Deutsch Mittelschule Bayern · Jahrgangsstufe 7 und 8 · Regelklasse und Mittlere-Reife-Klasse · Schreiben (LehrplanPLUS)
Gestaltende Interpretation: einen Text weiterdenken
Manche Geschichten hören an einer spannenden Stelle auf. Man fragt sich, was die Figur denkt, was sie als Nächstes sagt oder wie es ausgeht. Bei der gestaltenden Interpretation beantwortest du solche Fragen in einem eigenen Text, der zum Ausgangstext passt. Im Lehrplan der Regelklasse steht sie in der Jahrgangsstufe 7, im Lehrplan der Mittleren-Reife-Klasse in der Jahrgangsstufe 8. Hier geht es nicht darum, eine Gattung zu bestimmen, sondern ein Schreibverfahren zu beherrschen.
1. Was gestaltende Interpretation bedeutet
Bei der gestaltenden Interpretation schreibst du einen literarischen Text weiter oder ergänzt ihn. Du erzählst ihn nicht noch einmal und schreibst auch keine Meinung dazu auf. Du erfindest etwas Neues, das aus dem Ausgangstext heraus glaubwürdig ist. Dein Text muss zu den Figuren, zum Ort, zur Zeitform und zum Ton des Ausgangstextes passen. Ein Leser sollte kaum merken, wo der Originaltext aufhört und dein Text beginnt.
An einem kurzen Ausgangstext, den diese Seite selbst erfindet, werden alle Schritte gezeigt:
Ben stand zum ersten Mal allein in der Schreinerei. Der Meister hatte ihm das Regal für Frau Roth anvertraut und war zum Mittagessen gegangen. Ben maß, sägte und schliff. Dann setzte er das letzte Brett ein. Es war drei Zentimeter zu kurz. Er sah zur Tür. Draußen fuhr ein Lieferwagen vorbei.
Schreibaufträge nennen das gewünschte Verfahren oft nur beiläufig. Sie verlangen zum Beispiel, die Geschichte fortzusetzen, ein Gespräch zwischen zwei Figuren auszuformulieren oder das Ende zu gestalten. Lies den Auftrag deshalb genau: Er legt fest, welches Verfahren gefragt ist, wie lang dein Text sein soll und aus welcher Sicht du schreibst.
2. Den Ausgangstext genau lesen
Bevor du schreibst, liest du den Text mindestens zweimal. Beim zweiten Mal stellst du Fragen: Wer kommt vor? Wo und wann spielt die Handlung? In welcher Zeitform und aus welcher Sicht ist der Text erzählt? Wie klingt die Sprache? Und vor allem: Was bleibt offen? Eine solche offene Stelle heißt Leerstelle. Der Text sagt zum Beispiel nicht, was Ben denkt, als er das zu kurze Brett sieht. Er sagt auch nicht, wie der Meister reagiert und wie die Sache ausgeht.
Leerstellen findest du mit gezielten Fragen. Was ist zwischen zwei Sätzen passiert, ohne dass es erzählt wird? Was weiß die Figur, was der Leser nicht erfährt? Wo bricht der Text ab? Notiere die Antworten in Stichworten. So entsteht ein kleiner Schreibplan, an dem du dich beim Schreiben orientierst.
| Frage | Antwort am Beispiel |
|---|---|
| Figuren | Ben, der Meister (nicht anwesend), Frau Roth (erwähnt) |
| Ort und Zeit | Schreinerei, Mittagszeit |
| Form | Er-Form, Präteritum |
| Sprache und Ton | kurze, nüchterne Sätze |
| Leerstellen | Bens Gedanken; die Reaktion des Meisters; das Ende |
Merke: Schreibe erst, wenn du Figuren, Ort, Zeitform, Sicht und Ton des Ausgangstextes kennst. Alles, was du ergänzt, muss dazu passen.
3. Drei Verfahren: Leerstelle füllen, Figur weitersprechen lassen, Schluss ausgestalten
Eine Leerstelle füllen. Du schreibst auf, was der Text offenlässt, zum Beispiel Gedanken und Gefühle der Figur. Das fügt sich an einer bestimmten Stelle ein: Ben spürte, wie ihm heiß wurde. Er hielt das Brett gegen die Lücke, als könnte es dadurch wachsen. Zeige Gefühle durch Körper und Handeln. Der Satz Ben hatte Angst benennt das Gefühl nur, der Satz Ben spürte, wie seine Hände feucht wurden macht es sichtbar.
Eine Figur weitersprechen lassen. Du legst der Figur Worte in den Mund, die zu ihr passen. Ben ist unsicher, aber ehrlich, also spricht er knapp und direkt: „Ich habe mich verschnitten“, sagte Ben. „Das Brett ist noch nicht verleimt.“ Eine Figur, die im Text nüchtern spricht, redet in deiner Fortsetzung nicht plötzlich in langen Reden.
Auch eine andere Figur kann weitersprechen. Der Meister reagiert vielleicht ruhig: „Das kann jedem passieren“, sagte er und griff nach einem neuen Brett. Entscheidend ist, dass seine Worte zu dem passen, was der Text über ihn verrät. Er hat Ben das Regal anvertraut, also ist er vermutlich nicht jähzornig.
Einen Schluss ausgestalten. Du beendest die Handlung so, dass sie aus dem Vorherigen folgt: Der Meister nickte, und gemeinsam schnitten sie ein neues Brett zu. Ein Schluss darf offen bleiben, aber er darf nicht wie vom Himmel fallen. Er muss zu den Figuren und zum Ort passen.
| Verfahren | Leitfrage | Worauf du achtest |
|---|---|---|
| Leerstelle füllen | Was denkt oder fühlt die Figur, was der Text nicht sagt? | Gefühle zeigen, nicht nur nennen |
| Figur weitersprechen lassen | Was sagt die Figur als Nächstes? | Sprache der Figur beibehalten, wörtliche Rede richtig setzen |
| Schluss ausgestalten | Wie geht es aus? | Schluss folgt aus der Handlung |
4. Textnah und anschaulich schreiben
Dein erster Satz knüpft unmittelbar an den letzten Satz des Ausgangstextes an. Du wiederholst nicht den Anfang, sondern führst weiter. Die Zeitform bleibt gleich: Steht der Ausgangstext im Präteritum, schreibst du im Präteritum weiter. Auch die Person bleibt gleich. Ein Text in der Er-Form wird nicht plötzlich zur Ich-Form. Neue Figuren sind erlaubt, wenn sie in die Welt des Textes passen. Der Meister kehrt zurück, aber ein Fremder, der die Handlung umwirft, passt nicht.
Anschaulich wird dein Text, wenn du genaue Verben und kleine Beobachtungen wählst. Statt Ben ging zum Tisch schreibst du Ben schlich zur Werkbank, wenn er unsicher ist. Wörtliche Rede setzt du in Anführungszeichen, den Redebegleitsatz trennst du mit Komma ab. Wie das geht, kennst du aus der Jahrgangsstufe 5. Lies deinen Text zuletzt noch einmal laut und überarbeite ihn wie in der Schreibkonferenz, indem du jemanden fragst, ob die Fortsetzung zum Anfang passt.
Gliedere deinen Text in Absätze. Ein neuer Absatz beginnt, wenn sich der Gedanke ändert oder wenn eine andere Figur zu sprechen anfängt. So bleibt die Fortsetzung übersichtlich, und der Leser erkennt sofort, wer gerade redet.
Zum Üben eignet sich ein zweiter kurzer Ausgangstext: Jana wartete an der Rampe auf den Transporter. Die Ware sollte um acht kommen, es war schon halb neun. Sie sah auf die Uhr und dann auf den leeren Hof. Überlege, was Jana denkt und fühlt, was sie dem Fahrer sagen könnte und wie die Geschichte ausgeht. Schreibe dann eine kurze Fortsetzung im Präteritum und in der Er-Form, die zu Janas Situation passt.
Checkliste: Eine gute Fortsetzung bleibt bei den Figuren, beim Ort, bei der Zeitform, bei der Person und im Ton des Ausgangstextes. Sie füllt eine Leerstelle oder führt die Handlung weiter, ohne den Anfang zu wiederholen.
So schreibst du es im Quali
Das folgende Muster setzt den Ausgangstext von Ben fort. Es füllt eine Leerstelle, lässt die Figur sprechen und gestaltet den Schluss aus:
Ben spürte, wie ihm heiß wurde. Er hielt das Brett gegen die Lücke, als könnte es dadurch wachsen. Dann legte er es auf die Werkbank und atmete tief durch. Weglaufen wollte er nicht, aber er wusste auch nicht, wie er anfangen sollte. Er nahm das Maßband und prüfte jede Kante noch einmal. Als die Tür aufging, stand er schon bereit. „Ich habe mich verschnitten“, sagte er. „Das Brett ist noch nicht verleimt.“ Der Meister betrachtete das Regal und nickte. „Gut, dass du es gleich sagst“, meinte er. Gemeinsam schnitten sie ein neues Brett zu.
| Bauteil | Stelle im Muster | Warum es passt |
|---|---|---|
| Anschluss | erster Satz | knüpft an das zu kurze Brett an |
| Leerstelle gefüllt | Sätze 1 bis 5 | Gefühle werden durch Körper und Handeln gezeigt |
| Figur spricht | wörtliche Rede von Ben | knapp und ehrlich, passend zu Ben |
| Schluss | letzter Satz | folgt aus der Handlung und bleibt in der Werkstatt |
| Form und Zeit | ganzer Text | Er-Form und Präteritum wie im Ausgangstext |
Mit diesem Vorgehen übst du, was Teil D der Quali unter „Schreiben“ verlangt: einen eigenen Text planvoll zu verfassen, der zum Auftrag und zum Ausgangstext passt.
Typische Fehler – und wie du sie vermeidest
| Falsch | Richtig | Warum |
|---|---|---|
| Ben spürt, wie ihm heiß wird. | Ben spürte, wie ihm heiß wurde. | Die Zeitform des Ausgangstextes (Präteritum) bleibt erhalten. |
| Ich spürte, wie mir heiß wurde. | Ben spürte, wie ihm heiß wurde. | Die Person des Ausgangstextes (Er-Form) bleibt erhalten. |
| Plötzlich erschien ein Zauberer und verlängerte das Brett. | Der Meister kam zurück und sah sich das Brett an. | Die Fortsetzung bleibt in der Welt des Ausgangstextes. |
| Ben war sehr traurig und hatte große Angst. | Ben presste die Lippen zusammen und starrte auf das Brett. | Gefühle zeigst du durch Handeln und Körper, nicht nur durch Nennen. |
| Ich habe mich verschnitten sagte Ben. | „Ich habe mich verschnitten“, sagte Ben. | Wörtliche Rede steht in Anführungszeichen, danach folgt ein Komma. |
| Ben stand allein in der Schreinerei und baute ein Regal. | Ben spürte, wie ihm heiß wurde. | Die Fortsetzung führt weiter und wiederholt den Anfang nicht. |
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