BWL FOS Bayern · Jahrgangsstufe 12 · Lernbereich 12.3: Finanzierung & Investition (LehrplanPLUS, neuer Lehrplan)
Investitionsrechnung: die statischen Verfahren
Bevor ein Unternehmen eine größere Anschaffung tätigt, prüft es mit der Investitionsrechnung, welche von mehreren Alternativen die vorteilhafteste ist. Die vier statischen Verfahren betrachten dabei nur eine durchschnittliche Periode – sie sind einfach, berücksichtigen aber nicht den Zeitpunkt der Zahlungen.
1. Statische und dynamische Verfahren
Die vier statischen Verfahren bauen aufeinander auf: Kostenvergleich → Gewinnvergleich → Rentabilität → Amortisation. Grundlage sind stets die kalkulatorischen Kosten (Abschreibung, Zinsen).
\( \text{kalk. Abschreibung} = \dfrac{\text{Anschaffungskosten}}{\text{Nutzungsdauer}} \qquad \text{kalk. Zinsen} = \dfrac{\text{Anschaffungskosten} \cdot p}{2 \cdot 100} \)
Die kalk. Zinsen werden auf das durchschnittlich gebundene Kapital (halbe Anschaffungskosten) gerechnet.
2. Die Ausgangsdaten
| Merkmal | Maschine 1 | Maschine 2 |
|---|---|---|
| Anschaffungskosten | 120.000,00 | 160.000,00 |
| Nutzungsdauer | 8 Jahre | 8 Jahre |
| sonstige Fixkosten / Jahr | 10.000,00 | 8.000,00 |
| variable Stückkosten | 12,00 | 10,00 |
Kalkulationszinssatz 8 %, Absatz/Produktion 5.000 Stück/Jahr, Verkaufspreis 30,00 €/Stück.
3. Kostenvergleichsrechnung
Verglichen werden die gesamten jährlichen Kosten. Wichtig: Die produzierte Menge muss bei beiden gleich sein. Die günstigere Maschine gewinnt.
| Position | M1 | M2 | Nebenrechnung M1 |
|---|---|---|---|
| kalk. Abschreibung | 15.000,00 | 20.000,00 | \( \dfrac{120.000{,}00}{8} \) |
| kalk. Zinsen | 4.800,00 | 6.400,00 | \( \dfrac{120.000{,}00 \cdot 8}{200} \) |
| sonstige Fixkosten | 10.000,00 | 8.000,00 | gegeben |
| variable Kosten (5.000 St.) | 60.000,00 | 50.000,00 | \( 12{,}00 \cdot 5.000 \) |
| Gesamtkosten / Jahr | 89.800,00 | 84.400,00 |
Ergebnis: Maschine 2 ist mit 84.400,00 € günstiger (5.400,00 € weniger als M1).
4. Gewinnvergleichsrechnung
Der Kostenvergleich ignoriert die Erlöse. Die Gewinnvergleichsrechnung zieht die Gesamtkosten vom Umsatz ab: Umsatz = 30,00 € · 5.000 St. = 150.000,00 €.
| M1 | M2 | |
|---|---|---|
| Umsatz | 150.000,00 | 150.000,00 |
| − Gesamtkosten | 89.800,00 | 84.400,00 |
| = Gewinn / Jahr | 60.200,00 | 65.600,00 |
Ergebnis: Maschine 2 erwirtschaftet den höheren Gewinn (65.600,00 €).
5. Rentabilitätsvergleichsrechnung
Die Rentabilität setzt den Gewinn ins Verhältnis zum eingesetzten Kapital (durchschnittlich gebundenes Kapital = halbe Anschaffungskosten). Die kalkulatorischen Zinsen werden zum Gewinn addiert, da sie kein echter Aufwand sind.
\( \text{Rentabilit\“at} = \dfrac{(\text{Gewinn} + \text{kalk. Zinsen}) \cdot 100}{\text{Anschaffungskosten} : 2} \)
M2: \( \dfrac{(65.600{,}00 + 6.400{,}00) \cdot 100}{80.000{,}00} = 90{,}00\,\% \)
Ergebnis: Jetzt liegt Maschine 1 vorn (108,33 % > 90,00 %) – sie bindet weniger Kapital und ist daher rentabler.
6. Amortisationsvergleichsrechnung
Die Amortisationsdauer zeigt, nach wie vielen Jahren die Anschaffungskosten über den Kapitalrückfluss (Gewinn + kalk. Abschreibung) wieder zurückgeflossen sind. Je kürzer, desto weniger Risiko.
\( \text{Amortisationsdauer} = \dfrac{\text{Anschaffungskosten}}{\text{Gewinn} + \text{kalk. Abschreibung}} \)
M2: \( \dfrac{160.000{,}00}{65.600{,}00 + 20.000{,}00} = 1{,}87\ \text{Jahre} \)
Ergebnis: Maschine 1 amortisiert sich schneller (1,60 < 1,87 Jahre).
7. Die Ergebnisse abwägen
Die vier Verfahren können zu unterschiedlichen Empfehlungen führen – genau das macht die Entscheidung anspruchsvoll:
| Verfahren | M1 | M2 | vorteilhaft |
|---|---|---|---|
| Kostenvergleich | 89.800 | 84.400 | M2 |
| Gewinnvergleich | 60.200 | 65.600 | M2 |
| Rentabilität | 108,33 % | 90,00 % | M1 |
| Amortisation | 1,60 J | 1,87 J | M1 |
8. Nachhaltigkeit einbeziehen: ESG-Kriterien & Scoringmodell
Der neue Lehrplan ergänzt die rein finanzielle Betrachtung um ESG-Kriterien (Environmental, Social, Governance) und die European Sustainability Reporting Standards (ESRS). Eine Investition wird nicht mehr nur nach Kosten und Gewinn beurteilt, sondern auch nach ihrer ökologischen und sozialen Wirkung – etwa Energieverbrauch, Emissionen, Arbeitssicherheit.
| Kriterium | Gewicht | M1 | M2 |
|---|---|---|---|
| Wirtschaftlichkeit (Gewinn/Rentabilität) | 50 % | 3 → 1,5 | 4 → 2,0 |
| Ökologie (E: Energie, Emissionen) | 30 % | 4 → 1,2 | 2 → 0,6 |
| Soziales (S: Arbeitssicherheit) | 20 % | 4 → 0,8 | 3 → 0,6 |
| Nutzwert | 100 % | 3,5 | 3,2 |
Punkte 1–4 (4 = am besten), gewichtet. Obwohl M2 wirtschaftlich vorn liegt, gewinnt hier M1 (Nutzwert 3,5 vs. 3,2) – die bessere Ökologie- und Sozialbewertung gibt den Ausschlag.
9. So fragt die Abschlussprüfung
- Berechnen Sie die kalkulatorische Abschreibung und die kalkulatorischen Zinsen.
- Führen Sie Kosten-, Gewinn-, Rentabilitäts- und Amortisationsvergleich durch.
- Beurteilen Sie, welche Investition vorteilhafter ist (auch qualitativ).
- Erläutern Sie die Grenzen der statischen Verfahren.
10. Typische Fehler – und wie Sie Punkte retten
| Fehler | Richtig |
|---|---|
| Kalk. Zinsen auf die vollen Anschaffungskosten rechnen | Auf das durchschnittlich gebundene Kapital (AK : 2). |
| Bei der Rentabilität die kalk. Zinsen nicht zum Gewinn addieren | Gewinn + kalk. Zinsen im Zähler. |
| Amortisation mit dem Gewinn statt dem Kapitalrückfluss rechnen | Kapitalrückfluss = Gewinn + kalk. Abschreibung. |
| Kostenvergleich bei ungleicher Menge | Nur bei gleicher Produktionsmenge zulässig. |
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