Deutsch Wirtschaftsschule Bayern · Jahrgangsstufe 8 (vier- und dreistufige Wirtschaftsschule) · Lesen – mit Texten und weiteren Medien umgehen (LehrplanPLUS)
Epik, Lyrik, Dramatik: Kurzgeschichte, Anekdote, Song, Sketch und Komödie einordnen
Literarische Texte lassen sich nach ihrer Grundform in drei große Gruppen ordnen: Sie erzählen, sie verdichten Gefühle und Bilder in Versen, oder sie werden auf einer Bühne gespielt. Diese drei Gruppen heißen Gattungen. Innerhalb jeder Gattung gibt es viele Textsorten, etwa die Anekdote in der erzählenden Literatur oder den Sketch auf der Bühne. Auf dieser Seite lernst du, die drei Gattungen sicher zu unterscheiden und fünf Textsorten zuzuordnen: Kurzgeschichte, Anekdote, Song, Sketch und Komödie. Die Fachbegriffe zur genauen Untersuchung, etwa Erzähler oder lyrisches Ich, erklärt eine eigene Seite. Alle Mustertexte sind eigens für diese Seite geschrieben.
1. Die drei Gattungen der Literatur
Die Einteilung in Gattungen richtet sich nicht nach dem Thema, sondern nach der Art, wie ein Text gestaltet ist. Ein Text über eine Freundschaft kann eine Erzählung, ein Gedicht oder ein Theaterstück sein. Entscheidend ist, ob jemand erzählt, ob in Versen gesprochen wird oder ob Figuren auf einer Bühne handeln.
| Gattung | Grundform | typische Merkmale | Textsorten auf dieser Seite |
|---|---|---|---|
| Epik | erzählen | fortlaufender Text in Absätzen, eine Handlung wird berichtet | Kurzgeschichte, Anekdote |
| Lyrik | in Versen verdichten | kurze Zeilen, Strophen, Klang und Rhythmus | Song |
| Dramatik | auf der Bühne spielen | Figuren sprechen miteinander, Regieanweisungen | Sketch, Komödie |
Die Epik umfasst alle erzählenden Texte, vom kurzen Witz bis zum langen Roman. Die Lyrik umfasst Gedichte und Liedtexte. Ihre Zeilen heißen Verse und sind oft zu Strophen gebündelt. Die Dramatik umfasst Texte, die für eine Aufführung geschrieben sind. Sie bestehen fast nur aus dem, was die Figuren sagen, ergänzt durch Hinweise in Klammern, wie gespielt werden soll. Diese Hinweise nennt man Regieanweisungen.
2. Epik: Kurzgeschichte und Anekdote
Zur Erinnerung oder als kurze Einführung: Eine Kurzgeschichte beginnt ohne lange Einleitung mitten in einer Alltagssituation, zeigt nur wenige Figuren und einen kurzen Zeitraum und endet offen. Wer sie liest, muss selbst weiterdenken.
Die Anekdote ist ebenfalls kurz, verfolgt aber ein anderes Ziel. Sie erzählt eine kleine, bemerkenswerte Begebenheit, die einen Menschen besonders treffend kennzeichnet. Oft geht es um eine bekannte Persönlichkeit, manchmal um einen Menschen aus einem Ort oder einem Betrieb. Die Anekdote steuert zielstrebig auf einen Höhepunkt am Schluss zu, die Pointe: einen überraschenden Satz oder eine unerwartete Wendung, die zum Schmunzeln oder Nachdenken bringt. Ob sich die Begebenheit genau so ereignet hat, lässt sich meist nicht nachprüfen. Wichtig ist, dass sie zu der Person passt.
Der alte Inhaber der Papierhandlung am Marktplatz galt als der sparsamste Kaufmann der Stadt. Eines Morgens brachte ihm sein Lehrling einen Brief, den ein Kunde geschickt hatte, und fragte, ob er für die Antwort einen neuen Umschlag nehmen solle. Der Inhaber drehte den alten Umschlag um, strich die eigene Adresse durch, schrieb die des Kunden darüber und reichte ihn zurück. „Papier, mein Junge“, sagte er, „verkaufen wir. Wir verschwenden es nicht.“
Die Anekdote zeigt in wenigen Sätzen eine Eigenschaft: die Sparsamkeit des Inhabers. Sie erzählt nur eine einzige Szene. Die Pointe steckt im letzten Satz, der die Haltung des Kaufmanns knapp zusammenfasst. Anders als die Kurzgeschichte endet die Anekdote also nicht offen, sondern mit einem klaren Schlusspunkt.
3. Lyrik: der Song
Ein Song ist ein Liedtext aus der Pop-, Rock- oder Liedermacher-Musik. Er gehört zur Lyrik, weil er aus Versen und Strophen besteht und mit Klang und Rhythmus arbeitet. Anders als ein Gedicht, das man liest oder vorträgt, ist ein Song für die Verbindung mit Musik geschrieben. Ein Teil wiederholt sich meist nach jeder Strophe, der Refrain. Songs verwenden häufig Alltagssprache und sprechen ihre Zuhörerinnen und Zuhörer direkt an. Die Gefühle eines sprechenden Ichs stehen oft im Mittelpunkt.
(Strophe 1)
Der erste Tag, ich kenn noch keinen Gang,
der Flur ist hell, der Morgen ist so lang.
(Refrain)
Ich lern das schon, ich find den Weg,
auch wenn ich heute noch daneben steh.
(Strophe 2)
Am Freitag weiß ich, wo der Drucker steht,
und wer mir zeigt, wie das Programm hier geht.
(Refrain)
Ich lern das schon, ich find den Weg,
auch wenn ich heute noch daneben steh.
Der Song erzählt in zwei Strophen von der ersten Woche in einem neuen Betrieb. Der Refrain wiederholt die zentrale Aussage: Unsicherheit am Anfang, Zuversicht für später. Man erkennt den Song an den Versen, den Strophen und dem Refrain sowie an der Alltagssprache, die beim Mitsingen leicht über die Lippen geht.
4. Dramatik: Sketch und Komödie
Der Sketch ist eine sehr kurze, witzige Spielszene. Er kommt mit wenigen Figuren und meist mit einem einzigen Ort aus und steuert, ähnlich wie die Anekdote, auf eine Pointe zu. Sketche werden auf Bühnen, bei Feiern oder im Fernsehen gespielt und dauern oft nur wenige Minuten.
Ein Büro. Das Telefon klingelt. Paul hebt ab.
PAUL: Übungsfirma, Kundendienst, Sie sprechen mit Paul.
KUNDIN: Guten Tag, meine Bestellung ist nicht angekommen.
PAUL: Das tut mir leid. Wie lautet Ihre Bestellnummer?
KUNDIN: Die steht auf der Rechnung.
PAUL: Sehr gut. Und wo ist die Rechnung?
KUNDIN: Im Paket.
Paul legt den Hörer langsam auf den Tisch und sieht ins Publikum.
Die Komödie ist ein längeres Bühnenstück mit heiterem Verlauf. Ihre Figuren geraten durch Verwechslungen, Missverständnisse oder Pläne, die schiefgehen, in immer verwickeltere Lagen. Am Ende lösen sich die Schwierigkeiten meist auf, und das Stück geht gut aus. Das Gegenstück ist die Tragödie, in der der Konflikt der Hauptfigur zum Unglück führt.
Sketch und Komödie sind also beide komisch und beide für die Bühne geschrieben. Der Unterschied liegt im Umfang: Der Sketch zeigt eine einzige Situation mit einer Pointe, die Komödie entwickelt eine längere Handlung mit mehreren Szenen oder Akten und einem guten Ausgang.
5. Gattung und Textsorte Schritt für Schritt bestimmen
Bei einem unbekannten Text gehst du von außen nach innen vor. Zuerst bestimmst du die Gattung an der äußeren Form: fortlaufende Absätze sprechen für Epik, Verse und Strophen für Lyrik, Figurennamen mit Redeanteilen und Regieanweisungen für Dramatik. Danach prüfst du die Merkmale der Textsorte innerhalb der Gattung: Endet der erzählende Text offen oder mit einer Pointe? Wiederholt sich im Liedtext ein Refrain? Zeigt die Bühnenszene nur eine Situation oder eine längere Handlung? Zuletzt begründest du dein Ergebnis mit zwei oder drei Merkmalen, die du im Text findest.
Manchmal liegen Textsorten nah beieinander. Eine Anekdote und ein Sketch können dieselbe komische Begebenheit enthalten, die eine erzählt, der andere gespielt. Dann entscheidet die Form über die Gattung, der Aufbau über die Textsorte.
So brauchst du es im Beruf
Viele Unternehmen geben eine Zeitschrift für ihre Mitarbeitenden oder ihre Kundschaft heraus. Darin stehen nicht nur Zahlen und Termine, sondern oft auch kleine Geschichten aus der Firmengeschichte. Wer eine solche Geschichte als Anekdote erkennt, weiß, dass sie unterhalten und ein Bild vom Unternehmen zeichnen will, aber kein nachprüfbarer Bericht ist.
Zum zehnjährigen Bestehen unserer Übungsfirma erinnern wir an den ersten Auftrag. Damals bestellte ein Kunde hundert Kugelschreiber, geliefert wurden hundert Kartons Kugelschreiber. Die damalige Leiterin der Übungsfirma rief den Kunden selbst an und entschuldigte sich. Der Kunde lachte und sagte: „Behalten Sie die Kartons, ich komme ab jetzt jedes Jahr wieder.“
| Merkmal | Stelle im Text | Was es für das Lesen bedeutet |
|---|---|---|
| eine einzige Begebenheit | der erste Auftrag | kein vollständiger Bericht über die Firmengeschichte |
| bemerkenswerte Situation | hundert Kartons statt hundert Stück | Die Szene soll im Gedächtnis bleiben. |
| Pointe am Schluss | „ich komme ab jetzt jedes Jahr wieder“ | Die Geschichte zielt auf Sympathie für die Firma. |
Wer diesen Text zum Beispiel für eine Präsentation verwenden will, gibt ihn deshalb als Geschichte aus der Firmenzeitschrift wieder und nicht als belegte Tatsache.
Typische Fehler – und wie du sie vermeidest
| Falsch | Richtig | Warum |
|---|---|---|
| Ein Text über Liebe ist Lyrik. | Die Form entscheidet über die Gattung. | Jedes Thema kann erzählt, gedichtet oder gespielt werden. |
| Die Anekdote endet offen. | Die Anekdote endet mit einer Pointe. | Offen endet die Kurzgeschichte. |
| Ein Sketch ist eine kurze Komödie. | Der Sketch zeigt eine Situation, die Komödie eine längere Handlung. | Umfang und Aufbau unterscheiden sich. |
| Ein Song ist keine Literatur, weil er gesungen wird. | Ein Song gehört mit Versen und Strophen zur Lyrik. | Musik ändert nichts an der Gattung. |
| Die Anekdote ist ein genauer Bericht. | Die Anekdote ist eine pointierte Geschichte. | Ob sie genau stimmt, lässt sich meist nicht prüfen. |
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