BwR · FOS/BOS Bayern · Klasse 12 · Ergebnisverwendung

Ergebnisverwendung: von Jahresüberschuss über Rücklagen zum Bilanzgewinn und zur Dividende

Am Jahresende steht der Jahresüberschuss fest. Diese Seite zeigt, wie er bei der AG verwendet wird: Einstellung in die gesetzliche und andere Rücklagen, Ermittlung des Bilanzgewinns und der Dividende – mit beiden Lösungswegen, allen Dividenden-Varianten, der Kapitalerhöhung samt Bezugsverhältnis und der daraus entstehenden offenen und stillen Selbstfinanzierung.

Unser Betrieb: die UNTERNEHMER AG. Alle Werte im durchgehenden Beispiel in Tsd. €.

Inhaltsverzeichnis

  1. Jahresüberschuss – und dann?
  2. Das Eigenkapital der AG
  3. Kapitalerhöhung und Bezugsverhältnis
  4. Beispiel UNTERNEHMER AG
  5. Lösungsweg 1 – ausführlich (Rücklagen)
  6. Lösungsweg 2 – Gewinnverwendungsrechnung von oben nach unten
  7. Die drei Stufen des Eigenkapitals
  8. Dividende – alle Berechnungsvarianten
  9. Finanzierungsarten im Überblick
  10. Offene Selbstfinanzierung
  11. Stille Selbstfinanzierung
  12. Finanzierung aus Rückstellungen
  13. Typische Prüfungsfehler
  14. Auf einen Blick

1. Jahresüberschuss – und dann?

Die GuV ermittelt den Jahresüberschuss. Er kann ausgeschüttet (Dividende) oder einbehalten werden (Rücklagen, Gewinnvortrag). Was einbehalten wird, finanziert das Unternehmen von innen – Selbstfinanzierung.

2. Das Eigenkapital der AG

Position Bedeutung
Gezeichnetes Kapital Grundkapital = Anzahl Aktien · Nennwert (mind. 1 € je Aktie, mind. 50.000 € gesamt)
Kapitalrücklage (Agio) Aufgeld = Kurswert − Nennwert bei der Aktienausgabe
Gesetzliche Rücklage gesetzlich vorgeschrieben (§ 150 AktG)
Andere Gewinnrücklagen freiwillig, auf Beschluss
Gewinn-/Verlustvortrag Rest aus dem Vorjahr
Bilanzgewinn verbleibt zur Ausschüttung

3. Kapitalerhöhung und Bezugsverhältnis

Bei einer ordentlichen Kapitalerhöhung gibt die AG junge Aktien aus. Der Nennwert fließt ins gezeichnete Kapital, das Agio (Kurswert − Nennwert) in die Kapitalrücklage.

\( \text{Agio je Aktie} = \text{Kurswert} – \text{Nennwert} \qquad \Delta\text{Kapitalrücklage } = \text{Anzahl junge Aktien} \cdot \text{Agio} \)

Beispiel: Grundkapital 1.000.000 € (100.000 Aktien à 10 €). Erhöhung um 200.000 € (20.000 junge Aktien à 10 €), Ausgabekurs 15 €.

Rechnung Betrag
gezeichnetes Kapital: 20.000 · 10 € 200.000 €
Kapitalrücklage (Agio): 20.000 · (15 − 10) € 100.000 €
= Kapitalzufluss gesamt 300.000 €
Bezugsverhältnis = alte Aktien : neue Aktien = 100.000 : 20.000 = 5 : 1. Fünf alte Aktien berechtigen zum Bezug einer jungen Aktie – so bleibt der Stimmrechtsanteil der Altaktionäre erhalten.

4. Beispiel UNTERNEHMER AG

Bilanzwerte am 31.12. (in Tsd. €). Die Hauptversammlung beschließt: Einstellung von 50 % des verbleibenden Gewinns in andere Rücklagen und eine Dividende von 4 % auf das gezeichnete Kapital.

Position in Tsd. €
Gezeichnetes Kapital 25.000
Kapitalrücklage 1.250
Gesetzliche Rücklage 1.000
Andere Gewinnrücklagen 250
Verlustvortrag Vorjahr 250
Jahresüberschuss 2.350

5. Lösungsweg 1 – ausführlich (Einstellung in die Rücklagen)

Gesetzliche Rücklage: Es gilt immer der kleinere von zwei Werten – der Fehlbetrag bis zur 10 %-Grenze und 5 % vom bereinigten Jahresüberschuss.

Alternative Berechnung gesetzliche Rücklage Nebenrechnung in Tsd. €
SOLL: 10 % des gez. Kapitals 0,1 · 25.000 2.500
IST: Kapitalrücklage + gesetzliche Rücklage 1.250 + 1.000 2.250
NOCH: SOLL − IST (Fehlbetrag) 2.500 − 2.250 250
MÖGLICH: 5 % vom bereinigten JÜ 0,05 · (2.350 − 250) 105
= Einstellung gesetzliche Rücklage kleinerer Wert 105

Der Fehlbetrag (250) ist größer als die mögliche Einstellung (105) → es werden 105 in die gesetzliche Rücklage eingestellt (mehr erlaubt § 150 AktG nicht).

Andere Rücklagen (Beschluss: 50 % des verbleibenden Gewinns):

Rechnung in Tsd. €
Jahresüberschuss 2.350
− Verlustvortrag −250
− Einstellung gesetzliche Rücklage −105
= bereinigter Jahresüberschuss 1.995
davon 50 % = Einstellung andere Rücklagen 997,5

6. Lösungsweg 2 – Gewinnverwendungsrechnung von oben nach unten

Dieselbe Lösung kompakt als durchgehende Rechnung – so, wie sie in der Prüfung erwartet wird:

Gewinn-/Ergebnisverwendungsrechnung 31.12. in Tsd. €
Jahresüberschuss 2.350
+ Gewinnvortrag (Vorjahr) 0
− Verlustvortrag (Vorjahr) −250
− Einstellung in gesetzliche Rücklage −105
+ Entnahmen aus anderen Rücklagen 0
− Einstellung in andere Rücklagen −997,5
= Bilanzgewinn 997,5
− Dividende (4 % auf 25.000) −1.000
= Verlustvortrag (nächstes Jahr) −2,5
Achtung: Die beschlossene Dividende (1.000) ist höher als der Bilanzgewinn (997,5) → es entsteht ein Verlustvortrag von −2,5 ins nächste Jahr. Beide Lösungswege führen zum selben Ergebnis.

7. Die drei Stufen des Eigenkapitals

Das Eigenkapital zum 31.12. in drei Stufen: vor Ergebnisverwendung (JÜ noch unverteilt), nach teilweiser (Rücklagen gebildet, Bilanzgewinn steht), nach vollständiger (Dividende ausgeschüttet).

Position (Tsd. €) vor nach teilweiser nach vollständiger
Gezeichnetes Kapital 25.000 25.000 25.000
Kapitalrücklage 1.250 1.250 1.250
Gesetzliche Rücklage 1.000 1.105 1.105
Andere Gewinnrücklagen 250 1.247,5 1.247,5
Jahresüberschuss 2.350 – –
Bilanzgewinn – 997,5 –
Gewinn-/Verlustvortrag −250 – −2,5

8. Dividende – alle Berechnungsvarianten

Je nachdem, was die Aufgabe vorgibt, führen zwei Wege zur selben Dividendensumme:

Variante 1: Dividende in Prozent (Dreisatz)

Grundwert ist immer das gezeichnete Kapital \(= 100 %\).

\( 100\,\% \;\widehat{=}\; 25\,000 \qquad 4\,\% \;\widehat{=}\; \dfrac{25\,000 \cdot 4}{100} = 1\,000 \)

Variante 2: über die Stückdividende

\( \text{Dividende} = \dfrac{\text{gez. Kapital}}{\text{Nennwert}} \cdot \text{Stückdividende} \)

Beide Varianten liefern dieselbe Dividendensumme – Variante 1 rechnet in Prozent vom gezeichneten Kapital, Variante 2 nimmt Aktienzahl mal Betrag je Aktie.

Stückdividende gesucht

Ist die Stückdividende gesucht, dient der Bilanzgewinn als maximal mögliche Ausschüttung; das Ergebnis wird auf volle 10 Cent abgerundet.

\( \text{Stückdividende} = \dfrac{\text{Bilanzgewinn}}{\text{Anzahl der Aktien}} \)

Beispiel: Bilanzgewinn 1.000.000 €, 100.000 Aktien → Stückdividende = 10,00 € je Aktie.

9. Finanzierungsarten im Überblick

Finanzierung nach Kapitalherkunft (Außen/Innen) und Rechtsstellung (Eigen/Fremd). Die Ergebnisverwendung erzeugt vor allem Innenfinanzierung:

FinanzierungsartenEigenfinanzierungAußen: Beteiligung / KapitalerhöhungInnen: offene & stille Selbstfinanzierung(einbehaltener Gewinn, stille Reserven)FremdfinanzierungAußen: Darlehen, Kontokorrent, AnleiheInnen: Finanzierung aus Rückstellungen(v.a. Pensionsrückstellungen)Selbstfinanzierung= Innenfinanzierung durcheinbehaltene Gewinne undstille Reserven.offen: über Rücklagen sichtbarstill: über Unterbewertung verborgenKern der Ergebnisverwendung.

10. Offene Selbstfinanzierung

Die offene Selbstfinanzierung ist der in Rücklagen einbehaltene Gewinn – in der Bilanz sichtbar.

\( \text{offene Selbstfinanzierung} = \text{Einstellung gesetzliche Rücklage } + \text{Einstellung andere Rücklagen} \)

UNTERNEHMER AG: 105 + 997,5 = 1.102,5 Tsd. € bleiben als Eigenkapital im Unternehmen.

11. Stille Selbstfinanzierung

Die stille Selbstfinanzierung entsteht durch stille Reserven: Vermögen zu niedrig (Unterbewertung Aktiva) oder Schulden zu hoch (Überbewertung Passiva). Der ausgewiesene Gewinn wird kleiner → weniger Steuer/Dividende, mehr Kapital bleibt. Stille Reserven sind nicht sichtbar.

\( \text{stille Selbstfinanzierung} = \text{Unterbewertung Aktiva} + \text{Überbewertung Passiva} \)
Stille Reserve auf der AktivseiteBuchwert (Bilanz)80.000 €Marktwert (tatsächlich)120.000 €stille Reserve40.000 €Unterbewertung Aktiva = Marktwert − Buchwert = 120.000 − 80.000 = 40.000 €

12. Finanzierung aus Rückstellungen

Gebildete Rückstellungen (v. a. Pensionsrückstellungen) erhöhen den Aufwand → geringerer Gewinn → weniger Steuer/Dividende. Das Geld bleibt bis zur Inanspruchnahme im Unternehmen.

Merke: Rückstellungen sind Fremdkapital – die Finanzierung aus Rückstellungen ist Innenfinanzierung durch Fremdkapital, nicht Selbstfinanzierung.

13. Typische Prüfungsfehler

✗ Falsch

Bei der gesetzlichen Rücklage einfach 5 % vom JÜ einstellen.

✓ Richtig

Immer den kleineren Wert aus Fehlbetrag (bis 10 %-Grenze) und 5 % vom bereinigten JÜ nehmen.

✗ Falsch

Verlustvortrag beim bereinigten JÜ vergessen.

✓ Richtig

Vor den 5 % den Verlustvortrag abziehen: 5 % von (JÜ − VV).

✗ Falsch

Dividende vom Jahresüberschuss statt vom Bilanzgewinn her denken.

✓ Richtig

Die Dividende wird aus dem Bilanzgewinn ausgeschüttet; reicht er nicht, entsteht ein Verlustvortrag.

✗ Falsch

Offene und stille Selbstfinanzierung verwechseln.

✓ Richtig

Offen = über Rücklagen sichtbar; still = über Unter-/Überbewertung verborgen.

14. Auf einen Blick

  • Gesetzliche Rücklage: kleinerer Wert aus Fehlbetrag (10 %-Grenze) und 5 % vom bereinigten JÜ.
  • Gewinnverwendung: JÜ + GV − VV − gesRL + Entn − andRL = Bilanzgewinn − Dividende = Vortrag.
  • Drei EK-Stufen: vor / nach teilweiser / nach vollständiger Ergebnisverwendung.
  • Dividende: V1 Prozent vom gez. Kapital (Dreisatz), V2 über Stückdividende; Stückdividende = Bilanzgewinn / Aktienzahl.
  • Kapitalerhöhung: Nennwert → gez. Kapital, Agio → Kapitalrücklage; Bezugsverhältnis = alte : neue Aktien.
  • Selbstfinanzierung: offen (Rücklagen) + still (stille Reserven); Rückstellungen = Fremdkapital von innen.

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