Deutsch Gymnasium · Jahrgangsstufe 12/13 · Lernbereich 3 (gültigen Lehrplan)
Argumentieren in der Oberstufe: erörternd, kommentierend, essayistisch
Sollen Museen dauerhaft kostenlos sein? Brauchen Städte mehr Raum für Kultur statt für Parkplätze? Darf Kunst alles? Zu solchen Fragen sollst du in der Oberstufe begründet Stellung nehmen, mal im Anschluss an einen vorgegebenen Text, mal auf der Grundlage mehrerer Materialien. Je nach Aufgabe wählst du dafür eine erörternde, eine kommentierende oder eine essayistische Form. Diese Seite zeigt dir, wie sich die Formen unterscheiden, wie du deinen Text strukturierst, wie du Argumente gewichtest und welche Denkfehler du vermeiden musst, damit deine Position überzeugt.
1. Textgebunden oder materialgestützt
Beim textgebundenen Argumentieren gehst du von einem vorgegebenen Text aus. Meist erschließt du zunächst dessen Position und Argumentation und setzt dich dann kritisch mit ihr auseinander: Du prüfst, welche Argumente tragen, welche zu kurz greifen, und entwickelst eine eigene, begründete Haltung. Der Ausgangstext ist dabei Gesprächspartner, nicht bloß Anlass.
Beim materialgestützten Argumentieren erhältst du mehrere Materialien, etwa kurze Sachtexte, Statistiken, Grafiken oder Interviewauszüge. Du wertest sie aus, wählst die für deine Fragestellung tragfähigen Informationen und baust sie in deine eigene Argumentation ein. Wichtig ist, dass du die Materialien nicht nacheinander zusammenfasst, sondern sie gezielt als Belege nutzt und kennzeichnest, woher eine Information stammt.
Ob du textgebunden oder materialgestützt arbeitest, entscheidet die Aufgabenstellung. Lies sie deshalb genau: Sie nennt die Fragestellung, oft auch die Form und manchmal einen Adressaten, etwa die Leser einer Schülerzeitung oder die Teilnehmer einer Podiumsdiskussion. Diese Angaben bestimmen Ton, Wortwahl und Aufbau deines Textes.
Merke: Textgebunden heißt, sich mit einer vorgegebenen Position auseinanderzusetzen. Materialgestützt heißt, aus mehreren Materialien eine eigene Argumentation aufzubauen.
2. Drei Formen und ihre Haltung
Die Erörterung ist die sachlichste Form. Sie wägt Positionen systematisch gegeneinander ab und kommt zu einem begründeten Urteil. Typisch sind eine klare Gliederung, ein neutraler Ton und eine Schlussfolgerung, die die Abwägung sichtbar macht.
Der Kommentar stammt aus dem Journalismus. Er bezieht von Anfang an deutlich Stellung, spitzt zu, darf pointiert und auch ironisch formulieren und richtet sich an eine breite Leserschaft. Ein Kommentar hat oft eine einprägsame Überschrift, einen Einstieg, der aufmerksam macht, und einen Schluss, der die Meinung noch einmal zuspitzt oder zu etwas auffordert. Trotz der Zuspitzung muss er seine Position begründen.
Der Essay ist die offenste Form. Er denkt einen Gedanken aus verschiedenen Richtungen durch, darf Umwege gehen, Fragen stellen, Beispiele, Vergleiche und Gedankenexperimente einsetzen und eine persönliche Stimme zeigen. Er muss nicht zu einem eindeutigen Ergebnis kommen, wohl aber zu einer erkennbaren, durchdachten Haltung. Sprachliche Gestaltung spielt beim Essay eine besonders große Rolle; hier darfst du erzählende und schildernde Passagen einsetzen, um Gedanken anschaulich zu machen.
3. Strukturen und Argumenttypen
Für den Aufbau stehen dir mehrere Strukturen zur Verfügung. Beim linearen Aufbau entwickelst du eine Position Schritt für Schritt, meist vom schwächeren zum stärksten Argument. Beim antithetischen Aufbau stellst du Pro und Kontra einander gegenüber, entweder im Block oder im Wechsel. Beim aspektorientierten Aufbau gliederst du nach Gesichtspunkten, etwa wirtschaftlich, sozial und kulturell, und wägst innerhalb jedes Aspekts ab. Der assoziative Aufbau folgt gedanklichen Verbindungen und ist vor allem im Essay angebracht.
Ein überzeugendes Argument besteht aus einer Behauptung, einer Begründung und einem Beleg oder Beispiel. Variiere die Art der Begründung. Du kannst dich auf nachprüfbare Daten stützen, auf die Einschätzung von Fachleuten, auf allgemein anerkannte Werte, auf zu erwartende Folgen oder auf einen vergleichbaren Fall. Prüfe jedes Argument auf Stichhaltigkeit, also ob der Beleg die Behauptung wirklich trägt, und auf Plausibilität, also ob es für die Leser nachvollziehbar ist.
Zur Qualität gehört der faire Umgang mit der Gegenseite. Mit einer Einräumung gestehst du einem Gegenargument zu, was an ihm richtig ist, bevor du zeigst, warum deine Position dennoch überwiegt. Konzessive Formulierungen wie zwar, aber oder auch wenn, so doch helfen dabei. Der Schluss formuliert je nach Form eine abwägende Schlussfolgerung, eine zugespitzte Meinung oder eine offene, aber durchdachte Haltung, in der dein Standpunkt erkennbar wird.
Plane deinen Text mit einer Stoffsammlung und einer Gliederung. Sammle zunächst alle Gesichtspunkte, ordne sie dann nach Gewicht und entscheide, welche du ausführst und welche du nur kurz erwähnst. Bei Erörterungen bildest du die Struktur mit einer formalen Gliederung ab, numerisch oder alphanumerisch, deren Punkte du sprachlich einheitlich gestaltest, etwa durchgehend mit Nominalisierungen. Beim Essay genügt oft eine knappe Skizze der Gedankenbewegung. In jedem Fall gilt: Ein klarer Plan spart Zeit beim Schreiben und verhindert Wiederholungen.
4. Denkfehler erkennen und vermeiden
Viele Argumente scheitern nicht an fehlenden Informationen, sondern an Fehlschlüssen. Eine unzulässige Verallgemeinerung schließt von wenigen Fällen auf alle. Ein Scheinzusammenhang behauptet, dass eine Sache die Ursache einer anderen sei, nur weil beide gleichzeitig oder nacheinander auftreten. Beim Zirkelschluss steckt die Behauptung schon in der Begründung. Ein falsches Dilemma tut so, als gäbe es nur zwei Möglichkeiten. Der Angriff auf die Person ersetzt die Auseinandersetzung mit der Sache, und die verzerrte Darstellung der Gegenposition macht diese schwächer, als sie ist.
Prüfe beim Überarbeiten jedes Argument mit der Frage, ob ein kritischer Leser es mit einem dieser Einwände entkräften könnte. Pauschalurteile mit Wörtern wie immer, nie oder alle sind ein deutliches Warnsignal. Ersetze sie durch genauere Angaben wie häufig, in vielen Fällen oder nach den vorliegenden Zahlen, und belege diese Einschränkung, wo es möglich ist. So wird deine Argumentation vorsichtiger, aber zugleich deutlich überzeugender und schwerer zu widerlegen.
| Fehlschluss | Kennzeichen | bessere Lösung |
|---|---|---|
| unzulässige Verallgemeinerung | von wenigen Fällen auf alle | Geltungsbereich begrenzen |
| Scheinzusammenhang | zeitliche Folge als Ursache gedeutet | Ursache belegen, andere Gründe prüfen |
| Zirkelschluss | Begründung wiederholt die Behauptung | unabhängigen Beleg anführen |
| falsches Dilemma | nur zwei Möglichkeiten behauptet | weitere Möglichkeiten einbeziehen |
| Angriff auf die Person | Kritik an Sprecher statt Sache | sich mit dem Argument auseinandersetzen |
Form und Wirkung: So setzt du es in deinem Text ein
Dieselbe Frage, ob der Eintritt in städtische Museen kostenlos sein soll, kannst du in allen drei Formen bearbeiten. Je nach Form verändern sich Einstieg, Ton und Schluss, während die Pflicht zur Begründung bleibt.
| Element | Erörterung | Kommentar oder Essay |
|---|---|---|
| Einstieg | sachliche Hinführung zur Fragestellung | Kommentar: pointierte Szene; Essay: offene Frage |
| Ton | neutral, abwägend | Kommentar: zugespitzt; Essay: persönlich, reflektierend |
| Aufbau | antithetisch oder aspektorientiert | Kommentar: linear; Essay: assoziativ |
| Gegenposition | systematisch dargestellt | Kommentar: kurz eingeräumt; Essay: als Denkweg |
| Schluss | abwägendes Urteil | Kommentar: klare Meinung; Essay: durchdachte Haltung |
Wähle die Form nach der Aufgabenstellung und halte sie konsequent durch. Ein Essay, der wie eine Pro-und-Kontra-Liste wirkt, verschenkt seine Möglichkeiten ebenso wie ein Kommentar, der sich nicht entscheidet, oder eine Erörterung, die schon in der Einleitung ihr endgültiges Urteil verkündet.
Typische Fehler – und wie du sie vermeidest
| Falsch | Richtig | Warum |
|---|---|---|
| Materialien werden nacheinander zusammengefasst. | Materialien werden gezielt als Belege genutzt. | Die eigene Argumentation steht im Zentrum. |
| Ein Essay braucht keine Begründungen. | Auch der Essay begründet seine Haltung. | Offenheit heißt nicht Beliebigkeit. |
| Die Gegenposition wird übergangen. | Gegenargumente werden fair eingeräumt und entkräftet. | Das erhöht die Überzeugungskraft. |
| Viele Argumente ohne Belege werden aufgezählt. | Wenige Argumente werden begründet und belegt. | Stichhaltigkeit vor Menge. |
| Aussagen mit immer, nie und alle. | Geltungsbereich wird vorsichtig begrenzt. | Pauschalurteile lassen sich leicht widerlegen. |
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