FOS Bayern · Betriebswirtschaftslehre 11 · NEU ab 2026/27 · Lernbereich 2 · ca. 22 Unterrichtsstunden
Material beschaffen
Modellunternehmen: Die UNTERNEHMER AG produziert modulare Lern- und Arbeitsmöbel. Für die Fertigung werden u. a. Tischplatten, Stahlgestelle, Elektromotoren, Steuerungen, Schrauben, Verpackungsmaterial und Betriebsstoffe benötigt. In diesem Lernbereich entscheidest du aus Unternehmenssicht, welche Materialien wie bereitgestellt, in welcher Menge bestellt, bei welchem Lieferanten beschafft und wie Bestände gesteuert werden.
Inhaltsverzeichnis
- Materialwirtschaft als Teil des Unternehmens
- Vom Bedarf bis zur Bereitstellung
- ABC-Analyse auswerten
- Vorratsbeschaffung oder fertigungssynchrone Beschaffung?
- Just-in-Time: Möglichkeiten und Grenzen
- Einfache Bezugskalkulation und Einstandspreis
- Optimale Bestellmenge: Grundidee
- Optimale Bestellmenge tabellarisch
- Optimale Bestellmenge rechnerisch
- Optimale Bestellmenge grafisch
- Beschaffungsmarkt und Lieferanten-Matrix
- Nutzwertanalyse / Scoring-Modell
- ESG und ESRS bei der Lieferantenauswahl
- Warum überhaupt lagern?
- Lagerkennzahlen berechnen und analysieren
- Lagerhaltung verbessern
- Gesamtfall UNTERNEHMER AG
- Selbstlern- und Transfertraining
- Typische Fehler und Prüfungshinweise
- Lernbereich auf einen Blick
1. Materialwirtschaft als Teil des Unternehmens
Produktion funktioniert nur, wenn die benötigten Werkstoffe in der richtigen Art und Qualität, in der richtigen Menge, zum richtigen Zeitpunkt, am richtigen Ort und zu wirtschaftlichen Bedingungen verfügbar sind. Genau hier setzt die Materialwirtschaft an. Eine zu knappe Versorgung kann die Fertigung stilllegen; überhöhte Bestände binden dagegen Kapital und verursachen Lagerkosten.
Die Materialwirtschaft bewegt sich deshalb in einem Zielkonflikt: hohe Lieferbereitschaft auf der einen Seite, niedrige Beschaffungs- und Lagerkosten sowie geringe Kapitalbindung auf der anderen.
2. Vom Bedarf bis zur Bereitstellung
Beschaffung ist kein isolierter Einkaufsvorgang. Ausgangspunkt ist ein Materialbedarf der Produktion. Anschließend müssen geeignete Bezugsquellen beurteilt, Bestellmengen festgelegt, Bestellungen ausgelöst, Lieferungen überwacht und Werkstoffe für die Fertigung bereitgestellt werden.
3. ABC-Analyse auswerten
Die ABC-Analyse trennt Materialien nach ihrer wirtschaftlichen Bedeutung. Häufig machen wenige A-Güter einen großen Anteil am gesamten Verbrauchswert aus. C-Güter sind dagegen zahlenmäßig häufig, haben aber nur einen kleinen Anteil am Verbrauchswert. B-Güter liegen dazwischen.
Für den neuen Lernbereich ist entscheidend: Du bekommst beispielsweise eine fertige Tabelle oder Grafik und musst daraus eine Beschaffungsentscheidung ableiten.
| Klasse | Bedeutung | Steuerungsaufwand | typische Überlegung |
|---|---|---|---|
| A | hoher Verbrauchswert | hoch | Bestände und Kapitalbindung besonders kritisch prüfen |
| B | mittlere Bedeutung | mittel | situationsabhängig steuern |
| C | geringer Verbrauchswert | eher gering | Verwaltungsaufwand nicht unnötig erhöhen |
Beispiel UNTERNEHMER AG: Eine vorliegende ABC-Auswertung zeigt: Elektromotoren und Steuerungen sind A-Güter, Tischplatten und Stahlteile B-Güter, Schrauben und Verpackungskleinteile C-Güter. Daraus folgt nicht automatisch, dass jedes A-Gut Just-in-Time und jedes C-Gut auf Vorrat beschafft werden muss. Die ABC-Klasse ist eine wichtige Entscheidungsinformation; zusätzlich zählen Lieferzuverlässigkeit, Wiederbeschaffungszeit, Produktionsrisiko und Beschaffungsmarkt.
4. Vorratsbeschaffung oder fertigungssynchrone Beschaffung?
Bei der Vorratsbeschaffung werden Werkstoffe vor ihrem tatsächlichen Einsatz beschafft und gelagert. Dadurch steigt die Versorgungssicherheit, gleichzeitig entstehen Lagerkosten und Kapitalbindung. Bei der fertigungssynchronen Beschaffung wird die Lieferung zeitlich eng an den Produktionsbedarf gekoppelt. Lagerbestände können sinken, dafür wächst die Abhängigkeit von zuverlässigen Lieferketten.
| Kriterium | Vorratsbeschaffung | fertigungssynchron |
|---|---|---|
| Bestand | höher | gering |
| Kapitalbindung | höher | geringer |
| Schutz vor Lieferstörungen | höher | geringer |
| Anforderung an Lieferanten | geringer | sehr hoch |
5. Just-in-Time: Möglichkeiten und Grenzen
Just-in-Time (JIT) ist eine besonders enge Form der fertigungssynchronen Bereitstellung: Das Material soll möglichst genau dann eintreffen, wenn es im Produktionsprozess benötigt wird.
6. Einfache Bezugskalkulation und Einstandspreis
Für eine Beschaffungsentscheidung reicht der Listenpreis nicht aus. Entscheidend ist, was das Material das Unternehmen tatsächlich kostet. Die einfache Bezugskalkulation führt deshalb vom Listeneinkaufspreis zum Einstandspreis (Bezugspreis).
| Rechenschritt | € | % | % |
|---|---|---|---|
| Listeneinkaufspreis | 24.000,00 | 100 | – |
| − Liefererrabatt | 2.400,00 | 10 | – |
| = Zieleinkaufspreis | 21.600,00 | 90 | 100 |
| − Liefererskonto | 432,00 | – | 2 |
| = Bareinkaufspreis | 21.168,00 | – | 98 |
| + Bezugskosten | 832,00 | – | – |
| = Einstandspreis | 22.000,00 | – | – |
7. Optimale Bestellmenge: Grundidee
Bei Vorratsbeschaffung muss entschieden werden, wie groß eine einzelne Bestellung sein soll. Viele kleine Bestellungen verursachen hohe Bestellkosten. Wenige große Bestellungen erhöhen den durchschnittlichen Lagerbestand und damit die Lagerhaltungskosten. Die optimale Bestellmenge minimiert die Summe dieser beiden Kostenarten.
Für die folgenden Beispiele benötigt die UNTERNEHMER AG jährlich 12.000 Motorsteuerungen. Eine Bestellung verursacht 150 € Bestellkosten. Der Einstandspreis beträgt 40 € je Stück; der Lagerhaltungskostensatz beträgt 15 % p. a. Daraus ergeben sich Lagerhaltungskosten von \(40\cdot0{,}15=6\,€\) je durchschnittlich gelagertem Stück und Jahr.
8. Optimale Bestellmenge tabellarisch
Bei gleichmäßigem Verbrauch und ohne Sicherheitsbestand beträgt der durchschnittliche Lagerbestand näherungsweise die halbe Bestellmenge. Die Bestellhäufigkeit ergibt sich aus Jahresbedarf geteilt durch Bestellmenge.
| Bestellmenge | Bestellungen/Jahr | Ø Lagerbestand | Bestellkosten | Lagerkosten | Gesamtkosten |
|---|---|---|---|---|---|
| 400 | 30 | 200 | 4.500 € | 1.200 € | 5.700 € |
| 600 | 20 | 300 | 3.000 € | 1.800 € | 4.800 € |
| 800 | 15 | 400 | 2.250 € | 2.400 € | 4.650 € |
| 1.000 | 12 | 500 | 1.800 € | 3.000 € | 4.800 € |
| 1.200 | 10 | 600 | 1.500 € | 3.600 € | 5.100 € |
In der Tabelle liegt das Kostenminimum bei 800 Stück. Die exakte rechnerische Lösung liegt etwas darunter.
9. Optimale Bestellmenge rechnerisch
Mit der klassischen Andler-Formel:
\[ q_\mathrm{opt}=\sqrt{\frac{2\cdot B\cdot K_B}{p\cdot i}} \]
mit Jahresbedarf \(B=12.000\), Bestellkosten \(K_B=150\,€\), Einstandspreis \(p=40\,€\) und Lagerhaltungskostensatz \(i=0{,}15\):
\[ q_\mathrm{opt}=\sqrt{\frac{2\cdot12.000\cdot150}{40\cdot0{,}15}} =\sqrt{600.000}\approx774{,}6 \]
Die rechnerisch optimale Bestellmenge beträgt damit rund 775 Stück. In der betrieblichen Praxis muss anschließend geprüft werden, ob beispielsweise Verpackungseinheiten oder Mindestbestellmengen eine sinnvolle Rundung erfordern.
10. Optimale Bestellmenge grafisch
Grafisch erkennt man das Prinzip besonders gut: Mit steigender Bestellmenge sinken die jährlichen Bestellkosten, während die Lagerhaltungskosten steigen. Die Gesamtkosten bilden eine U-förmige Kurve. Ihr Minimum liegt bei der optimalen Bestellmenge.
11. Beschaffungsmarkt und Lieferanten-Matrix
Der günstigste Lieferant ist nicht zwangsläufig der beste. Beschaffungsentscheidungen können Preis, Qualität, Lieferzuverlässigkeit, Lieferzeit, Flexibilität und Nachhaltigkeitskriterien gleichzeitig berücksichtigen. Eine Lieferanten-Matrix macht solche Unterschiede sichtbar.
12. Nutzwertanalyse / Scoring-Modell
Bei einer Nutzwertanalyse werden Kriterien gewichtet und Lieferanten anhand einer einheitlichen Punkteskala bewertet. Die Gewichtung drückt aus, wie wichtig ein Kriterium für die konkrete Beschaffung ist.
Beispiel: Die UNTERNEHMER AG bewertet drei Lieferanten für Motorsteuerungen auf einer Skala von 1 (schlecht) bis 5 (sehr gut).
| Kriterium | Gewicht | A Punkte | A gewichtet | B Punkte | B gewichtet | C Punkte | C gewichtet |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Preis | 30 % | 4 | 1,20 | 5 | 1,50 | 3 | 0,90 |
| Qualität | 25 % | 5 | 1,25 | 3 | 0,75 | 4 | 1,00 |
| Lieferzuverlässigkeit | 20 % | 5 | 1,00 | 3 | 0,60 | 4 | 0,80 |
| Umwelt / ESG | 15 % | 4 | 0,60 | 2 | 0,30 | 5 | 0,75 |
| Arbeitsbedingungen | 10 % | 4 | 0,40 | 3 | 0,30 | 5 | 0,50 |
| Gesamt | 100 % | 4,45 | 3,45 | 3,95 |
Nach dieser festgelegten Gewichtung erzielt Lieferant A den höchsten Nutzwert. Das Ergebnis ist jedoch keine naturgegebene Wahrheit: Andere sachlich begründete Gewichtungen können die Reihenfolge verändern. Genau deshalb müssen Kriterien und Gewichte transparent sein.
13. ESG und ESRS bei der Lieferantenauswahl
Der neue Lehrplan verlangt ausdrücklich, dass bei der Beschaffungsmarktanalyse auch ESG-Kriterien berücksichtigt werden. Neben Preis und Qualität können beispielsweise Umweltverschmutzung, Energie- und Ressourcenverbrauch, Arbeitsbedingungen oder Governance-Aspekte relevant sein. ESRS liefert hierfür einen strukturierten Berichtsrahmen.
Für die Beschaffungsentscheidung bedeutet das: Nachhaltigkeitsinformationen werden nicht als Dekoration angehängt, sondern können als bewertete Kriterien in die Lieferantenauswahl eingehen.
14. Warum überhaupt lagern?
Lagerhaltung kann zeitliche und mengenmäßige Unterschiede zwischen Beschaffung und Produktion ausgleichen, Lieferstörungen abfedern und Mengenrabatte ermöglichen. Gleichzeitig verursacht sie Raum-, Personal-, Versicherungs-, Schwund-, Verderb- und Finanzierungskosten. Zudem besteht das Risiko technischer oder wirtschaftlicher Überalterung.
15. Lagerkennzahlen berechnen und analysieren
Der neue Lernbereich konzentriert sich auf drei Kennzahlen: durchschnittlicher Lagerbestand, Lagerumschlagshäufigkeit und durchschnittliche Lagerdauer.
Durchschnittlicher Lagerbestand bei Anfangsbestand und zwölf Monatsendbeständen:
\[ \varnothing LB=\frac{AB+\sum_{i=1}^{12} Monatsendbestand_i}{13} \]
Lagerumschlagshäufigkeit:
\[ LU=\frac{Jahresverbrauch}{\varnothing LB} \]
Durchschnittliche Lagerdauer:
\[ LD=\frac{360}{LU} \]
Beispiel: Der durchschnittliche Bestand eines Werkstoffs beträgt 2.400 Stück, der Jahresverbrauch 14.400 Stück.
\[ LU=\frac{14.400}{2.400}=6 \qquad\Rightarrow\qquad LD=\frac{360}{6}=60\text{ Tage} \]
Der durchschnittliche Bestand wird rechnerisch sechsmal pro Jahr umgesetzt; ein Werkstoff verbleibt im Durchschnitt 60 Tage im Lager.
16. Lagerhaltung verbessern
Zeigen Kennzahlen zu hohe Bestände oder lange Lagerdauern, kommen beispielsweise kleinere Bestellmengen, häufigere Lieferungen, bessere Bedarfsplanung, eine stärkere Differenzierung nach ABC-Klassen oder – bei geeigneten Materialien – eine fertigungssynchrone Beschaffung infrage. Eine pauschale Bestandsreduzierung ist jedoch keine Lösung, wenn dadurch Produktionsstillstände drohen.
17. Gesamtfall UNTERNEHMER AG
Die UNTERNEHMER AG plant eine größere Serie elektrisch höhenverstellbarer Lernarbeitsplätze. Die Motorsteuerung ist laut vorliegender ABC-Analyse ein A-Gut. Drei Lieferanten stehen zur Auswahl. Lieferant B hat den niedrigsten Preis, Lieferant A weist jedoch die höchste Lieferzuverlässigkeit und einen deutlich höheren ESG-Score auf. Gleichzeitig soll der durchschnittliche Lagerbestand sinken.
Eine fachlich saubere Entscheidung besteht nun aus mehreren Schritten: Erstens wird aus der ABC-Auswertung die besondere wirtschaftliche Bedeutung der Steuerung erkannt. Zweitens werden Vorrats- und fertigungssynchrone Beschaffung unter Berücksichtigung des Ausfallrisikos verglichen. Drittens werden Einstandspreise und optimale Bestellmengen berechnet. Viertens wird der Beschaffungsmarkt mit einer gewichteten Lieferantenbewertung analysiert. Fünftens werden die Auswirkungen auf Lagerumschlag und Lagerdauer geprüft. Erst danach wird eine begründete Entscheidung getroffen.
18. Selbstlern- und Transfertraining
- Erkläre den zentralen Zielkonflikt der Materialwirtschaft.
- Eine vorgegebene ABC-Analyse weist ein Bauteil als A-Gut aus. Leite zwei mögliche Konsequenzen für die Beschaffung ab und nenne Informationen, die du zusätzlich benötigst.
- Vergleiche Vorratsbeschaffung und fertigungssynchrone Beschaffung für ein schwer ersetzbares Bauteil.
- Erkläre zwei Chancen und zwei Risiken von Just-in-Time.
- Berechne den Einstandspreis aus 18.000 € Listeneinkaufspreis, 8 % Rabatt, 2 % Skonto und 600 € Bezugskosten.
- Erkläre ohne Formel, warum Bestellkosten mit steigender Bestellmenge sinken, Lagerhaltungskosten aber steigen.
- Berechne für einen Jahresbedarf von 20.000 Stück, Bestellkosten von 120 €, einen Einstandspreis von 25 € und einen Lagerhaltungskostensatz von 16 % die optimale Bestellmenge.
- Entwickle eine Nutzwertanalyse mit mindestens einem E-, einem S- und einem wirtschaftlichen Kriterium.
- Ein Material hat einen durchschnittlichen Lagerbestand von 1.500 Stück und einen Jahresverbrauch von 12.000 Stück. Berechne Umschlagshäufigkeit und Lagerdauer.
- Beurteile die Aussage: „Je niedriger der Lagerbestand, desto besser die Materialwirtschaft.“
19. Typische Fehler und Prüfungshinweise
- ABC-Analyse: Im neuen Lernbereich nicht unnötig eine komplette ABC-Analyse neu berechnen, wenn nur die Auswertung verlangt ist.
- Bereitstellung: A-Gut nicht automatisch mit JIT gleichsetzen. Entscheidung begründen.
- Bezugskalkulation: Skonto nicht vom Listeneinkaufspreis berechnen.
- Optimale Bestellmenge: Bestellkosten und Lagerhaltungskosten nicht verwechseln.
- Grafik: x-Achse = Bestellmenge; y-Achse = jährliche Kosten. Das Kostenminimum muss zur optimalen Bestellmenge passen.
- Nutzwertanalyse: Gewichtung und Punktwert nicht addieren; zuerst gewichten, dann Nutzwerte summieren.
- ESG: Nachhaltigkeit nicht nur behaupten, sondern über konkrete Kriterien operationalisieren.
- Lagerkennzahlen: Hoher Lagerumschlag ist nicht isoliert zu beurteilen; Lieferfähigkeit und Risiko gehören zur Interpretation.
20. Lernbereich auf einen Blick
Du kannst nun Ergebnisse einer ABC-Analyse auswerten, zwischen Vorrats- und fertigungssynchroner Beschaffung abwägen, Just-in-Time beurteilen, Einstandspreise berechnen, die optimale Bestellmenge tabellarisch, rechnerisch und grafisch bestimmen, Lieferanten mit einer Matrix bzw. Nutzwertanalyse einschließlich ESG-Kriterien vergleichen und Lagerhaltung anhand von durchschnittlichem Lagerbestand, Lagerumschlagshäufigkeit und Lagerdauer analysieren.
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