Deutsch Gymnasium · Jahrgangsstufe 11 · Lernbereich 2 (gültigen Lehrplan)

Sturm und Drang: Genie, Gefühl und Aufbegehren

Im Jahr 1774 erscheint ein schmaler Briefroman über einen jungen Mann, der unglücklich liebt, an der Enge der Gesellschaft verzweifelt und sich schließlich das Leben nimmt. Das Buch löst eine Welle der Begeisterung aus: Junge Leute kleiden sich wie der Held, sprechen über ihn und streiten über seine Haltung. Goethes Werther ist das bekannteste Werk einer kurzen, aber folgenreichen Bewegung junger Autoren, die gegen Regeln, Konventionen und Bevormundung aufbegehrten. Auf dieser Seite lernst du ihre Leitideen, ihr Verhältnis zur Aufklärung, ihre Formen und ihre wichtigsten Werke kennen.

1. Eine Bewegung der Jungen

Der Sturm und Drang wird meist auf etwa 1765 bis 1785 angesetzt. Seinen Namen erhielt er nachträglich nach einem Drama von Friedrich Maximilian Klinger. Getragen wurde er von jungen Männern, oft Anfang zwanzig, die sich in Freundeskreisen zusammenfanden, etwa in Straßburg, wo der junge Goethe dem Theologen und Philosophen Johann Gottfried Herder begegnete. Herder lenkte den Blick auf Volkslieder, auf die Dichtung früher Zeiten und auf Shakespeare, den die jungen Autoren als Vorbild eines ursprünglichen, regellosen Genies verehrten.

Die Bewegung war kurz. Ihre wichtigsten Vertreter wandten sich später anderen Zielen zu, Goethe und Schiller etwa der Klassik. Dennoch hat der Sturm und Drang die deutsche Literatur nachhaltig geprägt, weil er dem Gefühl und der Individualität einen neuen Rang gab. Viele spätere Bewegungen, von der Romantik bis zum Expressionismus, haben sich auf seinen Aufbruch berufen. Wer die Stürmer und Dränger kennt, versteht deshalb auch, warum die Frage nach dem Verhältnis von Einzelnem und Gesellschaft die deutsche Literatur bis heute beschäftigt.

Vorbereitet wurde die Bewegung durch die Empfindsamkeit, eine Strömung innerhalb der Aufklärung, die das Mitgefühl, die Freundschaft und die Rührung des Herzens betonte. Friedrich Gottlieb Klopstock hatte mit feierlichen Oden und Hymnen gezeigt, dass Dichtung Begeisterung und religiöses Gefühl ausdrücken kann. Die jungen Stürmer und Dränger griffen diese Gefühlskultur auf, steigerten sie aber ins Leidenschaftliche und verbanden sie mit Protest.

Merke: Der Sturm und Drang ist eine Bewegung junger Autoren um 1770. Er feiert Gefühl, Natur und das schöpferische Genie und lehnt starre Regeln ab.

2. Leitideen: Genie, Gefühl, Natur, Freiheit

Im Zentrum steht der Geniegedanke. Das Genie schafft nicht nach erlernten Regeln, sondern aus eigener, ursprünglicher Kraft, so wie die Natur selbst. Dichtung soll aus dem Inneren kommen, nicht aus Lehrbüchern. Damit wenden sich die Autoren gegen die Regelpoetik, die seit dem Barock und auch in Teilen der Aufklärung galt.

Das Gefühl erhält einen hohen Wert. Die Figuren lieben, leiden und zürnen mit ganzer Leidenschaft, und ihre Sprache ist voller Ausrufe, abgebrochener Sätze und kühner Bilder. Die Natur erscheint als lebendige, göttliche Kraft, in der sich der Mensch wiederfindet, und als Spiegel seiner Stimmungen. Schließlich geht es um Freiheit: gegen fürstliche Willkür, gegen Standesschranken, gegen die Bevormundung durch Väter und Obrigkeit.

3. Aufklärung und Sturm und Drang: Gegensatz oder Fortsetzung?

Oft wird der Sturm und Drang als Gegenbewegung zur Aufklärung dargestellt: hier die Vernunft, dort das Gefühl. Dieses Bild ist zu einfach. Beide Bewegungen teilen den Wunsch nach Befreiung des Menschen und die Kritik an ungerechter Herrschaft. Der Sturm und Drang ergänzt die Vernunft der Aufklärung um das Recht des Gefühls und der Individualität und radikalisiert ihren Freiheitsanspruch. Viele Literaturwissenschaftler sprechen deshalb von einer Erweiterung oder Krise der Aufklärung, nicht von ihrem Ende.

Diese Frage zeigt zugleich, dass Epochen Konstrukte sind. Die Grenzen zwischen Aufklärung, Empfindsamkeit, Sturm und Drang und Klassik verlaufen fließend, und dieselben Autoren gehören mehreren Strömungen an. Wenn du einen Text einordnest, solltest du deshalb nicht nur eine Epochenbezeichnung nennen, sondern zeigen, welche Merkmale dafür sprechen und welche nicht, und deine Einordnung dann vorsichtig und mit Belegen aus dem Text begründen.

4. Formen und Werke

Das Drama ist die wichtigste Gattung des Sturm und Drang. Nach dem Vorbild Shakespeares wird die geschlossene Form aufgebrochen: viele Schauplätze, große Zeiträume, zahlreiche Figuren, derbe und volkstümliche Sprache neben pathetischen Ausbrüchen. In der Lyrik entstehen Hymnen in freien Rhythmen, in denen sich das Ich ohne Reim und festes Metrum ausspricht, und Gedichte im Ton des Volkslieds. Der Briefroman erlaubt es, die Gefühle einer Figur unmittelbar aus ihrer eigenen Perspektive wiederzugeben.

Autor Werk Gattung Merkmal
Johann Wolfgang Goethe Die Leiden des jungen Werthers Briefroman Gefühl, Natur, Scheitern an der Gesellschaft
Johann Wolfgang Goethe Götz von Berlichingen Drama offene Form, Freiheitsheld
Johann Wolfgang Goethe Prometheus Hymne in freien Rhythmen Aufbegehren gegen die Götter
Friedrich Schiller Die Räuber Drama Rebellion gegen Ungerechtigkeit
Jakob Michael Reinhold Lenz Der Hofmeister Drama Kritik an Standesgesellschaft
Friedrich Maximilian Klinger Sturm und Drang Drama namengebend für die Epoche

Im Werther verbinden sich die Leitideen der Bewegung. Der Held erlebt die Natur als Spiegel seiner Seele, lehnt die steifen Umgangsformen der adligen Gesellschaft ab und folgt seinem Gefühl bis zur Selbstzerstörung. Da der Roman fast nur aus seinen Briefen besteht, sehen die Leser die Welt ganz aus seiner Perspektive. In Schillers Räubern lehnt sich ein junger Adliger gegen die Ungerechtigkeit auf, wird Anführer einer Räuberbande und muss erkennen, dass Gewalt keine Freiheit schafft. Beide Werke zeigen, dass der Sturm und Drang seine Helden nicht nur bewundert, sondern auch ihr Scheitern ernst nimmt.

Besonders deutlich wird die Gesellschaftskritik bei Jakob Michael Reinhold Lenz. Im Hofmeister zeigt er einen jungen Hauslehrer, der in einer adligen Familie abhängig und gedemütigt lebt und an dieser Abhängigkeit zerbricht. Lenz verbindet tragische und komische Szenen und schont weder den Adel noch das Bürgertum. Seine Stücke wirken in ihrer offenen, sprunghaften Form erstaunlich modern und wurden später von Dramatikern des 19. und 20. Jahrhunderts wiederentdeckt.

Form und Wirkung: So deutest du es im Text

Ein Auszug aus einem Briefroman: Der Schreiber beginnt mit einem Ausruf, beschreibt eine Landschaft im Frühling, bricht mitten im Satz ab und wendet sich mit einer Frage an seinen Freund. Die Sätze sind kurz, voller Gedankenstriche, die Natur wird mit Wörtern des Gefühls beschrieben.

Beobachtung Merkmal des Sturm und Drang Deutung
Ausrufe und Gedankenstriche Gefühlssprache überwältigendes inneres Erleben
Natur in Wörtern des Gefühls Natur als Seelenspiegel Einheit von Ich und Natur
Abbruch mitten im Satz Spontaneität Sprache reicht nicht ans Gefühl heran
Brief an einen Freund Briefroman, Ich-Perspektive unmittelbarer Einblick in das Innere
Frage an den Freund Suche nach Resonanz Einsamkeit des Ich

Verbinde solche Beobachtungen mit dem Geniegedanken und dem Freiheitsanspruch der Epoche, ohne den Text darauf zu reduzieren. Zeige vor allem, wie die Form selbst, also abgebrochene Sätze, Ausrufe und freie Rhythmen, das Aufbegehren gegen Regeln sichtbar macht. Prüfe außerdem, ob der Text die Gefühle seines Helden feiert oder auch ihre Gefahren erkennen lässt, denn gerade der Werther lässt beide Lesarten zu.

Typische Fehler – und wie du sie vermeidest

Falsch Richtig Warum
Der Sturm und Drang lehnt die Aufklärung völlig ab. Er erweitert und radikalisiert sie. Beide teilen den Wunsch nach Befreiung.
Die Räuber gehören zur Klassik. Die Räuber gehören zum Sturm und Drang. Schiller wandte sich erst später der Klassik zu.
Genie heißt im Sturm und Drang: besonders intelligent. Genie meint schöpferische Kraft aus dem Inneren. Regeln werden abgelehnt.
Der Werther ist ein Drama. Der Werther ist ein Briefroman. Er besteht fast nur aus Briefen des Helden.
Die Epoche dauerte mehrere Jahrhunderte. Sie umfasst nur etwa zwei Jahrzehnte. Etwa 1765 bis 1785.

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