Mathematik FOS/BOS Bayern · 11. Klasse · Analysis (Technik & Nichttechnik) · BY

Wendepunkte und Krümmungsverhalten

Ein Graph kann nach links oder nach rechts gekrümmt sein – und an bestimmten Stellen wechselt er seine Krümmung. Diese Stellen heißen Wendepunkte. Sie werden mit der zweiten Ableitung \( f“ \) bestimmt, ganz analog zu den Extrempunkten (die mit \( f‘ \) gefunden werden). Diese Seite erklärt das Krümmungsverhalten, das Vier-Schritt-Verfahren zur Wendepunktbestimmung und die Wendetangente – mit vollständigen Nebenrechnungen.

1. Anschauung: Links- und Rechtskurve

Stellen Sie sich vor, Sie fahren mit dem Auto den Graphen entlang. Solange Sie das Lenkrad nach links eingeschlagen halten, ist der Graph linksgekrümmt (er öffnet sich nach oben). Halten Sie das Lenkrad nach rechts, ist er rechtsgekrümmt (er öffnet sich nach unten).

An einer Wendestelle wechseln Sie von der einen in die andere Krümmung – genau dort steht das Lenkrad für einen Moment gerade. Der zugehörige Punkt des Graphen heißt Wendepunkt.

xy-3-2-1124fWendepunkt

Am Wendepunkt (−1|2) wechselt der Graph von rechtsgekrümmt (links davon) zu linksgekrümmt (rechts davon).

2. Krümmung und die zweite Ableitung

So wie die erste Ableitung \( f‘ \) die Steigung angibt, gibt die zweite Ableitung \( f“ \) die Krümmung an:

💡 Krümmungsverhalten mit der zweiten Ableitung

  • \( f“(x)>0 \): der Graph ist linksgekrümmt (nach oben geöffnet)
  • \( f“(x)<0 \): der Graph ist rechtsgekrümmt (nach unten geöffnet)
  • \( f“(x)=0 \) und \( f“'(x)\neq 0 \): hier liegt ein Wendepunkt (Krümmungswechsel)

Im Wendepunkt ist die Steigung lokal maximal oder minimal – der Graph ist dort am „steilsten“.

3. Das Verfahren in vier Schritten

Die Wendepunktbestimmung läuft völlig analog zur Extrempunktbestimmung – nur mit \( f“ \) statt \( f‘ \):

Schritt 1: Zweite Ableitung bilden

Leiten Sie \( f \) zweimal ab, um \( f“(x) \) zu erhalten.

Schritt 2: Nullstellen der zweiten Ableitung berechnen

Setzen Sie \( f“(x)=0 \). Die Lösungen sind die möglichen Wendestellen.

Schritt 3: Funktionswert berechnen

Setzen Sie jede Stelle in die ursprüngliche Funktion \( f \) ein, um die y-Koordinate des Wendepunkts zu erhalten.

Schritt 4: Krümmungswechsel nachweisen

Prüfen Sie mit einer Vorzeichentabelle von \( f“ \) (oder über \( f“’\neq 0 \)), dass die Krümmung an der Stelle tatsächlich wechselt.

4. Ausführliches Musterbeispiel

Wir nehmen dieselbe Funktion wie bei den Extrempunkten: \( f(x)=x^3+3x^2 \). So sehen Sie, wie Extrem- und Wendepunkte zusammenspielen.

✎ Bestimmen Sie den Wendepunkt und das Krümmungsverhalten von \( f(x)=x^3+3x^2 \).

Schritt 1 – Zweite Ableitung. Wir leiten zweimal ab:

\[\begin{aligned} f'(x) &= 3x^2+6x \\ f“(x) &= 6x+6 \end{aligned}\]

Schritt 2 – Nullstelle der zweiten Ableitung.

\[\begin{aligned} 6x+6 &= 0 \qquad |-6 \\ 6x &= -6 \qquad |:6 \\ x &= -1 \end{aligned}\]

Mögliche Wendestelle: \( x_W=-1 \).

Schritt 3 – Funktionswert. Einsetzen in \( f \):

\[y_W=f(-1)=(-1)^3+3\cdot(-1)^2=-1+3=2\]

Der mögliche Wendepunkt liegt bei \( (-1\mid 2) \).

Schritt 4 – Krümmungswechsel nachweisen. Wir prüfen das Vorzeichen von \( f“(x)=6x+6 \) links und rechts von \( x=-1 \):

• Testwert \( x=-2 \): \( f“(-2)=6\cdot(-2)+6=-6<0 \) → rechtsgekrümmt
• Testwert \( x=0 \): \( f“(0)=6\cdot 0+6=6>0 \) → linksgekrümmt

\( x \) \( x<-1 \) \( x=-1 \) \( x>-1 \)
\( f“(x) \) \( – \) \( 0 \) \( + \)
Krümmung rechts (∩) WP links (∪)

Die Krümmung wechselt bei \( x=-1 \) von rechts nach links – es liegt also ein Wendepunkt \( WP(-1\mid 2) \) vor. Der Graph ist im Intervall \( \left]-\infty;-1\right] \) rechtsgekrümmt und in \( \left[-1;\infty\right[ \) linksgekrümmt.

5. Die Wendetangente

Die Wendetangente ist die Tangente im Wendepunkt. Man bestimmt sie wie jede Tangente: Steigung ist \( f'(x_W) \), dann Punkt und Steigung in \( y=mx+t \) einsetzen und \( t \) berechnen.

✎ Wendetangente von \( f(x)=x^3+3x^2 \) im Wendepunkt \( WP(-1\mid 2) \).

Schritt 1 – Steigung im Wendepunkt (in \( f‘ \) einsetzen):

\[m=f'(-1)=3\cdot(-1)^2+6\cdot(-1)=3-6=-3\]

Schritt 2 – \( t \) bestimmen (Steigung und Koordinaten von \( WP \) in \( y=mx+t \)):

\[\begin{aligned} 2 &= -3\cdot(-1)+t \\ 2 &= 3+t \qquad |-3 \\ -1 &= t \end{aligned}\]

Schritt 3 – Tangentengleichung:

\[w(x)=-3x-1\]
xy-3-2-11-224wfWP

Der Graph von f (grün) mit der Wendetangente w(x)=−3x−1 (rot) im Wendepunkt (−1|2).

6. Typische Fehler

✗ Falsch

Bei \( f“(x)=0 \) sofort einen Wendepunkt angenommen.

✓ Richtig

\( f“(x)=0 \) ist nur notwendig. Man muss den Krümmungswechsel nachweisen (Vorzeichenwechsel von \( f“ \), oder \( f“’\neq 0 \)).

✗ Falsch

Wende-y-Wert in \( f“ \) statt in \( f \) berechnet.

✓ Richtig

Die y-Koordinate des Wendepunkts erhält man durch Einsetzen in die ursprüngliche Funktion \( f \).

✗ Falsch

Steigung der Wendetangente aus \( f“ \) genommen.

✓ Richtig

Die Steigung ist die erste Ableitung an der Wendestelle: \( m=f'(x_W) \), nicht \( f“(x_W) \).

7. Üben

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