Deutsch Gymnasium · Jahrgangsstufe 11 · Lernbereich 3 (gültigen Lehrplan)
Materialgestützt argumentieren: aus mehreren Quellen eine eigene Position entwickeln
Die Stadt überlegt, ihre Bibliothek künftig auch sonntags zu öffnen. Für einen Beitrag auf der Schulhomepage erhältst du fünf Materialien: einen Zeitungsbericht über eine Stadt, die das bereits erprobt hat, eine Stellungnahme der Gewerkschaft der Beschäftigten, eine Grafik zur Nutzung der Bibliothek nach Wochentagen, ein Interview mit der Bibliotheksleiterin und eine Karikatur. Keines dieser Materialien beantwortet die Frage allein. Deine Aufgabe ist es, sie zu prüfen, miteinander ins Gespräch zu bringen und daraus eine eigene, begründete Position zu entwickeln. Auf dieser Seite lernst du, wie du dabei vorgehst und worauf es in der Jahrgangsstufe 11 besonders ankommt.
1. Was materialgestütztes Argumentieren verlangt
Beim materialgestützten Argumentieren gehst du nicht von einem einzigen Text aus, sondern von einer Materialsammlung. Die Materialien vertreten oft unterschiedliche Positionen, stammen aus verschiedenen Quellen und haben unterschiedliche Formen. Deine Leistung besteht darin, sie auszuwerten, zu gewichten und für deine eigene Argumentation zu nutzen. Am Ende steht ein zusammenhängender Text, kein Bericht über die einzelnen Materialien. Wer die Materialien nur nacheinander zusammenfasst, hat die eigentliche Aufgabe noch nicht begonnen.
Die Jahrgangsstufe 7 hat dich auf das Informieren mit Materialien vorbereitet, die Jahrgangsstufe 10 auf das Erörtern mit Einräumungen und Argumentationstypen. Jetzt verbindest du beides: Du argumentierst auf der Grundlage von Materialien und für eine bestimmte Schreibsituation, die die Aufgabe vorgibt, etwa einen Beitrag für die Schulhomepage, eine Rede vor dem Elternbeirat oder einen Leserbrief.
Merke: Materialien sind Belege für deine Argumentation, nicht ihr Inhalt. Du wertest sie aus, gewichtest sie und entwickelst daraus eine eigene Position für eine bestimmte Schreibsituation.
2. Materialien sichten und prüfen
Lies zuerst die Aufgabe genau: Welche Frage soll beantwortet werden, für wen schreibst du, in welcher Form? Danach sichtest du die Materialien. Hilfreich ist eine Auswertungstabelle, in der du für jedes Material die Kernaussage, die vertretene Position und mögliche Argumente notierst. Bei Grafiken hältst du fest, was sie zeigen und was nicht; bei einer Karikatur beschreibst du, welche Haltung sie zuspitzt.
Zur Sichtung gehört die Quellenkritik. Frage bei jedem Material: Wer spricht hier, mit welchem Interesse? Wie aktuell und wie zuverlässig ist die Information? Eine Gewerkschaft vertritt die Interessen der Beschäftigten, die Bibliotheksleiterin die der Einrichtung, ein Bericht über eine andere Stadt zeigt Erfahrungen, die sich nicht ohne Weiteres übertragen lassen. Das macht die Materialien nicht wertlos, aber es beeinflusst, wie stark du dich auf sie stützen kannst.
Unterschiedliche Materialarten verlangen einen unterschiedlichen Umgang. Aus einem Sachtext entnimmst du Thesen und Argumente. Eine Statistik oder Grafik liefert Daten, die du deuten musst; achte darauf, nicht mehr hineinzulesen, als sie zeigt, und Zusammenhänge nicht vorschnell als Ursachen zu deuten. Ein Interview gibt die Sicht einer Person wieder, die du als Stimme in deine Argumentation einbeziehen kannst. Eine Karikatur eignet sich, um eine verbreitete Haltung zu veranschaulichen, nicht aber als Beweis.
3. Materialien ins Gespräch bringen
Der wichtigste Schritt ist die Verknüpfung. Ordne die Argumente aus den Materialien nicht nach Materialien, sondern nach Gesichtspunkten, etwa Nutzen für Schüler und Familien, Arbeitsbedingungen der Beschäftigten und Kosten für die Stadt. Unter jedem Gesichtspunkt stellst du die Materialien einander gegenüber: Wo stützen sie sich gegenseitig, wo widersprechen sie sich? Ein Widerspruch zwischen der Grafik und dem Interview kann besonders aufschlussreich sein und verlangt eine Erklärung.
Nicht jedes Material ist gleich gewichtig. Ein Faktenargument aus einer überprüfbaren Erhebung wiegt in der Regel schwerer als eine zugespitzte Karikatur, die eher eine Stimmung ausdrückt. Erkläre deine Gewichtung kurz, damit der Leser sie nachvollziehen kann. Wo die Materialien eine Lücke lassen, darfst du sie mit eigenem Wissen und eigenen Überlegungen ergänzen, solange du diese als solche kenntlich machst, etwa mit Formulierungen wie darüber hinaus ist zu bedenken oder aus eigener Erfahrung lässt sich ergänzen. Solche Signale helfen dem Leser sehr.
4. Den eigenen Text schreiben
Dein Text beginnt mit einer Einleitung, die zur Fragestellung hinführt und sie in die Schreibsituation einbettet, etwa durch einen Hinweis auf die aktuelle Diskussion in der Stadt. Im Hauptteil entwickelst du deine Argumentation nach Gesichtspunkten, linear, antithetisch oder aspektorientiert. Jedes Argument stützt du mit Belegen aus den Materialien und kennzeichnest sie mit Verweisen wie vgl. M3 oder Wendungen wie wie die Bibliotheksleiterin im Interview betont. Längere wörtliche Übernahmen vermeidest du.
Der Schluss formuliert deine Position deutlich und berücksichtigt die Einwände, die du im Hauptteil eingeräumt hast. Je nach Schreibsituation kann er eine Empfehlung oder einen Appell enthalten. Achte auf Sprache und Ton: Ein Beitrag für die Schulhomepage darf lebendiger klingen als eine Stellungnahme an den Stadtrat, muss aber ebenso sachlich begründet sein.
Plane deine Zeit. Bei einer materialgestützten Aufgabe ist die Gefahr groß, zu lange zu lesen und zu wenig zu schreiben. Setze dir für die Sichtung eine feste Grenze und beginne mit der Gliederung, sobald die Auswertungstabelle steht. Erfahrungsgemäß lohnt es sich, nicht jedes Material vollständig zu verarbeiten, sondern die ergiebigsten gezielt zu nutzen und die übrigen nur dort heranzuziehen, wo sie einen Gesichtspunkt stützen. Diese Arbeitsweise wirst du in der Oberstufe immer wieder brauchen.
| Arbeitsschritt | Leitfrage | Werkzeug |
|---|---|---|
| Aufgabe klären | Welche Frage, welcher Adressat, welche Form? | Markierung der Aufgabe |
| Materialien sichten | Was sagt jedes Material aus? | Auswertungstabelle |
| Quellen prüfen | Wer spricht, mit welchem Interesse? | Quellenkritik |
| Verknüpfen und gewichten | Wo stützen oder widersprechen sich die Materialien? | Ordnung nach Gesichtspunkten |
| Schreiben | Wie überzeuge ich meine Adressaten? | Verweise wie vgl. M3 |
Form und Wirkung: So setzt du es in deinem Text ein
Ein Abschnitt aus einem Homepage-Beitrag: Für eine Sonntagsöffnung spricht, dass gerade Familien am Wochenende Zeit für die Bibliothek hätten, wie der Bericht über die Nachbarstadt zeigt (vgl. M1). Allerdings weist die Gewerkschaft zu Recht darauf hin, dass Sonntagsarbeit die Beschäftigten belastet (vgl. M2). Eine Lösung könnte ein Wechselmodell mit Freiwilligen sein, das die Bibliotheksleiterin im Interview anregt (vgl. M4).
| Baustein | Verfahren | Wirkung |
|---|---|---|
| Für eine Sonntagsöffnung spricht | These nach Gesichtspunkt | klare Ausrichtung |
| wie der Bericht zeigt (vgl. M1) | Beleg mit Kennzeichnung | nachprüfbar |
| weist die Gewerkschaft zu Recht darauf hin | Einräumung mit Quellenbezug | faire Abwägung |
| Wechselmodell aus dem Interview | Verknüpfung dreier Materialien | eigene Lösung entsteht |
| drei Materialien in einem Absatz | Synthese statt Aufzählung | zusammenhängende Argumentation |
So entsteht kein Bericht über fünf Materialien, sondern eine Argumentation, in der die Materialien als Belege dienen und miteinander verbunden werden. Bemerkenswert ist besonders der letzte Schritt: Aus drei Materialien mit unterschiedlichen Interessen entsteht eine eigene Lösung, die keines der Materialien allein vorschlägt. Genau darin zeigt sich, dass du die Materialien nicht nur wiedergibst, sondern selbstständig mit ihnen denkst.
Typische Fehler – und wie du sie vermeidest
| Falsch | Richtig | Warum |
|---|---|---|
| Material 1, dann Material 2, dann Material 3. | Ordnung nach Gesichtspunkten. | Sonst entsteht ein Bericht statt einer Argumentation. |
| Alle Materialien gelten als gleich zuverlässig. | Quelle und Interesse werden geprüft. | Gewichtung braucht Quellenkritik. |
| Die Herkunft der Belege bleibt offen. | Belege werden gekennzeichnet, etwa vgl. M3. | Der Text wird nachprüfbar. |
| Eigenes Wissen wird als Material ausgegeben. | Eigene Ergänzungen werden kenntlich gemacht. | Klarheit über die Quelle. |
| Die Schreibsituation wird ignoriert. | Ton und Form passen zu Adressat und Medium. | Die Aufgabe gibt sie vor. |
✏️ Jetzt selbst üben – im Aufgabengenerator
Erzeuge dir zu diesem Thema beliebig viele Übungsaufgaben mit Lösung – passend zu Deutsch Gymnasium und deiner Jahrgangsstufe.
Aufgaben erzeugen →🎮 Live-Quiz für die Klasse
Teste dein Wissen im interaktiven Quiz – mit Sofort-Erklärung nach jeder Frage. Für Lehrkräfte: eigenes Klassen-Quiz starten.
Live-Quiz entdecken →