Deutsch Gymnasium · Jahrgangsstufe 12/13 · Lernbereich 3 (gültigen Lehrplan)

Das Abitur im Fach Deutsch: schriftliche Prüfung und Kolloquium

Lea hat sich für das Kolloquium in Deutsch entschieden, ihr Banknachbar Jonas schreibt die Prüfung. Beide haben dieselben vier Kurshalbjahre besucht, und doch bereiten sie sich ganz unterschiedlich vor: Jonas übt das Verfassen langer, gut gegliederter Texte unter Zeitdruck, Lea trainiert, einen unbekannten Text in kurzer Zeit zu erschließen und ihre Ergebnisse frei vorzutragen. Damit du deine eigene Entscheidung gut begründet treffen und dich gezielt vorbereiten kannst, erklärt diese Seite, wie das Abitur im Fach Deutsch am neunjährigen Gymnasium aufgebaut ist, welche Aufgabenformate dich erwarten und wie bewertet wird.

1. Deutsch im Gefüge der fünf Prüfungsfächer

Die Abiturprüfung erstreckt sich auf fünf Fächer. Drei davon werden schriftlich geprüft, zwei mündlich in Form eines Kolloquiums. Deutsch gehört zusammen mit Mathematik und deinem Leistungsfach zu den Pflichtfächern der Prüfung; alle drei werden auf erhöhtem Anforderungsniveau geprüft. Entsprechend hast du in der gesamten Profil- und Leistungsstufe vier Wochenstunden Deutsch.

Neu gegenüber dem früheren achtjährigen Gymnasium ist, dass du selbst entscheidest, ob du Deutsch schriftlich oder im Kolloquium ablegst. Wählst du das Kolloquium, musst du in Mathematik, in deinem Leistungsfach und in einem weiteren Fach schriftlich geprüft werden. Unter bestimmten Bedingungen lässt sich Deutsch als Prüfungsfach auch ganz ersetzen, nämlich durch zwei fortgeführte Fremdsprachen, von denen eine dein Leistungsfach ist. Lass dich zu diesen Wahlmöglichkeiten frühzeitig von deiner Schule beraten, denn die Entscheidung hängt mit deiner gesamten Fächerkombination zusammen.

Merke: Deutsch ist Pflichtfach der Abiturprüfung auf erhöhtem Niveau. Du wählst, ob du es schriftlich oder im Kolloquium ablegst; für das Kolloquium musst du Mathematik, dein Leistungsfach und ein weiteres Fach schriftlich ablegen.

2. Die schriftliche Prüfung

In der schriftlichen Prüfung liegen dir vier Aufgaben vor, von denen du eine auswählst und bearbeitest. Dafür hast du insgesamt 315 Minuten Zeit. Darin sind das Lesen der Aufgaben, die Auswahl, die Analyse der Texte, die Planung und das Überarbeiten bereits enthalten. Plane deshalb die ersten Minuten bewusst für eine überlegte Wahl ein: Ein schneller Entschluss für eine Aufgabe, deren Text du später nicht erschließen kannst, kostet mehr Zeit, als eine sorgfältige Prüfung aller vier Angebote.

Jede Aufgabe beruht auf einem Text oder auf Materialien; Aufsätze ohne Textgrundlage gibt es im Fach Deutsch nicht. Die Aufgaben stammen aus einem festen Kreis von Formaten. Beim Interpretieren literarischer Texte erschließt du ein Gedicht, einen Dramen- oder einen Prosaauszug, den du aus dem Unterricht nicht kennst. Bei der Analyse pragmatischer Texte untersuchst du Argumentation, Sprache und Absicht eines Sachtextes. Bei der Erörterung pragmatischer Texte analysierst du zunächst die Argumentation eines Sachtextes und setzt dich danach mit seiner Position auseinander. Beim materialgestützten Informieren verfasst du aus mehreren Materialien einen informierenden Text, beim materialgestützten Argumentieren einen argumentierenden Beitrag für eine vorgegebene Situation und einen bestimmten Adressatenkreis.

Welche vier Formate dein Jahrgang erhält, wird vorab bekannt gegeben. Nicht angekündigt wird dagegen, welche Gattungen bei den Interpretationsaufgaben vorkommen; du musst also auf Lyrik, Drama und Epik gleichermaßen vorbereitet sein.

3. Themenfelder, Lektüren und weiterführende Schreibaufträge

Die Länder arbeiten mit einem gemeinsamen Pool von Abituraufgaben, damit die Prüfungen bundesweit vergleichbarer werden. Dazu gehören ländergemeinsame Themenfelder, etwa ein literarischer und ein sprachlicher Schwerpunkt, die in der Regel für drei Prüfungsjahre gelten, und ländergemeinsame Lektüren, meist ein Drama und ein epischer Text. Beide werden vor Beginn deines Oberstufenjahrgangs bekannt gegeben. In jeder schriftlichen Prüfung bezieht sich mindestens eine Aufgabe auf ein Themenfeld und mindestens eine auf eine der Lektüren. Die beiden Lektüren darfst du in der schriftlichen Prüfung als Hilfsmittel verwenden, im Kolloquium jedoch nicht.

Interpretationsaufgaben sind häufig zweiteilig. Die erste Teilaufgabe verlangt die Interpretation des vorgelegten Textes und bildet den Schwerpunkt. Die zweite Teilaufgabe ist ein weiterführender Schreibauftrag, der deine Interpretation vertieft: ein Motivvergleich mit einem zweiten Text, eine poetologische Frage, oft ausgehend von einer kurzen Aussage über Literatur, oder ein Bezug zu einer Lektüre oder einem Themenfeld. Wie stark jede Teilaufgabe zählt, steht als ungefähre Prozentangabe in der Aufgabe. Auch bei der Erörterung eines Sachtextes ist die Gewichtung festgelegt: Die Analyse der Argumentation ist meist der kleinere Teil, die eigene Erörterung der größere.

4. Das Kolloquium

Das Kolloquium dauert 30 Minuten und besteht aus zwei Teilen zu je etwa 15 Minuten. Vorher hast du 30 Minuten Vorbereitungszeit für den ersten Teil. Du darfst die Inhalte eines der beiden Halbjahre der Jahrgangsstufe 12 ausschließen und erklärst aus einem der drei übrigen Halbjahre einen Themenbereich zu deinem Schwerpunkt. Spätestens vier Wochen vor der Prüfung legst du dich auf diesen Themenbereich fest.

Im ersten Teil erhältst du einen Text oder Material, das im Unterricht nicht besprochen wurde, und eine Aufgabe dazu. Daraus entwickelst du in der Vorbereitungszeit ein Kurzreferat von etwa zehn Minuten, das interpretierend, informierend oder argumentierend angelegt ist. Es folgt ein Gespräch von etwa fünf Minuten, das von deinem Referat ausgeht. Im zweiten Teil wirst du im Gespräch zu den Inhalten der beiden anderen Halbjahre geprüft, die du nicht ausgeschlossen hast. Bewertet werden neben deinem Fachwissen auch deine Gesprächsfähigkeit und dein Umgang mit unbekanntem Material. Hilfreich ist es, die Prüfenden an deinem Denkweg teilhaben zu lassen, statt nur fertige Ergebnisse zu nennen.

5. Wie bewertet wird

Prüfungsarbeiten werden nach zwei Gesichtspunkten beurteilt. Die Verstehensleistung erfasst, wie differenziert, schlüssig und gut begründet du einen Text erschließt oder ein Thema entfaltest. Die Darstellungsleistung erfasst Aufbau und Textsorte, Fachsprache, Umgang mit Bezugstexten und Materialien, Ausdruck und Stil sowie die Sprachrichtigkeit. Bei textbezogenen Aufgaben wie Interpretation, Analyse und Erörterung eines Sachtextes zählt die Verstehensleistung etwa 70 und die Darstellungsleistung etwa 30 Prozent. Bei den materialgestützten Aufgaben, die eine Schreibsituation und einen Adressaten vorgeben, ist das Verhältnis etwa 60 zu 40. Die Note entsteht als Gesamturteil, nicht durch das Zusammenzählen von Teilpunkten. Jede schriftliche Arbeit wird von deiner Kurslehrkraft und einer zweiten Lehrkraft korrigiert.

Alle Aufgaben sind mit Operatoren formuliert, also mit Verben wie analysieren, erläutern, interpretieren oder erörtern, die genau festlegen, was du tun sollst. Sie verteilen sich auf drei Anforderungsbereiche: Wiedergeben von Gelerntem, selbstständiges Ordnen und Übertragen sowie Problemlösen und Urteilen. Gute Leistungen zeigen sich vor allem im dritten Bereich.

Form und Wirkung: So setzt du es in deinem Text ein

Stell dir eine zweiteilige Aufgabe zu einem Gedicht vor: Im ersten Teil sollst du es interpretieren, im zweiten erläutern, wie ein anderes Gedicht dasselbe Motiv gestaltet. Wer nur die Fachbegriffe kennt, schreibt zwei getrennte Texte. Wer die Operatoren ernst nimmt, verbindet beide Teile zu einem Gedankengang.

Operator was er von dir verlangt Wirkung auf deinen Text
interpretieren Inhalt, Form und Kontext zu einer begründeten Deutung verbinden Deutungshypothese als roter Faden
analysieren Aufbau, Argumentation und Sprache untersuchen und ihre Funktion zeigen funktionale statt aufzählende Beschreibung
vergleichen Gemeinsamkeiten und Unterschiede nach Kriterien herausarbeiten aspektgeleiteter statt blockweiser Aufbau
erörtern eine These prüfen, abwägen und eine eigene Position begründen Schlussfolgerung aus der Abwägung
erläutern Zusammenhänge mit Beispielen und Belegen verständlich machen Belege werden ausdrücklich eingeordnet

Lies jede Aufgabe deshalb zweimal: einmal auf den Gegenstand, einmal auf die Operatoren. Erst dann wird sichtbar, ob die zweite Teilaufgabe deine Ergebnisse aus der ersten fortführen soll.

Typische Fehler – und wie du sie vermeidest

Falsch Richtig Warum
Deutsch muss im Abitur immer schriftlich abgelegt werden. Deutsch kann schriftlich oder als Kolloquium abgelegt werden. Die Wahl ist eine Neuerung des neunjährigen Gymnasiums.
Die Gattung der Interpretation wird vorher angekündigt. Die Gattungen werden nicht angekündigt. Vorbereitung auf alle drei Gattungen ist nötig.
Die Lektüren sind auch im Kolloquium als Hilfsmittel erlaubt. Sie sind nur in der schriftlichen Prüfung erlaubt. Das regelt ein eigenes Schreiben des Ministeriums.
Teilaufgabe 2 wird ohne Bezug zu Teilaufgabe 1 bearbeitet. Teilaufgabe 2 vertieft die Ergebnisse aus Teilaufgabe 1. Der weiterführende Auftrag baut auf der Interpretation auf.
Die Note ergibt sich aus der Summe von Teilpunkten. Die Note ist ein Gesamturteil über Verstehen und Darstellung. Gewichtet wird ganzheitlich, nicht rechnerisch.

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