinkosten (FGK) 20.000,00 € 80 % \( \dfrac{25.000 \cdot 80}{100}=20.000 \)
= Herstellkosten (HK) 77.000,00 € 100 %
+ Verwaltungsgemeinkosten (VwGK) 7.700,00 € 10 % \( \dfrac{77.000 \cdot 10}{100}=7.700 \)
+ Vertriebsgemeinkosten (VtGK) 3.850,00 € 5 % \( \dfrac{77.000 \cdot 5}{100}=3.850 \)
= Selbstkosten (SK) 88.550,00 € 100 % ↑ vorwärts aus den Kosten
+ Gewinn 8.170,00 € 9,23 % = BVP − SK; \( \dfrac{8.170}{88.550} \cdot 100 \)
= Barverkaufspreis (BVP) 96.720,00 € 109,23 % 93 % ↓ rückwärts aus dem Markt
+ Vertreterprovision 5.200,00 € 5 % \( \dfrac{104.000 \cdot 5}{100}=5.200 \)
+ Kundenskonto 2.080,00 € 2 % \( \dfrac{104.000 \cdot 2}{100}=2.080 \)
= Zielverkaufspreis (ZVP) 104.000,00 € 80 % 100 %
+ Kundenrabatt 26.000,00 € 20 % \( \dfrac{130.000 \cdot 20}{100}=26.000 \)
= Listenverkaufspreis (LVP) 130.000,00 € 100 % vom Markt vorgegeben

Ein Schema: die Kosten werden vorwärts bis zu den Selbstkosten gerechnet, der Marktpreis rückwärts bis zum Barverkaufspreis. Der Gewinn (= BVP − SK) steht genau dazwischen – in € und in %.

Beurteilung: Der am Markt erzielbare Gewinn beträgt 8.170,00 € = 9,23 % der Selbstkosten. Das Unternehmensziel von 12 % (= 10.626,00 €) wird nicht erreicht – es fehlen 2.456,00 €. Der Auftrag lohnt sich nur, wenn die Kosten gesenkt oder ein höherer Preis durchgesetzt werden kann.

6. Betriebsabrechnungsbogen (BAB)

Woher kommen die Zuschlagssätze? Aus dem Betriebsabrechnungsbogen. Er verteilt die Gemeinkosten – das sind Ist-Kosten, also tatsächlich angefallene Kosten – verursachungsgerecht auf die Kostenstellen (Material, Fertigung, Verwaltung, Vertrieb). Verteilt wird nach Beleg oder Schlüssel: Stromkosten z. B. nach verbrauchten Kilowattstunden, Miete nach Quadratmetern, der Fuhrpark nach vereinbarten Anteilen.

Als Zuschlagsbasis (100 %) dienen jeweils die Einzelkosten der Stelle: für die MGK das Fertigungsmaterial, für die FGK die Fertigungslöhne, für Verwaltung und Vertrieb die Herstellkosten des Umsatzes. Aus „Gemeinkosten ÷ Zuschlagsbasis“ ergibt sich der jeweilige Zuschlagssatz.

Beispiel – einstufiger BAB (adaptiert AP 2016). Die Hilfskostenstelle Fuhrpark verursacht 62.400 € und wird im Schlüssel 6 : 9 : 9 auf Material, Fertigung und Verwaltung/Vertrieb verteilt. Bei 24 Anteilen entspricht ein Anteil \( \dfrac{62\,400}{24}=2\,600\,\text{Euro} \).

Kostenstelle Material Fertigung Verw./Vertrieb
Gemeinkosten (vor Umlage) 148.500,00 € 494.700,00 € 428.400,00 €
+ Umlage Fuhrpark (6 : 9 : 9) 15.600,00 € 23.400,00 € 23.400,00 €
= Summe je Hauptstelle 164.100,00 € 518.100,00 € 451.800,00 €

BAB: Umlage der Hilfsstelle (Fuhrpark 62.400 €, Schlüssel 6:9:9) Fuhrpark62.400 € Material+15.600 → 164.100 Fertigung+23.400 → 518.100 Verw./Vertrieb+23.400 → 451.800 6 Anteile 9 Anteile 9 Anteile

7. Mehrstufiger BAB

Arbeitet eine Hilfsstelle (z. B. Arbeitsvorbereitung) für andere Fertigungsstellen, reicht eine Verteilungsstufe nicht aus. Dann wird mehrstufig abgerechnet: In der ersten Stufe verteilt man den Fuhrpark von links nach rechts, in der zweiten Stufe die Hilfsstelle Arbeitsvorbereitung von rechts nach links auf die Fertigungsstellen.

Beispiel. Fuhrpark 62.400 € im Schlüssel 6 : 3 : 3 : 3 : 9 (Material, Fertigung I, Fertigung II, Arbeitsvorbereitung, Verw./Vertrieb), ein Anteil = 2.600 €. Anschließend wird die Arbeitsvorbereitung im Verhältnis 1 : 3 auf Fertigung I und II umgelegt.

Kostenstelle Material Fertigung I Fertigung II Arbeitsvorb. Verw./Vertr.
Gemeinkosten (Ausgangswerte) 148.500,00 € 257.700,00 € 237.000,00 € 98.400,00 € 428.400,00 €
+ Stufe 1: Umlage Fuhrpark 15.600,00 € 7.800,00 € 7.800,00 € 7.800,00 € 23.400,00 €
= Zwischensumme 164.100,00 € 265.500,00 € 244.800,00 € 106.200,00 € 451.800,00 €
+ Stufe 2: Umlage Arbeitsvorb. (1 : 3) – 26.550,00 € 79.650,00 € − 106.200,00 € –
= Summe je Hauptstelle 164.100,00 € 292.050,00 € 324.450,00 € 0,00 € 451.800,00 €

Die Hilfsstelle Arbeitsvorbereitung (106.200 €) wird vollständig aufgeteilt: \( \tfrac{1}{4}\cdot 106\,200=26\,550 \) auf Fertigung I und \( \tfrac{3}{4}\cdot 106\,200=79\,650 \) auf Fertigung II. Danach ist ihr Saldo null.

Fertigung I = 292.050,00 € · Fertigung II = 324.450,00 €

8. Normalzuschläge & Über-/Unterdeckung

Ist-Zuschlagssätze schwanken von Monat zu Monat – unpraktisch für die laufende Kalkulation. Deshalb rechnet man mit Normalzuschlägen, also geglätteten Durchschnittssätzen. Am Periodenende vergleicht man die damit verrechneten Gemeinkosten mit den tatsächlichen Ist-Gemeinkosten:

  • Verrechnet > Ist → Überdeckung: Es wurde mehr verrechnet als angefallen – wirkt positiv auf das Ergebnis.
  • Verrechnet < Ist → Unterdeckung: Es wurde zu wenig verrechnet – belastet das Ergebnis.

Beispiel. Der Normal-Materialgemeinkostensatz beträgt 60 %. Bei einer Fertigungsmaterial-Basis von 270.000 € werden \( 0{,}60\cdot 270\,000=162\,000\,\text{Euro} \) verrechnet. Die Ist-Materialgemeinkosten liegen jedoch bei 164.100 €.

Über-/Unterdeckung: verrechnet vs. Ist verrechnet162.000 € Ist-GK164.100 € Differenz 2.100 €= Unterdeckung

Ergebnis: 162.000 € verrechnet − 164.100 € Ist = −2.100 € Unterdeckung. Es wurden 2.100 € zu wenig auf die Produkte verrechnet.

9. Maschinenstundensatz

Moderne Fertigung ist maschinenintensiv. Deshalb rechnet man die maschinenabhängigen Gemeinkosten oft je Maschinenstunde ab: Maschinenstundensatz (MSS) = maschinenabhängige Jahreskosten ÷ Maschinenstunden pro Jahr. Die Jahreskosten entnimmt man der Anlagenkarte.

Beispiel UNTERNEHMER AG. Anschaffungswert 120.000 €, Wiederbeschaffungswert 132.000 €, Nutzungsdauer 8 Jahre, kalkulatorischer Zinssatz 8 %, Raumbedarf 30 qm, Raumkosten 40 €/qm im Monat.

Position Betrag
kalk. Abschreibung (132.000 € ÷ 8 Jahre) 16.500,00 €
kalk. Zinsen (120.000 € · 8 % ÷ 2) 4.800,00 €
Raumkosten (30 qm · 40 € · 12 Monate) 14.400,00 €
Energie- und sonstige Kosten 9.300,00 €
= maschinenabhängige Jahreskosten 45.000,00 €
÷ Maschinenstunden pro Jahr 1.500 h
= Maschinenstundensatz 30,00 €/h

Wichtig bei den kalkulatorischen Zinsen: Es wird nur die Hälfte des Anschaffungswerts verzinst, weil das gebundene Kapital über die Nutzungsdauer im Durchschnitt auf die Hälfte sinkt: \( \text{kalk. Zinsen}=\dfrac{120\,000\cdot 8}{200}=4\,800\,\text{Euro} \). Die kalkulatorische Abschreibung geht vom Wiederbeschaffungswert aus (nicht vom Anschaffungswert), damit die Maschine später ersetzt werden kann.

Maschinenstundensatz = Jahreskosten ÷ Maschinenstunden Maschine kalk. AfA 16.500kalk. Zinsen 4.800Raum 14.400Energie/So. 9.300 ÷ 1.500 hpro Jahr = 30 €/hMSS

Merke – drei Wege zu den Maschinenkosten: (1) über die Rest-FGK (Maschinenkosten = FGK − Rest-FGK), (2) über den Maschinenstundensatz (MSS · Maschinenzeit ÷ 60), (3) ausführlich über die Anlagenkarte wie oben.

10. Gesamtfall UNTERNEHMER AG

Eine typische Prüfungsaufgabe verbindet alle Bausteine. Der rote Faden lautet: BAB → Zuschlagssätze → Kalkulation.

  1. Im BAB die Ist-Gemeinkosten verteilen (Hilfsstelle zuerst umlegen) und daraus die Zuschlagssätze berechnen (Gemeinkosten ÷ Zuschlagsbasis).
  2. Mit diesen Sätzen vorwärts kalkulieren vom Fertigungsmaterial bis zu den Selbstkosten (im Beispiel: SK = 108.100 €) und über den Gewinnzuschlag zum Verkaufspreis.
  3. Ist ein Marktpreis vorgegeben, per Differenzkalkulation prüfen, ob er die Selbstkosten deckt, und das Ergebnis beurteilen.
Prüfungstipp: Immer zuerst das Schema hinschreiben (FM oben, AP unten), dann die gegebenen Werte eintragen und die fehlenden Zeilen berechnen. So verliert man nie den Überblick – egal ob vorwärts, rückwärts oder Differenz.

11. Kostenbegriffe und Betriebs-/Gesamtergebnis

Das interne Rechnungswesen (Kosten/Leistungen) grenzt sich vom externen (Aufwendungen/Erträge) ab. Entsprechend unterscheidet man:

Begriff Bedeutung
Grundkosten Aufwand = Kosten (deckungsgleich, z. B. Materialverbrauch)
Anderskosten Kosten mit anderem Wertansatz als der Aufwand (z. B. kalk. Abschreibung vom Wiederbeschaffungswert statt bilanzieller AfA)
Zusatzkosten Kosten ohne entsprechenden Aufwand (z. B. kalk. Unternehmerlohn, kalk. Zinsen auf Eigenkapital)

Deshalb weichen Betriebsergebnis (nur Betriebszweck, Leistungen − Kosten) und Gesamtergebnis (gesamte FiBu, Erträge − Aufwendungen) voneinander ab – vor allem durch Abschreibungsdifferenz und betriebsfremde Zinserträge:

Überleitung €
Gesamtergebnis (FiBu) 120.000
− betriebsfremde Zinserträge (neutraler Ertrag) −8.000
− zusätzliche kalkulatorische Abschreibung (Anderskosten) −5.000
= Betriebsergebnis 107.000
💡 Umsatzergebnis vs. Betriebsergebnis: Das Umsatzergebnis betrachtet nur die abgesetzten Erzeugnisse (Umsatzkostenverfahren); das Betriebsergebnis umfasst die gesamte Betriebsleistung.

12. Typische Fehler in der Prüfung

✗ Falsch

Skonto oder Rabatt auf die Selbstkosten beziehen.

✓ Richtig

Provision und Skonto beziehen sich auf den ZVP (=100 % rechts), der Rabatt auf den AP (=100 % links).

✗ Falsch

Bei der Rückwärtskalkulation über die Selbstkosten hinaus weiterrechnen.

✓ Richtig

Die Rückwärtskalkulation endet bei den Selbstkosten.

✗ Falsch

Über- und Unterdeckung vertauschen.

✓ Richtig

verrechnet > Ist = Überdeckung, verrechnet < Ist = Unterdeckung.

✗ Falsch

Kalkulatorische Zinsen vom vollen Anschaffungswert rechnen.

✓ Richtig

Nur die Hälfte verzinsen: \( \text{AK}\cdot p \div 200 \).

✗ Falsch

Die Hilfsstelle im mehrstufigen BAB nicht vollständig auflösen.

✓ Richtig

Die Hilfsstelle wird komplett umgelegt – ihr Saldo muss am Ende 0 € sein.

13. Auf einen Blick

  • Schema: FM → HK → SK → vVP → ZVP → AP; SK/HK = 100 % links, ZVP = 100 % rechts, Rabatt auf AP.
  • Vorwärts (Einzelkosten gegeben) · Rückwärts (AP gegeben, endet bei SK) · Differenz (Marktpreis beurteilen).
  • BAB: Ist-Gemeinkosten verursachungsgerecht verteilen; Hilfsstelle zuerst (mehrstufig, Saldo 0).
  • Normalzuschläge: verrechnet vs. Ist → Über-/Unterdeckung.
  • Maschinenstundensatz: Jahreskosten der Anlagenkarte ÷ Maschinenstunden (kalk. Zinsen: halber AK).
  • Betriebsergebnis: Umsatzerlöse − Selbstkosten der abgesetzten Erzeugnisse.

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