Deutsch Mittelschule Bayern · Jahrgangsstufe 7 · Regelklasse und Mittlere-Reife-Klasse · Sprachgebrauch und Sprache untersuchen und reflektieren (LehrplanPLUS)

Sprache in digitalen Formaten untersuchen und von der Standardsprache unterscheiden

Eine Kurznachricht an die Kollegin, ein Chat in der Gruppe des Praktikumsteams, eine E-Mail an die Berufsberatung: Du schreibst jeden Tag digital, aber nicht überall gleich. Jedes digitale Format hat eigene Gewohnheiten, und man erkennt sie an der Sprache. Auf dieser Seite untersuchst du diese Sprache, vergleichst sie mit der Standardsprache und beschreibst, wie Wörter und Sätze darin wirken. Standardsprache, Jugendsprache und Dialekt setzen wir dabei voraus, sie sind auf einer eigenen Seite erklärt.

1. Digitale Formate unterscheiden

Ein digitales Format ist die Form, in der ein Text auf dem Bildschirm entsteht und gelesen wird. Die Sprache hängt von drei Fragen ab: Wer liest? Wie schnell kommt die Antwort? Wie öffentlich ist der Text?

Format Wer liest? Typische Sprache
Kurznachricht im Nachrichtendienst eine oder wenige bekannte Personen knapp und locker, oft kleingeschrieben, mit Abkürzungen und Bildzeichen
Chat in einer Gruppe eine feste Gruppe, etwa Klasse oder Team im Betrieb schnelle Wechsel, kurze Einwürfe, Anrede und Gruß oft weggelassen
Kommentarspalte viele, oft unbekannte Lesende; öffentlich direkt und wertend, manchmal scharf im Ton
E-Mail meist eine bestimmte Person, oft im Betrieb oder in einer Behörde Betreff, Anrede, Gruß, vollständige Sätze, Standardsprache

Als Faustregel gilt: Je öffentlicher ein Text ist und je weniger du die Lesenden kennst, desto näher liegt die Standardsprache. Eine Faustregel ist keine Vorschrift. Deshalb prüfst du immer den Einzelfall. Dasselbe Wort kann in einem Format passen und in einem anderen nicht, also bestimmst du zuerst das Format und erst danach die Sprache.

Wichtig ist auch die Geschwindigkeit. Im Chat folgt die Antwort oft nach Sekunden, und man schreibt so, wie man spricht. Eine E-Mail wird dagegen meist in Ruhe geschrieben und gelesen, deshalb sind Planung und Satzbau sorgfältiger.

In der Kommentarspalte kommt hinzu, dass der Text stehen bleibt und viele Menschen ihn lesen. Wer dort schreibt, wirkt auch auf Fremde, selbst wenn er nur seine Meinung sagen will. Deshalb lohnt es sich, wertende Wörter zu prüfen, bevor man sie abschickt.

2. Sprachliche Mittel in Kurznachricht und Chat erkennen

Wenn du einen digitalen Text untersuchst, sammelst du die Merkmale in vier Bereichen:

  • Schreibweise: durchgehende Kleinschreibung, fehlende Satzzeichen, gedehnte Buchstaben wie in „sooo“, Großbuchstaben für Lautstärke.
  • Wortwahl: Abkürzungen wie „lg“ für „liebe Grüße“, verkürzte Wörter wie „heut“, Umgangswörter und kleine Bildzeichen für Gefühle.
  • Satzbau: kurze Hauptsätze, unvollständige Sätze wie „Komme gleich.“, einzelne Fragen und Aufforderungen.
  • Gesprächsformeln: verkürzter oder weggelassener Gruß, kurze Reaktionen wie „ok“ oder „alles klar“.

In der Schrift fehlen Stimme und Mimik. Deshalb übernehmen Satzzeichen und Bildzeichen den Tonfall: Zwei Ausrufezeichen zeigen Nachdruck, ein einzelnes Wort mit Punkt kann kühl wirken, Wörter in Großbuchstaben wirken oft wie Schreien. Diese Merkmale sind im Chat keine Fehler. Zum Fehler werden sie erst, wenn das Format etwas anderes verlangt.

Ein Beispiel: Die Nachricht „wer hat den schlüssel für das lager??“ zeigt Kleinschreibung (Schreibweise), einen fehlenden Gruß (Gesprächsformel), einen Fragesatz (Satzbau) und doppelte Fragezeichen (Nachdruck). Sie wirkt dringend, weil sie kurz ist und nichts Unnötiges enthält.

Merke: Du beschreibst ein Merkmal und sagst danach, was es im Text bewirkt. Das Auflisten allein reicht nicht.

3. Die Wirkung von Wort- und Satzarten beschreiben

Wörter und Sätze wirken im Chat anders als in einer E-Mail. Du beschreibst die Wirkung deshalb immer zusammen mit dem Format.

Mittel Wirkung im Chat Wirkung in der E-Mail
Aufforderungssatz „Schick mir die Liste.“ wirkt schnell und vertraut braucht „bitte“ und eine Anrede, sonst wirkt er hart
Fragesatz lädt zu einer schnellen Antwort ein klärt eine Sache sachlich und steht oft am Schluss
Nebensatz mit „weil“ begründet knapp macht eine Bitte nachvollziehbar
wertendes Adjektiv („super“, „schlimm“) zeigt sofort eine Meinung wirkt ungenau; besser sind genaue Angaben
Pronomen „du“ oder „Sie“ „du“ schafft Nähe „Sie“ schafft Abstand und Höflichkeit

Eine gute Beschreibung hat drei Teile: das Merkmal, die Wirkung und den Zusammenhang mit dem Format. Ein Beispiel: Die kurzen Aufforderungssätze in der Nachricht wirken schnell und vertraut, weil sich die Schreibenden gut kennen. In einer E-Mail an eine Behörde klingen dieselben Sätze zu hart.

Auch die Länge der Sätze wirkt. Kurze Hauptsätze reihen sich im Chat wie ein Wortwechsel aneinander und wirken lebhaft. In der E-Mail hilft ein Satzgefüge mit Nebensatz, einen Grund genau zu sagen: Ich bitte um einen neuen Termin, weil ich an dem Tag im Praktikum bin.

Auch die Wortarten tragen zur Wirkung bei. Genaue Nomen wie „Termin“, „Formular“ oder „Frist“ machen eine E-Mail klar und sachlich. Kurze Verben wie „komm“ oder „schick“ treiben eine Nachricht voran. Wertende Adjektive färben sie sofort ein und gehören deshalb eher in den Chat und in die Kommentarspalte als in einen Antrag.

Eine Wirkung ist keine Tatsache, sondern eine begründete Einschätzung. Schreibe deshalb mit Wörtern wie „wirkt“ oder „zeigt“ und nenne immer den Grund.

4. Digitale Sprache und Standardsprache vergleichen

Für den Vergleich gehst du in vier Schritten vor:

  1. Adressat und Zweck bestimmen: Wer liest, und was soll erreicht werden?
  2. Merkmale in Schreibweise, Wortwahl und Satzbau sammeln.
  3. Eine standardsprachliche Fassung daneben schreiben.
  4. Urteilen, ob die Sprache zum Format passt, und das Urteil begründen.

Ein Beispiel: Die Kurznachricht „bin gleich da, steh schon am tor“ ist knapp und kleingeschrieben und lässt das Subjekt weg. Die standardsprachliche Fassung lautet: „Ich bin gleich da. Ich stehe schon am Tor.“ Unter Kollegen reicht die erste Fassung völlig. In einer E-Mail an die Praktikumsleitung gehört die zweite hin.

Beim Umschreiben änderst du Schreibweise, Wortwahl und Satzbau, aber nicht die Aussage. Auch Anrede und Gruß gehören dazu: Im Chat genügt oft der Vorname, in der standardsprachlichen Fassung stehen Anrede und Gruß. Vergleiche danach die Wirkung: Die Standardfassung klingt förmlicher, ist aber für Fremde klarer und wirkt in einem Antrag angemessen.

Digitale Sprache ist weder besser noch schlechter als die Standardsprache. Sie passt zu bestimmten Anlässen. Bewerten heißt deshalb: Passt die Sprachform zu Adressat, Zweck und Format? Bei Anträgen, bei E-Mails an Behörden und bei E-Mails an Personen, die du nicht kennst, schreibst du standardsprachlich.

So prüfst du es im Quali

In der Quali hast du 195 Minuten. Einer der vier Prüfungsteile heißt amtlich „Sprachgebrauch – Sprachbetrachtung und Rechtschreiben“, und genau darum geht es hier: Sprache beschreiben, statt sie nur zu benutzen. Untersuche die folgende eigene Übungsnachricht einer Praktikantin an einen Kollegen im Betrieb.

hi, der bus fällt heut aus. ich komme erst um neun in die werkstatt. tut mir echt leid!! sagst du dem meister bitte bescheid? danke und lg, mara

Textstelle Merkmal Standardsprachliche Fassung
hi verkürzter, lockerer Gruß Hallo oder Guten Morgen
heut verkürztes Wort, wie gesprochen heute
ich komme erst um neun in die werkstatt Kleinschreibung, auch am Satzanfang und bei Nomen Ich komme erst um neun in die Werkstatt.
tut mir echt leid!! doppeltes Ausrufezeichen für Nachdruck, Umgangswort „echt“ Es tut mir sehr leid.
sagst du dem meister bitte bescheid? Fragesatz als höfliche Bitte, Anrede mit „du“ Sagst du dem Meister bitte Bescheid?
lg Abkürzung liebe Grüße

Für deine Antwort gilt: Zitiere die Textstelle, benenne das Merkmal und beschreibe die Wirkung. Das doppelte Ausrufezeichen hinter „tut mir echt leid“ zeigt Nachdruck und wirkt persönlich, weil die Schreibende sich bei einem Kollegen entschuldigt.

Die Nachricht ist unter Kollegen passend: kurz, vertraut und mit Nachdruck. Schreibst du dieselbe Mitteilung als E-Mail an die Praktikumsleitung, brauchst du Betreff, Anrede, Gruß und vollständige Sätze. Diese Arbeitsweise – Merkmale nennen, Wirkung beschreiben, mit der Standardsprache vergleichen – übst du für Teil B der Quali (Sprachgebrauch – Sprachbetrachtung und Rechtschreiben).

Typische Fehler – und wie du sie vermeidest

Bei digitalen Texten unterlaufen besonders oft diese Fehler.

Falsch Richtig Warum
Im Chat gibt es keine Regeln. Auch im Chat richtet sich die Sprache nach Gruppe und Anlass. Es gelten andere Gewohnheiten, aber keine freie Beliebigkeit.
Eine E-Mail an eine Behörde beginnt mit „hi“. Eine E-Mail an eine Behörde beginnt mit „Sehr geehrte Damen und Herren,“. Anrede und Ton richten sich nach dem Adressaten.
Abkürzungen sind immer schlechte Sprache. Abkürzungen passen in den Chat, in einen Antrag passen sie nicht. Bewertet wird die Passung zur Situation.
Chat und Kommentarspalte sind dasselbe Format. Der Chat hat bekannte Lesende, die Kommentarspalte viele fremde. Die Zahl der Lesenden verändert den Ton.
Ich schreibe nur: „Es gibt Abkürzungen.“ Ich schreibe: „Die Abkürzung wirkt vertraut, weil sich die Schreibenden kennen.“ Zu einer Beschreibung gehört die Wirkung, nicht nur das Merkmal.

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