Deutsch Realschule Bayern · Jahrgangsstufe 9 · Sprachgebrauch und Sprache untersuchen und reflektieren (LehrplanPLUS)

Nominalstil und Verbalstil

Für denselben Sachverhalt gibt es oft zwei ganz unterschiedliche Formulierungen. Die eine Formulierung benutzt viele Nomen und wenige Verben, die andere setzt auf klare Handlungsverben. Man nennt diese beiden Stilarten Nominalstil und Verbalstil. Beide sind grammatisch richtig, wirken auf die Leserin oder den Leser aber sehr unterschiedlich. Auf dieser Seite lernst du, woran du die beiden Stilarten erkennst, wie der Nominalstil entsteht und wie du einen Satz gezielt umformst. Es geht um die Wortwahl, nicht um den Satzbau.

1. Zwei Stilarten für denselben Inhalt

Vergleiche die beiden Sätze: „Die Vorbereitung des Ausflugs dauerte drei Wochen.“ und „Wir bereiteten den Ausflug drei Wochen lang vor.“ Beide Sätze sagen inhaltlich dasselbe, doch der erste stellt das Nomen „die Vorbereitung“ in den Mittelpunkt, der zweite das Verb „vorbereiten“. Ein Satz, der einen Vorgang bevorzugt als Nomen ausdrückt, steht im Nominalstil. Ein Satz, der denselben Vorgang als Verb ausdrückt und damit zeigt, wer etwas tut, steht im Verbalstil. Im Nominalstil tritt oft in den Hintergrund, wer überhaupt handelt – im ersten Beispiel bleibt offen, wer den Ausflug vorbereitet hat. Im Verbalstil dagegen steht mit „wir“ sofort fest, wer die Handlung ausführt. Genau darin liegt der wichtigste Unterschied zwischen beiden Stilarten.

2. Vom Verb zum Nomen: wie der Nominalstil entsteht

Der Nominalstil entsteht auf zwei Wegen. Erstens wird aus einem Verb mit einer Nachsilbe wie -ung, -heit oder -keit ein Nomen gebildet: Aus „planen“ wird „die Planung“, aus „pünktlich sein“ wird „die Pünktlichkeit“, aus „ankommen“ wird „die Ankunft“. Zweitens verbindet sich ein blasses Verb mit einem Nomen zu einer festen Wendung, in der das Verb kaum noch eine eigene Bedeutung trägt: Statt „entscheiden“ heißt es dann „eine Entscheidung treffen“, statt „antworten“ heißt es „eine Antwort geben“. Solche Wendungen wirken auf den ersten Blick förmlicher als das einfache Verb, sagen inhaltlich aber nicht mehr aus. Ein sicheres Erkennungszeichen des Nominalstils sind außerdem Nomen, die ihrerseits weitere Nomen im Genitiv nach sich ziehen.

Verbalstil Nominalstil Was sich verändert hat
Die Klasse plant das Fest. die Planung des Festes Nachsilbe -ung macht aus dem Verb ein Nomen.
Er entscheidet sich schnell. Er trifft eine schnelle Entscheidung. Feste Wendung aus blassem Verb und Nomen.

Merke: Nominalstil verpackt einen Vorgang in ein Nomen, Verbalstil zeigt ihn als Handlung eines Verbs. Beide sagen dasselbe, aber mit unterschiedlichem Schwerpunkt.

3. Wirkung des Nominalstils

Der Nominalstil wirkt sachlich, kompakt und distanziert. Er passt gut zu Berichten, Anleitungen, Protokollen und Texten, in denen der Vorgang selbst wichtig ist und nicht, wer genau ihn ausführt. Weil ein Nomen mehrere Wörter bündelt, wird der Text kürzer. Ein Nachteil zeigt sich aber, wenn zu viele Nomen mit Genitiven aneinandergereiht werden, wie in „die Überprüfung der Einhaltung der Vorgaben der Schulordnung“. Solche Ketten sind schwer zu lesen, weil kein Verb den Satz trägt und die Nomen nur lose aneinanderhängen. Guter Nominalstil bleibt deshalb sparsam mit solchen Ketten und nutzt sie höchstens für einzelne, klar begrenzte Aussagen.

4. Wirkung des Verbalstils

Der Verbalstil wirkt lebendig, konkret und persönlich. Er zeigt deutlich, wer handelt, und macht Abläufe leichter nachvollziehbar, weil jedes Verb eine eigene Handlung benennt. Deshalb eignet er sich besonders für Erzählungen, mündliche Berichte, Briefe und alle Texte, in denen die handelnden Personen im Mittelpunkt stehen sollen. Ein Nachteil des Verbalstils kann sein, dass viele kurze Handlungen hintereinander unruhig wirken, wenn sie nicht sinnvoll geordnet werden. Wer beide Stilarten kennt, wählt bewusst die passende und wechselt innerhalb eines Textes zwischen ihnen, statt sich auf eine festzulegen.

5. Umformen: in drei Schritten von einer Stilart zur anderen

Eine Umformung vom Nominalstil in den Verbalstil gelingt fast immer nach demselben Muster. Erster Schritt: Suche das Nomen, das eine Handlung oder einen Vorgang benennt. Zweiter Schritt: Bilde daraus wieder das Verb und frage, wer diese Handlung ausführt; diese Person oder Sache wird zum Subjekt. Dritter Schritt: Verteile die übrigen Angaben des Satzes neu, damit ein vollständiger Satz entsteht. Aus „Nach der Reinigung des Klassenzimmers erfolgte die Verteilung der Zeugnisse.“ wird so „Nachdem die Schüler das Klassenzimmer gereinigt hatten, verteilte die Lehrerin die Zeugnisse.“ Der umgekehrte Weg funktioniert genauso: Du suchst das Vollverb, bildest daraus ein Nomen und hängst die übrigen Angaben als Genitiv oder mit einer Präposition an. Prüfe danach, ob die Aussage noch dieselbe ist. Oft verrät erst die Umformung, dass im Nominalstil eine Information gefehlt hat – die handelnde Person.

So erkennst du es im Satz

Die Klasse 9b bereitet seit Wochen ein Schulfest für den Herbst vor. Nach der Sammlung erster Ideen folgte die Verteilung der Aufgaben auf mehrere Gruppen. Eine Gruppe übernimmt die Standplanung, eine andere kümmert sich um die Absprache mit der Cafeteria. Die frühzeitige Organisation soll einen reibungslosen Ablauf sichern. Noch offen ist die Klärung der Deko-Finanzierung. Sobald diese Frage geklärt ist, kann die Klasse mit dem Aufbau der Stände beginnen.

Textstelle im Nominalstil Entsprechung im Verbalstil Wirkung des Unterschieds
die Sammlung erster Ideen sie sammelten erste Ideen Nominalstil verbirgt, wer sammelt; wirkt wie ein abgeschlossenes Ergebnis.
die Verteilung der Aufgaben sie verteilten die Aufgaben betont den Vorgang, nicht die handelnden Personen.
die Standplanung sie plant die Stände ein einzelnes Nomen ersetzt einen ganzen Verbalausdruck.
die Klärung der Deko-Finanzierung sie müssen die Deko-Finanzierung noch klären Nominalstil wirkt knapper, lässt aber offen, wer handelt.

Typische Fehler – und wie du sie vermeidest

Die folgenden Beispiele zeigen, wie ein unbedachter Wechsel zwischen den Stilarten einen Text schwerer lesbar oder unpassend macht.

Falsch Richtig Warum?
Die Durchführung der Überprüfung der Anmeldung der Teilnehmer erfolgte gestern. Wir überprüften gestern die Anmeldungen der Teilnehmer. Drei Genitive hintereinander machen den Satz schwer lesbar; der Verbalstil ist klarer.
Nach der Beendigung des Spiels erfolgte der Rückzug der Mannschaft. Nach dem Spiel zog sich die Mannschaft zurück. In einer Erzählung wirkt der Verbalstil lebendiger als eine Kette von Nomen.
Er nahm eine Reparatur des Fahrrads vor. Er reparierte das Fahrrad. Ein einfaches Verb ist kürzer und genauso klar wie eine feste Verb-Nomen-Wendung.
Die Mitteilung über die Verspätung des Zuges erfolgte durch den Lautsprecher. Der Lautsprecher meldete die Verspätung des Zuges. Das Verb „melden“ sagt dasselbe direkter als die Nominalkonstruktion.
Die Übermittlung meiner Genesungswünsche erfolgt hiermit. Ich wünsche dir gute Besserung. In einem persönlichen Text passt der Verbalstil besser zur Nähe zwischen Schreiber und Leser.
Im Protokoll steht: „Dann haben wir halt abgestimmt.“ Anschließend erfolgte die Abstimmung. Hier ist der Nominalstil richtig: Ein Protokoll soll sachlich und knapp sein.

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