Deutsch Gymnasium · Jahrgangsstufe 11 · Lernbereich 4 (gültigen Lehrplan)

Entwicklungstendenzen der Gegenwartssprache

Ein Oberstufenseminar untersucht, wie heute geschrieben und gesprochen wird. Die Teilnehmenden sammeln Beispiele: eine Chatnachricht „bin gleich da, sorry, bus hatte verspätung“ mit einem lachenden Emoji, den Satz „Ich komme nicht, weil ich hab keine Zeit“ aus einem aufgenommenen Gespräch, die Wendung „wegen dem Regen“ aus einem Online-Kommentar und einen Aushang, auf dem von Schülerinnen und Schülern die Rede ist. Jedes dieser Beispiele steht für eine Entwicklung, die die deutsche Gegenwartssprache derzeit prägt. In der Jahrgangsstufe 10 hast du Sprachwandel und Sprachkontakt grundsätzlich kennengelernt. In der Jahrgangsstufe 11 untersuchst du konkrete Entwicklungstendenzen der Gegenwart, ordnest sie ein und lernst, zwischen Beschreibung und Bewertung zu unterscheiden.

1. Digitale Schriftlichkeit

bin gleich da, sorry, bus hatte verspätung. Die Nachricht ist geschrieben, klingt aber wie gesprochen: Das Subjekt fehlt, alles ist kleingeschrieben, ein englisches Wort ist eingestreut, und ein Emoji ersetzt den Gesichtsausdruck.

In Chats und sozialen Netzwerken wird so viel geschrieben wie nie zuvor, doch diese Texte folgen oft den Regeln des Gesprächs. Du kennst die Unterscheidung aus der Jahrgangsstufe 5: Solche Texte sind medial schriftlich, aber konzeptionell mündlich. Typisch sind Verkürzungen, Kleinschreibung, umgangssprachliche Wendungen und Emojis, die Gefühle und Tonfall ausdrücken, also das, was im Gespräch Mimik und Stimme leisten. Sprachwissenschaftler sehen darin keine Verwahrlosung, sondern eine neue Form des Schreibens mit eigenen Regeln. Entscheidend ist, dass Schreibende zwischen dieser Form und der normgerechten Schriftsprache wechseln können, wie sie in Schule, Beruf und öffentlichen Texten erwartet wird.

Merke: Eine deskriptive Haltung beschreibt Sprache, wie sie tatsächlich gebraucht wird. Eine präskriptive Haltung schreibt vor, wie Sprache gebraucht werden soll. Für ein begründetes Urteil über Sprachentwicklungen braucht man beide Blickwinkel.

2. Grammatische Tendenzen

Ich komme nicht, weil ich hab keine Zeit. Nach weil steht hier das Verb an zweiter Stelle, wie im Hauptsatz. Und: wegen dem Regen statt wegen des Regens. Beides hört man im Alltag inzwischen sehr häufig.

In der gesprochenen Sprache lassen sich mehrere grammatische Tendenzen beobachten. Nach weil und obwohl steht das Verb häufig an zweiter Stelle; die Sprachwissenschaft beschreibt dies als eigene Konstruktion des Gesprochenen, in der Schriftsprache gilt weiterhin die Endstellung. Bei Präpositionen wie wegen, trotz oder während wird der Genitiv oft durch den Dativ ersetzt; Wörterbücher kennzeichnen wegen dem als umgangssprachlich. Das Präteritum wird im Gespräch zunehmend durch das Perfekt verdrängt. Solche Entwicklungen setzen sich manchmal später auch in der Schriftsprache durch, manchmal bleiben sie auf das Gesprochene beschränkt. Für dich bedeutet das ganz praktisch: In Aufsätzen und Klausuren gelten weiterhin die Regeln der Standardsprache.

Wie untersucht man solche Entwicklungen? Die Sprachwissenschaft arbeitet mit großen, oft digitalen Textsammlungen, sogenannten Korpora. Darin lässt sich zählen, wie häufig eine Form in verschiedenen Textsorten und Zeiträumen vorkommt, etwa wegen des gegenüber wegen dem in Zeitungen, Chats und Romanen. Auch das Seminar aus dem Einstieg geht so vor: Es sammelt Belege, ordnet sie nach Textsorte und vergleicht. Erst auf dieser Grundlage lässt sich sagen, ob eine Tendenz tatsächlich besteht und wie weit sie reicht.

3. Internationalisierung und neue Varietäten

Meeting, Deadline, liken, posten. Gleichzeitig entstehen in mehrsprachigen Stadtvierteln neue Sprechweisen, in denen Jugendliche Elemente verschiedener Sprachen und verkürzte Formen verbinden.

Die Internationalisierung zeigt sich vor allem im Wortschatz: Viele neue Wörter stammen aus dem Englischen, besonders aus Technik, Wirtschaft und Medien. Daneben entstehen neue Varietäten, etwa in mehrsprachigen Stadtvierteln, in denen Jugendliche unterschiedlicher Herkunft eine gemeinsame Sprechweise entwickeln. Sprachwissenschaftler haben solche Sprechweisen untersucht und als eigenständige Varietäten mit festen Regeln beschrieben, ähnlich wie Dialekte. In der öffentlichen Diskussion werden sie dagegen oft als falsches Deutsch abgewertet. Hier zeigt sich deutlich der Unterschied zwischen beschreibender und bewertender Sicht. Für Anglizismen gilt Ähnliches: Ob sie die Sprache bereichern oder belasten, ist eine Wertungsfrage; dass sie häufiger werden, lässt sich dagegen beschreiben und belegen.

Tendenz Beispiel Bereich
konzeptionelle Mündlichkeit im Schriftlichen bin gleich da, sorry digitale Kommunikation
Verbzweitstellung nach weil weil ich hab keine Zeit gesprochene Sprache
Dativ statt Genitiv wegen dem Regen Umgangssprache
Entlehnungen aus dem Englischen liken, posten Wortschatz
geschlechtergerechte Formulierungen Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte öffentliche Sprache

4. Geschlechtergerechte Sprache als Streitfrage

Auf dem Aushang heißt es: Alle Schülerinnen und Schüler sind eingeladen. Auf einer anderen Seite steht: Liebe Lehrkräfte. Beide Formulierungen sprechen Menschen aller Geschlechter an, ohne Sonderzeichen zu verwenden.

Kaum eine sprachliche Entwicklung wird derzeit so leidenschaftlich und kontrovers diskutiert wie die geschlechtergerechte Sprache. Befürworter argumentieren, dass die Sprache alle Menschen sichtbar machen solle und dass das sogenannte generische Maskulinum, etwa die Schüler für alle, Frauen und andere Geschlechter weniger sichtbar mache. Kritiker halten dagegen, dass neue Formen die Lesbarkeit erschwerten und dass das generische Maskulinum alle einschließe. Der Rat für deutsche Rechtschreibung hat Sonderzeichen im Wortinneren wie den Genderstern bisher nicht in das amtliche Regelwerk aufgenommen. In legt die Allgemeine Geschäftsordnung für die Behörden des Freistaates fest, dass staatliche Behörden und Schulen in ihrem dienstlichen Schriftverkehr solche Zeichen nicht verwenden. Möglich bleiben Paarformen wie Schülerinnen und Schüler und neutrale Formen wie Lehrkräfte oder Studierende. Wenn du über diese Frage erörterst, gib beide Positionen fair wieder und trenne Sachinformationen von Wertungen.

Für deine eigenen Texte in der Schule bedeutet das: Du kannst geschlechtergerecht formulieren, indem du Paarformen oder neutrale Formen wählst. Achte darauf, dass dein Text dabei gut lesbar bleibt. Häufig hilft es, Sätze umzustellen, etwa alle, die teilnehmen, statt alle Teilnehmer. Solche Umformulierungen sind ein gutes Training für sprachliche Genauigkeit.

Form und Wirkung: So deutest du es im Text

Ein Zeitungskommentar trägt die Überschrift: Rettet die Sprache! Darin heißt es, Jugendliche könnten keine vollständigen Sätze mehr bilden, das Deutsche werde von Anglizismen überschwemmt, und bald verstehe niemand mehr Goethe.

Stelle Mittel Wirkung
Rettet die Sprache! Ausruf, Appell Dramatisierung, Bedrohungsgefühl
könnten keine vollständigen Sätze mehr bilden Verallgemeinerung pauschales Urteil ohne Beleg
überschwemmt Metapher Bild einer Naturkatastrophe
bald verstehe niemand mehr Goethe Hyperbel, Zukunftsszenario Angst wird geschürt
keine Untersuchungen genannt fehlende Belege präskriptive Wertung ohne Beschreibung

Der Kommentar bewertet also, ohne vorher zu beschreiben. Er verzichtet völlig auf Belege und arbeitet stattdessen gezielt mit Bildern der Bedrohung. Eine sachliche Auseinandersetzung würde zuerst untersuchen, was sich tatsächlich verändert, und erst dann begründet bewerten. Diese Unterscheidung ist auch für deine eigenen Erörterungen und Analysen in der Oberstufe zentral. Ein Gegenkommentar könnte etwa zeigen, dass Klagen über den Verfall der Sprache sehr alt sind und dass viele Jugendliche je nach Situation sicher zwischen Chatsprache und Standardsprache wechseln.

Typische Fehler – und wie du sie vermeidest

Falsch Richtig Warum
In der Klausur: …, weil ich hab keine Zeit. …, weil ich keine Zeit habe. Schriftsprache: Verb am Ende.
Chatsprache ist Sprachverfall. Chatsprache ist konzeptionell mündlich und folgt eigenen Regeln. Beschreiben statt pauschal bewerten.
wegen dem Regen (im Aufsatz) wegen des Regens Standardsprache verlangt den Genitiv.
In der Erörterung nur eine Position zur geschlechtergerechten Sprache beide Positionen fair darstellen Ausgewogenheit.
Bewerten ohne Belege erst beschreiben, dann begründet bewerten Deskriptiv vor präskriptiv.

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