Deutsch Gymnasium · Jahrgangsstufe 9 · Lernbereich 4 (gültigen Lehrplan)

Sprachliche Verdichtung und Abstraktion: Nominalstil und Verbalstil

In einer Pressemitteilung der Stadtverwaltung heißt es: „Nach Abschluss der Prüfung der Durchführbarkeit erfolgt die Umsetzung der Maßnahmen zur Verbesserung der Radwegeinfrastruktur.“ Eine Schülerin übersetzt den Satz für die Schülerzeitung: „Sobald die Stadt geprüft hat, ob es machbar ist, will sie die Radwege verbessern.“ Beide Sätze sagen im Kern dasselbe, doch der erste wirkt amtlich und schwer verständlich, der zweite dagegen klar und lebendig. In der Jahrgangsstufe 8 hast du gelernt, Gliedsätze zu Infinitiv- und Partizipialgruppen zu verkürzen. In der Jahrgangsstufe 9 untersuchst du eine noch stärkere Form der Verdichtung: den Nominalstil. Du lernst, ihn zu erkennen, seine Wirkung zu beurteilen und ihn bei Bedarf in einen verständlichen Verbalstil zu übertragen.

1. Merkmale des Nominalstils

Nach Abschluss der Prüfung der Durchführbarkeit erfolgt die Umsetzung der Maßnahmen. Zähle zunächst die Nomen in diesem Satz: Abschluss, Prüfung, Durchführbarkeit, Umsetzung, Maßnahmen. Und die Verben? Es gibt nur ein einziges, und gerade dieses, erfolgt, sagt über den Vorgang kaum etwas aus.

Beim Nominalstil werden Handlungen und Vorgänge nicht durch Verben, sondern durch Nomen ausgedrückt. Typisch sind Nominalisierungen von Verben und Adjektiven, oft mit den Endungen -ung, -heit, -keit: prüfen wird zur Prüfung, durchführbar zur Durchführbarkeit. Hinzu kommen Genitivketten, in denen ein Nomen vom nächsten abhängt: der Abschluss der Prüfung der Durchführbarkeit. Die eigentlichen Verben sind dagegen meist blass und bedeutungsarm: erfolgen, stattfinden, durchführen. Im Gegensatz dazu stehen im Verbalstil die Handlungen in kräftigen Verben, und die Handelnden werden genannt: Die Stadt prüft, ob es machbar ist.

Merke: Der Nominalstil drückt Vorgänge durch Nomen aus und verdichtet so viel Information. Er wirkt sachlich und knapp, aber oft schwer verständlich und unpersönlich. Der Verbalstil ist anschaulicher und leichter zu lesen.

Zur Verdichtung gehört auch die Abstraktion. Wörter wie Mobilität, Nachhaltigkeit oder Infrastruktur fassen viele einzelne Dinge und Vorgänge unter einem Begriff zusammen. Hinter Radwegeinfrastruktur stecken Radwege, Ampeln, Abstellplätze und Beschilderung. Solche abstrakten Begriffe und langen Zusammensetzungen sind in Fachtexten nützlich, weil sie komplexe Sachverhalte handhabbar machen. Abstrakte Nomen hast du bereits in der Jahrgangsstufe 7 kennengelernt; hier siehst du, wie sie zusammen mit Nominalisierungen einen Text verdichten. Beim Lesen musst du sie deshalb wieder auffächern: Was genau ist gemeint?

2. Funktionsverbgefüge

Die Stadt trifft eine Entscheidung. Die Maßnahme kommt zur Anwendung. Der Vorschlag findet Berücksichtigung. In jedem Satz trägt nicht das Verb, sondern das Nomen die eigentliche Bedeutung. Einfacher hieße es: Die Stadt entscheidet. Die Maßnahme wird angewendet. Der Vorschlag wird berücksichtigt.

Verbindungen aus einem bedeutungsarmen Verb und einem Nomen, das die eigentliche Handlung bezeichnet, heißen Funktionsverbgefüge. Typische Funktionsverben sind treffen, kommen, finden, bringen, nehmen und stellen: eine Entscheidung treffen, zum Abschluss bringen, in Betracht ziehen, unter Beweis stellen. Funktionsverbgefüge sind grundsätzlich nicht falsch; manchmal drücken sie sogar eine feine Nuance aus, etwa in Gang kommen gegenüber beginnen. Gehäuft machen sie einen Text aber schnell umständlich und übertrieben förmlich. Beim Überarbeiten lohnt es sich zu prüfen, ob ein einfaches Verb nicht klarer ist. Oft wird ein Satz dadurch nicht nur kürzer, sondern auch lebendiger: Statt Die Klasse stellte ihre Kenntnisse unter Beweis heißt es dann Die Klasse bewies ihre Kenntnisse.

Nominalstil Verbalstil Veränderung
nach Abschluss der Prüfung nachdem geprüft worden ist Nominalisierung wird Verb
die Umsetzung der Maßnahmen erfolgt die Stadt setzt die Maßnahmen um Handelnder wird genannt
eine Entscheidung treffen entscheiden Funktionsverbgefüge aufgelöst
zur Anwendung kommen angewendet werden Funktionsverbgefüge aufgelöst
zur Verbesserung der Radwege um die Radwege zu verbessern Infinitivgruppe statt Nomen

3. Wo der Nominalstil seinen Platz hat

In einem Lexikonartikel steht: Die Photosynthese ist die Umwandlung von Lichtenergie in chemische Energie durch Pflanzen. Hier ist der Nominalstil keineswegs störend, sondern durchaus angemessen: Er fasst einen komplizierten Vorgang in wenigen Worten zusammen.

Der Nominalstil ist typisch für Fachtexte, Verwaltungstexte, wissenschaftliche Texte und Überschriften. Dort hat er Vorteile: Er ist knapp, präzise und sachlich, weil er Vorgänge als Begriffe benennt, die man ordnen und vergleichen kann. Er hat aber auch Nachteile. Er ist für Laien oft schwer verständlich, wirkt unpersönlich und kann verschleiern, wer handelt oder verantwortlich ist: Bei Nach Abschluss der Prüfung erfolgt die Umsetzung bleibt offen, wer prüft und wer umsetzt. Wer Texte kritisch liest, fragt deshalb bei auffälligen Nominalisierungen stets: Wer tut hier eigentlich was?

Besonders deutlich ist der Nominalstil in Schlagzeilen und Überschriften: Neubau der Turnhalle beschlossen. Rückgang der Unfallzahlen. Hier ist die Knappheit ausdrücklich gewollt, denn eine Überschrift soll auf einen Blick das Thema nennen. Im folgenden Artikel wird der Inhalt dann meist im Verbalstil entfaltet.

4. Nominalstil entschlüsseln und übertragen

Die Schülerin aus dem Einstiegsbeispiel ist beim Übertragen in drei Schritten vorgegangen. Zuerst hat sie die Nominalisierungen gesucht: Abschluss, Prüfung, Durchführbarkeit, Umsetzung, Verbesserung. Dann hat sie sich gefragt, welche Verben dahinterstecken: abschließen, prüfen, durchführen können, umsetzen, verbessern. Schließlich hat sie den Handelnden ergänzt: die Stadt.

Dieses Vorgehen hilft dir beim Lesen schwieriger Sachtexte ebenso wie beim eigenen Schreiben. Beim Lesen entschlüsselst du verdichtete Sätze, indem du sie innerlich in den Verbalstil übersetzt. Beim Schreiben entscheidest du je nach Textsorte und Leser, wie stark du verdichtest. Für Protokolle, Gliederungen und Fachtexte ist ein maßvoller Nominalstil angemessen; für Erzählungen, Briefe und Texte für ein breites Publikum ist der Verbalstil meist besser. In der Jahrgangsstufe 10 nutzt du Nominalisierungen gezielt, um Gliederungen knapp und einheitlich zu formulieren.

Form und Wirkung: So deutest du es im Text

Ein Absatz aus einer Pressemitteilung lautet: Aufgrund der Zunahme des Radverkehrs erfolgt eine Erweiterung des Radwegenetzes. Die Finanzierung der Maßnahme ist durch die Bereitstellung von Fördermitteln gesichert. Mit der Fertigstellung ist im kommenden Jahr zu rechnen.

Stelle Merkmal Wirkung
Aufgrund der Zunahme des Radverkehrs Nominalisierung, Genitiv sachlich, knapp
erfolgt eine Erweiterung blasses Verb, Nominalisierung amtlich, kein Handelnder
durch die Bereitstellung von Fördermitteln Nominalisierung offen bleibt, wer bereitstellt
ist zu rechnen unpersönliche Konstruktion vorsichtige, unverbindliche Aussage
dichte Folge von Nomen Nominalstil für Laien schwer zu lesen

Die Pressemitteilung wirkt auf den ersten Blick sachlich und amtlich. Zugleich verrät sie kaum, wer handelt und wer verantwortlich ist. Wer sie für die Schülerzeitung überträgt, muss diese Lücken erkennen und, wenn möglich, nachfragen. Eine verständliche Fassung könnte lauten: Weil immer mehr Menschen Rad fahren, baut die Stadt das Radwegenetz aus. Bezahlt wird das mit Fördermitteln. Fertig werden soll es im kommenden Jahr. Der Inhalt ist derselbe, doch nun kann jeder Leser ihn sofort verstehen, und die offenen Fragen, etwa wer die Fördermittel bereitstellt, werden erst richtig sichtbar.

Typische Fehler – und wie du sie vermeidest

Falsch Richtig Warum
Nach erfolgter Durchführung der Untersuchung … (in einer Erzählung) Nachdem sie alles untersucht hatten, … Verbalstil passt zur Erzählung.
Die Stadt trifft eine Entscheidung zur Durchführung der Prüfung. Die Stadt entscheidet, zu prüfen. Funktionsverbgefüge und Nominalisierung gehäuft.
Der Nominalstil ist immer falsch. Der Nominalstil ist in Fachtexten angemessen. Es kommt auf Textsorte und Leser an.
Beim Übertragen den Handelnden weglassen. Den Handelnden ergänzen: die Stadt. Verbalstil nennt, wer handelt.
Genitivketten mit vier Gliedern Kette auflösen, Verb verwenden Sonst kaum lesbar.

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