Deutsch Realschule Bayern · Jahrgangsstufe 8 · Sprachgebrauch und Sprache untersuchen und reflektieren (LehrplanPLUS)

Konjunktiv I: Formen und Funktion

Neben dem Indikativ, der Wirklichkeitsform, besitzt das deutsche Verb noch eine zweite Aussageweise: den Konjunktiv. Er zerfällt in zwei Reihen, den Konjunktiv I und den Konjunktiv II. Auf dieser Seite geht es um den Konjunktiv I: darum, aus welchem Stamm er gebaut wird, welche Endungen er trägt und woran du ihn im Text sicher erkennst. Wozu man eine fremde Aussage überhaupt wiedergibt und wie sich dabei Pronomen und Zeitangaben verschieben, hast du bereits in der Jahrgangsstufe 7 gelernt; hier steht allein die Formenbildung im Mittelpunkt.

1. Wofür der Konjunktiv I steht

Der Indikativ behauptet: Der Sprecher stellt etwas als gegeben hin. Der Konjunktiv I nimmt diese Behauptung zurück. Er zeigt an, dass der Satz nicht die eigene Aussage des Schreibers ist, sondern die Aussage eines anderen, die nur berichtet wird. Stelle die beiden Sätze nebeneinander: „Der Trainer ist krank.“ und „Meine Mitschülerin sagt, der Trainer sei krank.“. Im ersten Satz steht der Schreiber selbst für die Nachricht ein. Im zweiten Satz gibt er sie nur weiter, ohne sich festzulegen. Genau dieses Weiterreichen leistet die Form „sei“. Daneben findest du den Konjunktiv I in festen Wendungen wie „Man nehme zwei Eier“ in einem Rezept oder „Es lebe der Sieger“; das sind Reste einer alten Aufforderungsform und heute selten.

Merke: Der Konjunktiv I ist das Signal dafür, dass eine Aussage jemand anderem gehört. Der Schreiber gibt sie wieder, ohne sie zu seiner eigenen zu machen.

2. So bildest du den Konjunktiv I

Der Konjunktiv I wird immer aus dem Stamm des Infinitivs gebildet, niemals aus dem Präteritum. Du streichst vom Infinitiv die Endung „-en“ und hängst an den Rest das Kennzeichen „-e-“ und danach die Personalendung an. Aus „lesen“ wird der Stamm „les-“ und daraus „er lese“. Wichtig ist: Ein Vokalwechsel des Indikativs wird nicht mitgemacht. Der Indikativ lautet „er liest“, der Konjunktiv I aber „er lese“. Genauso heißt es „er fahre“ und nicht „er fährt“, „er gebe“ und nicht „er gibt“. Auch Modalverben folgen dieser Regel: „er könne“, „er müsse“, „er wolle“.

Person Endung lesen haben
ich -e lese habe
du -est lesest habest
er, sie, es -e lese habe
wir -en lesen haben
ihr -et leset habet
sie -en lesen haben

Die auffälligste und darum wichtigste Form ist die dritte Person Einzahl. Nur dort unterscheidet sich der Konjunktiv I bei fast jedem Verb deutlich vom Indikativ: „er lese“ gegen „er liest“, „sie komme“ gegen „sie kommt“, „es passiere“ gegen „es passiert“. Wenn du unsicher bist, ob eine Form richtig gebildet ist, prüfe sie zuerst in dieser Person.

3. Die Sonderform von „sein“

Ein einziges Verb weicht von der Regel ab, und ausgerechnet dieses brauchst du am häufigsten: „sein“. Es bildet den Konjunktiv I ohne das Kennzeichen „-e-“ in der Einzahl. Die Formen lauten: ich sei, du seist, er sei, wir seien, ihr seiet, sie seien. In der ersten und dritten Person Einzahl fällt die Personalendung ganz weg, deshalb heißt es „er sei“ und nicht „er seie“. Weil diese Formen in allen sechs Personen vom Indikativ abweichen, ist „sein“ das einzige Verb, bei dem der Konjunktiv I ohne jede Ausweichform funktioniert.

Merke: ich sei · du seist · er sei · wir seien · ihr seiet · sie seien. Diese sechs Formen solltest du auswendig können.

4. Vergangenheit, Zukunft und die Ausweichform

Auch zusammengesetzte Zeiten lassen sich in den Konjunktiv I setzen. Du änderst dabei nur das Hilfsverb, das Partizip II bleibt unverändert: „er habe gewartet“, „sie sei gelaufen“. Für Zukünftiges nimmst du das Hilfsverb „werden“ im Konjunktiv I: „er werde anrufen“. Alles Vergangene fällt dabei in eine einzige Form zusammen; ob im Ausgangssatz „wartete“, „hat gewartet“ oder „hatte gewartet“ stand, wird immer zu „habe gewartet“.

Häufig sieht die Form des Konjunktivs I aber genauso aus wie der Indikativ. Bei „wir lesen“ oder „sie lesen“ erkennt niemand, welche Aussageweise gemeint ist. Dann ist die Form unbrauchbar, weil sie nichts mehr anzeigt. In diesem Fall weicht man auf den Konjunktiv II aus: Statt „sie lesen“ schreibt man „sie läsen“, statt „wir kommen“ schreibt man „wir kämen“. Wie diese Formen gebaut werden, steht auf der eigenen Seite zum Konjunktiv II. Der Weg ist also immer derselbe: zuerst den Konjunktiv I versuchen, und nur wenn er mit dem Indikativ zusammenfällt, zum Konjunktiv II wechseln.

So erkennst du es im Satz

Der Hausmeister erklärt, die Turnhalle sei am Freitag geschlossen. Er habe den Boden am Morgen frisch versiegelt. Die Klassensprecherin berichtet, viele Schüler kämen trotzdem mit ihren Sporttaschen. Der Sportlehrer sagt, er verlege die Stunde auf den Pausenhof. Am Montag werde alles wieder wie gewohnt laufen.

Form im Text Grundform Erklärung
sei sein Sonderform ohne „-e-“, dritte Person Einzahl
habe versiegelt versiegeln Vergangenes: Hilfsverb „haben“ im Konjunktiv I
kämen kommen Ausweichform, weil „sie kommen“ wie der Indikativ aussieht
verlege verlegen Stamm des Infinitivs plus „-e“
werde laufen laufen Zukünftiges: Hilfsverb „werden“ im Konjunktiv I

Typische Fehler – und wie du sie vermeidest

Falsch Richtig Warum?
er fähre, er gibe er fahre, er gebe Der Konjunktiv I kommt vom Infinitivstamm. Der Vokalwechsel des Indikativs wird nicht übernommen.
er seie er sei „sein“ bildet die Einzahl ohne Kennzeichen und ohne Endung.
Sie sagt, sie kommen später. Sie sagt, sie kämen später. „kommen“ ist hier nicht vom Indikativ zu unterscheiden, deshalb die Ausweichform.
Er sagt, er hätte den Schlüssel vergessen. Er sagt, er habe den Schlüssel vergessen. „habe“ ist eindeutig, eine Ausweichform ist gar nicht nötig.
Sie berichtet, sie hatte gewartet. Sie berichtet, sie habe gewartet. Alles Vergangene wird zu „habe“ oder „sei“ plus Partizip II.

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