Deutsch Mittelschule Bayern · Jahrgangsstufe 5 · Schreiben (LehrplanPLUS)
Erzählen nach der Geschichtengrammatik: Ausgangssituation, Komplikation, Auflösung
Eine gute Geschichte hat einen klaren Aufbau. Dafür gibt es die Geschichtengrammatik, also einfache Regeln für den Bau einer Erzählung. Sie besteht aus drei Teilen: der Ausgangssituation (dem ruhigen Anfang), der Komplikation (dem Problem) und der Auflösung (dem Ende). Mit diesem Bauplan erzählst du Erlebtes und Erfundenes so, dass andere sich alles gut vorstellen können. Auf dieser Seite lernst du die drei Teile kennen und siehst sie an einer Mustergeschichte aus der Werkstatt.
1. Der Bauplan – drei Teile in fester Reihenfolge
Eine Erzählung berichtet nicht einfach, was geschah. Sie hat eine Entwicklung: Zuerst ist die Lage ruhig, dann entsteht ein Problem, am Ende endet es. Diese drei Schritte haben feste Namen.
Merke: Die Ausgangssituation stellt die Figuren (die Personen oder Tiere der Geschichte), den Ort und die Zeit vor. Die Komplikation ist das Problem, das die Ruhe stört. Die Auflösung beendet das Problem und schließt die Geschichte ab.
Die Reihenfolge bleibt immer gleich. Wer die Teile vertauscht, verwirrt die Leser. Die Komplikation ist das Herz der Geschichte. Ohne Problem bleibt die Geschichte langweilig.
Eine Erzählung unterscheidet sich von anderen Texten. Eine Vorgangsbeschreibung sagt in Schritten, wie man etwas macht. Ein Brief wendet sich an eine bestimmte Person. Eine Erzählung dagegen hat ein Problem und seine Auflösung.
Der Bauplan gilt für erlebte und für erfundene Geschichten. Wenn du etwas Erlebtes erzählst, wählst du aus, was zum Bauplan passt. Nicht alles, was an einem Tag geschah, gehört hinein. Bei einer erfundenen Geschichte darfst du dir alles ausdenken, aber der Bauplan bleibt gleich.
Ein Beispiel in drei Sätzen zeigt den Weg: Mara baute im Garten einen Hühnerstall auf. Der Wind riss das Dach herunter. Mara und ihr Bruder banden es mit Seilen fest. Der erste Satz ist die Ausgangssituation, der zweite die Komplikation, der dritte die Auflösung.
| Teil | Leitfrage | Was dort steht |
|---|---|---|
| Ausgangssituation | Wer ist dabei, wo und wann beginnt es? | Hauptfigur, Ort, Zeit, ein Vorhaben |
| Komplikation | Was geht schief oder stört? | Ein Hindernis, ein Schaden, ein Versuch, der zunächst misslingt |
| Auflösung | Wie endet das Problem? | Ein Ausweg, eine Handlung, ein Gefühl am Schluss |
2. Die Ausgangssituation – wer, wo, wann
Am Anfang stellst du die Lage vor. Du sagst, wer die Hauptfigur ist, wo sie sich befindet und wann es spielt. Du zeigst auch, was sie vorhat. Noch ist alles ruhig.
Diese Fragen helfen dir beim Anfang:
- Wer ist die Hauptfigur?
- Wo befindet sie sich?
- Wann spielt die Geschichte?
- Was hat die Figur vor?
Ein Beispiel aus dem Stall: „Am frühen Morgen fütterte Jana die Ziegen. Das Heu raschelte, und die Tiere drängten sich am Gatter.“ Hier erfährst du Person, Ort, Zeit und Tätigkeit.
Halte die Ausgangssituation kurz. Zwei bis vier Sätze reichen meist aus. Wer zu lange einleitet, lässt die Spannung schon vor dem Problem verpuffen. Verrate in der Ausgangssituation noch nicht, was später schiefgeht.
3. Die Komplikation – das Problem tritt auf
Jetzt stört etwas die Ruhe. Ein Gerät geht kaputt, ein Tier läuft weg, oder ein Plan geht schief. Das nennt man Komplikation, also eine Verwicklung, die die Figur nicht sofort lösen kann.
Wörter wie plötzlich, auf einmal oder da zeigen oft den Wendepunkt an. Du erzählst, was die Figur sieht, hört und denkt. Sie versucht etwas, doch zunächst gelingt es nicht. Kurze Sätze machen die Erzählung schnell. Du kannst auch einen Augenblick genau erzählen: Was sieht die Figur, was spürt sie? So fühlen die Leser mit.
Das Problem muss zur Figur und zum Ort passen. In der Werkstatt klemmt eine Schraube, im Garten bricht ein Zaun, im Stall reißt ein Seil.
Ein Beispiel: „Plötzlich stieß der Bock das Gatter auf und rannte über den Hof. Jana rief nach ihm, doch er hörte nicht.“
4. Die Auflösung – das Problem endet
Am Schluss kommt die Lösung. Die Auflösung muss zur Komplikation passen. Läuft ein Tier weg, muss die Figur am Ende etwas tun, um es zurückzuholen. Sie soll das Problem selbst anpacken. Eine Lösung, die vom Himmel fällt, wirkt unglaubwürdig.
Ein Beispiel: „Jana holte einen Eimer Hafer. Der Bock folgte dem Duft, und sie schloss das Gatter hinter ihm.“ Am Ende darf die Figur ein Gefühl zeigen, zum Beispiel Erleichterung. Das rundet die Geschichte ab.
Eine Auflösung muss nicht immer ein glückliches Ende sein. Wichtig ist, dass das Problem am Ende geklärt ist. Der letzte Satz macht kein neues Problem mehr auf.
5. Anschaulich und zusammenhängend erzählen
Der Bauplan sagt, was in welcher Reihenfolge kommt. Anschaulich erzählst du mit vier Mitteln:
- Sinneseindrücke: Was sieht, hört oder riecht die Figur? Zum Beispiel: Das Öl roch nach Metall.
- Wörtliche Rede: Das ist das, was eine Figur wörtlich sagt. Sie steht in Anführungszeichen und macht die Szene lebendig.
- Gefühle zeigen: Schreib statt traurig lieber: Seine Augen brannten.
- Treffende Verben: Statt gehen passen schleichen, rennen oder stapfen.
Zusammenhängend wird die Geschichte durch eine gleichbleibende Zeitform. Geschichten stehen in der Regel im Präteritum, der einfachen Vergangenheitsform, zum Beispiel schraubte und sprang. Wechsle nicht mitten im Text ins Präsens, die Gegenwartsform. Bleib auch bei einer Erzählform. Entweder erzählt eine Figur in der Ich-Form. Oder du erzählst über andere in der dritten Person, zum Beispiel: Tim schraubte.
Setze für jeden der drei Teile einen eigenen Absatz. Alle Sätze gehören zum selben Ereignis. Schweift die Geschichte ab, verliert sie den roten Faden, also den Zusammenhang. Auch eine Überschrift gehört dazu. Sie weckt Neugier, verrät aber die Auflösung nicht.
Zum Üben: Denke dir ein Ereignis aus der Werkstatt oder vom Hof aus. Sage in drei Sätzen, was die Ausgangssituation, die Komplikation und die Auflösung sind.
Merke: Erst die Ausgangssituation, dann die Komplikation, dann die Auflösung. Jeder Teil bekommt einen Absatz. Die Zeitform ist das Präteritum und bleibt im ganzen Text gleich. Sinneseindrücke und wörtliche Rede machen die Geschichte anschaulich.
Das gemeinsame Prüfen von Texten heißt Schreibkonferenz. Sie hat in Jahrgangsstufe 6 eine eigene Seite.
So schreibst du es im Quali
Hier siehst du eine kurze, selbst erfundene Mustergeschichte. Sie folgt dem Bauplan Absatz für Absatz.
Die Kette springt ab
Am Samstagmorgen schraubte Tim in der Werkstatt seines Onkels an seinem Fahrrad. Er wollte am Nachmittag mit Mia zum Markt fahren. Das Öl roch nach Metall, und durch das kleine Fenster fiel die Sonne.
Plötzlich sprang die Kette vom Zahnrad und klemmte zwischen Rahmen und Reifen. Tim zog an ihr, doch sie rührte sich nicht. Seine Finger wurden schwarz, und draußen rief Mia schon nach ihm. „Das schaffe ich nie“, murmelte er.
Da kam der Onkel herein. Tim hielt das Rad fest, und der Onkel hob die Kette über das Zahnrad. Gemeinsam zogen sie die Schrauben wieder an. Eine Stunde später rollte Tim lachend neben Mia zum Markt, und die Kette hielt den ganzen Weg.
Die Tabelle zeigt, wo jeder Bauteil steht. Du kannst sie als Prüfliste für eigene Geschichten nutzen. Frage dich: Hat meine Geschichte alle sechs Bauteile?
| Bauteil | Wo im Mustertext | Woran du es erkennst |
|---|---|---|
| Überschrift | „Die Kette springt ab“ | Sie macht neugierig und verrät die Auflösung nicht. |
| Ausgangssituation | Erster Absatz | Tim, Werkstatt, Samstagmorgen und das Vorhaben, zum Markt zu fahren. Es ist ruhig. |
| Komplikation | Zweiter Absatz, beginnt mit „Plötzlich“ | Die Kette klemmt, Tim steht unter Zeitdruck, der Versuch misslingt. |
| Auflösung | Dritter Absatz | Tim und der Onkel lösen das Problem. Am Ende fährt Tim los. |
| Mittel zum Anschaulichmachen | „Das Öl roch nach Metall“ und die wörtliche Rede | Ein Sinneseindruck und ein Satz, den Tim wirklich sagt. |
| Zeitform | Im ganzen Text: schraubte, sprang, hielt | Durchgehend Präteritum, kein Wechsel ins Präsens. |
Die Quali, der Qualifizierende Abschluss der Mittelschule, dauert 195 Minuten. Sie hat vier Teile: A Zuhören, B Sprachgebrauch – Sprachbetrachtung und Rechtschreiben, C Lesen und D Schreiben. In Teil D geht es um das Schreiben eigener Texte. Wer schon in Jahrgangsstufe 5 den Aufbau aus Ausgangssituation, Komplikation und Auflösung übt, bereitet sich auf diesen Teil vor.
Typische Fehler – und wie du sie vermeidest
Diese sechs Fehler treten beim Erzählen besonders oft auf. Die Tabelle zeigt, wie du sie behebst.
| Falsch | Richtig | Warum |
|---|---|---|
| Die Geschichte beginnt mit „Plötzlich krachte es.“ und ohne Einstieg. | Erst Figur, Ort und Zeit: „Am Samstagmorgen schraubte Tim in der Werkstatt …“ | Ohne Ausgangssituation weiß niemand, wer gemeint ist und wo es spielt. |
| Tim schraubte am Rad. Er fuhr zum Markt. Er kaufte Äpfel. | Zwischen Anfang und Ende klemmt zum Beispiel die Kette. | Ohne Komplikation fehlt die Spannung. |
| Die Geschichte endet mit „Die Kette klemmte fest.“ | Nach dem Problem folgt die Auflösung: Der Onkel hilft. | Ohne Auflösung bleiben die Leser ohne Ende zurück. |
| Tim zog an der Kette und nimmt den Schlüssel. | Tim zog an der Kette und nahm den Schlüssel. | Die Zeitform bleibt im ganzen Text gleich. |
| Zum Glück war die Kette plötzlich wieder heil. | Der Onkel hob die Kette über das Zahnrad. | Die Auflösung entsteht durch eine Handlung, nicht durch Zufall. |
| Es war schlimm. | Tims Finger zitterten. | Anschaulich erzählen heißt zeigen, was man sieht und hört. |
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