BWL · FOS/BOS Bayern · Klasse 11 · Materialwirtschaft
Material beschaffen
Die Materialwirtschaft sorgt dafür, dass die richtigen Werkstoffe in der richtigen Menge zur richtigen Zeit bereitstehen – zu möglichst geringen Kosten. Diese Seite zeigt den Angebotsvergleich, das Bestellpunktverfahren (Meldebestand), die optimale Bestellmenge und die wichtigsten Lagerkennzahlen.
Unser Betrieb: die UNTERNEHMER AG beschafft den Rohstoff für ihre Produktion.
Inhaltsverzeichnis
- Beschaffung: Angebotsvergleich & Lieferantenmatrix
- Bereitstellungsprinzipien
- Beschaffungsmarktanalyse: Lieferanten-Matrix
- Just-in-Time
- Bestellpunktverfahren (Meldebestand)
- Optimale Bestellmenge (Andler)
- ABC-Analyse
- Lagerkennzahlen
- Typische Prüfungsfehler
- Auf einen Blick
1. Beschaffung: Angebotsvergleich & Lieferantenmatrix
Vor dem Einkauf werden die Angebote verglichen. Beim quantitativen Angebotsvergleich zählt der günstigste Bezugspreis (Listenpreis − Rabatt − Skonto + Bezugskosten). Beim qualitativen Vergleich (Lieferantenmatrix) werden zusätzlich Qualität, Lieferzuverlässigkeit, Service und Zahlungsbedingungen gewichtet.
2. Bereitstellungsprinzipien
Wie das Material für die Produktion bereitgestellt wird, hängt von Verbrauch, Wert und Liefersicherheit ab:
| Prinzip | Idee | geeignet für |
|---|---|---|
| Vorratsbeschaffung | Material wird auf Lager beschafft und bei Bedarf entnommen | günstige, lagerfähige C-Güter; schwankender Bedarf |
| fertigungssynchrone Beschaffung | Material wird produktionsgenau angeliefert (wenig/kein Lager) | hochwertige A-Güter; gleichmäßiger Bedarf |
| Einzelbeschaffung im Bedarfsfall | Material wird erst bei konkretem Auftrag bestellt | Sonder-/Einzelfertigung |
3. Beschaffungsmarktanalyse: Lieferanten-Matrix
Lieferanten werden nach Preis/Leistung und Versorgungsrisiko bewertet (Lieferanten-/Beschaffungsportfolio). Dabei zählen heute auch ethisch-soziale und ökologische Kriterien (ESG): faire Arbeitsbedingungen, Umweltstandards, Transportwege.
| Materialgruppe | Strategie |
|---|---|
| Hebelprodukte (hoher Wert, geringes Risiko) | Preis verhandeln, mehrere Lieferanten nutzen |
| strategische Produkte (hoher Wert, hohes Risiko) | enge Partnerschaft, langfristige Verträge |
| unkritische Produkte (geringer Wert, geringes Risiko) | Beschaffung vereinfachen, bündeln |
| Engpassprodukte (geringer Wert, hohes Risiko) | Versorgung sichern, Lager anlegen |
4. Just-in-Time
Just-in-Time (JIT) ist eine konsequent fertigungssynchrone Beschaffung: Das Material wird genau dann angeliefert, wenn es in der Produktion gebraucht wird – mit minimaler Lagerhaltung.
Grenzen
hohe Abhängigkeit vom Lieferanten; Produktionsstopp bei Lieferverzug; nur bei gleichmäßigem Bedarf und zuverlässigen Lieferanten sinnvoll; höhere Transportfrequenz.
Möglichkeiten
sehr geringe Lagerkosten und Kapitalbindung; wenig Lagerfläche; aktuelles Material (kein Veralten).
5. Bestellpunktverfahren (Meldebestand)
Beim Bestellpunktverfahren wird bestellt, sobald der Lagerbestand den Meldebestand erreicht. So trifft die neue Ware ein, bevor der Sicherheitsbestand angetastet wird:
Beispiel: Jahresverbrauch 10.000 Stück, 250 Arbeitstage → Tagesverbrauch 40 Stück. Beschaffungszeit 10 Tage, Sicherheitsbestand 100 Stück.
Meldebestand = 40 × 10 + 100 = 500 Stück.
6. Optimale Bestellmenge (Andler)
Die optimale Bestellmenge minimiert die Summe aus Bestellkosten (sinken bei großen Mengen) und Lagerkosten (steigen bei großen Mengen) – mit der Andler-Formel:
Beispiel: Jahresbedarf 10.000 Stück, fixe Bestellkosten 40 €, Einstandspreis 5 €, Lagerhaltungskostensatz 16 %.
\( x_{opt}=\sqrt{\dfrac{2 \cdot 10.000 \cdot 40}{5 \cdot 0{,}16}}=\sqrt{1.000.000}= \) 1.000 Stück.
7. ABC-Analyse
Die ABC-Analyse ordnet alle Werkstoffe nach ihrem Anteil am Gesamtverbrauchswert in drei Gruppen:
Beispiel: Die UNTERNEHMER AG hat 200 verschiedene Materialien. Die 20 A-Güter (10 % der Güter) machen 85 % des Verbrauchswerts aus, die 60 B-Güter weitere 10 % (zusammen 95 %), die 120 C-Güter nur 5 % (zusammen 100 %).
Grafisch ergibt sich die typische ABC-Kurve (Lorenzkurve): wenige Güter (A) tragen den Großteil des Werts – die Kurve steigt zuerst steil, dann flach:
| Gruppe | Wertanteil | Mengenanteil | Behandlung |
|---|---|---|---|
| A-Güter | ca. 75–80 % | wenige Güter | genaue Disposition & Kontrolle |
| B-Güter | ca. 15 % | mittel | normale Beobachtung |
| C-Güter | ca. 5 % | viele Güter | vereinfachte Disposition |
8. Lagerkennzahlen
Mit Lagerkennzahlen steuert der Betrieb die Lagerhaltung:
| Kennzahl | Formel | Beispiel |
|---|---|---|
| Ø Lagerbestand | (Anfangsbestand + Endbestand) ÷ 2 | (1.400 + 600) ÷ 2 = 1.000 |
| Umschlagshäufigkeit | Jahresverbrauch ÷ Ø Lagerbestand | 10.000 ÷ 1.000 = 10 × |
| Ø Lagerdauer | 360 ÷ Umschlagshäufigkeit | 360 ÷ 10 = 36 Tage |
9. Typische Prüfungsfehler
✗ Falsch
Sicherheitsbestand beim Meldebestand vergessen.
✓ Richtig
Meldebestand = Tagesverbrauch × Beschaffungszeit + Sicherheitsbestand.
✗ Falsch
ABC nach Mengenanteil statt Wertanteil bilden.
✓ Richtig
Maßgeblich ist der Wertanteil am Gesamtverbrauch (A = hoher Wert, wenige Güter).
✗ Falsch
Ø Lagerdauer mit 365 statt 360 rechnen.
✓ Richtig
In der BWL wird kaufmännisch mit 360 Tagen gerechnet.
10. Auf einen Blick
- Angebotsvergleich: quantitativ (Bezugspreis) + qualitativ (Lieferantenmatrix).
- Meldebestand = Tagesverbrauch × Beschaffungszeit + Sicherheitsbestand.
- Optimale Bestellmenge (Andler): Bestell- vs. Lagerkosten im Minimum.
- ABC-Analyse nach Wertanteil (A 75–80 %).
- Lagerkennzahlen: Ø-Lagerbestand, Umschlagshäufigkeit, Ø-Lagerdauer (360 Tage).
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