Deutsch Gymnasium · Jahrgangsstufe 7 · Lernbereich 4 (gültigen Lehrplan)

Abstrakta und Fachwortschatz: genau über Gedanken und Sachen sprechen

In einer Ausstellung über Erfindungen liest du auf einer Tafel: „Die Neugier des Erfinders führte zu einer bahnbrechenden Entdeckung.“ Auf der nächsten Tafel steht: „Die Dampfmaschine wandelt Wärmeenergie in Bewegungsenergie um.“ Im ersten Satz geht es um etwas, das man nicht anfassen kann, im zweiten um einen Vorgang, der nur mit Fachwörtern genau beschrieben werden kann. Auf dieser Seite lernst du, was Abstrakta sind, wie sie gebildet werden und wie du Fachwörter verstehst, erklärst und sicher verwendest. Du knüpfst dabei an die Wortbildung an, die du aus der Jahrgangsstufe 5 kennst.

1. Konkreta und Abstrakta unterscheiden

Nomen bezeichnen nicht nur Gegenstände. Man unterscheidet zwei große Gruppen. Konkreta bezeichnen etwas, das man mit den Sinnen wahrnehmen kann: Lebewesen, Gegenstände, Stoffe, Orte. Beispiele sind Löwe, Mikroskop, Wasser oder Bibliothek. Abstrakta bezeichnen dagegen etwas, das nur gedacht oder gefühlt werden kann: Gefühle wie Freude oder Angst, Eigenschaften wie Mut oder Geduld, Zustände wie Ruhe oder Gesundheit, Vorgänge wie Entwicklung, und Ideen wie Freiheit oder Gerechtigkeit.

Eine einfache Probe hilft dir: Kannst du es sehen, hören, riechen, schmecken oder anfassen? Dann ist es meist ein Konkretum. Musst du es dir vorstellen oder erschließen? Dann ist es ein Abstraktum. Manche Wörter können beides sein. Eine Zeitung ist ein Gegenstand, den man in der Hand hält, aber auch ein Unternehmen, das Nachrichten herstellt. Der Zusammenhang entscheidet.

Die lateinischen Wurzeln: concretus heißt zusammengewachsen, also fest und greifbar. abstractus heißt abgezogen, also vom Greifbaren losgelöst. Ein Abstraktum ist ein Begriff, der vom einzelnen Ding absieht und etwas Allgemeines bezeichnet.

2. Wie Abstrakta gebildet werden

Viele Abstrakta entstehen durch Ableitung mit typischen Nachsilben. Aus Adjektiven werden mit -heit und -keit Wörter wie Freiheit, Klugheit, Ehrlichkeit oder Fröhlichkeit. Aus Verben entstehen mit -ung Wörter wie Entdeckung, Forschung oder Hoffnung. Weitere Nachsilben sind -schaft wie in Freundschaft und Wissenschaft, -nis wie in Erlebnis und Ergebnis und -tum wie in Wachstum und Irrtum.

Auch durch Nominalisierung entstehen Abstrakta. Dabei wird ein Verb oder ein Adjektiv ohne Nachsilbe als Nomen gebraucht: das Lesen, das Staunen, das Gute. Aus der Jahrgangsstufe 5 weißt du, dass solche Nominalisierungen großgeschrieben werden, weil sie als Nomen verwendet werden. Ein Artikel oder ein Begleiter wie beim, zum oder viel hilft dir, sie zu erkennen.

Nachsilbe Grundwort Abstraktum
-heit frei (Adjektiv) die Freiheit
-keit ehrlich (Adjektiv) die Ehrlichkeit
-ung entdecken (Verb) die Entdeckung
-schaft das Wissen (Nomen) die Wissenschaft
-nis erleben (Verb) das Erlebnis

3. Fachwörter verstehen und erklären

Jedes Fach hat seinen eigenen Wortschatz. In Biologie sprichst du von Photosynthese und Organismus, in Geschichte von Epoche und Quelle, in Mathematik von Bruch und Gleichung, im Deutschunterricht von Subjunktion und Ballade. Solche Fachwörter haben eine genau festgelegte Bedeutung. Sie erlauben es, über eine Sache kurz und eindeutig zu sprechen, wo die Alltagssprache umständlich oder ungenau wäre.

Viele Fachwörter stammen aus dem Griechischen oder Lateinischen. Wenn du ihre Bestandteile kennst, kannst du ihre Bedeutung oft erschließen. Bio kommt von griechisch bios, das Leben, logie von logos, die Lehre. Biologie ist also die Lehre vom Leben. Thermometer verbindet thermos, warm, mit metron, das Maß. Ein Fremdwörterbuch oder ein Herkunftswörterbuch hilft dir dabei.

Wenn du ein Fachwort für andere erklärst, etwa in einem Kurzreferat, gehst du am besten in zwei Schritten vor. Nenne zuerst einen Oberbegriff, zu dem das Wort gehört, und dann ein Merkmal, das es von anderen unterscheidet. Beispiel: „Ein Fossil ist ein Überrest eines Lebewesens, der über sehr lange Zeit im Gestein erhalten geblieben ist.“ Ergänze bei Bedarf ein anschauliches Beispiel. So verstehen auch Zuhörer, die das Wort nicht kennen, was gemeint ist.

Lege dir für jedes Fach ein kleines Fachwortverzeichnis an, auf Papier oder digital. Notiere das Wort, seine Herkunft, eine kurze Erklärung mit Oberbegriff und Merkmal und ein Beispiel. Wenn du das Verzeichnis regelmäßig ergänzt, wächst dein Fachwortschatz Schuljahr für Schuljahr. Du wirst merken, dass dieselben griechischen und lateinischen Bausteine in vielen Fächern wiederkehren, etwa geo für Erde in Geografie und Geologie oder graphie für Schreiben in Biografie und Fotografie.

4. Abstrakt und anschaulich schreiben

Abstrakta sind nützlich, weil sie Allgemeines auf den Punkt bringen. Ein Satz wie „Die Geduld der Forscherin wurde belohnt.“ fasst vieles in einem Wort zusammen. Zu viele Abstrakta machen einen Text aber schwer verständlich, weil der Leser sich nichts mehr vorstellen kann. Vergleiche: „Die Durchführung der Untersuchung erfolgte unter Beachtung der Sicherheit.“ und „Die Forscherin untersuchte den Stein und trug dabei Handschuhe und Schutzbrille.“ Der zweite Satz ist konkreter und lebendiger.

Gute Texte verbinden deshalb beides. Abstrakta und Fachwörter sorgen für Genauigkeit und Überblick, konkrete Beispiele und anschauliche Verben für Verständlichkeit. Prüfe beim Überarbeiten deiner Texte, ob du schwierige Begriffe erklärt hast und ob ein Beispiel das Gemeinte deutlicher machen würde. Für wen schreibst du? Ein Bericht für Fachleute darf mehr Fachwörter enthalten als ein Text für jüngere Schüler.

Was du hier lernst, baut auf früherem Wissen auf und wird später weitergeführt. In der Jahrgangsstufe 5 hast du gelernt, wie Wörter durch Ableitung und Zusammensetzung gebildet werden. Jetzt nutzt du dieses Wissen, um Abstrakta zu erkennen und gezielt einzusetzen. In den kommenden Jahren wirst du lernen, Begriffe genau zu definieren und Gedanken durch Abstraktion zu verdichten, etwa in Gliederungen oder Zusammenfassungen. Je sicherer du jetzt mit Abstrakta und Fachwörtern umgehst, desto leichter fallen dir diese Aufgaben.

Form und Wirkung: So deutest du es im Text

Ein Museumsflyer beginnt mit vielen Abstrakta: Begeisterung, Faszination, Wissen, Erlebnis. Erst im zweiten Teil nennt er konkret, was zu sehen ist: ein echtes Dinosaurierskelett, ein Meteorit, ein Mikroskop zum Ausprobieren. Ein Fachwort wie Paläontologie wird in einem kurzen Satz erklärt.

Beobachtung Wortart oder Mittel Wirkung
Begeisterung, Faszination, Erlebnis Abstrakta weckt Gefühle, bleibt aber allgemein
Dinosaurierskelett, Meteorit Konkreta Leser können sich etwas vorstellen
Mikroskop zum Ausprobieren konkretes Angebot lädt zum Handeln ein
Paläontologie mit Erklärung Fachwort mit Definition Genauigkeit ohne Verständnislücke
Wechsel von abstrakt zu konkret Aufbau erst Interesse, dann Information

Du erkennst: Die Mischung aus abstrakten und konkreten Wörtern entscheidet darüber, ob ein Text nur Stimmung macht oder auch genau informiert. Werbetexte setzen oft bewusst auf große Abstrakta, weil sie Gefühle wecken sollen. Sachtexte brauchen dagegen genaue Fachwörter und konkrete Angaben, damit der Leser genau nachprüfen kann, was gemeint ist und worauf sich eine Aussage eigentlich stützt.

Typische Fehler – und wie du sie vermeidest

Falsch Richtig Warum
Abstrakta sind keine Nomen. Abstrakta sind Nomen und werden großgeschrieben. Sie bezeichnen Gedachtes, sind aber Nomen.
Mut ist ein Konkretum. Mut ist ein Abstraktum. Man kann Mut nicht anfassen.
beim lesen hilft die Brille. beim Lesen hilft die Brille. Nominalisierungen werden großgeschrieben.
Fachwörter muss man nie erklären. Unbekannte Fachwörter werden erklärt. Sonst verstehen die Leser den Text nicht.
Ein Text mit vielen Abstrakta ist besonders gut. Abstrakta und Beispiele werden gemischt. Zu viele Abstrakta machen den Text schwer lesbar.

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