Deutsch Gymnasium · Jahrgangsstufe 10 · Lernbereich 3 (gültigen Lehrplan)

Figuren charakterisieren: die literarische Charakteristik

In Gottfried Kellers Novelle Kleider machen Leute kommt ein armer Schneidergeselle namens Wenzel Strapinski in die Stadt Goldach. Wegen seines vornehmen Mantels halten ihn die Bürger für einen polnischen Grafen. Statt das Missverständnis aufzuklären, lässt er es geschehen, verliebt sich in Nettchen, die Tochter eines angesehenen Beamten, und wird bei der Verlobung entlarvt. Wer ist dieser Strapinski eigentlich: ein Betrüger, ein Opfer, ein Träumer? Die Klasse 10b soll diese Frage in einer literarischen Charakteristik beantworten. In der Jahrgangsstufe 6 hast du selbst Figuren erfunden und gestaltet. In der Jahrgangsstufe 10 lernst du, Figuren aus literarischen Texten genau zu charakterisieren: ihre Merkmale zu erschließen, am Text zu belegen und zu einem begründeten Gesamtbild zu verbinden.

1. Was eine Charakteristik leistet

Ein Schüler schreibt: Strapinski ist ein Betrüger, weil er sich als Graf ausgibt. Eine Schülerin schreibt: Strapinski gibt sich nicht selbst als Graf aus, sondern wird dafür gehalten und ist zu schüchtern, um zu widersprechen. Die zweite Aussage ist deutlich genauer, weil sie sich auf das stützt, was tatsächlich im Text steht.

Eine literarische Charakteristik beschreibt und deutet eine Figur eines literarischen Textes. Sie geht über eine bloße Beschreibung des Aussehens hinaus: Sie erschließt Eigenschaften, Verhaltensweisen, Beweggründe und Beziehungen einer Figur und zeigt, ob und wie sie sich im Verlauf der Handlung entwickelt. Jede Aussage muss am Text belegt werden, mit einem Zitat oder einem genauen Verweis. Am Ende steht schließlich ein Gesamtbild, das die einzelnen Merkmale verbindet und die Bedeutung der Figur für den ganzen Text erklärt. Die Charakteristik ist damit ein Teil der Interpretation, den du in Klausuren auch als eigene Aufgabe bekommen kannst. Sie verlangt sehr genaues Lesen, denn viele Eigenschaften einer Figur stehen nicht ausdrücklich im Text, sondern zeigen sich erst in ihrem Handeln.

Merke: Eine Charakteristik erschließt Merkmale, Verhalten, Beweggründe, Beziehungen und Entwicklung einer Figur. Sie unterscheidet direkte und indirekte Charakterisierung, belegt jede Aussage am Text und mündet in ein begründetes Gesamtbild.

2. Direkte und indirekte Charakterisierung

Der Erzähler beschreibt Strapinski gleich zu Beginn als arm und doch auffallend gut gekleidet. Die Bürger von Goldach sehen in ihm einen vornehmen Herrn. Und Strapinski selbst verrät durch sein Zögern und sein Schweigen, wie unsicher er ist.

Figuren werden in literarischen Texten auf verschiedene Weise charakterisiert. Bei der direkten Charakterisierung werden Eigenschaften ausdrücklich genannt: durch den Erzähler, durch andere Figuren oder durch die Figur selbst in einer Selbstcharakterisierung. Bei der indirekten Charakterisierung muss der Leser die Eigenschaften selbst erschließen: aus dem Verhalten der Figur, aus ihrer Sprache, aus ihrem Äußeren oder aus ihrer Umgebung. Wenn Strapinski mehrmals fliehen will, aber jedes Mal bleibt, zeigt das indirekt seine Unentschlossenheit und seine Sehnsucht nach einem anderen Leben. Achte außerdem genau darauf, wer eine Figur charakterisiert: Das Urteil der Goldacher Bürger ist nicht dasselbe wie das des Erzählers.

Bereich Leitfrage Strapinski
äußere Merkmale Wie sieht die Figur aus? arm, aber vornehm gekleidet
Lebensumstände Welche Stellung hat sie? Schneidergeselle ohne Arbeit
Verhalten und Eigenschaften Wie handelt sie, was zeigt das? schüchtern, schweigt statt aufzuklären
Beziehungen Wie steht sie zu anderen? Liebe zu Nettchen
Entwicklung Verändert sie sich? vom Getriebenen zum Handelnden

3. Aufbau einer Charakteristik

Die Schülerin beginnt ihre Charakteristik: In Gottfried Kellers Novelle Kleider machen Leute steht Wenzel Strapinski im Mittelpunkt, ein armer Schneidergeselle, der durch ein Missverständnis für einen Grafen gehalten wird. Dann beschreibt sie seine Herkunft und sein Äußeres, untersucht sein Verhalten in Goldach und seine Beziehung zu Nettchen und zeigt schließlich, wie er sich nach der Entlarvung verändert.

Eine Charakteristik folgt meist einem klaren und nachvollziehbaren Aufbau. Die Einleitung nennt Textsorte, Titel, Verfasser, den Namen der Figur und ihre Stellung in der Handlung. Im Hauptteil gehst du von außen nach innen vor: zuerst äußere Merkmale und Lebensumstände, dann Verhalten, Eigenschaften und Beweggründe, dann die Beziehungen zu anderen Figuren und schließlich die Entwicklung. Der Schluss bündelt die Ergebnisse in einem Gesamtbild und kann die Figur bewerten oder ihre Bedeutung für den Text erläutern. Du kannst auch nach Merkmalen statt nach diesem Schema ordnen, wenn die Figur dadurch klarer wird; wichtig ist eine erkennbare Ordnung. Geschrieben wird im Präsens, sachlich, mit Belegen. Plane vor dem Schreiben mit einer Tabelle: Notiere in einer Spalte die Eigenschaft, in der zweiten die Textstelle und in der dritten deine Deutung. So hast du beim Schreiben alle Belege griffbereit und erkennst, welche Eigenschaften gut und welche nur schwach belegt sind.

4. Belegen und deuten

Die Schülerin schreibt: Strapinski erscheint zunächst passiv. Als er erkennt, dass man ihn für einen Grafen hält, will er die Stadt mehrmals heimlich verlassen, bleibt dann aber doch. Das zeigt, dass ihn nicht Berechnung leitet, sondern Scham und die Verlockung eines besseren Lebens.

Eine gute Charakteristik verbindet Beobachtung, Beleg und Deutung. Du nennst eine Eigenschaft, stützt sie mit einer Textstelle und erklärst, was sie über die Figur aussagt. Vermeide dabei bloße Behauptungen wie Strapinski ist nett. Nutze stattdessen möglichst genaue Eigenschaftswörter, die du begründen kannst: schüchtern, ehrgeizig, unentschlossen, stolz. Achte auf Widersprüche: Gerade interessante Figuren vereinen gegensätzliche Züge, und Strapinski ist zugleich ehrlich empfindend und Teil einer Täuschung. Solche Spannungen solltest du keinesfalls glätten, sondern bewusst herausarbeiten. Wie du deine Beobachtungen zu einer Gesamtdeutung des Textes zusammenführst, kennst du von der Seite zur Interpretation dieser Jahrgangsstufe.

Form und Wirkung: So setzt du es in deinem Text ein

Die Charakteristik endet mit diesen Sätzen: Strapinski ist weder ein gewöhnlicher Betrüger noch ein bloßes Opfer. Er gerät durch Schüchternheit und die Sehnsucht nach Anerkennung in eine Rolle, die ihm nicht zusteht. Erst nach seiner Entlarvung beginnt er, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen. An ihm zeigt Keller, wie sehr äußerer Schein das Urteil der Menschen bestimmt.

Stelle Funktion Wirkung
weder … noch … Abgrenzung von einfachen Urteilen differenziertes Bild
Schüchternheit und Sehnsucht nach Anerkennung Beweggründe benannt Figur wird verständlich
eine Rolle, die ihm nicht zusteht Widerspruch der Figur Spannung bleibt erhalten
Erst nach seiner Entlarvung … Entwicklung Veränderung im Verlauf
An ihm zeigt Keller … Bedeutung für den Text Bezug zum Thema der Novelle

Der Schluss fasst nicht nur zusammen, sondern deutet: Die Figur wird zum Schlüssel für das Thema der Novelle, das schon im Titel anklingt. So verbindet die Charakteristik die Untersuchung einer einzelnen Figur mit dem Verständnis des ganzen Textes. Bemerkenswert ist die Formulierung weder … noch …: Sie weist einfache Urteile zurück und zeigt, dass eine literarische Figur meist vielschichtiger ist als ein Etikett.

Typische Fehler – und wie du sie vermeidest

Falsch Richtig Warum
Strapinski ist nett. Strapinski ist schüchtern, das zeigt sich, als er … Genaue, belegte Eigenschaften.
Nur das Aussehen beschreiben auch Verhalten, Beweggründe, Beziehungen, Entwicklung Charakteristik geht nach innen.
Das Urteil der Bürger als Tatsache übernehmen fragen, wer die Figur charakterisiert Perspektive beachten.
Widersprüche der Figur glätten Spannungen herausarbeiten Gerade sie machen die Figur aus.
Nacherzählung der Handlung Handlung nur als Beleg für Eigenschaften nutzen Charakteristik ist keine Inhaltsangabe.

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