Deutsch Gymnasium · Jahrgangsstufe 8 · Lernbereich 4 (gültigen Lehrplan)
Dialekt und Jugendsprache als Sprachvarietäten
Die Klasse 8b führt ein kleines Forschungsprojekt durch: Wie sprechen Menschen in unserer Stadt? Die Schülerinnen und Schüler nehmen Gespräche auf und vergleichen. Ein Großvater erzählt im Dialekt von seiner Kindheit. Zwei Jugendliche unterhalten sich in der Pause: „Das Konzert war mega, aber die Vorband war voll cringe.“ Eine Ärztin erklärt im Radio eine Behandlung in fachlicher Sprache. Alle sprechen Deutsch, und doch klingt jedes dieser Gespräche ganz anders. In der Jahrgangsstufe 6 hast du Dialekt und Standardsprache unterschieden. In dieser Jahrgangsstufe lernst du nun den Oberbegriff Sprachvarietät kennen und untersuchst mit Dialekt und Jugendsprache zwei Varietäten genauer: ihre Merkmale, ihre Aufgaben und ihr Verhältnis zur Standardsprache.
1. Was eine Sprachvarietät ist
Der Großvater, die Jugendlichen und die Ärztin sprechen dieselbe Sprache, aber jeweils in einer eigenen Form. Was sie voneinander unterscheidet, hängt von verschiedenen Dingen ab: woher jemand kommt, zu welcher Gruppe er gehört und in welcher Situation er spricht.
Die verschiedenen Ausprägungen einer Sprache nennt man Sprachvarietäten. Man unterscheidet sie nach mehreren Gesichtspunkten. Regionale Varietäten hängen vom Ort ab; dazu gehören die Dialekte. Soziale Varietäten hängen von der Gruppe ab, zu der jemand gehört; dazu gehören die Jugendsprache und die Fachsprachen von Berufen und Wissenschaften. Die Standardsprache ist die überregionale Varietät, die alle verstehen und die in Schule und Öffentlichkeit gilt. Fast jeder Mensch beherrscht mehrere Varietäten und wechselt zwischen ihnen je nach Gesprächspartner und Situation. Die Grenzen zwischen ihnen sind dabei fließend: Ein Jugendlicher aus Niederbayern spricht vielleicht eine Jugendsprache mit deutlicher Dialektfärbung.
Merke: Sprachvarietäten sind verschiedene Ausprägungen einer Sprache. Dialekte sind regionale, Jugendsprache und Fachsprachen soziale Varietäten. Keine Varietät ist an sich besser oder schlechter; entscheidend ist, ob sie zur Situation passt.
Auch Fachsprachen sind soziale Varietäten. Ärztinnen, Juristen oder Informatikerinnen verwenden Fachwörter, die Außenstehende oft nicht verstehen. Anders als bei der Jugendsprache steht hier aber nicht die Gruppenzugehörigkeit im Vordergrund, sondern die Genauigkeit: Fachwörter bezeichnen Dinge eindeutig, für die es in der Alltagssprache keine präzisen Ausdrücke gibt. Fachsprachen und den Umgang mit Fachwörtern lernst du auf einer eigenen Seite dieser Jahrgangsstufe genauer kennen.
2. Merkmale der Jugendsprache
Das Konzert war mega. Die Vorband war voll cringe. Wir haben danach noch gechillt. Krass, oder? In diesen kurzen Sätzen stecken gleich mehrere typische Merkmale einer Sprechweise, die du vermutlich aus deinem eigenen Alltag sehr gut kennst.
Jugendsprache zeigt sich vor allem im Wortschatz. Typisch sind Verstärkungswörter wie mega, voll oder krass, die Gefühle und Bewertungen zuspitzen. Häufig sind Entlehnungen aus dem Englischen, die oft deutsch gebeugt werden: chillen, gechillt, cringe. Bekannte Wörter erhalten neue Bedeutungen; so bedeutet krass in der Jugendsprache oft beeindruckend und nicht mehr nur extrem. Hinzu kommen Abkürzungen und kreative Neubildungen, die sich besonders schnell über digitale Medien verbreiten. Typisch ist außerdem ein besonders hohes Tempo des Wandels: Viele dieser Wörter sind nach wenigen Jahren wieder verschwunden und wirken dann altmodisch. Jugendsprache ist zudem keine einheitliche Sprache, sondern unterscheidet sich je nach Region, Freundeskreis und Interessen.
3. Wozu Jugendsprache und Dialekt dienen
Wenn Jugendliche untereinander anders sprechen als mit Erwachsenen, zeigen sie damit auch etwas: Wir gehören zusammen. Wenn der Großvater im Dialekt erzählt, zeigt er, wo er herkommt und wozu er sich zugehörig fühlt.
Beide Varietäten erfüllen ähnliche Aufgaben. Sie stiften Zugehörigkeit und Vertrautheit innerhalb einer Gruppe. Sie dienen außerdem der Abgrenzung von anderen Gruppen, bei der Jugendsprache oft von der Welt der Erwachsenen. Sie bieten viel Raum für Kreativität und Sprachspiel. Und sie drücken die eigene Identität aus, also das Bild, das jemand von sich selbst hat und anderen zeigen möchte. Ein Unterschied besteht in der Dauer: Dialekte werden über Generationen weitergegeben, Jugendsprache wird meist nur für einige Jahre gesprochen und wandelt sich ständig. Dass Jugendliche anders sprechen, beklagen Erwachsene übrigens schon seit langer Zeit. Sprachwissenschaftler sehen darin aber keinen Sprachverfall: Wer Jugendsprache spricht, beherrscht in aller Regel auch die Standardsprache und wechselt bewusst zwischen beiden.
| Merkmal | Dialekt | Jugendsprache |
|---|---|---|
| Art der Varietät | regional | sozial |
| wer spricht | Menschen einer Region | Jugendliche einer Gruppe |
| Dauer | über Generationen | oft nur wenige Jahre |
| typische Merkmale | Aussprache, Wortschatz, Grammatik | Wortschatz, Entlehnungen, Verstärker |
| Aufgabe | Heimat, Zugehörigkeit | Gruppengefühl, Abgrenzung, Kreativität |
Interessant ist, wie andere Gruppen Jugendsprache verwenden. Werbung und manche Medien ahmen sie nach, um junge Menschen anzusprechen. Das wirkt aber oft unecht oder anbiedernd, gerade weil Jugendsprache sich so schnell wandelt und Erwachsene meist Wörter verwenden, die Jugendliche selbst nicht mehr benutzen. Wenn du Werbetexte untersuchst, achte darauf, ob und wie sie Jugendsprache einsetzen und welche Wirkung das auf dich hat.
4. Zwischen den Varietäten wechseln
Dieselbe Schülerin schreibt am Abend in einer Nachricht an ihre Freundin: Das Konzert war mega. Am nächsten Morgen schreibt sie im Bericht für die Schulhomepage: Das Konzert begeisterte das Publikum.
Der Wechsel zwischen Varietäten je nach Situation heißt in der Sprachwissenschaft Code-Switching. Wer ihn beherrscht, verfügt über eine große sprachliche Fähigkeit, die oft unterschätzt wird. Schwierig wird es, wenn eine Varietät in einer unpassenden Situation verwendet wird: Ein Bewerbungsschreiben in Jugendsprache wirkt unangemessen, ein Gespräch unter Freunden in steifer Standardsprache wirkt seltsam distanziert. Entscheidend ist also nicht, welche Varietät man im Alltag spricht, sondern dass man sie situationsangemessen wählt. In der Jahrgangsstufe 10 lernst du mit den Sprach- und Stilebenen ein weiteres Werkzeug kennen, um Sprache passend zur Situation einzusetzen.
Form und Wirkung: So deutest du es im Text
In einem Jugendroman spricht die Hauptfigur mit ihren Freunden in Jugendsprache, mit ihrer Großmutter im Dialekt und mit der Lehrerin in Standardsprache. Der Erzähler selbst bleibt durchgehend in der Standardsprache.
| Beobachtung | Varietät | Wirkung |
|---|---|---|
| Gespräche mit Freunden | Jugendsprache | Nähe, Gruppengefühl, Lebendigkeit |
| Gespräche mit der Großmutter | Dialekt | Herkunft und Vertrautheit |
| Gespräche mit der Lehrerin | Standardsprache | Distanz, Respekt |
| Erzählertext | Standardsprache | neutraler Rahmen |
| Wechsel je nach Gegenüber | Code-Switching | Figur wirkt glaubwürdig und vielseitig |
Der Roman nutzt die verschiedenen Varietäten ganz bewusst, um die Beziehungen der Figur zu zeigen. Ohne dass der Erzähler es ausspricht, erfährt der Leser, wem die Figur nahe steht und wem sie mit Abstand begegnet. Besonders aufschlussreich sind Stellen, an denen eine Figur die erwartete Varietät verlässt: Spricht sie plötzlich mit der Lehrerin in Jugendsprache, kann das Trotz oder Vertrauen ausdrücken; spricht sie mit Freunden auffallend förmlich, kann das Kränkung oder Unsicherheit zeigen. Solche Wechsel sind deshalb besonders wichtige Hinweise für die Deutung.
Typische Fehler – und wie du sie vermeidest
| Falsch | Richtig | Warum |
|---|---|---|
| Jugendsprache ist schlechtes Deutsch. | Jugendsprache ist eine soziale Varietät mit eigenen Merkmalen. | Keine Varietät ist an sich schlechter. |
| Jugendsprache ist überall gleich. | Jugendsprache unterscheidet sich nach Region und Gruppe. | Sie ist vielfältig. |
| Dialekt und Jugendsprache sind beide regional. | Dialekt ist regional, Jugendsprache sozial. | Verschiedene Gesichtspunkte. |
| Im Bericht für die Homepage: Das Konzert war mega. | Das Konzert begeisterte das Publikum. | Varietät passend zur Situation wählen. |
| Jugendsprache führt zum Sprachverfall. | Jugendliche wechseln zwischen Varietäten. | Sie beherrschen auch die Standardsprache. |
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