Deutsch Gymnasium · Jahrgangsstufe 6 · Lernbereich 3 (gültigen Lehrplan)

Sagen und Gedichte variieren: aus Vorlagen eigene Texte machen

Was wäre, wenn Ikarus nicht abgestürzt wäre? Wie hat Dädalus den Flug erlebt? Und wie klingt ein Gedicht über die Pause auf dem Schulhof, wenn es genauso gebaut ist wie ein Gedicht über den Herbstwald? Solche Fragen führen zum produktiven Schreiben. Du nimmst eine Vorlage, eine Sage oder ein Gedicht, und veränderst sie gezielt. Dabei lernst du die Vorlage besser kennen und übst zugleich dein eigenes Schreiben. Auf dieser Seite erfährst du, welche Möglichkeiten es gibt, eine Sage umzugestalten, wie du ein Gedicht nachahmst und worauf du achten musst, damit dein Text gelingt.

1. Variieren und nachahmen: zwei Wege

Beim Variieren veränderst du eine Vorlage in einem oder mehreren Punkten. Du kannst die Handlung fortsetzen, aus der Sicht einer anderen Figur erzählen, den Schluss ändern oder die Geschichte in eine andere Zeit verlegen. Beim Nachahmen übernimmst du dagegen die Form einer Vorlage, etwa den Aufbau, die Strophen oder den Reim, und füllst sie mit einem neuen Inhalt.

Beide Wege setzen voraus, dass du die Vorlage genau kennst. Wer eine Sage verändern will, muss wissen, was in ihr geschieht und welche Figuren vorkommen. Wer ein Gedicht nachahmen will, muss seine Form erkennen. Produktives Schreiben ist deshalb immer auch genaues Lesen. Lies die Vorlage mindestens zweimal und markiere, was dir besonders auffällt, bevor du mit deiner eigenen neuen Fassung beginnst.

Der lateinische Fachbegriff: variieren kommt von variare, verändern. Imitieren, also nachahmen, kommt von imitari. Die Perspektive, aus der erzählt wird, kommt von perspicere, hindurchsehen.

2. Eine Sage umgestalten

Für eine Sage gibt es viele Möglichkeiten. Beim Perspektivwechsel erzählst du die Geschichte aus der Sicht einer anderen Figur. Die Ikarus-Sage wirkt ganz anders, wenn Dädalus erzählt, der seinen Sohn warnt und ihn dann fallen sieht. Du kannst dabei das innere Geschehen zeigen, also was die Figur denkt und fühlt. Das hast du schon beim Erzählen in dieser Jahrgangsstufe geübt.

Bei einer Fortsetzung erzählst du, was nach dem Ende geschehen könnte, etwa wie Dädalus nach der Landung weiterlebt. Beim veränderten Schluss nimmst du die Geschichte an einer entscheidenden Stelle in eine andere Richtung: Ikarus hört auf die Warnung. Frage dich dann, was sich dadurch an der Aussage der Sage ändert. Bei einer Übertragung in die Gegenwart verlegst du die Handlung in unsere Zeit. Aus dem Flug mit Wachsflügeln wird vielleicht ein waghalsiger Sprung vom Dreimeterbrett, vor dem ein Trainer gewarnt hat.

Wichtig ist, dass der Kern der Sage erkennbar bleibt. Eine gute Umgestaltung zeigt, dass du die Vorlage verstanden hast, und bringt zugleich etwas Neues hinein. Achte auf eine klare Erzählsituation, auf einen spannenden Höhepunkt und auf ein Ende, das zu deiner Veränderung passt.

Eine weitere Möglichkeit ist der Wechsel der Textsorte. Du kannst die Ereignisse einer Sage oder eines Kinder- und Jugendbuchs als Tagebucheintrag einer Figur, als Brief an einen Freund oder als Dialog zweier Figuren aufschreiben. Ein Tagebuch erlaubt besonders viel inneres Geschehen, ein Brief richtet sich an einen bestimmten Empfänger, ein Dialog macht die Gefühle in Rede und Gegenrede hörbar. Behalte dabei die typischen Merkmale der Sage im Blick, die du auf der Seite über die Sagen der Antike kennengelernt hast: den bestimmten Ort, die Rolle der Götter und die Prüfung des Helden.

3. Ein Gedicht nachahmen

Wenn du ein Gedicht nachahmst, untersuchst du zuerst seine Form. Wie viele Strophen hat es, wie viele Verse hat jede Strophe? Reimt es sich, und wenn ja, nach welchem Muster? Wiederholt sich eine Zeile? Dann übernimmst du diese Form und füllst sie mit einem eigenen Thema. Ein solches Gedicht nennt man Parallelgedicht.

Ein Beispiel: Ein kurzes Vorlagegedicht über den Herbstwald hat zwei Strophen zu je vier Versen. Die ersten beiden Verse jeder Strophe beginnen mit Im Wald, der dritte Vers nennt eine Farbe, der vierte endet mit einem Ausruf. Ein Parallelgedicht über den Schulhof übernimmt diesen Bau: Auf dem Hof, Auf dem Hof, eine Farbe, ein Ausruf. So entsteht ein neues Gedicht, das sein Vorbild erkennen lässt.

Du kannst beim Nachahmen auch sprachliche Mittel übernehmen, die du in dieser Jahrgangsstufe kennenlernst. Bei der Personifikation werden Dinge oder Tiere wie Menschen dargestellt: Der Wind flüstert, die Bäume winken. Auch ein Gedicht im Dialekt nachzuahmen kann reizvoll sein, weil Mundart einen besonderen Klang und eine besondere Nähe erzeugt.

Beim Nachahmen musst du nicht jede Einzelheit kopieren. Entscheidend sind die Merkmale, die das Gedicht prägen. Wenn eine Vorlage zum Beispiel in jeder Strophe mit derselben Frage beginnt, ist diese Wiederholung wichtiger als ein bestimmtes Reimwort. Überlege deshalb, was das Besondere an der Form ist, und übernimm genau das.

Verfahren Was du veränderst Beispiel
Perspektivwechsel die erzählende Figur Dädalus erzählt
Fortsetzung was nach dem Ende geschieht Dädalus nach der Landung
veränderter Schluss den Ausgang Ikarus hört auf die Warnung
Übertragung in die Gegenwart Zeit und Ort Sprung vom Dreimeterbrett
Parallelgedicht den Inhalt bei gleicher Form Schulhof statt Herbstwald

4. Planen, schreiben, überarbeiten

Plane deinen Text, bevor du schreibst. Notiere bei einer Sage, welche Veränderung du vornimmst und was sie bewirken soll. Lege in einem Schreibplan die Erzählsituation, das Ereignis und den Ausgang fest. Bei einem Gedicht schreibst du dir das Bauschema der Vorlage auf, etwa die Zahl der Verse und das Reimmuster, und sammelst Wörter zu deinem neuen Thema.

Überarbeite deinen Text danach mit einer Checkliste. Ist die Vorlage noch erkennbar? Passt die Veränderung zur Figur und zur Handlung? Hält das Gedicht die Form der Vorlage ein? Wirken deine Wörter anschaulich? Lass deinen Text auch von einer Mitschülerin oder einem Mitschüler lesen, etwa in einer Schreibkonferenz. Oft entdecken andere, was dir selbst nicht auffällt.

Form und Wirkung: So setzt du es in deinem Text ein

Lena erzählt die Ikarus-Sage aus der Sicht des Vaters. Sie beginnt mit seinen Sorgen beim Bau der Flügel, lässt ihn die Warnung zweimal aussprechen und beschreibt am Ende, wie er die Federn auf dem Wasser sieht. Die Sätze werden gegen Schluss immer kürzer.

Gestaltung in Lenas Text Mittel Wirkung
Sorgen beim Bau der Flügel inneres Geschehen Leser fühlen mit dem Vater
Warnung zweimal ausgesprochen Wiederholung Spannung, böse Vorahnung
Ich-Erzählung des Vaters Perspektivwechsel neue Sicht auf die bekannte Sage
kürzer werdende Sätze Satzbau Schrecken wird spürbar
Federn auf dem Wasser Bild statt Erklärung Trauer ohne viele Worte

So zeigst du, dass du die Vorlage verstanden hast und sie mit eigenen Mitteln weiterdenkst. Jede Entscheidung in deinem Text sollte einen Grund haben, den du auch erklären könntest.

Typische Fehler – und wie du sie vermeidest

Falsch Richtig Warum
Die Vorlage ist nicht mehr zu erkennen. Der Kern der Vorlage bleibt erkennbar. Sonst ist es keine Umgestaltung.
Beim Perspektivwechsel bleibt alles gleich. Die neue Figur denkt und fühlt anders. Die Sicht verändert die Geschichte.
Das Parallelgedicht hat eine ganz andere Form. Es übernimmt die Form der Vorlage. Nur der Inhalt wird neu.
Der veränderte Schluss passt nicht zur Handlung. Der Schluss ergibt sich aus der Veränderung. Die Geschichte muss stimmig bleiben.
Ohne Plan losschreiben. Mit einem Schreibplan beginnen. Erzählsituation, Ereignis und Ausgang festlegen.

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