Englisch Gymnasium · Oberstufe (Jahrgangsstufe 12/13) · Text- und Medienkompetenzen (gültigen Lehrplan)
Eine politische Rede analysieren
Politische Reden wollen nicht nur informieren, sondern bewegen: zum Wählen, zum Zusammenhalten, zum Handeln. Manche Sätze aus berühmten Reden sind so wirkungsvoll gebaut, dass sie bis heute zitiert werden. In der Oberstufe analysierst du, wie Redner ihr Publikum gewinnen – durch Aufbau, Appelle und rhetorische Mittel. Diese Seite zeigt die Analysekategorien, die wichtigsten Stilmittel mit gemeinfreien Beispielen aus amerikanischen Reden und einen klaren Aufbau für deine Analyse.
Das kannst du schon: In Jahrgangsstufe 11 hast du Debatten geführt und die Inversion als Stilmittel kennengelernt. In der Oberstufe hast du framing, emotive language und politische Euphemismen untersucht.
Das kommt noch: Im Abitur kann eine Rede die Textgrundlage sein. Dann analysierst du Redesituation, Aufbau und Mittel und bewertest ihre Wirkung in einem Kommentar.
1. Die Redesituation
Jede Analyse beginnt mit der Situation. Eine Rede ist immer an einen bestimmten Anlass und ein bestimmtes Publikum gebunden.
| Frage | englisch | Beispiel |
|---|---|---|
| Wer spricht? | speaker | a president, a prime minister, an activist |
| Vor wem? | audience | citizens, party members, a parliament |
| Bei welchem Anlass? | occasion | inauguration, memorial, election campaign |
| Mit welchem Ziel? | purpose | to unite, to persuade, to motivate |
Auch der Ort zählt: Eine Rede auf einem Friedhof, vor einem Parlament oder auf einem Parteitag verlangt jeweils einen anderen Ton. Erst wenn du die Situation kennst, kannst du beurteilen, ob ein Mittel angemessen ist.
Merke: Eine Rede richtet sich oft an zwei Publikumsgruppen zugleich: an die Anwesenden und an die Menschen vor den Bildschirmen oder die Nachwelt.
2. Drei Arten der Überzeugung
Schon Aristoteles unterschied drei Wege, ein Publikum zu überzeugen. Diese Begriffe gehören bis heute zur Redeanalyse.
| Appell | Grundlage | typische Mittel |
|---|---|---|
| ethos | Glaubwürdigkeit des Redners | Erfahrung, Werte, persönliche Geschichte |
| pathos | Gefühle des Publikums | Bilder, Einzelschicksale, emotive words |
| logos | Vernunft und Argumente | Zahlen, Beispiele, Schlussfolgerungen |
Ein Beispiel: Wer von der eigenen Familiengeschichte erzählt, stärkt das ethos. Wer das Schicksal eines Opfers schildert, setzt auf pathos. Wer Kosten und Nutzen einer Maßnahme vorrechnet, argumentiert mit logos.
Merke: Starke Reden verbinden alle drei Appelle. Benenne in der Analyse, welcher überwiegt und warum er zum Anlass passt.
3. Rhetorische Mittel
Die folgenden Mittel findest du in fast jeder bedeutenden Rede. Erkläre immer, was sie beim Publikum bewirken.
| Mittel | Erklärung | Wirkung |
|---|---|---|
| anaphora | Wiederholung am Satzanfang | Rhythmus, Eindringlichkeit |
| tricolon | Dreierfigur | Vollständigkeit, Einprägsamkeit |
| antithesis | Gegensatz in parallelem Bau | Klarheit, Zuspitzung |
| chiasmus | Überkreuzstellung | überraschende Umkehr |
| inclusive „we“ | Redner zählt sich zum Publikum | Gemeinschaft |
| rhetorical question | Frage ohne erwartete Antwort | Zustimmung lenken |
Abraham Lincoln schloss seine Rede in Gettysburg während des Amerikanischen Bürgerkriegs mit einem berühmten tricolon: that government of the people, by the people, for the people, shall not perish from the earth. Die dreifache Wiederholung von the people macht das Volk zum Zentrum der Demokratie und prägt sich sofort ein.
4. Aufbau einer Redeanalyse
Eine Redeanalyse folgt einem klaren Aufbau. Vermeide es, die Rede nur nachzuerzählen, und belege jede Beobachtung mit einer kurzen Textstelle und der Zeilenangabe.
| Teil | Inhalt | Formulierung |
|---|---|---|
| introduction | Redner, Anlass, Publikum, Hauptaussage | In his inaugural address, … argues that … |
| structure | Gliederung der Rede | The speech can be divided into three parts. |
| devices | Mittel mit Beleg und Wirkung | The antithesis in line … emphasises … |
| conclusion | Gesamtwirkung | All in all, the speaker successfully … |
Merke: Ordne deine Analyse nach Wirkungen, nicht nach Stilmitteln. Statt „First anaphora, then tricolon“ besser: „The speaker creates unity by …“
5. Sprachreflexion: Englisch und Deutsch im Vergleich
Deutsche Reden nutzen dieselben rhetorischen Mittel. Nach den Erfahrungen mit der NS-Propaganda gilt großes Pathos in der deutschen Politik jedoch häufig als verdächtig. Amerikanische Reden berufen sich dagegen oft offen auf Gefühl, Glauben und nationale Werte. Für die Analyse heißt das: Was in einer amerikanischen Rede angemessen feierlich wirkt, kann in deutscher Übersetzung übertrieben klingen.
| Englisch | Deutsch |
|---|---|
| inaugural address | Antrittsrede |
| fellow citizens | Mitbürgerinnen und Mitbürger |
| tricolon | Trikolon, Dreierfigur |
| antithesis | Antithese |
| call to action | Handlungsaufforderung |
Eine berühmte Brücke zwischen beiden Sprachen schlug John F. Kennedy in West-Berlin: Er sagte auf Deutsch „Ich bin ein Berliner“ und zeigte so in einer englischen Rede Solidarität mit der geteilten Stadt.
6. Anwendung: A famous chiasmus
And so, my fellow Americans: ask not what your country can do for you – ask what you can do for your country.
Model analysis: In his inaugural address, President John F. Kennedy uses a chiasmus: the words “country” and “you” change places in the second half. This reversal turns a request into a duty and puts the citizens’ responsibility at the centre. The inclusive address “my fellow Americans” creates unity, and the old-fashioned word order “ask not” makes the sentence sound solemn and memorable.
Vokabelhilfe
| Englisch | Deutsch |
|---|---|
| inaugural address | Antrittsrede |
| fellow Americans | Mitbürger (Anrede) |
| reversal | Umkehrung |
| responsibility | Verantwortung |
| solemn | feierlich |
| memorable | einprägsam |
| duty | Pflicht |
| unity | Einheit |
Gut zu wissen: Reden von US-Präsidenten in Ausübung ihres Amtes sind als Werke der US-Bundesregierung gemeinfrei; Lincolns Rede ist ohnehin gemeinfrei. Den Analyseabsatz haben wir als Übungsbeispiel selbst verfasst.
7. Typische Fehler – und wie du sie vermeidest
| Falsch | Richtig | Warum? |
|---|---|---|
| First Kennedy says …, then he says … | Kennedy creates a sense of duty by … | Analysieren statt nacherzählen. |
| There is an anaphora. | The anaphora in lines 3–5 creates a strong rhythm. | Beleg und Wirkung. |
| Kennedy is a good speaker. | Kennedy appeals to the audience’s sense of duty. | Mittel statt Lob. |
| The audience are only the people in the room. | The speech also addresses the nation and the world. | Doppeltes Publikum. |
| Pathos means lying. | Pathos is an appeal to emotions. | Begriff genau verwenden. |
| In the speech Lincoln said … | In the speech Lincoln says … | Analyse im simple present. |
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