Deutsch Gymnasium · Jahrgangsstufe 6 · Lernbereich 4 (gültigen Lehrplan)

Ober- und Unterbegriffe, konkrete und bildhafte Redeweise

In einer Vogelwarte am See erklärt die Leiterin: „Hier leben viele Tiere. Besonders viele Vögel brüten im Schilf, etwa Haubentaucher, Rohrsänger und Teichhühner.“ Dann zeigt sie nach oben: „Seht ihr den Seeadler? Er gleitet wie ein Segelflugzeug über das Wasser, ein König der Lüfte.“ In diesen Sätzen stecken zwei Fähigkeiten, die du in der Jahrgangsstufe 6 übst. Zum einen ordnet die Leiterin Wörter vom Allgemeinen zum Besonderen: Tiere, Vögel, Haubentaucher. Zum anderen beschreibt sie den Seeadler bildhaft. Auf dieser Seite lernst du, Ober- und Unterbegriffe zu unterscheiden, zwischen konkreter und allgemeiner Ausdrucksweise zu wählen und bildhafte Redeweise zu erkennen und selbst einzusetzen.

1. Ober- und Unterbegriffe

Tier, Vogel, Greifvogel, Seeadler. Jedes Wort in dieser Reihe ist genauer als das vorige. Jeder Seeadler ist ein Greifvogel, jeder Greifvogel ein Vogel, jeder Vogel ein Tier. Umgekehrt gilt das aber nicht: Nicht jedes Tier ist ein Vogel.

Ein Wort, das viele andere zusammenfasst, heißt Oberbegriff: Vogel fasst Seeadler, Haubentaucher und Rohrsänger zusammen. Die zugehörigen Wörter heißen Unterbegriffe. Unterbegriffe, die auf derselben Ebene stehen, nennt man Nebenbegriffe oder gleichrangige Begriffe: Seeadler und Haubentaucher. Ein Wort kann je nach Blickwinkel Ober- und Unterbegriff zugleich sein: Vogel ist Unterbegriff zu Tier und Oberbegriff zu Greifvogel. Solche Ordnungen helfen dir, Wissen zu strukturieren, etwa in einer Mindmap oder einem Stichwortzettel für ein Referat.

Der lateinische und griechische Fachbegriff: concretus heißt zusammengewachsen, greifbar; abstractus heißt abgezogen, losgelöst. Metapher kommt vom griechischen metaphora, die Übertragung; Personifikation von persona, Person, und facere, machen.

2. Konkret oder allgemein?

Ein Besucher schreibt in sein Notizbuch: Am See sah ich viele Tiere. Eine Besucherin schreibt: Am See sah ich zwei Haubentaucher, die abwechselnd nach Fischen tauchten. Der zweite Satz lässt beim Lesen ein genaues Bild entstehen, der erste bleibt dagegen blass und beliebig.

Oberbegriffe sind allgemein, Unterbegriffe sind konkret. Allgemeine Wörter wie Tier, Pflanze oder Sache fassen viel zusammen, sagen aber wenig Bestimmtes. Konkrete Wörter wie Haubentaucher, Schilfrohr oder Fernglas lassen den Leser genau sehen, was gemeint ist. In Beschreibungen, Berichten und Erzählungen solltest du deshalb meist konkrete Wörter wählen. Allgemeine Wörter brauchst du dagegen, wenn du zusammenfassen oder ordnen willst, etwa in einer Überschrift oder einer Einleitung.

Oberbegriffe helfen dir auch beim Erklären eines Begriffs. Eine gute Begriffserklärung nennt zuerst den Oberbegriff und dann ein Merkmal, das den Begriff von anderen unterscheidet: Ein Seeadler ist ein Greifvogel, der vor allem an Gewässern lebt und sich von Fischen ernährt. So weiß der Leser sofort, in welche Gruppe das Wort gehört und was es besonders macht.

Achte bei Begriffserklärungen darauf, den nächsthöheren Oberbegriff zu wählen. Ein Seeadler ist ein Tier ist zwar richtig, sagt aber fast nichts, denn auch ein Regenwurm ist ein Tier. Ein Seeadler ist ein Greifvogel grenzt viel genauer ab. Das unterscheidende Merkmal sollte dann etwas nennen, das nur auf den erklärten Begriff zutrifft oder ihn von seinen Nebenbegriffen klar trennt. Diese Technik brauchst du später auch in Sachtexten, Referaten und in den Naturwissenschaften.

Ebene Beispiel Wirkung beim Schreiben
sehr allgemein Lebewesen, Tier fasst zusammen, bleibt blass
allgemein Vogel ordnet ein
konkreter Greifvogel grenzt ab
sehr konkret Seeadler erzeugt ein genaues Bild
Begriffserklärung Oberbegriff + Merkmal Ein Seeadler ist ein Greifvogel, der …

3. Bildhafte Redeweise

Der Seeadler gleitet wie ein Segelflugzeug über das Wasser. Er ist ein König der Lüfte. Der Wind flüstert im Schilf. Keiner dieser drei Sätze ist wörtlich gemeint, und doch versteht jeder sofort, was gesagt werden soll.

Beim Vergleich werden zwei Dinge mit wie oder als ob verbunden: gleitet wie ein Segelflugzeug. Bei der Metapher fehlt das Vergleichswort; das Bild wird direkt übertragen: ein König der Lüfte. Bei der Personifikation erhalten Dinge, Tiere oder Naturerscheinungen menschliche Eigenschaften: Der Wind flüstert. Auch viele feste Redewendungen sind bildhaft, etwa jemandem einen Bären aufbinden oder Schwein haben; ihre Bedeutung lässt sich nicht aus den einzelnen Wörtern ableiten.

Bildhafte Redewendungen sind in der Alltagssprache sehr häufig, oft ohne dass man es bemerkt. Wer sagt, er habe Schmetterlinge im Bauch oder jemand stehe auf dem Schlauch, spricht in Bildern. Für Menschen, die Deutsch lernen, sind solche Wendungen oft schwer zu verstehen, weil die wörtliche Bedeutung nicht weiterhilft. Auf der Seite über Dialekt, Standardsprache und Redewendungen lernst du mehr über solche festen Ausdrücke.

4. Bildhafte Sprache wirkungsvoll einsetzen

Ein guter Vergleich verbindet etwas Unbekanntes mit etwas Bekanntem. Wer noch nie einen Seeadler gesehen hat, kennt vielleicht ein Segelflugzeug und kann sich nun den ruhigen, weiten Flug vorstellen. Bildhafte Sprache macht Texte anschaulich und weckt Gefühle. Sie kann außerdem eine Bewertung enthalten: Wer den Seeadler einen König der Lüfte nennt, zeigt Bewunderung; wer einen Menschen als Fuchs bezeichnet, unterstellt ihm List. Achte deshalb beim Lesen darauf, welche Haltung in einem Bild steckt.

Setze Bilder aber gezielt ein. Zu viele Vergleiche und Metaphern hintereinander wirken überladen, und abgegriffene Bilder wie schnell wie der Blitz haben ihre Kraft verloren. Ein eigenes, gut passendes Bild ist wirkungsvoller als drei bekannte. In Sachtexten ist bildhafte Sprache sparsam einzusetzen, weil dort Genauigkeit wichtiger ist; in Erzählungen und Gedichten kann sie dagegen eine große Rolle spielen. Wenn du ein Gedicht untersuchst, achte darauf, welche Bilder verwendet werden und welche Stimmung sie erzeugen.

Form und Wirkung: So deutest du es im Text

In einem Schülertext über einen Morgen an der Vogelwarte steht: Über dem See lag ein weißer Schleier aus Nebel. Die Sonne kletterte langsam über die Hügel. Dann tauchte der Seeadler auf, mit Flügeln, breiter als ein Mensch mit ausgebreiteten Armen, und das ganze Schilf schien den Atem anzuhalten.

Beobachtung Mittel Wirkung
ein weißer Schleier aus Nebel Metapher geheimnisvolle Stimmung
Die Sonne kletterte Personifikation langsamer, lebendiger Sonnenaufgang
Seeadler statt Vogel konkreter Unterbegriff genaues Bild
breiter als ein Mensch mit ausgebreiteten Armen Vergleich Größe wird vorstellbar
das Schilf hielt den Atem an Personifikation Spannung, Stille

Der Text verbindet konkrete Wörter mit sparsam gesetzten Bildern. So entsteht eine Szene, die der Leser sieht und fühlt, ohne dass sie überladen wirkt. Interessant ist auch die Reihenfolge: Erst wird die ruhige Stimmung des Morgens aufgebaut, dann erscheint der Seeadler, und das letzte Bild hält den Augenblick an. Die Bilder folgen also dem Ablauf der Szene und steigern die Spannung. Wenn du selbst schreibst, überlege, an welcher Stelle ein Bild die größte Wirkung entfaltet, statt es an beliebiger Stelle einzufügen.

Typische Fehler – und wie du sie vermeidest

Falsch Richtig Warum
Tier ist ein Unterbegriff von Vogel. Tier ist ein Oberbegriff von Vogel. Jeder Vogel ist ein Tier, nicht umgekehrt.
Am See sah ich viele Tiere. (in einer Beschreibung) Am See sah ich zwei Haubentaucher. Konkrete Wörter sind anschaulicher.
Ein König der Lüfte ist ein Vergleich. Ein König der Lüfte ist eine Metapher. Es fehlt das Vergleichswort wie.
Ein Seeadler ist ein Tier. Ein Seeadler ist ein Greifvogel, der an Gewässern lebt. Nächster Oberbegriff und Merkmal.
schnell wie der Blitz, stark wie ein Bär, schlau wie ein Fuchs ein eigenes, passendes Bild Abgegriffene Bilder wirken schwach.

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