Deutsch Mittelschule Bayern · Jahrgangsstufe 7 · Regelklasse und Mittlere-Reife-Klasse · Schreiben (LehrplanPLUS)

Argumentativ und adressatenorientiert schreiben

Wer etwas erreichen will, muss wissen, wer seinen Text liest. Dieselbe Bitte kann die Ausbilderin überzeugen und bei Mitpraktikanten wirkungslos bleiben, wenn Ton und Begründung nicht zur Leserin oder zum Leser passen. Auf dieser Seite lernst du, deine Leserschaft einzuschätzen, den passenden Ton zu treffen und dein Anliegen so aufzubauen, dass es verstanden wird. Behauptung und Begründung kennst du aus der Jahrgangsstufe 6 und setzt sie hier voraus.

1. Wer liest? Den Adressaten bestimmen

Der Adressat ist die Person, an die dein Text gerichtet ist. Bevor du den ersten Satz schreibst, stellst du dir vier Fragen. Wer liest meinen Text? Was weiß diese Person schon? Was ist ihr wichtig? Was soll sie nach dem Lesen tun oder denken?

Denke auch an die, die mitlesen. Eine E-Mail an die Anleiterin geht vielleicht an die Betriebsleitung weiter. Schreibe deshalb so, dass auch eine Person, die den Anlass nicht kennt, den Text versteht und nichts darin als unhöflich empfindet.

Auch das Vorwissen der Leserin entscheidet über deinen Text. Kennt sie den Anlass schon, genügt ein kurzer Bezug. Kennt sie ihn nicht, musst du ihn knapp erklären. Dasselbe gilt für Fachwörter: Unter Kolleginnen sind sie in Ordnung, bei Personen ohne Fachwissen erklärst du sie. Wie ein Antrag oder eine Beschwerde äußerlich aufgebaut ist, steht auf einer eigenen Seite. Hier geht es um Leserschaft, Ton und Begründungen.

Adressat Was ihm oder ihr wichtig ist Passende Ansprache
Anleiterin im Betrieb reibungsloser Ablauf, Sicherheit, Zuverlässigkeit Sie-Form, sachlich und höflich
Leitung der Pflege gute Versorgung, Zeitplan der Station Sie-Form, sachlich und höflich
Berufsberaterin klare Angaben zu Wünschen und Stärken Sie-Form, freundlich und genau
Mitpraktikant faire Aufteilung, eigene Zeit du-Form, locker, aber respektvoll

Merke: Ein Anliegen überzeugt, wenn es zum Interesse der Leserin oder des Lesers passt. Wähle deshalb Begründungen, die ihr oder ihm etwas nützen, und nicht nur solche, die dir nützen.

2. Der passende Ton

Der Ton zeigt, wie du zu deinem Gegenüber stehst. Er entsteht aus Anrede, Wortwahl und Satzbau. An Menschen, die du nicht gut kennst oder die in ihrem Betrieb für dich zuständig sind, schreibst du förmlich. Das heißt: Anrede mit Sehr geehrte Frau oder Sehr geehrter Herr, durchgehend die Sie-Form, vollständige Sätze und keine Umgangssprache. Chat-Abkürzungen und Ausdrücke wie voll nervig haben dort nichts verloren.

Unter Gleichaltrigen darfst du lockerer schreiben, aber auch dort bleibt der Ton respektvoll. Ein Anliegen wirkt stärker, wenn du ohne Vorwurf schreibst. Beschreibe, was du beobachtet hast, und sage, was du dir wünschst. Vorwürfe wie Sie vergessen mich immer machen die Leserin zum Gegner. Sachliche Beobachtungen wie Mir ist aufgefallen, dass ich nicht zuhören kann laden sie ein, dir zu helfen.

Auch Anrede und Gruß gehören zum Ton. Förmlich schreibst du Sehr geehrte Frau Lindner und schließt mit Mit freundlichen Grüßen. Unter Gleichaltrigen genügen Hallo Leon und Viele Grüße. Wichtig ist, dass Anrede, Ansprache und Gruß zusammenpassen. Wer förmlich beginnt und dann duzt, bricht den Ton und verliert an Glaubwürdigkeit.

Unpassend Passend Grund
Ich will unbedingt dabei sein. Ich möchte Sie bitten, dass ich dabei sein darf. Eine höfliche Bitte lässt der Leserin Raum zu entscheiden.
Sie haben mich nie einbezogen. Mir ist aufgefallen, dass ich nicht einbezogen werde. Eine Beobachtung ist sachlich, ein Vorwurf nicht.
Das ist doch voll unfair. Ich halte die Aufteilung für nicht ausgewogen. Die sachliche Wortwahl passt zu einem Brief.

3. Das Anliegen aufbauen

Ein gutes Schreiben beginnt vor dem Schreiben. Gehe in dieser Reihenfolge vor: Zuerst bestimmst du den Adressaten. Dann legst du den Ton fest. Danach fasst du dein Anliegen in einem einzigen Satz zusammen. Zuletzt sammelst du Begründungen und wählst die aus, die zu dieser Leserin oder diesem Leser passen.

Beim Schreiben folgst du diesem Aufbau. Du beginnst mit der Anrede. Der Anlass sagt, warum du schreibst. Das Anliegen nennt klar, was du möchtest, und steht schon im ersten Absatz, damit die Leserin nicht suchen muss. Die Begründungen erklären, warum dein Anliegen sinnvoll ist. Jede Begründung bekommt einen eigenen Satz und möglichst ein Beispiel aus dem Betrieb. Ein Entgegenkommen zeigt, was du selbst beiträgst. Der Schluss bringt einen Dank oder einen Wunsch und die Grußformel.

Damit die Leserin deiner Argumentation folgen kann, kennzeichnest du die Begründungen mit Wörtern wie erstens, zweitens und außerdem. Mit weil, denn und deshalb machst du den Zusammenhang zwischen Anliegen und Begründung sichtbar. Lies deinen Text zum Schluss mit den Augen der Leserin: Verstehst du sofort, was gewünscht wird und warum? Lass den Text außerdem wie in der Schreibkonferenz von einer Mitschülerin lesen.

Dein Anliegen ist die Behauptung, deine Begründungen stützen sie. Je konkreter eine Begründung ist, desto glaubwürdiger wirkt sie. Das ist besser für alle sagt wenig. Dann muss das Team weniger erklären sagt, wer was davon hat.

Merke: Anrede, Anlass, Anliegen, Begründungen, Entgegenkommen, Schluss: In dieser Reihenfolge baust du dein Schreiben auf. Das Anliegen gehört in den ersten Absatz.

4. Dasselbe Anliegen für zwei Leser

Ein Praktikant möchte in der dritten Woche statt der Frühschicht eine Spätschicht übernehmen. Hier siehst du, wie sich der Text je nach Adressat verändert.

An die Anleiterin: Sehr geehrte Frau Berger, im Küchenplan habe ich gesehen, dass ich in der dritten Woche für die Frühschicht eingeteilt bin. Ich bitte Sie, mir stattdessen eine Spätschicht zuzuteilen. So lerne ich auch die Abläufe am Abend kennen und kann den Beruf besser einschätzen. Ich übernehme dafür gern die Vorbereitung am Vortag. Mit freundlichen Grüßen, Tim Kranz

An einen Mitpraktikanten: Hallo Leon, kannst du in Woche drei meine Frühschicht übernehmen? Dafür übernehme ich in Woche vier deine Spätschicht, damit es für uns beide fair bleibt. Sag mir bitte bis Freitag Bescheid. Danke dir!

Die erste Fassung ist förmlich, begründet mit dem Nutzen für die Ausbildung und enthält ein Entgegenkommen, das der Anleiterin Arbeit abnimmt. Die zweite Fassung ist locker, aber höflich. Sie begründet mit Fairness, denn das ist unter Gleichaltrigen das stärkste Argument. Das Anliegen ist in beiden Fassungen gleich und steht jeweils früh im Text.

Eine Übungsanregung: Wähle ein eigenes Anliegen aus dem Praktikum und schreibe es zweimal, einmal für die Leitung und einmal für eine Mitschülerin. Prüfe danach mit den vier Fragen aus Abschnitt 1, ob dein Ton und deine Begründungen zu beiden passen.

So schreibst du es im Quali

Das folgende Beispiel zeigt ein vollständiges Schreiben an die Leitung eines Pflegeheims. Es ist erfunden und dient als Muster für Aufbau und Ton:

Sehr geehrte Frau Lindner,
ich mache seit einigen Wochen mein Praktikum auf der Station. Mir ist aufgefallen, dass die Frühübergabe im Dienstzimmer stattfindet und ich als Praktikantin nicht zuhören kann. Ich möchte Sie bitten, dass ich an der Übergabe teilnehmen darf.
Dafür habe ich zwei Gründe. Erstens weiß ich dann, welche Bewohner besondere Pflege brauchen, und kann gezielter helfen. Zweitens lerne ich die Fachwörter kennen, die das Team benutzt, und muss weniger nachfragen. Das spart den Pflegekräften Zeit.
Ich höre still zu und stelle meine Fragen erst nach der Übergabe. Ich freue mich über Ihre Antwort.
Mit freundlichen Grüßen
Lea Brandt

Bauteil Wo im Text Worauf du achtest
Anrede Sehr geehrte Frau Lindner, förmlich, mit Namen, Komma danach
Anlass Mir ist aufgefallen, dass … sachliche Beobachtung statt Vorwurf
Anliegen Ich möchte Sie bitten, dass … klar, höflich, im ersten Absatz
Begründungen Erstens … Zweitens … konkret und nützlich für die Leserin
Entgegenkommen Ich höre still zu … zeigt, was du selbst beiträgst
Schluss Ich freue mich über Ihre Antwort. Mit freundlichen Grüßen Dank oder Wunsch, dann Gruß und Name

Prüfe dein Schreiben am Ende mit drei Fragen: Passt der Ton zur Leserin? Steht das Anliegen früh und klar da? Stützt jede Begründung das Anliegen? Mit diesem Vorgehen bereitest du dich auf Teil D vor, den die Quali als „Schreiben“ bezeichnet.

Typische Fehler – und wie du sie vermeidest

Falsch Richtig Warum
Hi Frau Lindner, ich will bei der Übergabe dabei sein. Sehr geehrte Frau Lindner, ich möchte Sie bitten, dass ich an der Übergabe teilnehmen darf. Anrede und Wortwahl müssen zur Leserin passen.
Sie haben mich nie gefragt, ob ich zuhören darf. Mir ist aufgefallen, dass ich bei der Übergabe nicht zuhören kann. Eine Beobachtung ist sachlich, ein Vorwurf macht die Leserin zur Gegnerin.
Nach mehreren Sätzen über den Weg zum Betrieb folgt irgendwann die Bitte. Schon im ersten Absatz steht: Ich möchte Sie bitten, … Die Leserin soll sofort erkennen, was du möchtest.
Das ist einfach besser für alle. Dann weiß ich, wer besondere Pflege braucht, und kann gezielter helfen. Eine Begründung muss konkret sein.
Ich will mehr lernen, deshalb muss ich dabei sein. Ich lerne mehr, und das Team muss weniger erklären. Gute Begründungen nützen auch der Leserin.
Sehr geehrte Frau Lindner, kannst du mir helfen? Sehr geehrte Frau Lindner, können Sie mir helfen? Die Sie-Form wird im ganzen Text durchgehalten.

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