Deutsch Gymnasium · Jahrgangsstufe 6 · Lernbereich 4 (gültigen Lehrplan)

Dialekt, Standardsprache und Redewendungen

Im Heimatmuseum gibt es eine Hörstation. Drei ältere Menschen erzählen, was sie zum Frühstück essen. Aus Niederbayern hört man: „A Semmel mit Butter und an Kaffee.“ Aus Unterfranken klingt es anders, und aus dem Allgäu wieder anders. Daneben steht die Fassung, die alle verstehen: „Ein Brötchen mit Butter und einen Kaffee.“ Und auf einem Schild am Ausgang liest man: „Wer hier nicht zuhört, hat Tomaten auf den Ohren.“ Moment, Tomaten auf den Augen heißt es doch. In der Jahrgangsstufe 6 untersuchst du, wie sich Dialekte und Standardsprache unterscheiden und was es mit festen Redewendungen auf sich hat.

1. Dialekte

Semmel, Brötchen, Weckle. Bub, Junge. Servus, Hallo. Je nachdem, wo jemand aufwächst, verwendet er für dieselbe Sache unterschiedliche Wörter und spricht sie unterschiedlich aus.

Eine Sprachform, die in einer bestimmten Region gesprochen wird, heißt Dialekt oder Mundart. In gibt es drei große Dialektgruppen: das Bairische vor allem in Ober- und Niederbayern und der Oberpfalz, das Fränkische in Ober-, Mittel- und Unterfranken und das Schwäbische in Bayerisch-Schwaben. Dialekte unterscheiden sich von der Standardsprache in der Aussprache, im Wortschatz und teilweise auch in der Grammatik. Sie sind keine falsche oder schlechtere Sprache, sondern eigene, über Jahrhunderte gewachsene Sprachformen mit festen Regeln. Innerhalb jeder Gruppe gibt es außerdem viele örtliche Unterschiede, sodass man manchmal schon im Nachbardorf ein Wort anders ausspricht. Wer genau hinhört, kann oft erkennen, aus welcher Gegend jemand stammt.

Der griechische Fachbegriff: Dialekt kommt vom griechischen dialektos, Redeweise oder Mundart. Idiom, ein anderes Wort für Redewendung, kommt von idioma, Eigentümlichkeit: Eine Redewendung ist eine Eigenart einer bestimmten Sprache.

2. Standardsprache und Umgangssprache

Ein Nachrichtensprecher im Fernsehen sagt: Morgen wird es im Süden sonnig. Auf dem Pausenhof sagt jemand: Morgen wird’s endlich mal schön. Und die Großmutter sagt vielleicht im Dialekt etwas ganz Ähnliches mit eigenen Wörtern.

Die Standardsprache, oft auch Hochdeutsch genannt, ist die Form des Deutschen, die im ganzen deutschen Sprachraum verstanden wird. Sie gilt in Schule, Behörden, Zeitungen und Nachrichten und folgt den Regeln, die in Wörterbüchern und Grammatiken festgehalten sind. Zwischen Standardsprache und Dialekt liegt die Umgangssprache, die im Alltag gesprochen wird: lockerer, mit verkürzten Formen und oft regionaler Färbung. Fast alle Menschen wechseln je nach Situation zwischen diesen Formen, oft ohne darüber nachzudenken. Mit Freunden sprechen sie anders als bei einem Vortrag vor der Klasse oder in einem Telefonat mit einer Behörde.

Manche Wörter aus Dialekten sind so verbreitet, dass sie im Wörterbuch stehen, allerdings mit einem Hinweis auf ihre Region. Semmel ist dort als süddeutsch und österreichisch gekennzeichnet, Gaudi als besonders bayerisch und österreichisch. Solche Wörter sind also nicht falsch, aber nicht überall gebräuchlich. Wenn du für Leser aus ganz Deutschland schreibst, wählst du deshalb eher das überregionale Wort oder erklärst das regionale.

Sprachform Wo sie gebraucht wird Beispiel
Dialekt Familie, Region, vertraute Runde A Semmel und an Kaffee
Umgangssprache Alltag, Freunde ’n Brötchen und ’nen Kaffee
Standardsprache Schule, Nachrichten, Briefe ein Brötchen und einen Kaffee
Redewendung in allen Sprachformen Tomaten auf den Augen haben
Regionalwort in einer Gegend üblich Semmel, Weckle

3. Redewendungen und ihre Herkunft

Er hat Tomaten auf den Augen. Sie ist ihm auf den Leim gegangen. Der hat etwas auf dem Kerbholz. Wer diese drei Sätze wörtlich nimmt, versteht gar nichts. Gemeint ist: Er übersieht etwas Offensichtliches. Sie ist auf ihn hereingefallen. Er hat etwas Unrechtes getan.

Solche festen Wortverbindungen mit übertragener Bedeutung heißen Redewendungen. Ihre Bedeutung ergibt sich also nicht aus den einzelnen Wörtern, sondern aus der ganzen Verbindung. Viele von ihnen haben eine spannende Herkunft. Auf den Leim gehen stammt aus dem Vogelfang: Früher bestrich man Zweige mit Leim, an dem Vögel kleben blieben. Ein Kerbholz war ein Holzstab, in den man Kerben schnitt, um Schulden festzuhalten. Wer etwas auf dem Kerbholz hatte, stand also in jemandes Schuld. Redewendungen lassen sich nicht frei verändern: Wer Tomaten auf den Ohren sagt, verwechselt die Wendung, wie auf dem Schild im Museum.

Von der Redewendung unterscheidet man das Sprichwort. Ein Sprichwort ist ein ganzer, fester Satz, der eine allgemeine Lebensweisheit oder Lehre ausdrückt: Morgenstund hat Gold im Mund. Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein. Redewendungen dagegen sind meist keine ganzen Sätze und werden erst in einen Satz eingebaut: Er ist ihm auf den Leim gegangen. Sprichwörter erinnern in ihrer belehrenden Art an die Lehre einer Fabel.

4. Die passende Sprachform wählen

Ein Schüler erzählt seinen Freunden im Dialekt von einem Ausflug. Später schreibt er darüber einen Bericht für die Schulhomepage. Würde er dort genauso schreiben, verstünden ihn manche Leser nicht, und der Bericht wirkte unpassend.

Entscheidend ist, dass du die Sprachform an die Situation anpasst. Dialekt schafft Nähe und Vertrautheit und gehört zur Identität vieler Menschen. Standardsprache sorgt dafür, dass dich jeder versteht, und ist in der Schule und in offiziellen Texten angemessen. Redewendungen machen Texte lebendig, passen aber nicht in jeden Zusammenhang, etwa nicht in einen sachlichen Bericht. Wer mehrere Sprachformen beherrscht und sicher zwischen ihnen wechseln kann, verfügt über einen großen Schatz: Er kann sich in der Familie ebenso gut verständigen wie in einem Vortrag oder einer schriftlichen Bewerbung. Es geht also nicht darum, den Dialekt abzulegen, sondern darum, für jede Situation die passende Form zu wählen. In der Jahrgangsstufe 8 untersuchst du Dialekt und Jugendsprache noch genauer als Sprachvarietäten.

Form und Wirkung: So deutest du es im Text

In einer Kurzgeschichte spricht der Großvater im Dialekt, während der Erzähler in der Standardsprache bleibt. Als der Enkel am Ende selbst ein Wort aus dem Dialekt des Großvaters verwendet, lächelt dieser zum ersten Mal.

Beobachtung Sprachform Wirkung
Großvater spricht Dialekt Dialekt Herkunft und Eigenart der Figur
Erzähler in Standardsprache Standardsprache Distanz, sachlicher Rahmen
Enkel nimmt ein Dialektwort auf Wechsel der Sprachform Annäherung zwischen den Generationen
Großvater lächelt Reaktion Sprache schafft Verbindung
Kontrast der Sprachformen Gestaltungsmittel Konflikt und Lösung werden hörbar

In literarischen Texten ist die Sprachform einer Figur also mehr als eine Äußerlichkeit. Sie zeigt Herkunft, Nähe und Distanz und kann, wie hier, sogar die Lösung eines Konflikts tragen. Achte deshalb beim Lesen von Erzählungen und Theaterstücken darauf, wer in welcher Sprachform spricht und ob sich das im Lauf der Handlung ändert. Ein Wechsel vom Dialekt in die Standardsprache kann etwa zeigen, dass eine Figur sich fremd fühlt oder sich anpassen will; ein Wechsel in den Dialekt, dass sie Vertrauen fasst oder zu ihren Wurzeln zurückkehrt.

Typische Fehler – und wie du sie vermeidest

Falsch Richtig Warum
Dialekt ist falsches Deutsch. Dialekt ist eine eigene Sprachform mit Regeln. Er ist über Jahrhunderte gewachsen.
Im Bericht für die Homepage: Mir san gestern … Wir waren gestern … Offizielle Texte verlangen Standardsprache.
Tomaten auf den Ohren haben Tomaten auf den Augen haben Redewendungen sind fest.
Redewendungen wörtlich verstehen die übertragene Bedeutung erfassen Die Bedeutung ergibt sich aus der ganzen Verbindung.
Standardsprache gibt es nur geschrieben. Standardsprache wird auch gesprochen. Etwa in den Nachrichten.

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