Deutsch Wirtschaftsschule Bayern · Jahrgangsstufe 8 (vier- und dreistufige Wirtschaftsschule) · Lesen – mit Texten und weiteren Medien umgehen (LehrplanPLUS)

Fachbegriffe der Textanalyse: Autor, Erzähler, Erzählperspektive, Figur, Monolog, Dialog, lyrisches Ich, Reim und Versmaß

Wer über einen literarischen Text spricht oder schreibt, braucht genaue Begriffe. Sonst bleibt unklar, ob man die Person meint, die den Text geschrieben hat, oder die Stimme, die im Text spricht. Diese Seite erklärt die wichtigsten Fachbegriffe der Textanalyse für alle drei Gattungen: für erzählende Texte, für Bühnentexte und für Gedichte. Zu jedem Begriff findest du ein kurzes Beispiel. Die Mustertexte sind eigens für diese Seite geschrieben. Andere Seiten zu literarischen Texten setzen diese Begriffe voraus und verweisen hierher.

1. Autor, Erzähler und Figur

Der wichtigste Unterschied der Textanalyse betrifft zwei Begriffe, die oft verwechselt werden. Der Autor oder die Autorin ist die wirkliche Person, die den Text geschrieben hat. Sie lebt oder lebte außerhalb des Textes, hat einen Namen und eine Lebensgeschichte. Der Erzähler oder die Erzählerin dagegen ist eine Stimme im Text, die vom Autor erfunden wurde. Diese Stimme berichtet, was geschieht.

Warum ist das wichtig? Wenn in einer Geschichte ein Ich-Erzähler sagt, er habe Angst vor Hunden, dann wissen wir damit nichts über den Autor. Ein Autor kann einen alten Mann, ein Kind oder sogar ein Tier erzählen lassen. Deshalb schreibst du in einer Untersuchung nie „Der Autor hat Angst“, sondern „Der Erzähler beschreibt seine Angst“.

Die Personen, die im Text handeln, heißen Figuren. Auch sie sind erfunden, selbst wenn sie wirklichen Menschen ähneln. Eine Figur kann zugleich Erzähler sein, nämlich dann, wenn sie selbst von ihren Erlebnissen berichtet.

Begriff Wer oder was ist gemeint? Wo zu finden?
Autor, Autorin die reale Person, die den Text verfasst hat außerhalb des Textes
Erzähler, Erzählerin die erfundene Stimme, die erzählt im Text
Figur eine erfundene Person, die handelt im Text

2. Die Erzählperspektive

Die Erzählperspektive beschreibt, aus welcher Sicht erzählt wird. Zwei Grundformen musst du sicher erkennen. Beim Ich-Erzähler berichtet eine Figur selbst, was sie erlebt. Sie sagt „ich“ und weiß nur, was sie selbst sieht, hört und denkt. Beim Er-/Sie-Erzähler erzählt eine Stimme von außen über die Figuren und nennt sie beim Namen oder mit „er“ und „sie“.

Außerdem achtest du darauf, wie weit der Erzähler in die Figuren hineinblickt. Erfährst du ihre Gedanken und Gefühle, spricht man von Innensicht. Beschreibt der Erzähler nur, was man von außen sehen und hören könnte, spricht man von Außensicht. Derselbe Vorgang kann je nach Perspektive ganz unterschiedlich wirken.

Mustertext, für diese Seite geschrieben (zwei Fassungen):
Fassung A: Ich legte die Rechnung auf den Tisch und wartete. Mein Herz klopfte, denn ich war sicher, dass ich mich verrechnet hatte.
Fassung B: Selin legte die Rechnung auf den Tisch und wartete. Ihre Finger trommelten leise auf die Platte.

Fassung A hat einen Ich-Erzähler mit Innensicht: Wir erfahren das klopfende Herz und die Befürchtung. Fassung B hat einen Er-/Sie-Erzähler mit Außensicht: Wir sehen nur die trommelnden Finger und müssen selbst schließen, dass Selin nervös ist. Beide Fassungen erzählen denselben Moment, aber wir erleben ihn verschieden nah.

3. Bühnentexte: Dialog und Monolog

In einem Bühnentext gibt es keinen Erzähler. Alles, was wir erfahren, kommt aus dem Gespräch der Figuren und aus den Regieanweisungen. Spricht eine Figur mit einer oder mehreren anderen, nennt man das Dialog. Spricht eine Figur allein, ohne Gegenüber, oder hält sie eine lange Rede, auf die niemand antwortet, nennt man das Monolog. Im Monolog erfährt das Publikum oft, was eine Figur wirklich denkt, weil sie sich nicht vor anderen verstellen muss.

Mustertext, für diese Seite geschrieben:
Im Büro. Herr Weber und die Auszubildende Lea stehen am Kopierer.
HERR WEBER: Haben Sie die Angebote schon verschickt?
LEA: Zwei sind raus, das dritte fehlt noch.
HERR WEBER: Dann bitte bis Mittag. (Er geht ab.)
LEA (allein, sieht auf den Stapel): Bis Mittag. Und die Preisliste stimmt immer noch nicht. Wenn ich jetzt nichts sage, verschicke ich ein falsches Angebot. Wenn ich etwas sage, bin ich wieder die, die alles aufhält.

Die ersten drei Redebeiträge bilden einen Dialog. Nachdem Herr Weber gegangen ist, spricht Lea allein: Das ist ein Monolog. Erst hier erfahren wir von ihrem Zweifel, den sie im Dialog verschwiegen hat.

4. Gedichte: lyrisches Ich, Vers, Strophe und Reim

Auch im Gedicht spricht eine Stimme, aber man nennt sie nicht Erzähler, sondern lyrisches Ich. Gemeint ist die Sprecherin oder der Sprecher des Gedichts, der oft von eigenen Gefühlen und Wahrnehmungen berichtet. Wie beim Erzähler gilt: Das lyrische Ich ist nicht gleich der Person, die das Gedicht geschrieben hat.

Die Zeilen eines Gedichts heißen Verse. Mehrere Verse, die zusammengehören und durch eine Leerzeile von anderen getrennt sind, bilden eine Strophe. Klingen zwei Wörter vom letzten betonten Vokal an gleich, spricht man von einem Reim. Steht der Gleichklang am Ende der Verse, heißt er Endreim.

Mustertext, für diese Seite geschrieben:
Der Drucker summt, die Stunden gehn,
ich bleib am Fenster einmal stehn.
Die Straße unten liegt so still,
dass ich noch gar nicht gehen will.

Das Gedicht besteht aus einer Strophe mit vier Versen. Das lyrische Ich spricht von sich selbst: „ich bleib am Fenster“. Es reimen sich „gehn“ und „stehn“ sowie „still“ und „will“. Die Stimmung ist ruhig und ein wenig verträumt: Das lyrische Ich zögert, den Arbeitstag zu beenden.

5. Das Versmaß: Hebung und Senkung

Liest man ein Gedicht laut, merkt man, dass manche Silben stärker betont werden als andere. Eine betonte Silbe heißt Hebung, eine unbetonte Senkung. Wechseln sie sich regelmäßig ab, entsteht ein Versmaß, also ein fester Rhythmus. Zwei Versmaße kommen besonders häufig vor.

Versmaß Folge der Silben Beispiel (betonte Silben in Großbuchstaben)
Jambus unbetont – betont der DRU-cker SUMMT, die STUN-den GEHN
Trochäus betont – unbetont LEI-se TICKT die UHR im RAUM

So gehst du vor: Lies den Vers langsam und klopfe bei jeder Silbe leise mit. Markiere die Silben, die du stärker betonst. Prüfe dann, ob der Vers mit einer unbetonten oder einer betonten Silbe beginnt und ob sich die Folge regelmäßig wiederholt. Im Mustergedicht aus Abschnitt 4 beginnt jeder Vers unbetont, und jeder hat vier Hebungen: Es ist ein vierhebiger Jambus.

Achte darauf, die natürliche Betonung der Wörter beizubehalten. Das Wort „Fenster“ wird auf der ersten Silbe betont, nicht auf der zweiten. Wer ein Wort beim Klopfen falsch betont, bestimmt auch das Versmaß falsch.

Merke: Autor schreibt, Erzähler erzählt, Figuren handeln. Ich-Erzähler oder Er-/Sie-Erzähler, Innensicht oder Außensicht. Dialog mit anderen, Monolog allein. Im Gedicht spricht das lyrische Ich in Versen und Strophen, Reim und Versmaß ordnen den Klang.

So brauchst du es im Beruf

Auch außerhalb der Literatur hilft die Frage, wer eigentlich spricht. Werbetexte lassen oft eine erfundene Stimme sprechen: ein Maskottchen, ein Produkt oder eine ausgedachte Kundin. Wer im Marketing arbeitet oder Werbung beurteilt, muss erkennen, dass diese Stimme nicht die Meinung einer echten Person wiedergibt.

Mustertext, für diese Seite geschrieben:
Hallo, ich bin Bruno, die neue Brotdose der Übungsfirma. Ich halte dein Pausenbrot frisch und passe in jede Schultasche. Mein Deckel schließt so fest, dass nichts ausläuft. Nimm mich mit, ich freu mich auf dich.
Frage Antwort am Text Bedeutung für das Lesen
Wer spricht? Bruno, die Brotdose eine erfundene Sprecherrolle, ähnlich einem lyrischen Ich
Wer hat den Text verfasst? die Werbeabteilung der Übungsfirma die reale Verfasserin, die verkaufen will
Ist das eine Kundenmeinung? nein Die Ich-Form ersetzt keine Erfahrung echter Kundschaft.

Wer zwischen Sprecherrolle und Verfasser unterscheidet, liest einen solchen Text als das, was er ist: Werbung des Herstellers und keine unabhängige Empfehlung.

Typische Fehler – und wie du sie vermeidest

Falsch Richtig Warum
Der Autor hat Angst vor Hunden. Der Ich-Erzähler beschreibt seine Angst vor Hunden. Erzähler und Autor sind nicht dieselbe Person.
Ein Bühnenstück hat einen Erzähler. Im Bühnentext sprechen nur die Figuren. Informationen kommen aus Dialog, Monolog und Regieanweisungen.
Das lyrische Ich ist der Dichter. Das lyrische Ich ist die Stimme im Gedicht. Auch sie ist gestaltet.
Eine Zeile im Gedicht heißt Strophe. Eine Zeile heißt Vers, mehrere Verse bilden eine Strophe. Vers und Strophe werden oft verwechselt.
Beim Versmaß die Wörter beliebig betonen. Die natürliche Wortbetonung beibehalten. Sonst wird das Versmaß falsch bestimmt.

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